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29.09.2021 | Werkstoffrecycling | Interview | Onlineartikel

"Wir arbeiten daran, Erdöl zu ersetzen"

Autor:
Dieter Beste
6:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Mercedes Alonso

ist Executive Vice President Renewable Polymers and Chemicals und Mitglied im Executive Board von Neste.

Neste will 2030 pro Jahr mehr als eine Millionen Tonnen Plastikabfälle chemisch recyclen. Die Deutschlandchefin Mercedes Alonso erläutert im Interview den Weg des Konzerns in die Kreislaufwirtschaft.

Springer Professional: Auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft sind im Bereich der Kunststoffe erneuerbare Materialien noch Mangelware. Wo ist der Haken? 

Mercedes Alonso: Ausgangsmaterial für Kunststoffe sind in der Regel Kohlenwasserstoffe, die aus Erdöl gewonnen werden. Die Gewinnung aus fossilem Erdöl bringt allerdings negative Effekte für das Klima mit sich. Deswegen brauchen und arbeiten wir an Alternativen, um Erdöl zu ersetzen: durch erneuerbare oder durch recycelte Rohstoffe. Im Grunde ist der Haken dabei, dass nicht alle Alternativen kompatibel mit den bestehenden Anlagen der Kunststoffhersteller sind. Das ist aber eine wichtige Voraussetzung, um in größerem Stil erneuerbare Materialien einsetzen zu können. Deswegen favorisieren wir sogenannte Drop In-Lösungen, die sich in bestehenden Anlagen nutzen lassen. Prinzipiell bieten sich im Bereich der erneuerbaren Stoffe etwa alte Speiseöle und -fette oder Reststoffe aus der Produktion von Pflanzenölen an. Ganz plastisch zum Beispiel altes Frittenfett. Wir forschen aber u.a. auch an Algen als möglichen Rohstoff. Die Öle und Fette können wir bei Neste mit unserer hauseigenen NexBtL-Technologie (Next-Generation Biomass to-Liquid) zu erneuerbaren Kohlenwasserstoffen weiterverarbeiten, indem wir mit Hilfe von Wasserstoff den enthaltenen Sauerstoff entfernen. Übrig bleiben dann reine Kohlenwasserstoffe. 

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Kunststoffe

Unter der Bezeichnung Kunststoffe versteht man im Allgemeinen halb- oder vollsynthetisch hergestellte makromolekulare Werkstoffe.

Gibt es qualitative Unterschiede zu fossilen Kohlenwasserstoffen? 

Es würde Ihnen sehr schwerfallen, überhaupt einen Unterschied zu finden. Sie können die Kohlenwasserstoffe auf Basis erneuerbarer und recycelter Rohstoffe, die wir unter der Marke Neste RE anbieten, daher genauso einsetzen wie jene auf fossiler Basis. Es braucht keine Veränderungen in den Anlagen, und die Endprodukte verfügen über die gleichen Eigenschaften und sind von gleicher Qualität. Neste produziert beispielsweise auch erneuerbaren Diesel über die NexBtL-Technologie. Den können Sie ebenfalls genauso tanken wie normalen Diesel – genau genommen verbrennt er sogar sauberer als fossiler Diesel, weil er etwa keine Aromaten enthält. Zudem lässt sich auch nachhaltiger Treibstoff für Flugzeuge über NexBtL herstellen. 

Welche Rolle spielt das Recycling? Welche Kunststoffe lassen sich gut recyceln? 

Das Thema Recycling ist von großer Bedeutung, wenn wir über die Themen Klima und Kreislauf sprechen. Neben Abfällen und Reststoffen als erneuerbare Materialien setzen wir daher auch auf die Entwicklung des chemischen Recyclings. Grundsätzlich eignen sich Kunststoffe gut für das Recycling. Nehmen Sie etwa Flaschen aus Polyethylenterephthalat (PET). Die Recyclingquote liegt hier bei über 90 Prozent. Das heißt, es braucht kaum neue Rohstoffe, sie können die Materialien immer wieder im Kreis führen. Genau das ist unser Ziel auch für andere Produkte und Kunststoffe: eine Kreislaufwirtschaft. Das Problem dabei ist allerdings, dass das konventionelle mechanische Recycling nicht bei allen Kunststoffen leichtfällt. In der Summe liegt die Recyclingquote in Europa weit unter den 90 Prozent der sorgfältig sortierten und leicht wiederverwertbaren PET-Flaschen. Gerade einmal ein Drittel der Plastikabfälle werden fürs Recycling gesammelt und etwa zehn Prozent werden wirklich wiederverwertet. Mit chemischem Recycling wollen wir diese Quote steigern und so etwa auch auf die ambitionierten Recyclingquoten der EU einzahlen. 

Was sind die Herausforderungen? Ist Sortenreinheit das Problem? 

In der Tat. Recycling von Kunststoff findet heute im großen Maßstab durch mechanisches Recycling statt. Das funktioniert sehr gut, wenn Sie sehr sortenreine Produkte haben. Sobald es komplexer wird, wird es schwierig: farbige oder mehrlagige Kunststoff etwa, oder gemischte Materialien. Hier stößt das mechanische Recycling an Grenzen. Genau da ergibt sich die Notwendigkeit und der Spielraum für das chemische Recycling, dessen Entwicklung wir vorantreiben... 

… also die Zerlegung von Kunststoffen in ihre Ausgangsstoffe...

… so kann man das beschreiben, ja. Die Plastikabfälle werden dabei zunächst verflüssigt und es entsteht eine dem Erdöl ganz ähnliche Substanz. Diese lässt sich nach einer Vorbehandlung in unseren Erdölraffinerien beimischen und ersetzt dort dann zum Teil fossiles Erdöl. So lassen sich aus Plastikabfällen letztlich wieder hochwertige Kohlenwasserstoffe für neue und hochwertige Kunststoffe oder Chemikalien erzeugen. Dabei ergeben sich zwei Vorteile: Wir ersetzen fossile Rohstoffe und senken so die entsprechenden Treibhausgasemissionen. Und wir sorgen dafür, dass Plastikmüll nicht länger nur Müll ist, sondern ein werthaltiger Rohstoff. Das ist ein wichtiger Faktor, um die Umweltverschmutzung durch Plastikabfälle zu reduzieren. 

Wird das chemische Recycling das mechanische Recycling ablösen?

Nein, es wird das mechanische Recycling nicht ablösen, sondern ergänzen. Es gibt Bereiche, in denen das mechanische Recycling sich sehr gut anwenden lässt. Aber es gibt eben auch technische Grenzen: Beim mechanischen Recycling geht immer etwas Qualität verloren. Je höher die Anforderungen an die Kunststoffe, desto eher kann es Sinn machen, auf chemisches Recycling zu setzen – etwa dort, wo die Hygieneanforderungen hoch sind, z.B. bei Lebensmitteln, im medizinischen Bereich oder bei Spielzeug, um nur einige Beispiele zu nennen. Insofern werden beide Technologien ihre Berechtigung haben. Deswegen sollten wir auch auf beide setzen, wenn es darum geht, unsere Recyclingquoten zu erhöhen. 

Wann wird chemisches Recycling großtechnisch einsetzbar sein?

Wir sind zuversichtlich, dass chemisches Recycling in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Deswegen haben wir uns auch ein klares Ziel gesetzt: 2030 wollen wir pro Jahr mehr als eine Millionen Tonnen Plastikabfälle verarbeiten. Ein erster großindustrieller Testlauf ist uns bereits erfolgreich gelungen, in dem wir Ende 2020 aus Plastikabfällen hochwertige Rohstoffe für Kunststoffe herstellen konnten. 

Gibt es Analysen zur CO2-Bilanz von erneuerbaren bzw. recycelten Kunststoffen? 

Eine der ersten Studien zum Umwelteinfluss stammt aus dem Jahr 2019 und wurde an der Universität Utrecht durchgeführt. Hier wurden die Effekte betrachtet, wenn ein Plastikbecher auf Basis unserer erneuerbaren Kohlenwasserstoffe hergestellt wird. Die Ergebnisse waren positiv: Die Treibhausgasemissionen konnten um bis zu 62 Prozent gesenkt werden, der Bedarf an fossilen Rohstoffen um bis zu 86 Prozent. Das sind bereits vielversprechende Ergebnisse, aber es wird noch weitere Studien brauchen, um konkrete Ergebnisse für verschiedene Anwendungen zu erhalten. Wir arbeiten derzeit an einer eigenen Studie zum Einsatz von Neste RE bei der Herstellung von Polypropylen (PP). Die Ergebnisse werden wir in Kürze vorstellen können. Zudem existieren unabhängig geprüfte Studien zum chemischen Recycling von gemischten Plastikabfällen, die eine Senkung der CO2-Emissionen von etwa 50 Prozent gegenüber dem Verbrennen der Abfälle belegen. 

Ist das Ziel vollständige Klimaneutralität erreichbar?

Es wird Technologien geben, mit denen wir zukünftig Emissionen vollständig vermeiden werden. Ein Beispiel ist etwa das Thema Power-to-X. Wir gehen davon aus, dass wir damit durch den Einsatz von grünem Wasserstoff und die Umwandlung von CO2 Kraftstoffe, Chemikalien oder Rohstoffe herstellen können. Auch Neste arbeitet an diesen Technologien, allerdings werden diese uns erst in Zukunft zur Verfügung stehen. Wir sollten daher auch auf die Lösungen zurückgreifen, die wir schon haben. Erst kürzlich hat der Weltklimarat nochmal sehr deutlich gemacht, dass uns die Zeit davonläuft. Es wäre daher ein Fehler, verfügbare Lösungen, die unseren CO2-Fußabdruck bereits heute deutlich verbessern können, nicht zu nutzen, weil sie vielleicht nur 70, 80 oder 90 Prozent erreichen und keine 100. Ich glaube, dieses Abwarten können wir uns einfach nicht leisten. Wir müssen tun, was wir können - sonst läuft uns die Zeit davon.
 

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Quelle:
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