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13.07.2021 | Wirtschaftsförderung | Im Fokus | Onlineartikel

Produktivitätsschub durch Corona-Krise?

Autor:
Annette Speck
4 Min. Lesedauer

Der mit der Corona-Krise einhergehende Digitalisierungs-Boom könnte die Produktivität in vielen Bereichen steigen lassen, prognostiziert eine Studie. Doch Wirtschaftswachstum gelingt nur, wenn die Nachfrage stimmt.

In vielen Teilen der Welt scheint sich die Wirtschaft trotz anhaltender Corona-Pandemie langsam zu erholen. Der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade & Invest zufolge verzeichnen unter anderem die USA, China, Norwegen, Irland, Australien und Neuseeland bereits wieder einen Aufwärtstrend (Stand April 2021). Für Deutschland ist laut dem Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd) in diesem Jahr mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) um drei Prozent zu rechnen.

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Digitalisierung ging 25 mal schneller als erwartet

Einen durchaus optimistischen Ausblick auf die Wirtschaftsentwicklung nach Corona gibt auch die Studie "Will productivity and growth return after the COVID-19 crisis?" des McKinsey Global Institute (MGI). Hierfür wurden die Aktivitäten von 5.500 Firmen in acht wichtigen Wirtschaftssektoren in den USA und den sechs größten europäischen Volkswirtschaften untersucht und eine Umfrage unter Führungskräften durchgeführt. Das Ergebnis: Die Corona-Pandemie könnte die Produktivität mittelfristig sogar steigern. Warum? Weil Unternehmen ihre Prozesse und Geschäftsmodelle bis zu 25 mal schneller digitalisiert und automatisiert haben als erwartet.

"Wenn Unternehmen in der Breite solche Digitalisierungs- und Automatisierungsprogramme ausweiten, die Agilität erhöhen, neue Geschäftsmodelle realisieren und eine robuste Nachfrage herrscht, wird sich das Produktivitätswachstum bis 2024 um jährlich etwa einen Prozentpunkt beschleunigen", beziffert Jan Mischke, Partner beim McKinsey Global Institute und Co-Autor der Studie, die Prognose. Das entspräche mehr als dem doppelten Produktivitätswachstum, das Deutschland seit der Finanzkrise hatte. Zudem könnte ein derartiges Produktivitätswachstum das BIP pro Kopf in Deutschland um 2.000 Euro zusätzlich zum erwarteten Trendwachstum erhöhen und so auch Reallöhne und Haushaltseinkommen stärken, meint Mischke.

Die Gesundheitsbranche zieht besonders an

Das größte Potenzial in punkto Produktivitätszuwachs attestiert die MGI-Studie weltweit der Gesundheitsbranche. Aber auch das Baugewerbe, die Informations- und Kommunikationstechnologie sowie der Einzelhandel gehören aufgrund ihrer starken Digitalisierungs- und Automatisierungsfortschritte in den letzten Monaten zu den Hoffnungsträgern. Die Studie traut diesen Sektoren sogar ein zusätzliches Produktivitätswachstum von bis zu zwei Prozent bis zum Jahr 2024 zu.

Allerdings deuten die Analysen auch darauf hin, dass vor allem "Superstar-Firmen" –  also solche, die schon vor der Krise führend waren und viel Geld in Forschung und Entwicklung investierten – im Rennen vorn liegen (werden). Denn sie sind auch in der Krise in der Lage, hohe Summen in Innovationen, Digitalisierung und die Entwicklung agiler Organisationsstrukturen zu stecken. So hat nur die Hälfte der in der Studie berücksichtigten Unternehmen ihre F&E-Ausgaben bislang erhöht. Insgesamt sind in vielen europäischen Ländern im dritten Quartal 2020 die Gesamtinvestitionen gegenüber der Vorkrisenzeit gesunken: In Deutschland um vier Prozent, Frankreich um fünf Prozent, in Spanien und Großbritannien sogar um elf Prozent. Gleichwohl erwarten 75 Prozent der befragten Unternehmen höhere Investitionen in neue Technologien bis 2024.

Produktivitätswachstum erfordert stabile Nachfrage

Die wesentliche Voraussetzung für ein breites, beschleunigtes Produktivitätswachstum ist der Studie zufolge eine robuste, langfristige Gesamtnachfrage. Hierbei sind zum einen die Unternehmen selbst gefragt.

Unternehmen können die Nachfrage stärken, indem sie Produktivitätssteigerungen in Form von höheren Löhnen an die Mitarbeiter oder in Form verbesserter Produkte und Dienstleistungen an die Kunden weitergeben sowie nötige Investitionen in Nachhaltigkeit und Mitarbeiterschulung vorziehen.“ Jan Mischke, McKinsey Global Institut

Zum anderen ist aber auch staatliche Unterstützung erforderlich. Deutschland habe zwar schon mehr als viele europäische Nachbarn in die Konjunkturbelebung investiert, dennoch werden folgende Maßnahmen weiterhin empfohlen:

  • Ein auf Innovationen ausgerichtetes öffentliches Beschaffungswesen
  • Direkte Investitionen in Forschung, Entwicklung und Infrastruktur
  • Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum
  • Ankurbelung privater Investitionen durch höhere CO2-Preise, Standards zur Nachhaltigkeit, angepasste Bauvorschriften, Bereitstellung von mehr Flächen für Wohnungsbau

Der Staat muss klotzen statt kleckern

Diese Maßnahmenliste passt ganz gut zum geplanten Infrastrukturpaket von US-Präsident Joe Biden. Gigantische 2,2 Billionen US-Dollar will er etwa in Brücken, Straßen und Energieversorgung investieren und gleichzeitig Arbeitsmarkt und Klimaschutz fördern. Hierzulande bekräftigen Marius Clemens, Marcel Fratzscher und Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in der Zeitschrift "Wirtschaftsdienst" ebenfalls die Notwendigkeit für "ein Investitionsprogramm zur Krisenbewältigung". Zwar seien in den letzten Jahren die öffentlichen Investitionsetats hochgefahren worden, doch der Bedarf sei durch die Krise nicht kleiner geworden, schreiben die Wirtschaftsexperten.

Aus ihrer Sicht spricht "vieles dafür, dass jetzt ein günstiger Zeitpunkt für ein umfassendes Modernisierungsprogramm ist, das die konjunkturelle Entwicklung stabilisiert, das Wachstumspotenzial steigert und den Wirtschaftsstandort für die kommenden Herausforderungen wettbewerbsfähig macht." (Seite 168) Dabei gehe es auch darum, private Investitionen zur langfristigen Transformation der Wirtschaft zu ermöglichen. Schließlich führten öffentliche Investitionen in Höhe von einem Euro zu einer zusätzlichen privaten Investitionstätigkeit von etwa 1,50 Euro und das BIP steige dabei in ähnlicher Größenordnung.

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