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01.10.2020 | Wirtschaftspolitik | Kommentar | Onlineartikel

Warum der Kapitalismus nichts für Covid-19 kann

Autor:
Gerold Wolfarth
4 Min. Lesedauer

Linke wie konservative Medien schlagen derzeit auf den Kapitalismus ein. Nachdrücklich fordern sie eine Revision des kapitalistischen Systems. Dabei brauchen Gesellschaften in der Corona-Krise nichts dringender als Kapital, kommentiert Gerold Wolfarth.

Die Moral verteilt Milliarden, die ökonomische Vernunft weint. Als gäbe es kein Morgen mehr hauen Bundesregierung und die Staatengemeinschaft der EU das Geld mit vollen Händen und hochtourig laufenden Notenpressen raus. Sozusagen einen Milliardenschweren "Notgroschen" an die von der Corona-Pandemie besonders gebeutelten Mitglieder.

Wieder einmal zeigt sich: Schlüpft der Staat in die Rolle der Ökonomen, ist es am Ende die schlechtere der besseren Lösungen. Was Unternehmer in dieser krisengeschüttelten Zeit am wenigsten brauchen können, ist weder eine antikapitalistisch getriebene Debatte noch ein Hyperhumanismus der guten Taten, der jede wirtschaftliche Vernunft außer Acht lässt. 

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2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

Warum Kapitalismus?

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die weltweite Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise erklären lässt. Auf Marx geht die Auffassung zurück, dass die Entstehung und Ausbreitung dieser Organisationsform der Wirtschaft das Ergebnis staatlich unterstützter Gewaltanwendung im Interesse einer kleinen Gruppe der Kapitaleigentümer ist. 

Vielmehr brauchen wir jetzt Ökonomen, die den Staat mit seiner Gelderverschwendungssucht an die Kandarre nehmen und ihm ökonomische Vernunft eintrichtern. Immerhin sind es die Staatenlenker, die die Volkswirtschaften, wenn auch gut gemeint, in eine ihrer größten Krisen gestürzt und das kapitalistische System mit dem Shutdown praktisch außer Betrieb gesetzt haben.

Der Kapitalismus, das Bauernopfer der Politik

Daher brauchen wir eher eine Renaissance und Rehabilitation des Kapitalismus als einen Sozialismus, der irgendwelchen Marx’schen Träumereien nachhängt. Dieser ist in der Corona-Krise ebenso wenig finanzierbar wie die Milliardengeschenke der EU-Granden an die EU-Gemeinschaft.

Der verordnete Stillstand der Pandemie-Krisenmanager hat 170 Mitgliedsländer des Internationalen Währungsfonds in die Rezession gestürzt und einen neuen schwindelerregenden Schuldenberg produziert. Wer soll das in aller Welt bezahlen? Die junge Generation der Arbeitnehmer sicherlich nicht. Auch deren Kinder und Enkel werden diese Finanzlast kaum bewältigen können. Das global-kollektive Lösungsszenario, über dessen Effektivität und Sinnhaftigkeit man streiten kann, hat die Industrienationen in ihrer Grunddynamik, zu wirtschaften, zu produzieren und zu handeln, nicht nur aus dem Tritt gebracht. Es hat ihr Geschäftsmodell komplett aus den Angeln gehoben.

Implosion eines etablierten Wirtschaftssystems

Nicht mehr angeschlossen zu sein an ökonomische Organisationsstrukturen, Prozesse und Lieferströme gleicht einem Unterdrückungsmechanismus, der sich auf kurz oder lang als Implosion eines etablierten Wirtschaftssystems entladen muss. Neudeutsch nennt man das Disruption, das charmantere Wort für Kollaps. Was die derzeit aufgeheizte Diskussion über die Zukunft des Kapitalismus ad absurdum führt.

Wo der Staat wohlmeinend die Mechaniken des Marktes, Wirtschaftens, Erwirtschaftens und die Kaufkraft der Konsumenten reglementiert, kann die logische Folge eigentlich nur der mehr oder weniger große Bankrott des Systems sein, das bisher Wohlstand und Wachstum hervorgebracht hat.

Kritik am Kapitalismus gehört zu einer Gesellschaft, die sich für ihre Offenheit, Demokratie und Meinungsvielfalt rühmt. Allerdings sollte der Kapitalismus nicht zum Sündenbock für Ereignisse gemacht werden, zu denen er in keinem kausalen Verhältnis steht. Die Corona-Pandemie ist ein nicht-linerares Phänomen, für das es bisher weder medizinische, wissenschaftliche noch politische Standards zur Bewältigung gibt. Insofern mischt sich die Unwissenheit zu einem nicht unbeträchtlichen Teil in die Debatte von Virologen und Experten. Eine einheitliche, empririsch unterlegbare Meinung ist schwer einzuholen. Das Krisen- und Präventivmanagement schwankt zwischen Trial and Error.

Ein unternehmerischer Appell an die Politik

Was wir aber wissen ist, dass Stillstand, Eindämmung und Verlangsamung industrieller Prozesse einer in die Länge gezogenen Exekution der Wirtschaft gleichen. Und dass Krisen nicht zwangsläufig den Knockout für die ökonomische Vernunft bedeuten. Als Mentor und Investor, der in 20 Jahren Unternehmertum schon so manche Krise bewältigen durfte, erlaube ich mir, an die Regierungen nur appellieren, nicht nur auf medienpräsente Virologen zu hören, sondern auch auf den Rat von Mittelstand, Unternehmerverbänden und CEOs. 

Alles ist zu tun, was die Wirtschaft wieder hochfahren lässt und die EU-Mittel nach dem Solidarprinzip gerechter verteilt. Insbesondere der Mittelstand braucht die Solidarität der Finanzindustrie und der Politik, denn er ist einer der wichtigsten Produktivitätsfaktoren sowie der Innovations- und Konjunkturtreiber der deutschen Wirtschaft. Es kann nicht sein, dass börsennotierte Unternehmen wieder einmal die Profiteure der Krise sind. Gerade jetzt können Subventionen helfen, die Digitalisierung im Mittelstand voranzutreiben. Dafür aber bedarf es an Liquidität und Kapital. Effizientes Krisenmanagement aus Unternehmersicht heißt:

  • Barrierefreie Subventionierung von Klein- und mittelständischen Unternehmen in Form zinsgünstiger Unternehmenskredite und höherer zeitlich begrenzter Haftungsabdeckung,
  • Anhebung der KfW Förderungen im Rahmen des Go-Digital-Programms,
  • Bezugsmöglichkeiten von Corona-Tests für Unternehmen, um den Regelbetrieb sichern zu können,
  • Anhebung des Kurzarbeitergeldes um 20 Prozent,
  • Schnellere Abarbeitung der vorhandenen Anträge,
  • Eine Politik mit mehr Weitsicht und ein Ende des "Auf-Sicht-Fahrens“"
  • Vorlage und Kommunikation von Planszenarien für den Umgang mit der Corona-Krise mit einem Zeitfenster von sechs Monaten, einem und drei Jahren.

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

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