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Über dieses Buch

Gleichgültig, welche Unterschiede in Methode oder Weltsicht die Wissenschaft von den Medien auch trennen mögen, man darf mit Gewißheit behaupten, daß beide ebenso leidenschaft­ lich für Unabhängigkeit eintreten, wie sie wachsenden Einfluß auf Wandel und Werte der Gesellschaft ausüben. Obwohl aber beide Seiten ihre Unabhängigkeit verteidigen, noch dazu mit Inbrunst, läßt sich nicht bestreiten, daß jede Seite von der anderen abhängt: Die Wissenschaft verläßt sich auf die Medien als Informanten der Öffentlichkeit, die Medien stützen sich auf die Wissenschaftler als Nachrichtenlieferanten. Soviel ist klar. Damit werden Kräfte, Spannungen und Probleme in diesem entscheidend wichtigen Verhältnis allerdings nicht annähernd erfaßt. Die American Association for the Advancement of Science hat ein lebhaftes Interesse am Verständnis der Öffentlichkeit für Wissenschaft und Technik. Dieses Interesse reicht viel tiefer als ein Bestreben, Wissenschaft zu verkaufen oder zu . Es entsteht aus der Erkenntnis, daß die Macht der Wissenschaft staatlichen und privaten Angelegenheiten nicht neutral gegenübersteht, sondern für die meisten kritischen Wahlmöglichkeiten und Ergebnisse, die entweder durch zwanglose Entscheidung oder durch Untätigkeit zustande­ kommen, von zentraler Bedeutung ist, und daß sie sehr viel Verständnis braucht. Aus unserer Sicht folgt daraus, daß die Wissenschaft eine hohe Verantwortung dafür trägt, die Medien zu verstehen und ihren Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Andererseits sind die Medien ebenso verantwortlich dafür, daß Methoden, Disziplin und Grenzen erkannt werden, die wissen­ schaftliche Entdeckung, Vorstellung in der Öffentlichkeit und Anwendungsmöglichkeiten begleiten.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Mir war von Beginn an klar, daß die Einladung, eine kritische Arbeit über die wechselseitige und oft unbehagliche Beziehung zwischen zwei wichtigen Berufsständen zu verfassen, der Aufforderung gleichkommt, den Kopf unter das Fallbeil zu legen. Im weiteren Verlauf verwandelte sich ein anfängliches Gefühl des Widerstrebens in ein eher reumütiges, als ich spürte, daß das, was ich betrieb, wohl darauf hinauslief, die beiden Bereiche auf eine neue Art zusammenzuführen, nämlich in der gemeinsamen Meinung über den arroganten Außenseiter. Ich bin ja weder Journalistin noch Wissenschaftlerin, sondern eher ein Zwitterwesen unbestimmter Art. Überdies bin ich in einem Land mit einer Pressetradition aufgewachsen, die sich von der in Amerika einigermaßen unterscheidet, auch wenn sie genauso ehrenhaft ist. Wenn ich die Einladung dann doch angenommen habe, dann deshalb, weil ich glaube, daß in diesen komplizierten Zeiten eine gute Vermittlung von Wissenschaft und wissenschaftlichen Ideen wichtiger ist als jemals zuvor. Ich habe deshalb bewußt Fragen in der Absicht aufgeworfen, eine Debatte auszulösen.
June Goodfield

Wissenschaft und Medien

Zusammenfassung
Intuitive Empfindungen zum Auf und Ab in der Geschichte sind notorisch unzuverlässig, aber man wird das Gefühl nicht los, daß jene fünf Jahre Mitte der Siebziger, die in der öffentlichen Debatte über DNS-Rekombination ihren Höhepunkt fanden, für die Wissenschaft eine Art Wegscheide gewesen sind. Das gilt nicht nur für die Selbsteinschätzung des wissenschaftlichen Standes und seine Beziehung zur Gesellschaft, sondern auch für die Art, wie er heute vom Einzelnen in Öffentlichkeit und Presse gesehen wird. Es wäre keine Übertreibung, wollte man behaupten, das sei eine kritische Zeit für die Wissenschaft gewesen, als mehr denn je äußerer Druck mit Wucht auf eine wissenschaftliche Gemeinde traf, die diese Art von Aufmerksamkeit nicht gewöhnt war.
June Goodfield

Wozu überhaupt Kommunikation?

Zusammenfassung
Warum Kommunikation überhaupt anstreben? Erstens, weil die Wissenschaft eine bedeutende menschliche Betätigungsform und ein lebenswichtiger Teil unserer Kultur ist, so daß das Versäumnis, sich mitzuteilen, genauso absurd wäre, als wollte man Romane nicht veröffentlichen oder Gemälde nicht ausstellen. Die Wissenschaft betrifft uns alle, nicht nur durch die intellektuelle Erregung, die sie erzeugt, sondern auch durch die sich wandelnde Wahrnehmung von uns selbst, die sie hervorruft, und die praktischen Vorteile — oder Katastrophen — die ihre Anwendung mit sich bringt. Das sind die traditionellen Gründe, Wissenschaft zu vermitteln, aber in der heutigen Zeit gibt es auch noch andere.
June Goodfield

Die Zwänge

Zusammenfassung
Zu behaupten, Wissenschaftler und Journalisten hätten auf ihren jeweiligen Gebieten ein gemeinsames Ziel — die öffentliche Darstellung der Wahrheit — heißt natürlich, ein absolutes Ideal auszudrücken. Verschiedene Zwänge bei beiden Berufsständen erzeugen Bedingungen, die dieses höchst lobenswerte Ziel so abstrakt erscheinen lassen wie etwa Newtons Definition eines Körpers in absoluter Bewegung. Die Zwänge ergeben sich teilweise aus Sonderinteressen, teilweise durch Druck von außen, und teilweise durch das Berufsethos; diese Dinge sind in der Tat so verschieden, daß man leicht behaupten könnte, die grundlegende Unvereinbarkeit zwischen der Umwelt von Journalist und Wissenschaftler lasse die Aufgabe, sich miteinander zu verständigen, praktisch unlösbar werden. Wenn Leistungen den Erwartungen nicht entsprechen oder Enttäuschungen auf Gegenseitigkeit beruhen, zeigt eine Untersuchung der Ursachen in der Regel, daß die Situation nicht durch Geldgier oder Gehässigkeit hervorgerufen worden ist, sondern vielmehr durch die verschiedenen Zwänge auf beiden Seiten oder die unterschiedlichen Prozesse, die in jedem Berufszweig abgelaufen sind.
June Goodfield

Die Medien

Zusammenfassung
Es hat viele Urteile darüber gegeben, welche Rolle ein Journalist sich selbst spielen sieht. Eines der nützlichsten stammt von dem verstorbenen Nicholas Tomalin, einem Reporter bei der ‹Sunday Times› (London), der zu einer großen Tradition des Enthüllungsjournalismus gehörte, aus der die Special Projects Groups (deutsch etwa: Gruppen für Sonderprojekte) und das Insight Team (insight = Einblick) hervorgingen.17 Ein Zitat ist lohnend, weil es sowohl das Wesentliche des Berufs als auch das Dilemma zum Ausdruck bringt:
Zu sagen, die Aufgabe eines Journalisten bestehe darin, Fakten zusammenzutragen, wäre etwa so, als wolle man behaupten, die Aufgabe eines Architekten sei die, Mauern hochzuziehen. Richtig, aber das Eigentliche ist nicht getroffen. Die wahre Funktion eines Journalisten -jedenfalls das, was er können sollte — ist die, Interesse zu erregen. Ein guter Journalist geht von einer langweiligen oder Spezialisten betreffenden Situation aus und veranlaßt die Leser dazu, mehr darüber wissen zu wollen. Damit verkauft er gleichzeitig Zeitungen und bildet die Leute. Es ist ein nobler, würdiger und nützlicher Beruf. 18
June Goodfield

Die Wissenschaftler

Zusammenfassung
Die Zwänge, die auf Wissenschaftler einwirken, sind zweifacher Art: Diejenigen, die durch die Natur der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Methodologie auferlegt werden, und solche, die während der Entwicklung des Berufsstandes erworben worden sind. Die erste Art von Zwängen ergibt sich, weil Wissenschaftler damit beschäftigt sind, das Unbekannte zu untersuchen, was in der Tat eine sehr unsichere Sache ist. Die Fehlerquote ist unvermeidlich hoch, und ein vernünftiger Wissenschaftler zieht es natürlich vor, sich nicht mit unbelegbaren Behauptungen und nicht nachvollziehbaren Resultaten hervorzuwagen. Strenge Beschränkungen — einschließlich der Erstveröffentlichung neuer Ergebnisse nur in Fachzeitschriften und erst nach Überprüfung durch Kollegen — dienen dazu, die Gefahr der Vergeudung von Mitteln für ‹falsche› Forschungsvorhaben möglichst gering zu halten. Alles sehr schön und vernünftig, aber das führt zu einer zweiten Art von Zwang, einer stark negativ bestimmten, häufig unvernünftigen Abneigung dagegen, überhaupt ‹an die Öffentlichkeit› zu gehen.
June Goodfield

Einige Beispiele

Zusammenfassung
Als nächstes möchte ich mich vier Episoden der vergangenen Jahre zuwenden, die für die vorgenannte Frage von Bedeutung sind. Zuerst aber einige Einschränkungen. Es muß inzwischen klar geworden sein, daß ich im Verlauf dieses Bandes keine Vorwürfe erheben will gegen Zeitschriften wie ‹Science›, ‹Scientifie American› und ‹The New Scientist›, die durch die Qualität ihrer Verfasser, die Maßstäbe verantwortlicher Berichterstattung und das Ethos des Journalismus, dem sie sich verschrieben haben, herausragen. Ich bestreite auch nicht, daß es hervorragende Beispiele für Darstellung von und Berichterstattung über Wissenschaft in Nachrichtenmagazinen großer Auflage wie ‹Time› und ‹Newsweek› und in einigen großen Zeitungen gegeben hat und künftig geben wird. Dort werden die Doyens des Wissenschaftsjournalismus weiter völlig gerechtfertigten Beifall für die Qualität der von ihnen geleisteten Arbeit und die Maßstäbe erhalten, die sie für uns gesetzt haben.
June Goodfield

Fall 1: Die Affäre der bemalten Maus

Zusammenfassung
Vom Standpunkt der Medien aus wurde die Geschichte von der bemalten Maus erstmals im April 1974 bekannt, und zwar durch Barbara Yunker, Medizinreporterin der ‹New York Post›. Sie erfuhr, daß im Zusammenhang mit einem angeblichen Betrugsversuch ein Skandal im Entstehen sei — ein Wissenschaftler hätte seine Versuchsmäuse mit Filzschreiber bemalt, um den Eindruck zu erwecken, daß Haustransplantate von einer Maus zur anderen ‹angewachsen› wären. (Im Wahrheitsfall wäre das ein sehr wichtiger medizinischer Fortschritt gewesen.) Ihren Informanten will sie natürlich nicht nennen, aber er war nicht am Memorial Sloan-Kettering tätig und konnte sich nicht einmal an den Namen des Betreffenden erinnern. Nachdem Yunker recherchiert und mit Dr. Summerlin gesprochen hatte, führte sie schließlich ein Interview mit Dr. Lewis Thomas, dem Präsidenten des Memorial Sloan-Kettering Institute, und Dr. Robert Good, dem Leiter des dortigen Krebszentrums.
June Goodfield

Fall 2: Die Büchse der Pandora

Zusammenfassung
Die nächste Episode ist die Geschichte einer großen Streitfrage: DNS-Rekombination. Diese Gentechnik-Methode betrifft das ‹Herausschneidep› von DNS-Stücken aus einem Organismus und das ‹Einkleben› in die DNS eines anderen, gewöhnlich ein Plasmid, ein bakterielles Virus, um einen völlig neuen Organismus zu schaffen. Die Streitfrage war (und ist): Können diese hybriden Moleküle eine Gefahr für die Menschen sein? Über das Thema ist schon viel geschrieben worden, und es wird noch viel geschrieben werden. Historiker verfügen bereits über eine Goldgrube an Material, gewissenhaft und umfassend zusammengetragen von Charles Weiner und Rae Goodell vom Oral History Program am Massachusetts Institute of Technology. Außerdem waren drei populärwissenschaftliche Darstellungen über die Geschichte des Themas und die Asilomar-Konferenz so gut, daß sie Preise gewonnen haben.45,46,47 Die Geschichte der Asilomar-Konferenz über DNS-Rekombination und ihr Nachspiel sind hier aber von Bedeutung nur insoweit, als es um die Medien geht.
June Goodfield

Fall 3: Rorviks Baby

Zusammenfassung
Die Episode des Buches ‹In His Image: The Cloning of a Man› von David Rorvik (veröffentlicht bei J. B. Lippincott Co., Philadelphia, im März 1978) — deutsch erschienen unter dem Titel ‹Nach seinem Ebenbild› — hat mehrere Dimensionen, die den Kern der Fragen in Bezug auf Wissenschaft und Medien treffen. Ich kenne in der neueren Geschichte von Wissenschaftsjournalismus und -berichterstattung nichts Vergleichbares. Ob es um die Veröffentlichung wissenschaftlicher Forschung ging oder um Literatur über Wissenschaft, die Wahrheit für sich in Anspruch nahm und nicht Science Fiction sein wollte, bis heute ist das vorgelegte Material von solcher Art gewesen, daß die Wahrheit der Behauptungen geklärt werden konnte, wenn nicht durch direkte, dann durch indirekte Methoden. Das heißt: Die wissenschaftlichen Fakten konnten bestätigt werden durch die erprobten Prozeduren des Nachweises in Experimenten, oder dadurch, daß man sich an die etablierte Theorie hielt.
June Goodfield

Fall 4: Opfer einer Legende: Die Contergan-Affäre

Zusammenfassung
Die Contergan-Affäre ist die Geschichte von mehr als 8000 schwer behinderten Kindern in.sechsund vierzig Ländern. In England war es eine Geschichte des Kampfes um moralische Gerechtigkeit und rechtliche Wiedergutmachung, geführt von einer Handvoll Menschen, und auch eine Geschichte mit Anklängen an die biblische von David und Goliath. Auf der einen Seite ein großes Unternehmen mit gewaltigen finanziellen und juristischen Mitteln, eine feste Säule der Wirtschaft. Auf der anderen Seite einige leidgeprüfte Eltern und ein paar empörte Journalisten. Obwohl der Fall einen Zeitraum umspannte, in dem ihre Kinder bis zur Halbwüchsigkeit heranreiften, lehnten diese Eltern es ab, sich überfahren zu lassen und völlig unzureichende Hilfe für ihre Kinder zu akzeptieren. Ebenso weigerten sich die Journalisten der ‹Sunday Times› (London) und ihr Herausgeber, den Kampf aufzugeben, bis bestimmte Grundziele erreicht waren: vollständige Aufklärung der Wahrheit, Anerkennung moralischer und rechtlicher Verantwortlichkeit, Wiedergutmachung für die Eltern. Und sie hielten über einen Zeitraum durch, der für eine Zeitung geradezu unglaublich ist: zehn Jahre.
June Goodfield

Schluß

Zusammenfassung
Zwei Tatsachen müssen noch einmal hervorgehoben werden. Erstens: Zeitungen und Fernsehen sind unvollkommene Instrumente für die Vermittlung von Wissenschaft und wissenschaftlichen Ideen und werden es wohl bleiben. Sie sind im übrigen unvollkommene Instrumente für die Vermittlung von allem, wie Tom Stoppard in seinem Theaterstück ‹Night and Day› wunderschön nachweist. Jules de Goncourt schreibt einmal, das Blatt Papier, die Zeitung, stehe zu einem Buch im selben Verhältnis wie eine Hure zu einer anständigen Frau. Das war bei weitem zu grob, aber es gibt gewiß viele wissenschaftliche Berichte und Fragen, die wegen der Natur der auf die Medien einwirkenden Zwänge einfach rasch behandelt werden müssen und nicht in einer sich fortlaufend entwickelnden Beziehung wie in einem Buch dargestellt werden können. Es ist nicht so, als wären die ethischen Grundlagen von gutem Journalismus nicht vorhanden, aber in der Hast der Tage bleiben sie vielleicht unbeachtet, werden aus Zweckmäßigkeitsgründen übergangen oder einfach vergessen.
June Goodfield

Backmatter

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