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28.02.2022 | Wirtschaftspolitik | Im Fokus | Online-Artikel

Was wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland wirklich bringen

verfasst von: Andrea Amerland

5 Min. Lesedauer
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Die EU-Länderchefs haben in den Bereichen Energie, Finanzen und Transport, Exportkontrollen und Visabeschränkungen Sanktionen gegen Russland beschlossen. Auch der Swift-Ausschluss kommt jetzt doch. Aber wie wirksam sind diese Maßnahmen überhaupt?

Sanktionen und Embargos für den Export bestimmter Technologien in bestimmte Länder sind Beispiele für wirtschafts- und außenpolitische Ziele, um anderen Staaten zu schaden. Etwa bei Menschenrechtsverletzungen oder im Kriegsfall. "Außenpolitisch begründete Sanktionen (z. B. der EU gegenüber Russland) sind hinsichtlich ihrer Eignung für das Erreichen beabsichtigter Ziele umstritten", schreibt Andreas Forner in einem Buchkapitel über die Funktionsweise der "Außenwirtschaft" (Seite 412). 

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Embargo bei Gas und Öl schadet Russland am meisten

Nun hat das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel berechnet, mit welchen wirtschaftspolitischen Maßnahmen beziehungsweise Handelssanktionen der Westen die russische Wirtschaft im Ukraine-Konflikt am härtesten trifft. Demzufolge soll ein Handelsstopp mit Gas durchaus spürbare Konsequenzen für die russische Wirtschaftsleistung haben und könnte für einen Einbruch von rund drei Prozent sorgen.

Auch ein Handelsembargo beim Öl hat den IfW-Berechnungen zufolge einen Einbruch von mehr als einem Prozent der russischen Wirtschaftsleistung als Auswirkung. Im Gegenzug blieben die wirtschaftlichen Schäden für Deutschland und die Europäische Union aber vergleichsweise gering. 

BIPs von Deutschland und EU kaum tangiert

Laut der Simulationsrechnungen im Handelsmodell KITE profitiert Deutschlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) von einem Gasembargo sogar leicht und wächst um 0,1 Prozent. Auch das EU-BIP könnte minimal steigen. Als Begründung für diese positive Entwicklung nennt das IfW mögliche Gasimporte von Bündnispartnern als Ersatz, bei denen Deutschland besonders wettbewerbsfähig sei. Denn die Bundesrepublik habe bei der energieintensiven Produktion und Verarbeitung von Metallen einen Kostenvorteil, weil der Energiemix nur zu geringen Teilen auf russisches Gas zurückgreife.

Bei Handelsbeschränkungen beim Öl ist der Fall ein bisschen anders gelagert. Während Russlands Wirtschaftsleistung um 1,2 Prozent sinkt, geht laut IfW die Deutschlands und der EU um jeweils 0,1 Prozent zurück. Ein Embargo für Maschinen und Maschinenteile lässt Russlands Wirtschaft voraussichtlich aber nur um 0,5 Prozent schrumpfen, eine Handelssperre auf Fahrzeuge und Fahrzeugteile nur um 0,3 Prozent. Für Deutschland und die EU haben beide Maßnahmen nur marginale negative Effekte.

Handelssperren haben starke Effekte

Handelssperren stellen als nicht marktkonforme Instrumente "direkte, dirigistische Eingriffe in außenwirtschaftliche Prozesse dar. Zu ihnen gehören im Warenhandel Verbote oder Mengenbeschränkungen (Kontingente) von Exporten oder Importen", erklärt Springer-Autor Andreas Forner (Seite 412). 

Der gesetzliche Rahmen, der für die deutsche Außenwirtschaftspolitik dabei maßgeblich ist, ist das Außenwirtschaftsgesetz (AWG), so Former weiter. "In ihm sind grundsätzlich liberale Elemente mit Lenkungsmechanismen verbunden". Wörtlich heißt es im AWG:

Der Güter-, Dienstleistungs-, Kapital-, Zahlungs- und sonstige Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland sowie der Verkehr mit Auslandswerten und Gold zwischen Inländern (Außenwirtschaftsverkehr) ist grundsätzlich frei. Er unterliegt den Einschränkungen, die auf Grund dieses Gesetzes vorgeschrieben werden."

Den gesetzlichen Spielraum zu nutzen, lohne sich, urteilen auch die Ökonomen Elisabeth Christen und Gabriel Felbermayr. In ihrem Artikel "Sanktionspolitik gegen Russland", schreiben sie, es sei gut belegt, "dass umfassende und von breiten Koalitionen getragene Handelssanktionen starke Effekte auf den Handel zwischen den Konfliktparteien haben". Allerdings sei empirisch nicht abschließend geklärt, ob Sanktionen auch die politischen Ziele eines Politikwechsels erreichen.

Hendrik Mahlkow, Handelsforscher am IfW Kiel, der die Berechnungen durchführte, verweist auf die mittelfristigen wirtschaftlichen Folgen von Handelsembargos, die "Russland sehr viel härter" treffen als die westlichen Verbündeten. Vor diesem Hintergrund sind seiner Ansicht nach Russlands Drohungen, Gas- und Öl-Lieferungen einzustellen, "wenig glaubhaft". Gleichzeitig sei aber der Stopp von Nord Stream 2 durch die Bundesregierung nachvollziehbar, um Russlands geopolitische Position nicht noch weiter zu stärken.

Finanzinstrumente für politisch motivierte Sanktionen

Ein weiteres monetäres Instrument für Sanktionen ist Devisenbeschränkung, erklärt Springer-Autor Andreas Forner. Mit der Devisenbeschränkung werde versucht, der Tendenz einer chronisch defizitären Zahlungsbilanz entgegenzuwirken, führt Volkswirtschaftler Forner weiter aus. 

Daneben gebe es noch die Methode, in den Kapitalverkehr zwischen Inland und Ausland einzugreifen, um spekulative Zuflüsse oder Abflüsse von Devisen abzuwehren. Um dieses Ziel zu erreichen, werde der Erwerb inländischer Wertpapiere durch Ausländer, die Kreditaufnahme von Inländern im Ausland oder die Führung ausländischer Konten bei inländischen Kreditinstituten beschränkt (Seite 412). 

Aktuelle Sanktionen gegen den russischen Finanzsektor 

Die EU setzt darauf, dass Russland kein Geld mehr ausleihen und auch kein Geld mehr verleihen kann. Zudem soll die Refinanzierung von russischen Staatsunternehmen in der EU blockiert werden. Russische Aktien können dann zudem nicht mehr in der EU gehandelt werden. 

Die schärfste Waffe hatte die EU zunächst nicht zücken wollen: den Ausschluss aus dem Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift, wodurch die russischen Finanzinstitute quasi vom globalen Finanzsystem ausgeschlossen werden. Einige Länderchefs hatten diese Maßnahme zunächst aus strategischen Gründen abgelehnt. Sie fürchteten, die Aussetzung von Swift treffe weniger die Russische Föderation als vielmehr die Europäische Union. Insbesondere die Bundesrepublik wollte das Risiko, keine russischen Gaslieferungen mehr auf Grund unterbrochener Zahlungswege zu erhalten und höhere Kosten beim Gaseinkauf in Kauf nehmen zu müssen, nicht eingehen. 

Doch nachdem zunächst EU-Länder wie Österreich, Italien, Zypern und Ungarn ihren Widerstand gegen einen Rauswurf Russlands aus dem Swift-System aufgegeben hatten, lenkte auch die Bundesregierung ein und verkündete, man arbeite an "gezielten und funktionalen Einschränkungen", um Kollateralschäden zu vermeiden. Aktuell sind nur die russischen Banken von einem Swift-Ausschluss betroffen, die bereits mit internationalen Sanktionen belegt sind. Soweit erforderlich, sollen weitere russische Banken folgen.

Fazit: Die EU-Sanktionen gegen Russland sind nach Einschätzung vieler Experten zwar durchaus ein wirksames Instrument, allerdings eines, das eher mittel- bis langfristig greifen wird. Den aktuellen kriegerischen Akt Putins in der Ukraine stoppt das EU-Sanktionspaket aber nicht. So twitterte Litauens Ex-Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite: "Sanktionen werden den Angreifer nicht aufhalten, sondern nur bestrafen. Kriegsverbrecher konnten nur auf dem Schlachtfeld gestoppt werden".

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