Skip to main content

05.06.2024 | Wertpapiergeschäft | Interview | Online-Artikel

"Ambitionen der US-Börsenaufsicht sind der richtige Weg"

verfasst von: Angelika Breinich-Schilly

5:30 Min. Lesedauer

Aktivieren Sie unsere intelligente Suche, um passende Fachinhalte oder Patente zu finden.

search-config
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN
loading …

Der neue T+1-Standard in den USA, Kanada, Mexiko und Argentinien reduziert die Nachhandelszeit auf einen Tag. Welche Herausforderungen, aber auch Chancen solche Verkürzungen bringen, erläutert Wertpapierexperte Raik Hering.

Springerprofessional.de: Die Umstellung des Abwicklungszyklus für Wertpapiergeschäfte von T+2 auf T+1 im nordamerikanischen Markt hat am 28. Mai 2024 stattgefunden. Können Sie kurz die wesentlichen Veränderungen und Ziele erläutern?

Raik Hering: Während der Kunde die Veränderungen in seinem Depot unmittelbar nach Kauf oder Verkauf seiner Stücke sieht, dauert die Abwicklung im Hintergrund, das sogenannte Settlement, wesentlich länger ebenso wie die Geldbuchung für den Kunden. Gemäß T+2 ist die Transaktion erst zwei Tage später vollzogen und damit das Geld oder die Stücke rechtskräftig verfügbar. Mit dem neuen T+1-Standard in den USA, Kanada, Mexiko und Argentinien verkürzt sich diese Nachhandelszeit um die Hälfte auf nur noch einen Tag. 

Was bedeutet das konkret?

Alle Prozesse und Tätigkeiten beim Handel sowie im Front, Middle und Back Office müssen künftig in einem deutlich verkürzten Zeitfenster durchgeführt werden. Das erhöht vor allem die Komplexität des globalen Handels durch die nun unterschiedlichen Abwicklungszyklen in den Märkten. So könnte beispielsweise ein gleichzeitiger Kauf in einem T+2-Markt und Verkauf in einem T+1-Markt zu Lieferschwierigkeiten führen. Wenn Transaktionen in US-Dollar abgewickelt werden, muss auch die Devisenbeschaffung beschleunigt werden. Der Devisenkassamarkt funktioniert weiterhin im zweitägigen Rhythmus. Das bedeutet für die Banken unter Umständen höhere Kosten und eine Vorfinanzierung.  

Wo liegen denn mögliche Vorteile?

Trotz aller Herausforderungen sind die Ambitionen der US-Börsenaufsicht SEC und der nordamerikanischen Zentralverwahrer (DTCC und CDS) im Sinne eines technologischen Fortschritts der richtige Weg. Es fördert die Automatisierung von Abwicklungs- und Geschäftsprozessen in der ganzen Branche und damit die Effizienz und Liquidität, wenn Stücke wie Gelder schneller verfügbar sind. Nicht zuletzt reduziert ein schnellerer Prozess das generelle Abwicklungsrisiko. Die Akteure sind weniger Markt- und Kontrahentenausfällen ausgesetzt wie einst 1974 im Fall Herstatt. 

Wie und wo betrifft diese Umstellung Banken und andere Finanzdienstleister in Europa und Deutschland im Übersee-Handel?

USA, Kanada, Mexiko und Argentinien sind nicht die ersten Märkte, die das Settlement verkürzt haben. In asiatischen Märkten wie Indien gilt T+1 bereits seit 2022. Aber die USA sind mit Blick auf Transaktions- und Verwahrvolumen der wichtigste Auslandsmarkt für europäische Akteure. Deshalb ist die jetzige Entwicklung deutlich folgenschwerer. Grundsätzlich betrifft es alle Marktakteure vom privaten Anleger bis hin zur Kapitalanlagegesellschaft. Wenn die Transaktion an einer deutschen Börse durchgeführt wird, ändert sich für Anleger zunächst nichts, auch wenn große ameri-kanische Werte wie Apple oder Amazon gehandelt werden.  

Beim Handel im Heimatmarkt der T+1-Länder stehen die Gelder aus Verkäufen schneller zur Verfügung, aber Käufe müssen auch schneller bezahlt werden, was die bereits erwähnten Herausforderungen im Devisen-Liquiditätsmanagement mit sich bringt. 

Können Sie das an einem Beispiel erläutern? 

Im globalen Handel kommen die unterschiedlichen Abwicklungszyklen insbesondere bei Durchhandelsgeschäften zum Tragen, also wenn ein Asset durch mehrere Kontrahenten am gleichen Tag gehandelt wird. Und auch in den Geld- und Stückedispositionen. Künftig müssen Wertpapiergeschäfte - seien es Aktien, Unternehmensanleihen oder Fondsanteile - bereits am Ende des Handelstags bestätigt und in die Abwicklung überführt werden. Das stellt tatsächlich weniger eine Herausforderung für das Settlement dar, als vielmehr für die vorgelagerten Prozesse im Front Office. Geschäftsprozesse müssen angepasst und stärker automatisiert werden. Verlagerungsprozesse können künftig nicht mehr erst über Nacht, sondern müssen spätestens mittags ausgeführt werden. Aufgrund der Zeitverschiebung und unterschiedlichen Handelszeiten an den Börsen führt dies zu einer effektiven Verkürzung der Abwicklungszeit von bis zu 80 Prozent. Mögliche Differenzen im Abwicklungszyklus können aber durch Wertpapierleihe oder Geldmarktgeschäfte ausgeglichen werden. 

Auch hiesige Aufsichtsbehörden diskutieren eine entsprechende Verkürzung des Abwicklungszyklus für den europäischen Kapitalmarkt. Was spricht aus Ihrer Sicht dafür?

Wenn Europa im globalen Wertpapiermarkt nicht als rückständig wahrgenommen werden möchte, ist die Einführung von T+1 der nächste logische Schritt. Wir schaffen damit langfristig einen widerstandsfähigeren, wettbewerbsfähigeren und effizienteren europäischen Wertpapiermarkt. Und technologisch ist es möglich: Die zentrale Abwicklungsplattform T2S ist bereits in der Lage, T+1 abzuwickeln. Nicht zuletzt reduzieren wir durch eine Harmonisierung die operationellen Risiken, denen Investoren und Finanzinstitute bei ungleichen Abwicklungszyklen ausgesetzt sind. Denn werden Wertpapiere nicht rechtzeitig zur Verfügung gestellt, kommt eine Erfüllung des Handelsgeschäfts nicht zustande. Das kann für Institute zu Einschränkungen und Strafzahlungen führen. Und wie bereits in der ersten Frage beschrieben, kann Kapital viel schneller und besser genutzt werden. 

Was sind die Nachteile?

Trotz aller Vorteile wäre eine Umstellung nicht ohne Konsequenzen: Zum einen sind die Umsetzungsaufwände nicht zu unterschätzen. Institute sollten Ressourcen für technologische Anpassungen wie auch personelle Aufstockungen einplanen. Das Risiko von Fehlgeschäften könnte steigen, da weniger Zeit für die Vorbereitung des Settlements bleibt. Wichtig wäre auch, dass Europa möglichst einheitlich umstellt, also inklusive der Nicht-EU-Staaten wie UK und der Schweiz, die sich in Arbeitskreisen ebenfalls bereits mit T+1 befassen. 

Wo sitzen die zentralen Stellschrauben, die dabei zu justieren wären, um die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen?

Anders als in den USA müssen in Europa rund 40 Staaten, 14 Währungen, verschiedene Steuergesetze, Zeitzonen, mehr als 30 Zentralverwahrer und Regulierungsbehörden sowie dutzende Börsen harmonisiert werden. Erfolgsentscheidend für einen reibungslosen Übergang ist daher, dass europäische wie nationale Regulierungsbehörden, Börsen und Finanzinstitute kooperieren, um verbindliche wie einheitliche Rahmenbedingungen und Regelungen mit möglichst wenig Ausnahmen zu gestalten. 

Es gilt alle Prozessschritte entlang der gesamten Wertschöpfungskette genau zu prüfen: Zu welchem Zeitpunkt müssen sie abgeschlossen sein, um die Voraussetzungen für ein T+1 Settlement zu schaffen? Das bedeutet zum Beispiel hinsichtlich T2S, dass die zeitlichen Abläufe neu definiert werden müssen. Einige europäische Börsen sind heute noch geöffnet, während in T2S bereits ein neuer Geschäftstag beginnt und damit schon T+1 gilt. Eine Abwicklung über Nacht ist dann nicht mehr möglich und Verlagerungsprozesse müssen bereits tagsüber angestoßen werden. Auch FX-Broker müssen sich auf den neuen T+1-Standard einstellen, um parallele Prozesse zu gewährleisten.

Wie können sich hiesige Institute auf einen reibungslosen Übergang technisch und prozessual vorbereiten?

Die USA haben ihre Umstellung in 18 Monaten bewerkstelligt. So zügig wird es in Europa mit seiner fragmentierten Marktinfrastruktur voraussichtlich nicht gehen. Institute sollten dennoch frühzeitig Interesse an dem Thema zeigen und die Veränderungen mitgestalten. Das Zauberwort lautet Automatisierung. Hier liegt das größte Potential im Gesamtablauf, den verkürzten Zyklus zu meistern. Das Fax oder der Händlerzettel gehört definitiv in den Keller.

print
DRUCKEN

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren