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28.08.2015 | Wirtschaftsrecht | Interview | Onlineartikel

„Wirtschaftsmediation ist vielfältig einsetzbar“

Autor:
Sylvia Meier

Im Interview beschreibt Springer-Autorin Marianne Koschany-Rohbeck, warum Wirtschaftsmediation so attraktiv ist.

Springer für Professionals: Was macht die Ausbildung zum Wirtschaftsmediator so attraktiv?

Marianne Koschany-Rohbeck: Wirtschaftsmediation ist vielfältig einsetzbar. Zum einen ist sie in innerbetrieblichen oder zwischenbetrieblichen Konflikten eine schnelle, kostengünstige und nachhaltige Alternative zum Rechtsstreit. Zum anderen kann Mediation sehr erfolgreich im Rahmen von innerbetrieblichen Konflikten zur frühzeitigen Vermeidung von Eskalationen oder sogar präventiv als Beratungs- und Führungsinstrument eingesetzt werden um die sehr hohen Konfliktkosten zu reduzieren. Ihre Grundsätze und Techniken sowie ihr Ablaufschema dienen dann als Grundlage konstruktiver und strukturierter Problemlösung.

Mediation basiert auf einer neuen Art des Verhandelns, die wir zwar nicht von Kindheit an gelernt haben, aber die man durch stete Anwendung erlernen und optimieren kann. Das Ziel des Verfahrens ist es mehr, als einen Kompromiss für alle Beteiligten, zu erreichen: Eine Lösung, die allen Interessen gerecht wird und dadurch die (Geschäfts-)Beziehung der Betroffenen nachhaltig stärkt. Dadurch können die Ressourcen der betroffenen Parteien/Unternehmen wieder in produktive und somit wichtige Bereiche des Unternehmens zurückgeführt werden.

In welchen Bereichen nutzen die unterschiedlichen Berufsgruppen Wirtschaftsmediation?

Mit der Ausbildung zum Wirtschaftsmediator erschließt sich Rechtsanwälten, Notaren, Steuerberatern oder Wirtschaftsprüfern ein zusätzliches Geschäftsfeld. Sie können die Mediation im klassischen Anwendungsfeld der Konfliktklärung anwenden oder das Verfahren als Hilfsmittel für eine effiziente interessensorientierte Beratung einsetzen, wie z. B. bei der Unternehmensnachfolgeregelung, in der Sanierungsberatung oder in Erbschaftsangelegenheiten.

Unternehmer, Führungskräfte, Qualitätsbeauftragte oder Projektleiter durchlaufen eine Ausbildung, weil sie dadurch eine universell einsetzbare Methode kennenlernen. Mit ihr können sie nicht nur Konflikte zwischen Mitarbeitern einvernehmlich lösen, sondern mit deren Struktur und Techniken z. B. auch mitarbeiterorientierte Zielvereinbarungsgespräche, Besprechungen oder notwendige Veränderungsprozesse effizienter und mit konkreten Ergebnissen durchführen.

Personalleiter, Personalreferenten, Personalentwickler, Unternehmensjuristen oder innerbetriebliche Konfliktmanager werden Wirtschaftsmediatoren, weil sie dann professionell eine kooperative Methode zur Lösung innerbetrieblicher Probleme und Konflikte einsetzen können, die im Gegensatz zu arbeitsrechtlichen Maßnahmen, die betroffenen Mitarbeiter motiviert, das Arbeitsklima verbessert und die Konfliktkosten für ihr Unternehmen deutlich senkt.

Handelt es sich bei "Wirtschaftsmediator" um einen geschützten Begriff?

Der Begriff Wirtschaftsmediator ist noch kein geschützter Begriff. Dennoch gibt das Mediationsgesetz Rahmenbedingungen vor, wenn ein Mediator mit dieser Bezeichnung arbeiten möchte. Wer z. B. Mediation als freiberufliche Dienstleistung anbieten möchte, der muss in eigener Verantwortung durch eine geeignete Ausbildung und eine regelmäßige Fortbildung sicherstellen, dass er über theoretische Kenntnisse sowie praktische Erfahrungen verfügt, um die Betroffenen in sachkundiger Weise durch die Mediation führen zu können.

Der Begriff „zertifizierter Mediator“ hingegen ist ein gesetzlich geschützter Begriff. Der Rechtsausschuss des Bundestages hatte bereits in seiner Beschlussempfehlung für das Mediationsgesetz Ausbildungsinhalte für einen „zertifizierten Mediator“ empfohlen, die bereits in einen Verordnungsentwurf übernommen wurden und nun noch verabschiedet werden müssen.

Bevor die Rechtsverordnung jedoch noch nicht rechtskräftig verabschiedet ist, darf sich allerdings noch niemand als „zertifizierter (Wirtschafts-)Mediator“ nach Mediationsgesetz bezeichnen.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit man als Wirtschaftsmediator erfolgreich tätig sein kann?

Neben der Kenntnis der theoretischen Ausbildungsinhalte und der professionellen Anwendung der erlernten Grundsätze, Abläufe und Techniken, also der Fachkompetenzen sind individuelle, soziale und strategische Kompetenzen notwendig. In Mediationen begegnet ein Wirtschaftsmediator Menschen, die starke „negative Emotionen“ in sich tragen. Um diese in eine neutrale oder positive Emotionalität umzuwandeln – denn erst dann sind überhaupt konstruktive Lösungen möglich- muss ein Mediator in der Lage sein, Vertrauen zu seinen Medianden aufzubauen. Hier ist neben einer guten Vorbereitung im Vorfeld der Mediation eine allparteiliche Grundhaltung des Mediators für eine erfolgreiche Tätigkeit förderlich.

Diese Grundhaltung ist geprägt von einer wertschätzenden, respektvollen und positiven Kommunikation sowie einem wertschätzendem, authentischem Verhalten. Ein Mediator sollte neugierig auf die unterschiedlichen Sichtweisen oder Wahrnehmungen der Beteiligten sein. Darüber hinaus muss er, um neutral zu bleiben, die eigenen Ansichten und Meinungen zu den Konfliktthemen zurückhalten können. Wer als Mediator strukturiert die Führung durch das Verfahren übernehmen und die Interessen, Bedürfnisse, Anliegen oder normativen Erwartungen der Konfliktbeteiligten richtig herauszuarbeiten vermag und auf dieser Grundlage von den Betroffen selbst Lösungen erarbeiten lässt , wird als Wirtschaftsmediator erfolgreich tätig sein.

Zur Person
Marianne Koschany-Rohbeck ist Master of Mediation, Dipl.-Kauffrau und Inhaberin der FAIREINIGUNG Unternehmensberatung für Konfliktmanagement, Mediation und Organisationsentwicklung. Sie ist als Wirtschaftsmediatorin und Konfliktmanagement-Trainerin tätig. Bei der IHK Nord Westfalen hat sie als Dozentin und Leiterin die Ausbildung Wirtschaftsmediator (IHK) verantwortet. Als Präsidiumsmitglied und Fachgruppensprecherin der Deutschen Gesellschaft für Mediation e. V. engagiert sie sich für die Anwendung von Mediation in der Wirtschaft. Zuvor hat sie als Führungskraft und Managerin in Wirtschaftsunternehmen Erfahrungen auch im Konfliktmanagement gesammelt.

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Konfliktkompetenz

Quelle:
Praxishandbuch Wirtschaftsmediation

2015 | Buch

Praxishandbuch Wirtschaftsmediation

Grundlagen und Methoden zur Lösung innerbetrieblicher und zwischenbetrieblicher Konflikte

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