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13.06.2018 | Wirtschaftspolitik | Kolumne | Onlineartikel

Was Made in China 2025 für Europa bedeutet

Autor:
Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer

Europäische Manager schauen häufig nur nach Westen, wenn sie auf der Suche nach den neuesten Trends sind. Dagegen sollten sie ihren Blick viel stärker nach Osten – genauer nach China – ausrichten, wenn sie erkennen wollen, welche Entwicklungen die Welt herausfordern werden, meint Springer-Autor Ralf T. Kreutzer.

Wie ich auf zwei vom Deutschen Dialogmarketing Verband organisierten Reisen nach China, Japan und Südkorea in den letzten zwölf Monaten feststellen konnte, finden dort viele spannende Entwicklungen statt. Unsere Wahrnehmung ist jedoch noch zu stark auf die USA und die dort diskutierten Technologien ausgerichtet und vernachlässigt die Herausforderungen, die insbesondere aus den Entwicklungen in China erwachsen. Denn die digitale, technologische Revolution findet heute vor allem dort statt.

Masterplan soll China nach vorne bringen

Grundlage hierfür ist ein langfristiger Masterplan der chinesischen Regierung. Dieser wurde bereits 2015 von der chinesischen Führung unter Präsident Xi Jinping unter dem Titel "Made in China 2025" beschlossen. Dort werden die Ziele für das Land eindeutig definiert. So soll China nicht länger die verlängerte Werkbank der Welt sein – quasi im Auftrag international agierender Konzerne. Der Schwerpunkt der Strategie liegt vielmehr auf der eigenen technologischen Wertschöpfung, um China so zum Hightech-Produzenten zu entwickeln und den Technologie-Import durch eigene Leistungen zu ersetzen. Dabei wird nicht nur eine Position auf Augenhöhe mit anderen Ländern angestrebt, sondern möglichst die des Weltmarktführers. 

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Seine Führungsrolle sieht China in den folgenden zehn Feldern:

  • Flugzeug-Industrie/Raumfahrt
  • Maschinen für die Landwirtschaft
  • Energieversorgung
  • Energieeinsparung und E-Mobilität
  • CNC-Maschinen und Roboter (inklusive Künstlicher Intelligenz)
  • Informations- und Kommunikationstechnologie
  • Neue Materialien/Werkstoffe
  • Schienenverkehr
  • Maritime Ausrüstung und Hochtechnologie-Schiffe
  • Medizintechnik

Ein solcher Masterplan fehlt für Europa seit Jahren. Statt sich auf die Kernaufgaben der wirtschaftlichen Ausrichtung im digitalen Zeitalter zu konzentrieren, beschäftigen sich die politischen Entscheidungsträger im europäischen Wirtschaftsraum mit Fragen der Migration und blockieren wichtige, für das nachhaltige Wohlergehen der europäischen Gemeinschaft unverzichtbare Entscheidungen. Indessen geht China industriepolitisch in die Offensive.

Mehr Investitionen und schnellere Umsetzung

In dem fernöstlichen Land gibt es hingegen aber nicht nur eine groß angelegte Strategie, sondern auch die für die Umsetzung notwendigen Investitionen in Milliardenhöhe. In die Fonds für intelligente Fertigung sind beispielsweise knapp drei Milliarden Euro geflossen. Für die Halbleiter-Industrie werden circa 20 Milliarden Euro bereitgestellt. Von solchen Beträgen kann man in Europa nur träumen. Außerdem ist in China eine hohe Stringenz in der Umsetzung zu beobachten. In dem Zeitraum, in dem in Deutschland und Europa Bauvorprüfungen stattfinden, werden in China Flughäfen gebaut und sogar eröffnet. Diese Entwicklungen haben Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und unsere Position in den internationalen Märkten.

Daten werden zum Wettbewerbsvorteil

Das gleiche gilt für den in China quasi nicht vorhandenen Datenschutz. Spricht man mit Chinesen darüber, wird häufig mit den Achseln gezuckt – mit dem Hinweis, solche Überwachung habe es doch schon immer gegeben. Aus dem quasi unerschöpflichen Datenschatz kann allerdings ein Wettbewerbsvorteil resultieren, der nicht zu unterschätzen ist. China kann seine Computer mit Daten trainieren, die in anderen Ländern undenkbar wären. Hier kann der Begriff "Big Data" wirklich mit Recht eingesetzt werden. Dabei gilt: Je besser und umfangreicher die Datengrundlage, desto schneller und besser kann Machine Learning erreicht werden.

Was ist das Ergebnis dieser umfassenden Maßnahmen? Durch eigene Anstrengungen – verbunden mit einer massiven Einschränkung des Marktzugangs für westliche Unternehmen – hat China in allen relevanten (digitalen) Arbeitsfeldern eigene überzeugende oder sogar überlegene Angebote entwickelt. 

Einen Überblick über einige Beispiele digitaler Plattformen und Services finden Sie hier.

Totale Überwachung für ein Maximum von Daten

Die Fähigkeit des Unternehmens Sensetime zur Gesichtserkennung ist besonders interessant, wenn man die politischen Hintergründe in China vor Augen hat. So sieht das offiziell verkündete Ziel der chinesischen Regierung vor, dass das öffentliche Leben überall und jederzeit überwacht werden soll. In mindestens fünf der größten chinesischen Städte sollen demnächst Supercomputer eingesetzt werden, um eine Gesichtserkennung von über 100.000 Live-Übertragungen von Verkehrsüberwachungskameras, Kameras der Bankautomaten sowie von Smartphones in einem einzigen System auszuwerten. Ein Beispiel für die Darstellung der Daten aus Gesichts- und Bewegungsprofilen zeigt die nachfolgende Abbildung.


Die Software dient heute schon dazu, Verbrechen in Realtime zu erfassen und Verbrecher in Echtzeit zu suchen. Bei der Führung durch das Unternehmen in Peking wurde uns mitgeteilt, dass die Verbrechensquote in Shanghai, wo die Video-Überwachung im öffentlichen Raum bereits sehr weit vorangeschritten ist, signifikant zurückgegangen ist. Der Fantasie weiterer Einsatzfelder, was mit den Daten von Millionen Gesichtsprofilen alles entwickelt werden kann, sind keine Grenzen gesetzt. 

Gesichtsscan als Einlasskontrolle

Dass sich die Gesichtserkennung bei der Einlasskontrolle auch bei anderen Unternehmen bereits etabliert ist, zeigte uns das Unternehmen Cheetah Mobile in Peking. Deren Slogan "Make the world smarter" wurde konsequent umgesetzt. Die Anzahl der monatlich aktiven Nutzer liegt bei 600 Millionen.


Auch wenn der Masterplan "Made in China 2025" nicht perfekt ist, so China hat wenigstens einen. Wenn Europa nicht bald (politisch) aufwacht, werden die Wettbewerbsfähigkeit und damit auch der Wohlstand hier massiv abnehmen. Denn neben den oben genannten harten Faktoren sind auch die Menschen zu würdigen. Allein schon aufgrund der großen Bevölkerungszahl werden in China immer mehr hoch innovative, leistungsbereite und sehr gut ausgebildete Menschen wirtschaftlich tätig sein. Häufig sind diese auch viel technologieoffener und -begeisterter als in Europa. 

In den chinesischen Start-ups wird dabei sogar noch viel länger gearbeitet als bei uns. Denn dort lautet die Devise 8 : 8 : 6 : 1. Das bedeutet: arbeiten von acht Uhr bis acht Uhr, sechs Tage die Woche, bei einer Woche Urlaub pro Jahr. Hierdurch wird etwa 50 Prozent mehr Arbeitszeit als bei uns eingesetzt. Ob wir wollen oder nicht: Die Ergebnisse eines solchen Einsatzes werden wir auf dem Weltmarkt zu spüren bekommen.

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