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02.03.2021 | Wirtschaftspolitik | Interview | Onlineartikel

"Brexit führt im Handelsgeschäft zu Mehrkosten"

Autoren:
Andrea Amerland, Eva-Susanne Krah
4:30 Min. Lesedauer

Der Brexit-Deal hat Firmen kalt erwischt, obwohl der EU-Austritt Großbritanniens absehbar war. Export-, Lieferketten- und Logistikprobleme belasten neben Zöllen das Handelsgeschäft. Wie Unternehmen gegensteuern können, erklären die Berater Richard J. Albert und René Gütschow.
 

Infolge des Brexits gibt es beim Online-Shopping Probleme. Was können deutsche Online-Händler tun, um drohende Umsatzeinbrüche und Retouren-Chaos zu vermeiden?

Richard J. Albert: Die durch den Brexit bedingten Kosten für Zollformalitäten bei der Aus- und Einfuhrabwicklung, zusätzliche Prozesskosten sowie Zollabgaben führen im Handelsgeschäft zu Mehrkosten, die den Einstandspreis aus Kundensicht oft verteuern. Leider gibt es kein Patentrezept dagegen, denn es sind viele logistische, zoll- und umsatzsteuerrechtliche Aspekte zu beachten. Besonders schwieirg ist es, Waren pflanzlichen oder tierischen Ursprungs abzuwickeln, für welche nun veterinär- oder phytosanitärrechtliche Verfahrenspflichten gelten.

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Dass die britischen Einfuhrregelungen geringwertiger Sendungen bis 135 Pfund nicht hilfreich sind, ist ein Problem für deutsche Online-Händler. Der Grund ist, dass auch höherwertige Sendungen geliefert werden, sodass ohnehin Prozesse zur Regelverzollung nötig werden. Bei der Einfuhr im Normalverfahren nach Großbritannien stellt sich zudem die Frage, welche Partei als Zollanmelder auftritt. Eine britische Tochtergesellschaft könnte aushelfen, ebenso ein britischer Zwischenhändler oder die Verlagerung der Pflicht zur Einfuhranmeldung auf die Endkunden. Letzteres ist aber dem Geschäftserfolg abträglich. Außerdem ist selbst bei Verlagerung der Einfuhrverzollung auf den Kunden oft eine umsatzsteuerliche Registrierung des Online-Händlers erforderlich.

Was empfehlen Sie Unternehmen?

Richard J. Albert: Um Zolldienstleisterkosten zu reduzieren, sollte geprüft werden, ob Sendungen konsolidiert befördert, zur Einfuhr angemeldet und erst in Großbritannien aufgebrochen und an die Endkunden versandt werden können. Der Aufbau eines lokalen Lagerbestandes bietet zudem die Möglichkeit, Lieferzeiten zu verkürzen. Jeder Online-Händler muss das für ihn passende Modell finden und sein Geschäftsmodell unter Umständen anpassen.

In der Praxis gestaltet sich die Abwicklung von Retouren schwierig. Für die Zollabwicklung muss erkennbar sein, welche Artikel mit welchem Wert zurückgesandt werden. Bei hochwertigen Sendungen ist oft eine elektronische Ausfuhranmeldung erforderlich. Effizient und regeltreu lässt sich der Ausfuhrprozess oft nur so organisieren, wenn in Großbritannien Retouren bei einem Dienstleister konsolidiert und in Sammelsendungen in die EU zurückgeführt werden. Das führt zu zusätzlichen Kosten, die eine Rücksendung unwirtschaftlich machen. Die Abwicklung in der EU verkompliziert sich zum 1. Juli 2021 nochmals, wenn die zoll- und umsatzsteuerliche Abwicklung von geringwertigen Sendungen neu geregelt wird.

Manche Firmen haben mit Zollanmeldungen bislang keine Erfahrung. Wie können sie sich gegen finanzielle Risiken schützen und die praktische Abwicklung in den Griff bekommen?

Richard J. Albert: Wichtig ist das Verständnis, dass Zoll, Einfuhrumsatz- und Verbrauchsteuern Teil des Steuerrechts sind und daher Sorgfalt geboten ist. Das gilt auch für die weiteren Regularien, etwa veterinärrechtliche Regelungen oder Vorgaben zu Produktregistrierungen. Letztlich hilft nur, sich intensiv einzuarbeiten, die wirklich hilfreichen Websites der EU-Kommission und der britischen oder deutschen Zollverwaltung zu konsultieren, Aus- und Fortbildungsmaßnahmen sowie Beratung zu nutzen sowie zuverlässige Zolldienstleister für die operative Abwicklung einzubinden.

Welche Vorkehrungen können Unternehmen hierzulande treffen, um ihre Vertriebspartner besser zu unterstützen?

Richard J. Albert: In den von uns begleiteten Brexit-Vorbereitungsprojekten hat sich gezeigt, dass Kommunikation entscheidend ist. Selbst wenn vor dem Brexit geschlossene Verträge bereits klare Regelungen beinhalten, die auf die jeweiligen Pflichten der Parteien eingehen, heißt das in der Praxis nicht, dass die Geschäftspartner sich dieser Regelungen bewusst sind oder dasselbe Verständnis davon haben, welcher Handlungsbedarf besteht oder welche Partei die Kosten trägt. Oft geht es um eine klare Abstimmung von Erwartungen, Prozessverantwortlichkeiten, Informationsflüssen sowie Daten- und Dokumentenanforderungen.

Was ist jetzt bei der Umsatzsteuer beim Handel mit Großbritannien zu beachten?

René Gütschow: Die Auswirkungen können vielfältig sein. Es ist unerlässlich, dass Unternehmen die Leistungsbeziehungen, den Anpassungsbedarf von Prozessen, ERP-Systemen oder der Rechnungsstellung genau prüfen. Wie auch im Zollrecht nimmt Nordirland eine besondere Rolle für die Umsatzsteuer ein und gilt im Warenverkehr weiterhin als EU-Gemeinschaftsgebiet, im Dienstleistungsverkehr wie der Rest des Vereinigten Königreichs als Drittland. Eine wesentliche Änderung betrifft die Behandlung von Lieferungen nach und von Großbritannien. Im B2B-Bereich sind innergemeinschaftliche Warenlieferungen oftmals steuerfrei gewesen und konnten im Zielland als Cashflow-neutraler Erwerb abgewickelt werden. Nunmehr fällt grundsätzlich Einfuhrumsatzsteuer an, die zwar als Vorsteuer abzugsfähig sein kann, im Regelfall aber Umsatzsteuer-Cashflow erfordert.

Für Ausfuhren nach Großbritannien ist zu beachten, dass andere Voraussetzungen und Nachweispflichten gelten, um die Steuerbefreiung zu beanspruchen. So konnte bislang im B2B-Bereich auch steuerfrei geliefert werden, wenn ein deutscher Kunde die Waren in Deutschland abholt und nach Großbritannien befördert. Für Ausfuhren nach UK ist dies für Abholfälle jedoch nicht mehr möglich.

Um welche weiteren Hürden in den Lieferantenbeziehungen und den Lieferketten nach Großbritannien müssen sich deutsche Unternehmen dringend kümmern?

Richard J. Albert: Beispielsweise das phytosanitärrechtliche Erfordernis, dass Holzpaletten beziehungsweise Behälter zum Schutz vor Schädlingen entsprechend dem ISPM-15 Standard hitzebehandelt sein müssen. Aktuell sind noch viele nicht-zertifizierte Paletten im Einsatz. Wenn die Zollbehörden beginnen, diesen Standard intensiv zu kontrollieren, drohen erhebliche Beeinträchtigungen der Lieferketten.

Eine erhebliche Herausforderung für viele kleine und mittelständische Unternehmen ist auch die regelkonforme Ermittlung und Deklaration des EU-Präferenzursprungs nach den Regelungen des neuen Handels- und Kooperationsabkommens, damit von der Zollfreiheit profitiert werden kann. Der Aufbau eines Lieferantenerklärungs- und Präferenzmanagements beim Exporteur kann eine hochkomplexe Angelegenheit sein.

René Gütschow: Auch haben viele Unternehmen die umsatzsteuerliche Abwicklung der Geschäftsvorfälle noch nicht hinreichend durchdacht, sodass hier erhebliche Risiken bestehen.

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