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15.03.2018 | Zahlungsverkehr | Im Fokus | Onlineartikel

Internetgiganten drängen ins Bankgeschäft

Autor:
Barbara Bocks
4 Min. Lesedauer

Kürzlich wurde kolportiert, dass Amazon in Amerika ein Girokonto anbieten könnte. Inwiefern diese Entscheidung Auswirkungen auf den deutschen Bankenmarkt hat und wie die Institute reagieren sollten.

In den vergangenen Jahren sind einige Nicht-Banken wie Apple mit Apple Pay und Google mit seiner Wallet bereits in die Wertschöpfungskette der Banken eingetreten und nutzen Kreditinstitute als Zahlungsabwickler für ihre Dienstleistungen. Diese Entwicklung wird zu neuen Wertschöpfungsketten führen und Banken dazu zwingen, ihre Businessmodelle radikaler als bisher zu überdenken. Zu diesem Schluss kommt die am 14. März 2018 veröffentlichte Studie "Digital Banking 2025", die unter anderem mehrere Professoren und Wissenschaftler aus den USA, der Universität Sankt Gallen und aus Hongkong gemeinsam erstellt haben.

Noch ein weiterer Internetgigant macht jetzt bei Bankdienstleistungen Druck: Amazon könnte künftig noch weiter in die Wertschöpfungskette von Geldinstituten drängen. Denn der Internet-Händler erwägt einem Bericht des "Wallstreet Journal" zufolge, in den USA ein Girokonto anzubieten. Das Konto soll über die US-Großbank JPMorgan Chase abgewickelt werden, die bereits seit 2002 die Amazon-Kreditkarte herausgibt. Dem Online-Händler schwebt laut den Berichten eine Art Girokonto vor, das vor allem jüngere Kunden adressiert, die noch kein eigenes Bankkonto besitzen. Es soll dazu beitragen, dass Amazon mehr Informationen über das Einkaufsverhalten und die Einkommenssituation seiner Kunden erhält. Die Gespräche dazu befinden sich dem Bericht zufolge aber noch in einem frühen Stadium. Gegenüber "Springer Professional" äußerte sich ein Sprecher von Amazon Deutschland zu den Plänen für Deutschland nur in der Form, "dass sie Gerüchte und Spekulationen nicht kommentieren". Eine Umfrage unter 1.000 Amazon-Kunden hatte laut "Wallstreet Journal" ergeben, dass immerhin 38 Prozent der Teilnehmer Amazon vertrauen würden, ihre Finanzen gleich gut zu regeln wie einer traditionellen Bank. 

Für Nils Beier, Geschäftsführer Finanzdienstleistungen bei Accenture Strategy, war die Idee von Amazon, eigene Girokonten anzubieten, nur eine Frage der Zeit. "So soll vor allem Zugriff auf mehr Daten zum Zahlverhalten der Kunden erreicht werden" erklärt Beier gegenüber "Springer Professional".

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Derzeit sehen allerdings nur 34 Prozent der deutschen Institute in Tech-Firmen wie Google, Amazon, Facebook oder Apple (kurz: GAFA) eine Bedrohung für das eigene Geschäft. Das ist eines der Ergebnisse der Studie Branchenkompass Banking 2017 von Sopra Steria Consulting und dem F.A.Z.-Institut von Mitte September 2017. Diese Einschätzung liegt allerdings laut den Studienautoren vor allem daran, dass die Konzerne bis dato mit ihren Banking- und Payment-Produkten im deutschen Markt bisher noch kaum aktiv waren. Einzig Amazon Pay hat bisher einen Anteil am gesamten Payment-Volumen gewonnen.

Deutschland als digitaler Nachzügler

Gerade die Idee eines Girokontos, das speziell auf die Bedürfnisse junger Kunden abgestimmt ist, könnte auch in Deutschland Sinn machen. Zwar ist die hiesige Kundenzufriedenheit mit 90 von 100 Punkten laut des Pace-Reports des Finanztechnologieunternehmens FIS, einer jährlichen internationalen Umfrage zur Kundenzufriedenheit bei Banken, weltweit gesehen überdurchschnittlich hoch. Aber mit ihrer relativ alten Bevölkerung gehört der hiesige Markt eher zu den Nachzüglern bei der digitalen Entwicklung. Gerade auch jüngere Kunden hierzulande kritisieren in dem Report, dass sie bei der Suche nach passenden Finanzdienstleistungen nur mangelhaft unterstützt werden, schreibt Christian Kemper, stellvertretender Chefredakteur des "Bankmagazin" in seinem Artikel "In intelligente Services investieren" in der Februar-März-Ausgabe (Seite 54f.). Ausbaufähig seien außerdem die Beratung und individualisierte Angebote. "Eine Verbesserung dieser Punkte kann die Möglichkeit bieten, junge Kunden langfristig an das Unternehmen zu binden und ein Vertrauensverhältnis zu schaffen", sagt Christian Haas, Managing Director Business Development beim Finanztechnologieunternehmen FIS, in dem Artikel.

Ob Amazon auch bald Girokonten in Deutschland anbieten wird, werde man abwarten müssen, so Beier: "Das jetzt angekündigte Modell sieht eine Kooperation mit einer globalen Bank vor, welches auch in vielen Regionen weltweit einfach ausgerollt werden kann". Amazon nutze dabei die Infrastruktur, Prozesse, Expertise und regulatorische Erfahrung des Bankpartners und müsse dies nicht selbst umsetzen. "Vielleicht reicht es Amazon aber schon aus, in Europa die neuen Möglichkeiten der PSD2 zu nutzen", meint Beier. Die Konten würden dann zwar bei den Banken der Kunden bleiben, aber Amazon übernimmt das Frontend zu den Kunden.

Eigene Girokonten lohnen sich nur für große Firmen

Für kleine und mittlere Online-Händler werden sich eigene Girokonten wahrscheinlich nicht lohnen. Mit der PSD2 besteht laut Beier zwar grundsätzlich für jeden registrierten Drittanbieter ein Anrecht auf Zugang zu Kundenkonten, sofern die Kunden zustimmen. "Aber nur wenige werden in der Lage sein, dies kundenfreundlich in ein attraktives Ökosystem einzubinden", erklärt er. Dennoch sollten die Geldhäuser hierzulande auf der Hut sein. Denn aus Beiers Sicht überlegen alle GAFA-Tech-Konzerne, welche Vorteile aus eigenen Zahlverfahren und der Kontoführung entstehen könnten.

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