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02.08.2022 | Wirtschaftsförderung | Im Fokus | Online-Artikel

Deutsche Industrie soll stärker von New Space profitieren

verfasst von: Thomas Siebel

5:30 Min. Lesedauer
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Trotz guter Voraussetzungen hinkt die deutsche Raumfahrtindustrie global betrachtet hinterher. Der BDI fordert einen Systemwechsel nach US-Vorbild: Weniger Forschungsförderung, mehr staatliche New Space-Aufträge.

Die Zukunft der US-amerikanischen Raumfahrt begann mit einem Abschied: Im Jahr 2011 landete das Space Shuttle Discovery ein letztes Mal, bevor es fast 27 Jahren nach seinem Jungfernflug zum Museumsstück degradiert wurde. Was folgte, war und ist der größte Umbruch der Raumfahrtindustrie in ihrem 60-jährigen Bestehen. Die über Jahrzehnte in staatlichen Programmen finanzierte Raumfahrt sollte kosteneffizienter werden – mit der Privatwirtschaft als Motor.

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2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

The Evolving Role of Private Actors in Space Exploration

Space activities, and in particular space exploration and human spaceflight, have traditionally been driven by governments procuring space systems from a private industrial base usually through cost-plus contracts involving close scrutiny of operations by space agencies.

Private Unternehmen werden seither stärker an der Entwicklung von Raumfahrttechnologien beteiligt, dafür müssen sie jedoch auch einen Teil der Betriebsrisiken tragen, wie die Raumfahrtökonomie-Experin Clelia Iacomino in der Einleitung des Buchs Commercial Space Exploration erläutert. Mit einer Reihe von Programmen hat die Nasa dafür ihre Beschaffung umgestellt: Anstelle des Kaufs von Raumfahrzeugen schreibt die Raumfahrtorganisation nun Aufträge für den Transport von Fracht und Besatzungen aus. Dabei gibt die Nasa feste Leistungsparameter und Kostengrenzen vor und entfacht damit den Wettbewerb.

Kommerzielle überholt staatlich geförderte Raumfahrt

Aus diesem Paradigmenwechsel heraus entstand ein Ökosystem, das heute unter dem Begriff New Space oder Space 2.0 bekannt ist und das in einem Tempo technologisch voranschreitet und sich industrialisiert, wie man es gegenwärtig nur aus der Informatik oder der Künstlichen Intelligenz kennt. Die schillernden Akteure des New Space heißen SpaceX, Blue Origin oder Virgin Galactic, doch der Markt geht weit über diese Unternehmen hinaus. Insbesondere zahlreichen Start-ups ist es gelungen Fuß zu fassen, wie der US-amerikanische Autor Joseph N. Pelton im Kapitel The World of Space in Flux des Buchs Space 2.0 schreibt.

Viele von ihnen gründeten sich auf Basis von Crowdfinanzierungen, beispielsweise über Internetplattformen wie Kickstarter. Laut Pelton stehen heute mehrere seit der Jahrtausendwende per Risikokapital unterstütze Firmen kurz davor, Milliarden-Dollar-Unternehmen zu werden. Der Markt bietet offenbar gute Voraussetzungen: Pelton rechnet damit, dass sich die Marktgröße für Weltraumtechnologien innerhalb der nächsten Dekade mehr als verdoppeln wird. Dabei geht er davon aus, dass der Markt für kommerzielle Technologien stärker wachsen wird als der für staatlich geförderte Entwicklungen. Nach Angaben der US-amerikanischen Satellite Industry Association (SIA) entfielen im Jahr 2021 allein 72 % der weltweiten Ausgaben für Weltraumtechnik auf kommerzielle Anbieter von Satelliten – und 87 % dieser Satelliten stammten aus US-amerikanischer Produktion. Parallel zu dieser Entwicklung fielen die Kosten für Herstellung und Start, während der Funktionsumfang der Satelliten stieg.

Bundesregierung sieht New Space als Zukunftstechnologie

Verheißungsvoll ist der New Space-Markt jedoch nicht nur für Hersteller von Material, Komponenten oder Systemen für Weltraumtechnologien, das sogenannte Upstream-Segment, sondern insbesondere auch für die zahllosen Anwender von Satellitendaten in so unterschiedlichen Bereichen wie der Erd- und Klimabeobachtung, der Präzisionslandwirtschaft, der vernetzten Produktion, dem autonomen Fahren, der Versicherungswirtschaft, der Rohstoffindustrie oder der sicherheits- und Verteidigungstechnik.

Die genaue Größe des kommerziellen Raumfahrtmarkts ist statistisch schwer zu erfassen, da der Übergang zur nicht-raumfahrtbezogenen Wirtschaft fließend ist. Das wirtschaftliche Potenzial steht allerdings außer Frage. Auch im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung wird New Space als eine zentrale Zukunftstechnologie beschrieben. Noch unter der alten Bundesregierung startete die erste Phase des Mikrolauncher-Wettbewerbs. In dem Wettbewerb werden insgesamt 25 Millionen Euro an Start-up-Unternehmen ausgeschüttet, die Trägerraketen mit maximal 150 kg Gesamtmasse entwickeln und kommerziell betreiben wollen. Zu den Preisträger gehörten bislang unter anderem Isar Aerospace Technologies und die Rocket Factory Augsburg.

New Space-Ökosystem mit Potenzial für die Weltspitze

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) attestiert dem deutschen New Space-Ökosystem eine hohe Innovationsfähigkeit. Die Vielfalt an Start-ups, KMUs und etablierten Raumfahrtunternehmen sei europaweit einzigartig, auch weltweit könne man potenziell ganz vorne dabei sein. Allerdings schöpfe Deutschland sein Potenzial noch nicht aus. Stattdessen falle die hiesige Raumfahrtwirtschaft in einem Markt, der ein immenses Potenzial für datenbasierte Geschäftsmodelle, integrierte Wertschöpfungsketten und Innovationen weit über den Raumfahrtsektor hinaus biete, gegenüber den USA und China erheblich zurück – ob bei Raketenstarts, beim Aufbau von Satellitenkonstellationen oder in der astronautischen Raumfahrt.

In einem aktuellen Positionspapier fordert der BDI von der Bundesregierung deswegen einen förderpolitischen Systemwechsel nach US-amerikanischem Vorbild: weg vom starken Fokus auf die Forschung, hin zur Vergabe von Aufträgen. Aufträge seien die effizienteste und ordnungspolitisch beste Form der Unterstützung. Dabei könne der Staat auch als Ankerkunde auftreten, beispielsweise als Einkäufer von satellitenbasierten Diensten, mit denen sich die Einhaltung von Nachhaltigkeits- oder Klimaschutzzielen überwachen ließe.

BDI: Start-ups stärker fördern

Der BDI bemängelt, dass das Nationale Programm für Weltraum und Innovation durch die aktuelle Bundesregierung zwar gestärkt würde, die Gelder bislang allerdings weitestgehend in Großmissionen flössen, während New Space-Technologien praktisch nicht berücksichtigt würden. Das Budget sollte deswegen um 750 Millionen Euro pro Jahr erhöht werden, um damit auch die Entwicklung von Technologien auf Komponentenebene, für Kleinsatelliten oder für Downstream-Dienste zu fördern. Durch eine ausgewogenere Förderung von Groß- und Kleinmissionen sollten KMUs und insbesondere auch Start-ups bessere Chancen auf Fördermittel erhalten. Weiterhin solle die Bundesregierung ihre Förderinstrumente flexibler auf aktuelle Technologie- und Marktentwicklungen anpassen und Zuwendungsbescheide zügiger erteilen.

In zehn strategisch-operativen Handlungsempfehlungen schlägt der BDI der Bundesregierung unter anderem vor, das Thema Raumfahrt insgesamt politisch höher zu hängen, etwa durch die Einrichtung eines nationalen Weltraumrats, eines Ausschusses für Raumfahrt und Innovation im Bundestag und eines New Space-Referats im Bundesministerium für Umwelt und Klimaschutz. So könne die Raumfahrt noch stärker als bislang die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland verbessern, hochwertige Arbeitsplätze und gesellschaftlichen Wohlstand schaffen.

 „Wenn man bedenkt, was wir in den letzten hundert Jahren erreicht haben, ist das wirklich erstaunlich. [...] Es scheint, dass wir gerade erst begonnen haben, einen winzigen Bruchteil des menschlichen Potenzials zu nutzen [...]. New Space scheint ein riesiger Teil dieses menschlichen Potenzials zu sein.“

“If one considers where we have come in the past hundred years it is truly amazing. […] It seems that we have just begun to exploit a tiny fraction of human potential […]. Space 2.0 seems to be a giant part of that human potential.”

Joseph N. Pelton

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

Introduction

Quelle:
Commercial Space Exploration

2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

The World of Space in Flux

Quelle:
Space 2.0

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