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29.10.2020 | Wirtschaftspolitik | Fragen + Antworten | Onlineartikel

Was das US-Wahlergebnis für die Industrie bedeutet

Autoren:
Angelika Breinich-Schilly, Florian Bischof, Sven Eisenkrämer, Christiane Köllner, Eva-Susanne Krah, Thomas Siebel
7 Min. Lesedauer

Trotz großer Innovationskraft und wirtschaftlichen Potenzials stehen die USA vor riesigen Herausforderungen. Zu deren Bewältigung haben der amtierende Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden unterschiedliche Strategien - mit Wirkung auch für den deutschen Export.

Die US-amerikanische Wirtschaft strotzt vor Innovationskraft – einerseits. Andererseits leben immer mehr Amerikaner unter der Armutsgrenze, der Industrie mangelt es an Fachkräften und auch die Infrastruktur ist defizitär. Zugleich besteht angesichts der hohen Staatschuldenquote, die bereits vor der Corona-Krise bei 107 Prozent lag, wenig Spielraum für eine aktive Wirtschaftspolitik. Trotzdem versprechen Donald Trump und Joe Biden gleichermaßen, Produktion in die USA zurückzuholen und Millionen neuer Jobs in der Industrie zu schaffen. Während Trump dabei auf Protektionismus und Deregulierung setzt, will Biden investieren und für mehr Chancengleichheit sorgen. Was das für die Industrie bedeutet, hat die Springer-Professional-Redaktion in den nachstehenden Fragen + Antworten zusammengefasst.

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01.05.2020 | Zeitgespräch | Ausgabe 5/2020 Open Access

Globale Handelsordnung — mit den oder ohne die USA?

Im transatlantischen Verhältnis ist zu beobachten, dass sich die USA auf Streitthemen konzentrieren, die durch asymmetrische Sensibilität gekennzeichnet sind. Das gilt überall dort, wo die EU und ihre Mitgliedstaaten verwundbarer als die USA erscheinen, etwa bei den Autozöllen, beim Leistungsbilanzüberschuss oder Sekundärsanktionen. Aber auch dort, wo die USA ihre dominante Rolle, zum Beispiel über den US-Dollar als Leitwährung oder New York als weltweit dominanten Finanzplatz, so unverblümt wie nie zuvor ausspielen. 

Wie unterscheiden sich Trumps und Bidens Industriepolitik?

Donald Trump setzt auf Protektionismus und Deregulierung, um die industrielle Basis zu stärken. So hat die US-Regierung Zölle auf Stahl und Aluminium sowie auf fast alle Importe aus China erhoben, wie Stormy-Annika Mildner im Kapitel "Wirtschaftspolitik" im "Handbuch Politik USA" erläutert. Zudem droht der Präsident weiterhin mit Importzöllen auf Autos und Autoteile. Vor dem Hintergrund ihres hohen Handelsbilanzdefizits traten die USA aus internationalen Handelsabkommen aus oder verhandelten sie neu. Durch die Regeln der WTO sieht Trump die US-Industrie benachteiligt, weswegen er auch hier mit dem Austritt droht. Weiterhin will Trump die Wirtschaft durch umfassende Deregulierungen entlasten.

Joe Biden kündigt für den Fall seines Wahlsiegs staatliche Beschaffungen in Höhe von 400 Milliarden Dollar an. Die beschafften Güter sollen zwingend aus amerikanischer Produktion stammen, während die begünstigten Unternehmen sich verpflichten, faire Löhne zu zahlen und grundlegende Arbeitnehmerrechte zu gewähren. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sollen Finanzierungshilfen für die Modernisierung ihrer Fabriken erhalten. Biden verspricht zudem ein 300-Millionen-Dollar-Programm für die Forschung an neuen Materialien, 5G- und AI-Technologien oder umweltfreundlichen Fahrzeugen. 

Bei sämtlichen Investitionen will Biden sicherstellen, dass möglichst alle Bundessaaten und Bevölkerungsgruppen profitieren. Wie Trump schlägt auch Biden eine harte Linie gegenüber der chinesischen Regierung ein, die er für Überkapazitäten und die Missachtung geistigen Eigentums verantwortlich macht. Weiterhin will Biden kritische Lieferketten etwa für Medizin- oder Halbleiterprodukte zurück in die USA verlagern.

Wie sehen die Mobilitätspläne von Trump und Biden aus?

Joe Biden möchte eine Million gut bezahlter Arbeitsplätze in der US-amerikanischen Automobilindustrie schaffen. Er will Anreize für die Autoindustrie setzen, um emissionsfreie Fahrzeuge zu bauen. Dabei soll die Entwicklung einheimischer Produktionskapazitäten unterstützt und die Forschung im Bereich der Batterietechnik beschleunigt werden. Es soll ein Programm zum Umstieg auf Elektrofahrzeuge geben, wozu auch die Elektrifizierung staatlicher Flotten gehört. Zudem sollen alle in den USA neu gebauten Busse bis zum Jahr 2030 emissionsfrei sein, auch die rund 500.000 Schulbusse des Landes sollen umgerüstet und CO2-neutral werden. Geplant ist darüber hinaus der Bau von 500.000 neuen Ladestationen für Elektrofahrzeuge. 

Die Trump-Regierung hat sich auf die inländische Automobilherstellung und -beschaffung konzentriert, stark auf fossile Brennstoffe gesetzt und bereits verabschiedete Verbrauchs- und CO2-Ziele wieder gelockert. Sie hat auch vorgeschlagen, die bundesstaatliche Steuergutschrift von bis zu 7.500 US-Dollar auf Elektrofahrzeuge abzuschaffen. Das USA-Mexiko-Kanada-Abkommen (USMCA), seit Juli 2020 in Kraft, soll mehr Industriearbeitsplätze in den USA bringen, vor allem in der Automobilindustrie.

Welche Auswirkungen ergeben sich für deutsche Unternehmen im Exportgeschäft?

Die USA waren im Jahr 2019 wichtigstes Abnehmerland deutscher Waren. Exportiert wurden laut Statistischem Bundesamt Güter im Wert von 118,7 Milliarden Euro. Die höchsten Exportüberschüsse verzeichnete Deutschland 2019 mit 47,3 Milliarden Euro laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) ebenfalls gegenüber den USA. Dieser Handelsbilanzüberschuss ist Donald Trump ein Dorn im Auge. Mit Sonderzöllen, etwa für Autoimporte aus der EU, die direkt auch deutsche Hersteller und Zulieferer tangieren, wollte er erst im Juni 2020 Importe drosseln. 

"Präsident Trump sucht lediglich nach einem Vorwand, um Druck auf die EU-Länder auszuüben, insbesondere auf Deutschland und einige andere Länder, die eine positive bilaterale Handelsbilanz aufweisen", merkt Paul JJ. Welfens im Kapitel "Handel, Beschäftigung und transatlantische Politikaspekte" des Springer-Buchs "Trump global" (Seite 232) mit Blick auf EU-Automobilexporte an. Ab September 2020 führten die USA laut WKO weitere Strafzölle für europäische Importe ein, unter anderem für Produkte aus Deutschland. 

Der Präsident der US-Handelskammer in Deutschland, Frank Sportolari, schätzt, dass der US-amerikanische Handelsstreit mit einem Wechsel der US-Präsidentschaft zu Joe Biden nicht vom Tisch wäre. Andere Experten äußern, dass wieder stärker politische Allianzen im Vordergrund stehen werden und sich dies positiv auf die Handelsbeziehungen auswirkt. Deutsche Unternehmen könnten durch bessere preisliche Wettbewerbsfähigkeit profitieren.

Welche Rolle spielen Klimaschutz und eine nachhaltige Energieversorgung im US-Wahlkampf?

Immer wieder wird die USA von Umweltkatastrophen heimgesucht. Jüngstes Beispiel sind die verheerenden Waldbrände in Kalifornien. Laut einer aktuellen Wählerumfrage schafft es der Klimawandel aber nicht in die Top Ten der für die Wähler relevanten Themen. Für den US-Präsidenten Donald Trump, selbst Leugner des Klimawandels, spielt das Thema jedenfalls keine große Rolle. Klimapolitisch wird der Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen auf seiner Wahlkampf-Website als Erfolg hervorgehoben. Insgesamt setzt Trump weiter auf fossile Brennstoffe und hat unter anderem die Ausweitung der Offshore-Öl- und Gasbohrungen in seiner Amtszeit durchgesetzt.

Auch den Wahlkampf der Demokraten dominieren andere Themen. Gleichwohl verspricht Biden weitreichende Investitionen in eine Energiewende und mehr Umweltgerechtigkeit. In den nächsten zehn Jahre sollen insgesamt 1,7 Billionen US-Dollar in die sogenannte Clean Energy Revolution fließen. Bis 2050 strebt er eine vollständige Dekarbonisierung der Energiewirtschaft und die Reduzierung der Netto-Emissionen auf Null an. Bis zu zehn Millionen neue Arbeitsplätze will der Herausforderer so in den USA langfristig schaffen. Außerdem plant er, Subventionen für fossile Brennstoffe einzustellen und sich erneut zum Pariser Klimaabkommen zu bekennen.

Wie stehen die Kandidaten zu Tech-Konzernen wie Amazon, Google, Facebook & Co.?

Die Trump-Regierung hat zwei Wochen vor der Wahl Kartellklage gegen Google eingereicht. Es könnte das größte kartellrechtliche Verfahren in den USA seit Jahrzehnten werden. Der US-Präsident und sein Justizminister William Barr zeigen zu einem strategisch interessanten Zeitpunkt klare Haltung gegenüber den Tech-Giganten. Streitereien Trumps mit Amazon-Chef Jeff Bezos, Dekrete gegen soziale Medien und nun der Angriff auf Google sind nur eine Auswahl der trumpschen Scharmützel. Bei einer Wiederwahl dürfen sich die Konzerne auf ungemütliche Zeiten einstellen. 

Herausforderer Joe Biden hingegen profitiert von Trumps Krieg mit den Großen. Nach Recherchen von Reuters stehen Google-Mutter Alphabet, Microsoft, Amazon, Facebook und Apple auf der Liste der Top-Zehn-Spender für den Wahlkampf Bidens. Während Trump eine stärkere Regulierung der Branche vorantreibt, dürfte sich die Nähe der Demokraten zu den Tech-Konzernen sogar noch verstärken. Die Milliardenunternehmen dürften von einer Wahl Bidens erheblich profitieren.

Welchen Einfluss auf den Kapitalmarkt hat der Ausgang der US-Wahlen?

Geht Joe Biden als Sieger der anstehenden US-Wahl hervor und übernehmen die Demokraten auch die Mehrheit im Kongress (sogenannter democratic sweep), müssen die US-Unternehmen mit einigen Härten rechnen. Das geht nach Meinung vieler Marktbeobachter zumindest kurzzeitig zu Lasten des Kapitalmarktes. Doch das von Biden avisierte, innovationsorientierte Investitionspaket könnte bestimmten Branchen Auftrieb verleihen. 

Von diesem Wachstumspotenzial profitiert nach Meinung vieler Marktexperten langfristig auch der Wertpapiermarkt. Eine Aktienmarktkorrektur nach einem Sieg des Herausforderers kann also eine gute Kaufgelegenheit sein. Zwar werden schärfere Umwelt-, Gesundheits- und Sozialstandards etwa die Finanz- und Energiebranche belasten. Doch Papiere aus dem Bereich erneuerbare Energien, umweltfreundlicher Technologien sowie der Infrastruktur dürften Rückenwind erhalten. Gleiches gilt für Firmen mit hohem ESG-Rating (ESG: Environment, Social and Governance).

Kommt dagegen erneut Trump mit einer zweiten Amtszeit zum Zug, dürfte sich die politische Spaltung des Landes weiter vertiefen. Eine voranschreitende Deregulierung im Finanz- sowie im Energie- und Finanzsektor würde den Aktien entsprechender Unternehmen helfen. Marktexperten prognostizieren daher eine kurzfristige Erleichterungsrally, wenn etwa Steuererhöhungen oder schärfere Regulierungen ausbleiben. Auf lange Sicht verteuert diese Entwicklung allerdings die Prämien für Risikoanlagen, da die strukturellen Probleme der US-Wirtschaft, etwa in der Stahlindustie, nicht angegangen werden. Mangels Umweltauflagen erhalten aber auch Green-Tech- und Erneuerbare-Energie-Aktien nur wenig oder keinen Auftrieb.

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