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22.07.2021 | Zahlungsverkehr | Gastbeitrag | Onlineartikel

Der digitale Euro wird erstmal Privatsache

Autoren:
Anja Kristina Kamping, Philipp Schröder
4:30 Min. Lesedauer

Die fortschreitende digitale Transformation von Staat und Gesellschaft macht viele neue Geschäftsmodelle möglich. Aber manches, was denkbar ist, scheitert derzeit an fehlenden Rahmenbedingungen, etwa im Zahlungsverkehr. Hier sind Privatunternehmen den Notenbanken voraus.

Was vor wenigen Jahren wie eine Utopie klang, wird demnächst Realität sein und ist es in Teilen sogar schon: Maschinen, die ohne menschliches Zutun miteinander interagieren, Handel treiben oder Aufträge erledigen. Das Internet of Things (IoT), also die Vernetzung von Gegenständen untereinander, verzeichnet ein exponentielles Wachstum. Experten schätzen die Zahl entsprechender Geräte für das Jahr 2025 auf 75 Milliarden. 

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Crypto Assets (Cryptocurrencies) and Central Bank Digital Currencies

Bitcoins, which drew attention worldwide after their price soared in 2017, began
to be seen as a high-risk investment after crashing in 2018. But a byproduct of the Bitcoin, blockchain technology, is drawing attention as a leading next-generation technology, and pilot studies for various applications of this technology are being conducted.

Mit dieser vollständigen digitalen Transformation werden viele neuartige, innovative Geschäftsmodelle möglich. Allerdings sind diese nur dann realisierbar, wenn die gesamte Ende-zu-Ende-Prozessstrecke, also von der Leistungserbringung über die Bereitstellung bis hin zur Zahlungsabwicklung, entsprechende Automatisierungsmerkmale aufweist.

Es fehlen autonome Zahlungsmethoden

Dies ist bei den aktuell verfügbaren Zahlungsverkehrsmodellen noch nicht der Fall. Denn sie benötigen zur Autorisierung einer Zahlung menschliche Handlungen. Dadurch wird der Prozess unterbrochen und mögliche Effizienzsteigerungen bleiben ungenutzt. Die Lösung liegt in einem innovativen europäischen Geldsystem, welches vollkommen autonome Zahlungen zulässt.

Im Gespräch ist beispielsweise die Emission einer digitalen Zentralbankwährung, die sogenannte Central Bank Digital Currency (CBDC), durch die Europäische Zentralbank (EZB). Entschieden ist allerdings bisher nichts. Und selbst wenn, dürfte es noch mindestens fünf Jahre dauern, bis das digitale Geld den privaten und institutionellen Endkunden zur Verfügung steht.

DLT-basierter Euro verspricht Abhilfe

Eine Lösung kann die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) bieten. Mit ihr lassen sich Prozesslogiken durch Smart Contracts automatisieren. Ziel muss eine nahtlose, effiziente, sofortige und skalierbare Zahlungsausführung sein. Daher arbeiten E-Geld-Institute, Banken und teilweise auch nicht regulierte Akteure derzeit an einem sogenannten privaten digitalen Euro, auch als DLT-basierter Euro bezeichnet. Damit sind programmierbare Zahlungen durchführbar, also einer bestimmten Logik folgende, automatisierte und ohne menschliches Zutun ablaufende Zahlungsvorgänge. 

Um allerdings möglichst schnell erste programmierbare Zahlungen abwickeln zu können, setzen die Akteure am Markt auf eine sogenannte Triggerlösung als Übergangstechnik. Diese verbindet ein DLT-System für Leistung und Datenkommunikation mit dem aktuellen europäischen Zahlungsverkehrssystem SEPA, über das die Zahlung erfolgt. Vorteile dieser DLT-SEPA-Verbindung sind, dass sie schnell zur Verfügung steht und keine speziellen, neuartigen Geldeinheiten erfordert. Der Nachteil besteht darin, dass SEPA keine direkte Delivery-versus-payment-Funktionalität (DVP) sicherstellen kann. Echte Zug-um-Zug-Geschäfte, wie sie im IoT meist Realität sein werden, sind so nicht umsetzbar. 

Die Triggerlösung ist eine technologische Verbindung zwischen dem SEPA-System und einer DLT-basierten Anwendung: 

Stablecoins als Alternative

Zukunftsträchtiger sind DLT-basierte native Zahlungsmittel wie Stablecoins, tokenisiertes E-Geld oder tokenisiertes Giralgeld. Unter Stablecoins werden DLT-basierte Token verstanden, die einen stabilen Vermögensgegenstand nachbilden. Das DLT-System übernimmt dabei die Rolle der Trägerplattform, der Token die Rolle einer Werteinheit. Zahlungen werden nicht über das SEPA-System, sondern über die DLT abgewickelt. Damit entfällt jeder Systembruch zur Zahlungsabwicklung.

Bereits jetzt gibt es erste Projekte für eurobasierte Stablecoins, allerdings sind auf US-Dollar basierende Stablecoins ihnen im Hinblick auf Größe und Anwendungsbreite bei weitem überlegen. Die Regulierung von Euro-Stablecoins ist, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, nicht existent. Sie soll aber durch die geplante EU-Regulierung "Markets in Crypto-Assets", kurz MiCA, geschaffen werden. In diesem Fall würde für derartige Token die E-Geld-Richtlinie greifen, sodass Stablecoins als tokenisiertes E-Geld bezeichnet werden können. Die noch unregulierten Stablecoins haben ein erhebliches Gegenparteirisiko, weswegen sie kaum zum Einsatz kommen. 

Übersicht über die unterschiedlichen Emissionsformen des digitalen Euros: 

Tokenisiertes Giralgeld braucht keine vollständige Deckung

Neben Euro-Stablecoins besteht zudem die Möglichkeit, dass Banken Giralgeld auf DLT-Systemen emittieren könnten. Der wesentliche Unterschied zu Euro-Stablecoins beziehungsweise tokenisiertem E-Geld ist, dass ein solches Modell im Rahmen eines E-Geld-Regimes eine hundertprozentige Deckung erfordern würde. Für einen Token im Wert von 100 Euro müssten dann eben exakt 100 Euro hinterlegt werden. Tokenisiertes Giralgeld benötigt dagegen keine vollständige Deckung und Banken könnten so weiterhin Geld schöpfen. 

Die Realisierung einer solchen Lösung wird derzeit von zahlreichen Banken konzeptionell untersucht. Um deren Interoperabilität sicherzustellen, wären aber äußerst komplexe Standardisierungsmaßnahmen nötig. Und tokenisiertes E-Geld ist aufgrund seiner Deckung durch Giralgeld nicht multibankfähig, was Zahlungsempfänger wie Zahlungssender an die gleiche Institution bindet. Daher dürfte die kurzfristige Verwirklichung von tokenisiertem E-Geld aufgrund der in zwei Jahren in Kraft tretenden EU-Regulierung die wahrscheinlichste Lösung für programmierbare Zahlungen sein.

Maschinenfinanzierung als konkretes Einsatzgebiet

Die konkreten Einsatzmöglichkeiten solcher Zahlungsvorgänge zeigt das Beispiel Maschinenfinanzierung. Aktuelle Finanzierungsformen bieten insbesondere für mittelständische Unternehmen und Kunden nicht die im heutigen Markt notwendige finanzielle Flexibilität. Asset-as-a-Service-Modelle sind eine Alternative. Dabei zahlt der Kunde primär nach Nutzung einer Maschine. Der Besitz verbleibt dagegen beim Hersteller oder einem zwischengeschalteten Finanzdienstleister. 

Die Nutzungsgebühren bestehen nicht aus einem Pauschalbetrag, sondern berücksichtigen die verschiedenen Nutzungsarten und die Auslastung. Im IoT übertragene Telemetriedaten machen solche Gebührenmodelle möglich. Aus ihnen entstehen Nutzungsprofile und schließlich Rechnungen, die automatisch über die Maschine beglichen werden.

Fazit: Asset-as-a-Service und ähnliche Geschäftsmodelle werden schon bald Realität sein. Dafür braucht es eine digitale Währung. Bereits 2021 wird es daher einen privaten digitalen Euro auf DLT-Basis geben, der die digitale Transformation der Industrie weiter voranbringt und als Türöffner für die Geschäftsmodellwelt des IoT fungiert. Betroffene Industriezweige sollten sich, genau wie Finanzdienstleister, mit der Thematik eingehend befassen.

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