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29.10.2014 | Wirtschaftsprüfung | Interview | Onlineartikel

„Unternehmen brauchen ein Bilanzcontrolling“

Autor:
Sylvia Meier
4:30 Min. Lesedauer

Im Interview bezieht Springer-Autor Bernd Heesen Stellung: Unternehmen müssen sich mehr mit ihrem Zahlenwerk beschäftigen!

Springer für Professionals: Herr Heesen, was macht das Thema Bilanzanalyse Ihrer Ansicht nach so wichtig für Unternehmen?

Bernd Heesen: Die Bilanz ist wie ein Zeugnis nach einem Jahr. Früher in der Schule haben wir ein Zeugnis bekommen. Da stand drin, in welchem Fach war man gut und in welchem Fach eher nicht. Und es stand auch drin, wenn man in einem Fach durchgefallen war. Und die Bilanz ist das Zeugnis für das Unternehmen. Allerdings gibt es hier ein Problem: Beim Schulzeugnis hat man klar erkennen können, worin man gut und schlecht war. Viele Unternehmen sind jedoch nicht in der Lage die eigene Bilanz zu lesen. Und dann verlassen sich die Unternehmen auf den Steuerberater – der die Bilanz jedoch unterjährig gar nicht liest sondern erst Monate später.

Viele Geschäftsführer können die eigene Unternehmensbilanz tatsächlich nicht lesen – wollen aber dann Unternehmensentscheidungen auf der Basis treffen. Die Bilanz wird meist eher als lästige Pflichtübung gesehen: Das muss eben gemacht werden, dafür gibt es einen Steuerberater und der Wirtschaftsprüfer wird das Ganze auch nochmal prüfen.

Dabei ist die Unternehmensbilanz doch so wichtig. Gerade auch bei Bankgesprächen….

Ja, genau. Aber über „Nichtwissen“ spricht man nicht gerne. Und deshalb gehen viele Unternehmer auch nicht gerne zu ihrem Banker. Denn der könnte ja mehr wissen, als sie. Und am Ende wird dann noch offensichtlich, dass man sich mit dem Thema nicht gut auskennt. Und das ist vielen Unternehmen unangenehm. Deshalb wird das Thema gerne verdrängt.

Mit Folgen?

Natürlich. Es gibt Unternehmer, die denken: „Ach, ich mache ja tollen Gewinn. Mir kann nichts passieren.“ Aber der Knackpunkt ist – und da sind wir beim Thema Liquidität – trotz Gewinn kann ein Unternehmen keine Liquidität mehr haben. Und warum? Der Gewinn steckt im Bestand und den Debitoren/Kreditoren.

Mit anderen Worten: Unternehmen versuchen bei der Bilanz nur Mindeststandards zu erfüllen?

In der Hoffnung, dass nicht zu viel nachgefragt wird. Ja. Und natürlich bleiben dadurch auch viele Chancen ungenutzt. Und da sind wir dann auch beim Thema Rating! Und beim Thema Rating sprechen wir nicht nur über Banken. Es geht auch um das interne Rating. Damit hat ein Unternehmen eine tolle Möglichkeit zu prüfen: Wo stehe ich eigentlich? Und da muss ein Unternehmen sich mit seinem Zahlenwerk beschäftigen. Denn beim Rating sind Bilanz und GuV absolut dominant. Schade ist nur: Auch das Rating wird eher als lästige Pflicht verstanden. Auch hier fehlt einfach häufig das Wissen. Die wenigsten sagen: Na, das ist aber interessant. Stattdessen gehen die Leute zum Steuerberater und fragen, was sie machen können um noch ein paar Euro Steuern zu sparen.

Oftmals werden hier dann Modelle zum Steuern sparen entwickelt.

Genau. Und die halten dann manchmal gerade mal 2 Jahre. Und in der Bilanz im Unternehmen stecken zum Beispiel 500.000 Euro Eigenkapital. Damit passiert dann überhaupt nichts. Die Sichtweisen sind da einfach verdreht. Der Knackpunkt ist aber: Wer sich selbstständig macht und Geschäftsführer ist unterschreibt die Bilanz, die zum Finanzamt geht. Das ist doch unglaublich, wenn man bedenkt, wie wenig Interesse dem Thema dann zum Teil entgegengebracht wird. Da geht es doch um was!

Woran erkennt man denn, dass in einem Unternehmen viel Geld liegt?

Das erkennt man oft daran, dass die Bilanz sehr lang ist (hohe Bilanzsumme). Unten stehen dann große Summen. Und das weist häufig auf eine geringe Eigenkapitalquote hin. Und damit tut man sich dann doppelt weh.  Einerseits wird Liquidität in einem Posten gebunkert, die in Kasse/Bank fehlt. Gleichzeitig haut sich der Unternehmer selbst auf die Finger durch die dadurch fallende Eigenkapitalquote. Die Eigenkapitalquote ist beim Basel II –Rating der erste Punkt in jeder Betrachtung der Banken. Die Quote – nicht das absolute Eigenkapital!

Unternehmen müssen also umdenken?

Aus dem Zahlenwerk müssen logische Schlussfolgerungen gezogen werden. Unternehmen müssen ein Gefühl für die eigene Bilanz bekommen! Nehmen Sie eine Bilanz aus dem Internet. Da haben Wirtschaftsprüfer bestätigt, dass die Wertansätze korrekt sind und die buchhalterische Abarbeitung auch korrekt ist. Dann schauen Sie sich Bestand Kreditoren/Debitoren an und rechnen Sie auf Tagesbasis aus, wie viele Tage es dauert, bis das Unternehmen das Geld bekommt. Da schlackern Sie nur noch mit den Ohren. Sobald ein Wirtschaftsprüfer die Bilanz geprüft hat, heißt es: Nicht mehr anfassen, das geht jetzt so raus. Aber man muss doch vorher fragen: Macht das eigentlich Sinn, was in der Bilanz steht?

Steuerberater und Wirtschaftsprüfer arbeiten vergangenheitsbezogen. Die Daten liegen im Unternehmen jedoch ja bereits früher vor…

Natürlich. Auf Knopfdruck bekommt ein Unternehmen im System eine GuV und eine Bilanz. Natürlich sind da Abgrenzungen usw. noch nicht gemacht. Aber das macht doch nix. Da gibt es einen 90 Prozent Status – mit dem kann wunderbar gearbeitet werden.  Wir kennen alle möglichen Controlling-Instrumentarien. Alles was SAP so ausspuckt. Aber ein monatliches Bilanzcontrolling? Das hab ich noch nirgends gesehen.

Würden Sie das empfehlen?

Monats- oder quartalsweise –ja. Dann sieht man, was verändert sich. Positiv wie negativ! Gerade für den Mittelstand. Denn wenn ein Mittelständler im Moment zur Bank geht, weil er Geld braucht, ist das schwer zur Zeit.

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Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2012 | OriginalPaper | Buchkapitel

Bilanzanalyse

Quelle:
Bilanzwissen für Führungskräfte

2014 | Buch

Bilanzanalyse und Kennzahlen

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