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10.05.2013 | Wasserwirtschaft | Im Fokus | Onlineartikel

Wasserknappheit als Herausforderung im Mittelmeerraum

Autor:
Matthias Schwincke

Im Rahmen der WASSER BERLIN INTERNATIONAL 2013 präsentierte sich die arabische Region zum ersten Mal auf einer europäischen Wasserfachmesse, wobei der Arabische Wasserverband ACWUA zugleich als offizieller Messepartner fungierte. Aufgrund seiner klimatischen und geographischen Rahmenbedingungen ist der südliche und östliche Mittelmeerraum allerdings nicht nur interessant für den Einsatz innovativer Technologien zur Wasserver- und Abwasserentsorgung. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und eines dynamischen Bevölkerungswachstums ist die Region längst auch ein Brennpunkt im Kampf gegen Wasserarmut.

Wassermangel ist keineswegs nur eine Herausforderung in entlegenen Wüstenregionen. Sechzig Prozent von den nach der UN-Definition unter Wasserarmut leidenden Menschen konzentrieren sich bereits heute im Mittelmeerraum. Zwanzig Millionen Einwohner der Region haben derzeit schon keinen geregelten Trinkwasserzugang. Nach Schätzungen der UN-Organisation Plan Bleu könnte die Zahl der wasserarmen mediterranen Bevölkerung, also Menschen, denen pro Jahr weniger als 1000 m³ Wasser zur Verfügung steht, bis zum Jahr 2025 sogar auf 250 Millionen ansteigen.

Ungleiche Verteilung der regionalen Wasserverfügbarkeit

Abgesehen von einer generellen Wasserknappheit aufgrund der klimatischen Verhältnisse ist auch die regionale Verfügbarkeit von Wasser rund um das Mittelmeer sehr ungleich verteilt: Nach der aktuellen AQUASTAT database der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) entfielen im Jahr 2009 rund 67 Prozent der erneuerbaren Frischwasserressourcen auf die Türkei, Frankreich, Italien und Spanien. Die südlichen und östlichen Anrainerstaaten (SEMCs) verfügten hingegen nur über etwas mehr als ein Viertel der regionalen Wasserressourcen (27 Prozent). Nimmt man die Türkei aus der Gesamtrechnung heraus, so kamen die SEMCs sogar nur auf einen Anteil von sechs Prozent an den mediterranen Wasservorkommen. Gleichzeitig lebt in diesen Staaten rund 40 Prozent der mediterranen Gesamtbevölkerung mit derzeit rund 500 Millionen Einwohnern. Und auch an dem bis 2050 erwarteten Bevölkerungsanstieg auf mehr als 625 Millionen werden die SEMCs einen entscheidenden Anteil haben (vgl. United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division 2011.

Klimawandel und Bevölkerungswachstum verschärfen die Wasserknappheit

Wie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Klimaveränderungen (WBGU) im Buch "Welt im Wandel" im Kapitel "Brennpunkte des Klimawandels" aufzeigt, ist der Wasserhaushalt des Mittelmeerraums nicht nur durch ein dynamisches Bevölkerungswachstum, sondern auch durch die globalen klimatischen Veränderungen sehr stark bedroht. Nach Modellrechnungen unter Verwendung des A1B-Szenarios des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) werden die Temperaturen in der Region bis Ende des Jahrhunderts gegenüber der Periode 1980–1999 um 2,2–5,1 °C ansteigen, was geringfügig über der durchschnittlichen globalen Erwärmung liegen dürfte. Modellrechnungen ergeben die höchste Erwärmung im Sommer. Die größten Niederschlagsrückgänge werden ebenfalls im Sommer erwartet, wobei die mittlere jährliche Niederschlagsrate in Nordafrika um durchschnittlich 20 % abnehmen dürfte. Durch die zukünftig höheren Temperaturen wird die Verdunstungsrate des im Boden vorhandenen Wassers steigen und die bereits heute in vielen Ländern Südeuropas und Nordafrikas beobachtete sommerliche Wasserknappheit weiter verschärfen.

Diese Entwicklung wird vor allem auf die landwirtschaftlichen Erträge und damit auf die bereits heute in vielen südlichen und östlichen Mittelmeerstaaten angespannte Lebensmittelversorgung große Auswirkungen haben. Denn wie Henri-Luc Thibault im Buchkapitel "Facing Water Crises and Shortages in the Mediterranean" aufzeigt, ist die Landwirtschaft mit einem Jahresverbrauch von 180 km3 pro Jahr bzw. einem relativen Anteil am Gesamtbedarf von 64 Prozent mit Abstand der größte mediterrane Wasserverbraucher. In den südlichen und östlichen Anrainerländern werden sogar 82 Prozent der jährlichen Wasservorkommen für die Bewässerung von Agrarflächen verwendet. An dieser Konstellation wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern, denn nach FAO-Schätzungen werden die bewässerten Landwirtschaftsflächen bis zum Jahr 2030 in den südlichen Anrainerstaaten noch um weitere 38 Prozent und in den östlichen Mittelmeerländern sogar um weitere 58 Prozent anwachsen.

Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wasserwirtschaft

Um eine kritische Zuspitzung des Wasserproblems und der damit verbundenen sozio-ökonomischen Konflikte zu entschärfen, plädiert Thibault für eine Abkehr von der bislang ausschließlich angebotsorientierten Wasserpolitik und Wasserwirtschaft. Denn diese lediglich auf große Staudämme, die weitere Erschließung fossiler, nicht-erneuerbarer Wasserreserven, kostspielige Meerwasserentsalzung und die äußerst bedenkliche Verwendung von Abwässern zu Bewässerungszwecken setzende Strategie stoße heute bereits an physische, sozio-ökonomische und ökologische Grenzen. Zu den Hauptbestandteilen in dem von Plan Blue entwickelten Alternativ-Szenario gehört daher eine effiziente und ökonomische Wassernutzung durch ein auf technischen, ökonomischen, regulatorischen und sozialen Elementen beruhendes Bedarfs-Management. Daneben setzt das Szenario auf eine Steigerung der nutzbaren Wasserpotenziale durch einen verbesserten Wasser- und Bodenschutz sowie einen stärkeren Rückgriff auf die künstliche Aufstockung von Grundwasserständen in Staaten mit ausgedehnten Trockengebieten. Vor allem durch ein verbessertes Wasser-Bedarfs-Management könnten so nach Plan-Bleu-Berechnungen bis 2025 bis zu 25 Prozent des Wasserbedarfs reduziert werden. Mit fast 65 Prozent besitzt die Bewässerungswirtschaft dabei mit Abstand das größte Sparpotenzial.

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