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Über dieses Buch

Der Wohlfahrtstaat kann die Arbeitsmarktinklusion von Menschen mit Behinderungen fördern, aber die Entscheidung über die Beschäftigung liegt bei der Wirtschaft. Diese Studie untersucht die Koordination von Arbeitgebern und Invalidenversicherung in der Schweiz und fragt, wie die Wertbestimmung von Arbeitskraft in politischen und betrieblichen Arenen verhandelt wird. Sie rekonstruiert historisch und ethnografisch die Strukturen und widersprüchlichen Rechtfertigungen der beruflichen Eingliederung, die im Konzept der begrenzten freiwilligen sozialen Verantwortung von Arbeitgebern zum Ausdruck kommen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Zusammenfassung
„Wie soll man aus einem Hilfeabhängigen einen Selbstversorger machen?“, fragt Robert Castel in seiner Geschichte der Lohnarbeit. Für dieses „Sphinxrätsel der Fürsorge“ gibt es nach ihm keine Lösung, „da die ‚richtige Antwort‘ nicht eine Sache der Fürsorge ist, sondern eine der Arbeit“ (Castel 2000, S. 63). Dieses fundamentale Problem arbeitet Castel historisch an der Figur des arbeitsfähigen Bettlers heraus, der einerseits mittellos, also hilfsbedürftig ist, anderseits grundsätzlich in der Lage wäre, seinen Lebensunterhalt mittels eigener Arbeit zu bestreiten.
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Das Konzept der „Freiwilligkeit“

Frontmatter

Kapitel 2. Berufliche Eingliederung auf der Grundlage individueller Solidarität (1945–1959)

Zusammenfassung
Wilhelm Schweingruber (1897–1973) galt in der Schweiz als „Pionier“ im Bereich der Berufsberatung Behinderter. Er propagierte ein liberales Modell der beruflichen Eingliederung und stellte die Eigenverantwortung in den Vordergrund. Über die „Freiwilligkeit“ schrieb er zu Beginn der 1950er Jahre: „Ihr besonderer Wert liegt vor allem darin, dass sie unsere – ach so stark beschnittene Schweizerfreiheit nicht noch mehr einschränkt.
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Kapitel 3. Behinderte als gefragte Arbeitskräfte (1961–1973)

Zusammenfassung
In einer wirtschaftlichen Phase der anhaltenden Hochkonjunktur herrschte in der Schweiz ein massiver Mangel an Arbeitskräften. Es lag Vollbeschäftigung vor. Die Arbeitslosenquote verharrte zwischen 1961 und 1974 unverändert bei 0.0 Prozent (Tabin und Togni 2013, S. 219f.).
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Kapitel 4. Die Arbeitgeber und die IV in der Kritik (1974–1991)

Zusammenfassung
Die Wirtschaftskrise Mitte der 1970er Jahre traf die Schweiz besonders schwer. In der Rezession verschwanden ungefähr 340‘000 Arbeitsplätze (Tanner 2015, S. 419f.). Dies bedeutete, dass zehn Prozent aller Stellen abgebaut wurden (Degen 2012, S. 910). Das ‚Arbeitskräftereservoir‘ war stark von diesem Rückgang betroffen.
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Kapitel 5. Die Krise und Umstrukturierung der IV (1992–2008)

Zusammenfassung
Die 1990er Jahre waren für die berufliche Eingliederung Behinderter ein problematisches Jahrzehnt. Das Wirtschaftssystem und der Arbeitsmarkt durchliefen in der Schweiz einen tiefgreifenden Wandel. Zudem wurde die Schweizer Wirtschaft in jener Dekade von einer Krise erfasst, die ihr die höchsten Arbeitslosenzahlen der Nachkriegszeit bescherte.
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Soziale Verantwortung in den Grenzen ökonomischer Realität

Frontmatter

Kapitel 6. Die Beschäftigung von Behinderten als Kompromissbildung

Zusammenfassung
Im sechsten Jahrzehnt nach der Einrichtung der Invalidenversicherung (IV) und nach mehreren einschneidenden Reformen ist die Versicherung mehr denn je auf die „Verwertung von Restarbeitsfähigkeit“ ihrer Klientel fokussiert. Sie hat aber immer noch keine gesetzliche Handhabe, um Unternehmen zur Beschäftigung von Behinderten zu verpflichten, sondern ist auf deren freiwillige Bereitschaft zur Kooperation bei der beruflichen Eingliederung angewiesen. Die historische Kontinuität der gesetzlichen Regulierung korrespondiert mit der Kontinuität des „moralischen Vokabulars“ (Lowe 2010) im öffentlichen Diskurs zur Rolle der Arbeitgeber: das in Teil I dargelegte Konzept der Freiwilligkeit des unternehmerischen Engagements für Behinderte wird weiterhin nicht ernsthaft infrage gestellt und zaghafte politische Vorstöße zur Einführung gesetzlicher Verpflichtungen für Unternehmen versanden jeweils schnell.
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Kapitel 7. Sozialstaatliche Wertbestimmungen

Zusammenfassung
In diesem Kapitel analysieren wir, wie die Invalidenversicherung auf die Bewertung gesundheitlich eingeschränkter Arbeitskräfte Einfluss zu nehmen versucht und an welchen Konventionen die Akteure sich dabei orientieren. Im sozialstaatlichen Kontext sind zwei Situationen der Wertzuschreibung zu unterscheiden: Zum einen bemüht sich die IV, auf die generelle öffentliche Wahrnehmung von Behinderten als Arbeitskräfte Einfluss zu nehmen (7.1). Sie greift zu diesem Zweck auf Strategien zurück, die dem professionellen Marketing entlehnt sind: Kampagnen, Best-Practice-Beispiele, öffentliche Auszeichnungen und Informationsanlässe. Zum anderen erfolgen Wertzuschreibungen in Bezug auf konkrete gesundheitlich eingeschränkte Personen in Situationen der Eingliederungsarbeit durch das IV-Personal (7.2).
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Kapitel 8. Betriebliche Wertbestimmungen der behinderten Arbeitskraft

Zusammenfassung
Für die in Kapitel 7 geschilderte Tätigkeit der Berater und Arbeitsvermittlerinnen der IV stellt die berufliche Eingliederung gewissermaßen die raison d’être dar: sie ist Organisationszweck, zentraler Auftrag und tägliche Routine. Für die Unternehmen ist die Beschäftigung von gesundheitlich beeinträchtigten Personen hingegen meist nur ein marginales Vorkommnis. Vor allem Kleinbetriebe mit weniger als 50 Beschäftigten sind selten mit dieser Thematik konfrontiert: rund 90 Prozent haben keine Erfahrung mit behinderten Mitarbeitenden (Baumgartner et al. 2004, S. 57; Burke et al. 2013, S.26; vgl. Kap. 6.4).
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Kapitel 9. Soziale Verantwortung und die (Nicht-)Verwertung behinderter Arbeitskraft

Zusammenfassung
In der behinderungspolitischen Diskussion gilt die Passung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsplatz als entscheidender Faktor dafür, ob Betriebe bereit sind, Behinderte zu beschäftigen. Empirische Untersuchungen zu den Einstellungen von Arbeitgebern fragen etwa danach, in welche Branchen oder Tätigkeiten Arbeitsplätze existieren, die für Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen „geeignet“ sind bzw. für geeignet gehalten werden (u. a. Baumgartner et al. 2004, S. 91–96; Fraser et al. 2010; Shaw et al. 2014). Die Fragen und Befunde dieser Studien sind tendenziell eher pauschal und sagen wenig darüber aus, in welcher Hinsicht eine Passung bejaht oder verneint wird.
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

Kapitel 10. Konventionen der Beschäftigung von Behinderten – Schlussbetrachtungen

Zusammenfassung
Dass die Integration in den Arbeitsmarkt auch für Menschen mit Behinderungen von zentraler Bedeutung ist, kann als gesellschaftlicher Konsens gelten, der nur von einer kritischen Minderheit in den Disability Studies infrage gestellt wird. Diese Stimmen halten der Verabsolutierung von Erwerbsarbeit als Voraussetzung für soziale Inklusion dezidiert ein Recht, nicht arbeiten zu müssen, entgegen. Sie argumentieren, dass es auch bei Beseitigung aller Barrieren immer Menschen geben werde, die nicht in der Lage sind, den Ansprüchen des Arbeitsmarkts zu genügen und die deshalb in dem Maße abgewertet werden wie Erwerbsarbeit überhöht wird (Abberley 2002; Grover und Piggott 2015; Roulstone 2015).
Eva Nadai, Alan Canonica, Anna Gonon, Fabienne Rotzetter, Martin Lengwiler

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