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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Im Bereich der quantitativ orientierten Sozialwissenschaften liegen vielfältige Erfahrungen mit Re- und Sekundäranalysen vor, beispielsweise mit großen, inzwischen auch von vielen Forscherinnen und Forschern genutzten komparativen Studien, sei es im Nationen- oder im Zeitvergleich (Allbus, Eurobarometer, Values Studien, European Social Survey etc). Insbesondere das Datenarchiv für Sozialwissenschaften der GESIS (vormals: Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung) in Köln unterstützt und fördert diese Tradition der sozialwissenschaftlichen und multidisziplinären Forschung seit mittlerweile 50 Jahren durch die Bereitstellung sekundärer Nutzungsmöglichkeiten von bereits erhobenem Datenmaterial. Für die Sekundärnutzung oft einzigartiger und reichhaltiger Daten qualitativer Studien fehlen hingegen weitgehend sowohl eine Forschungskultur, die Organisation eines nutzerorientierten Datenservices als auch die wissenschaftliche Befassung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wiederverwendung und Neubearbeitung von bereits erhobenen qualitativen Informationen. Diese Mängel überraschen angesichts des Bedeutungszuwachses qualitativer Methoden seit den 1970er Jahren, denn seitdem ist der Umfang der produzierten sozialwissenschaftlichen Daten gestiegen und die rasch voranschreitende Verbreitung der EDV in der Wissenschaft sowie die zunehmende Entwicklung qualitativer Analyseprogramme erleichtern zusammen mit geeigneten Service-Leistungen vielseitige Formen der Sekundärnutzung für potentielle Nutzer/innen in Forschung und Lehre.
Irena Medjedović, Andreas Witzel

1. Potenziale der Wiederverwendung qualitativer Forschungsdaten

Qualitative Daten stellen eine reichhaltige Quelle von Forschungsmaterial dar, die jedoch häufig unausgeschöpft bleibt. In einer Zeit, in der Forschungsgelder und –resourcen knapper werden, dürfte dieses Phänomen zunehmen, da Forschungsergebnisse in kürzerer Zeit und/oder mit geringerem Personaleinsatz generiert werden müssen. Gerade unter solchen eingeschränkten Bedingungen steigt die Bedeutung, Sekundäranalysen durchführen zu können, beispielsweise wenn es sich um seltene Ereignisse, schwer zugängliche Populationen oder Primärdaten aus einschlägigen – und immer noch selten durchgeführten – qualitativen Längsschnittstudien handelt. Auf vorhandene Daten zurückgreifen zu können, nimmt zudem Rücksicht auf Befragte, insbesondere wenn es sich um sensible Forschungsthemen und besonders vulnerable Populationen handelt, die so vor einer Überbefragung geschont werden (Fielding 2000; Szabo/Strang 1997). Neben diesen forschungsökonomischen und –ethischen Vorteilen birgt die erneute Nutzung empirischer Daten in vielerlei Hinsicht Potenzial für die Theorie- und Methodenentwicklung.
Irena Medjedović, Andreas Witzel

2. Ein empirisches Beispiel: Die Studie „Berufsfindung und Berufsberatung“

Dieses Kapitel dient einem differenzierteren Einblick in die Strategie der Sekundäranalyse auf der Grundlage eigener empirischer Erfahrungen. Im Mittelpunkt steht eine zunächst unveröffentlicht gebliebene qualitative Sekundäranalyse4 aus den 80er Jahren, die sich mit der Übergangsforschung von der Schule in den Beruf als Teil einer Biografie- oder besser Lebenslaufforschung befasst. Sie entstand in einer Zeit, in der selbst die qualitative Primärforschung in den Sozialwissenschaften noch in den Anfängen des Neubeginns verhaftet und eine Sekundäranalyse qualitativer Daten ganz und gar unbekannt war. Auch gab es zu diesem Zeitpunkt nur spärliche Literatur zur quantitativen Sekundäranalyse5, sodass sich eine doppelte Zielsetzung des Projekts ergab: Vor und während der Auseinandersetzung mit den eigentlichen thematischen Fragestellungen mussten überhaupt erst die methodologischen Voraussetzungen und konkreten Vorgehensweisen dieser innovativen Forschungsstrategie aufgrund fehlender theoretischer Grundlagen und empirischer Vorbilder erarbeitet und dokumentiert werden. Dieser Umstand bietet im Nachhinein den Vorteil eines exemplarischen Einblickes in die Forschungswerkstatt der Studie, der von uns genutzt wird, die damaligen methodischen Erfahrungen aus heutiger Sicht nachzuvollziehen und begrifflich zu erfassen. Für den Leser ergibt sich zudem die Möglichkeit, in Ergänzung zu den folgenden Ausführungen auf die frei zugängliche Internetveröffentlichung der Studie zurückgreifen zu können (Heinz/Wachtveitl/Witzel 1986 und 1987, im Folgenden zitiert als Teil 1 bzw. Teil 2), die nicht nur eine Darlegung der thematischen Fragestellung und ihrer Ergebnisse enthält, sondern weit über den üblichem Umfang einer Forschungsdokumentation hinausgehend einen Einblick in die methodischen Grundlagen und Erfahrungen vermittelt. Das vorliegende Kapitel bemüht sich, die Ausführungen aus heutiger Sicht neu zu systematisieren und z. T. mit aktuelleren Begriffen zu ergänzen, um so in die grundlegenden methodischen Überlegungen und das Design der Sekundäranalyse einzuführen, die zu den ausführlich dargestellten Befunden in Teil 2 geführt haben.
Irena Medjedović, Andreas Witzel

3. Besonderheiten und Bedingungen qualitativer Sekundäranalysen

Die Sekundäranalyse birgt ein hohes wissenschaftliches Potenzial für die qualitative Forschung. Doch ist die Etablierung einer Kultur der qualitativen Sekundäranalyse mit verschiedenen Herausforderungen verbunden, die es zu lösen gilt: Zum einen bringt diese Forschungsstrategie Besonderheiten methodologischer sowie datenschutzrechtlicher Art mit sich, die in der wissenschaftlichen Debatte auch häufig als Einwände und Probleme formuliert werden. Zum anderen, wie auch die Erfahrungen des GESIS-Datenarchiv für Sozialwissenschaften in Köln, des britischen ESDS Qualidata und weiterer internationaler Archive zeigen, ist die Archivierung eine wesentliche Voraussetzung für eine „Data sharing“-Kultur in der Wissenschaft.
Irena Medjedović, Andreas Witzel

4. Sekundärnutzung und Archivierung: Empirische Untersuchung der Situation in Deutschland

Die Akquisition und Bereitstellung quantitativer Forschungsdaten sowie deren kontinuierliche Aufbereitung und Dokumentation sind Kernaufgaben des Datenarchiv für Sozialwissenschaften der GESIS (vormals: Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung, ZA). Eine vergleichbare Institution, die qualitatives Datenmaterial systematisch sammelt, archiviert, dokumentiert und einer wissenschaftlichen Sekundärnutzung zuführt, gibt es in Deutschland derzeit nicht. Häufig lagern die Forscher ihre qualitativen Daten im Büro oder zu Hause, wo sie im Regelfall für andere nicht zugänglich sind und der dauerhafte Verbleib ungewiss ist. Vor diesem Hintergrund förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein Gemeinschaftsprojekt des Archiv für Lebenslaufforschung (ALLF) der Graduate School of Social Sciences der Universität Bremen und des Zentralarchivs für Empirische Sozialforschung (ZA) an der Universität zu Köln, das die Machbarkeit einer Serviceinfrastruktur für die Archivierung und Vermittlung qualitativer Interviewdaten für die wissenschaftliche Sekundärnutzung untersuchte.80
Irena Medjedović, Andreas Witzel

5. Konsequenzen aus den empirischen Befunden der Machbarkeitsstudie

Die Befunde der Machbarkeitsstudie belegen den Bedarf einer Versorgung mit Forschungsprimärdaten in Deutschland. Die Erwartungen zielen auf umfangreiche Service- und Beratungsleistungen zur Sicherung der Qualität und Nutzbarkeit der archivierten Daten, also ein professionelles Wissensmanagement. Die Notwendigkeit des Aufbaus eines Zentrums für qualitative Daten zur Förderung einer Data-Sharing-Kultur wird inzwischen auch in der human- und sozialwissenschaftlichen Scientific Community eigenständig formuliert (vgl. die Stellungnahmen von Fachgesellschaften: DGS 2009, NGfP 2009; sowie z.B. Lempert 2007 und Reichertz 2007).
Irena Medjedović, Andreas Witzel

6. Ausblick

Suchen Wissenschaftler/innen in Europa oder den USA qualitative Daten für eine Sekundärnutzung, findet sie Datenarchive wie das US Murray Research Archive, das Finnish Social Science Data Archive (FSD) oder den UK Economic and Social Data Service (ESDS)116 vor, die sowohl qualitative als auch quantitative Daten bieten. Bei den Bemühungen um einen schrittweisen Aufbau eines Servicezentrums für qualitative Daten kooperiert das Archiv für Lebenslaufforschung (ALLF) daher mit ESDS Qualidata in Großbritannien und mit dem Datenarchiv für Sozialwissenschaften der GESIS in Deutschland, das über 50 Jahre Erfahrungen mit der Archivierung und Weitergabe von überwiegend quantitativen Daten aufzuweisen hat. Die methodisch undogmatische Initiative zum Aufbau des Servicezentrum für qualitative Daten (QualiService) verkörpert damit auch das Bestreben, einen Beitrag dafür zu leisten, das insbesondere in der Spaltung der Methodensektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in eine qualitative und quantitative Sektion symbolhaft für die Sozial- und Geisteswissenschaften zum Ausdruck gekommene Methodenschisma zu überwinden.
Irena Medjedović, Andreas Witzel

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