Alarmstufe Wirtschaft: Europas Manager zweifeln an Politik
- 03.02.2026
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Die Warnungen sind eindeutig: Europa verliert an Kraft, Unternehmen verlieren Vertrauen. Eine BCG-Studie zeigt, wie dramatisch die wirtschaftliche Lage ist und warum nationale Alleingänge keine Lösung bieten.
Das Titelbild des "European Competitiveness Barometer" zeigt Europas globale Verflechtungen.
The Boston Consulting Group
Lifestyle-Teilzeit, zu viele Fehltage, Abschaffung des Arbeitszeitgesetzes: Die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland scheint derzeit nur eine Richtung zu kennen - Arbeitnehmerrechte einzuschränken und soziale Leistungen herunterzufahren.
Dass auf diese Weise Unternehmen produktiver und wirtschaftlich erfolgreicher werden, bezweifeln nicht nur die betroffenen Bürger, sondern auch Arbeitswissenschaftler und Wirtschaftsexperten auf Grundlage ihrer Forschungsergebnisse.
Europas Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr
Doch wie beurteilen eigentlich Topmanager in Deutschland und Europa die aktuelle Krise? Auch sie blicken eher düster in die Zukunft. 96 Prozent der europäischen Topmanager und 85 Prozent der Bürger halten den Schutz der europäischen Wirtschaftsinteressen für unabdingbar. Sonst sei Europas Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr. Die Angst, dass die Krise lange währt und für einen dauerhaften Abstieg sorgt, scheint sich zu verfestigen.
Das zeigt der "European Competitiveness Barometer" der Boston Consulting Group (BCG), für das 850 C-Level-Manager und 6.400 Bürger in 30 europäischen Ländern online befragt wurden. 90 Prozent der Firmen-Chefs rechnen demnach mit einem Stellenabbau, sollten keine wirksamen Gegenmaßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit ergriffen werden.
Offshoring, weniger Investionen und F&E
Daneben erwarten 90 Prozent der Entscheider, dass Unternehmen ihre Standorte verstärkt ins außereuropäische Ausland verlagern ("Offshoring"). 88 Prozent gehen von einer sinkenden Investitionsfähigkeit aus, sollte die EU ihre wirtschaftlichen Interessen nicht besser schützen. Und 84 Prozent erwarten, dass sich die Bestrebungen auf dem Gebiet Forschung und Entwicklung deutlich verlangsamen.
Dass infolge der geopolitischen Verwerfungen mutige Reformschritte in Europa folgen, ist eine Hoffnung, die sich laut der Studienautoren inzwischen zerschlagen hat. Besonders in den großen Volkswirtschaften herrscht Ernüchterung: So ist in Deutschland der Optimismus im Vergleich zum April 2025 um 21 Prozentpunkte auf nur noch 60 Prozent eingebrochen. Das ist der stärkste Rückgang aller befragten Länder. Auch in Frankreich überwiegt allerdings die Skepsis. Gegen den Trend stemmt sich lediglich Italien: Dort stieg die Zuversicht der Unternehmenslenker um sieben Prozentpunkte.
Als Gründe nennen die Unternehmen die fehlende Einigkeit und die uneinheitlichen Ziele der EU‑Staaten, die zunehmende Spannung zwischen nationalen und EU‑Interessen, das Fehlen konkreter EU‑Maßnahmen sowie die geschwächte Position der Europäischen Union nach den Zollverhandlungen mit Donald Trump.
Ein starkes Europa durch mehr Einigkeit
Nationalstaatliche Maßnahmen sind allerdings nicht die Mittel der Wahl, um der Krise zu begegnen - weder bei den Unternehmenslenkern noch bei den Bürgern. Vielmehr sprechen sich 64 Prozent der befragten Chefs für mehr europaweite strategische Entscheidungen aus, in der Bevölkerung sind es 61 Prozent.
Die Umfrageteilnehmer wollen die aktuelle politische Situation in der EU allerdings nicht beibehalten, sondern sehen Veränderungsbedarf. Wörtlich ist in der Studienzusammenfassung von "an overwhelming consensus on the need for radical change" die Rede: Europas Unternehmen fordern umfassende Reformen.
Radikale EU-Reformen gefordert
80 Prozent der Spitzenmanager sehen großen Veränderungsbedarf, 40 Prozent sprechen sogar von einer grundlegende Neuordnung. Besonders in Deutschland und Frankreich ist der Druck hoch. Gefordert werden klare Prioritäten, Fokus auf wenige zentrale Mitgliedsstaaten (95 Prozent) und strategische Branchen wie Energie und Verteidigung (91 Prozent). Einigkeit besteht über sechs Faktoren:
- die Entstehung großer, wettbewerbsfähiger EU‑Unternehmen zuzulassen, die eine globale Rolle spielen (87 Prozent), darunter Firmen, die eine vergleichbare dominierende Stellung einnehmen wie Tech‑Giganten aus den USA,
- weniger Regulierung (87 Prozent),
- bessere Wettbewerbsbedingungen (84 Prozent),
- etwa durch eine geringere Steuerlast (87 Prozent),
- einen flexibler gestalteten Arbeitsmarkt (87 Prozent),
- sowie die Reduzierung öffentlicher Ausgaben (81 Prozent).
Sechs Maßnahmen sollen laut des "European Competitiveness Barometer" der Boston Consulting Group (BCG) Europa wettbewerbsfähiger machen.
The Bost Consulting Group
Wirtschaftsbosse wollen sich in Wirtschapolitik einbringen
Auch die Rolle der Wirtschaft in politischen Prozessen soll wachsen: 76 Prozent der Bürger und 93 Prozent der Unternehmensentscheider befürworten mehr Mitsprache, etwa über eine EU‑weite CEO‑Taskforce. Viele Manager wären bereit, sich persönlich einzubringen, erwarten aber klare, neue Kooperationsstrukturen.
Wie realistisch diese Forderung ist und wie praktikabel in der Umsetzung, bleibt in der Studie offen. Denn die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft geraten immer wieder ins Visier, weil sie zu zahlreich, zu intranspart und zu ungeregelt seien. Die Befragung gibt aber Auskunft darüber, was Firmen-Chefs daran hindert öfftentlich Stellung zu beziehen und sich aktiv für die Wettbewerbsfähigkeit Europas einzusetzen:
- Reputationsrisiken sowohl für die Einzelperson als auch für das Unternehmen (64 Prozent),
- Mangelnde aktive Ansprache und formelle Mandate aus der Politik (54 Prozent),
- Druck der Aktionäre, Diskretion zu wahren (47 Prozent),
- Angst vor politischen Vergeltungsmaßnahmen (35 Prozent).
"Es besteht wirklich dringender Handlungsbedarf. Noch kann Europa gegensteuern, doch das Zeitfenster wird kleiner. Die Wettbewerbsfähigkeit stagniert, wirtschaftliche und soziale Risiken wachsen. Die anfängliche 'Jetzt-erst-recht'-Haltung nach den US-Zollankündigungen hat schnell an Kraft verloren. Jetzt braucht Europa klare Entscheidungen und konsequentes Handeln", warnt BCG-Europachef Matthias Tauber vor dem Hinterdrund der Studienergbnisse eindringlich.