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27.06.2017 | Zahlungsverkehr | Im Fokus | Onlineartikel

Deutschland verschläft Ethereum

Autor:
Anja Kühner

Die Plattform Ethereum vereint digitale Währung und Smart Contracts. Der Kurs des Kryptogelds Ether steigt. Und auch die zur Nutzung notwendigen Domains werden für teils hohe Summen versteigert.

Der aktuelle Hype um Ethereum hat einen Grund. Bitcoin als virtuelle Währung allein kann für die Anforderungen, die sich an Banken und Unternehmen in den Prozessen stellen, zu wenig. Andere virtuelle Währungen, wie Ether, sind auch deshalb interessant, weil sie den Zahlungsverkehr mit dem Smart Contract verbinden. 

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2017 | OriginalPaper | Buchkapitel

Ethereum

Das Kryptowährungstechnologieprojekt Ethereum wurde von Vitalik Buterin, seinem Erfinder, von Tag eins an als Software‐Entwicklungsplattform für dezentrale Applikationen konzipiert. Ihre Blockchain wurde speziell entwickelt, um die Ausführung dieser dezentralen Apps (auch Dapps genannt) zu unterstützen.


Die in der Schweiz entwickelte Plattform kombiniert die Blockchain-basierte digitale Währung mit Smart Contracts und ermöglicht Transaktionen mit Zahlungsinformationen in der digitalen Währung Ether. Zudem kann mit jeder Transaktion auch ein Programmcode verbunden werden, beispielsweise in Form von Wenn-Dann-Bedingungen für die so genannten "Smart Contracts". Als schlau gelten die digitalen Verträge, weil der eingebundene Code überwacht, ob bestimmte Bedingungen eines Vertrags gegeben sind und automatisch bestimmte Handlungen ausgelöst werden. Darüber hinaus gibt es Zeitvorteile gegenüber der Blockchain. Während Bitcoins durchschnittlich in zehn Minuten Blocks auf Basis der Transaktionsinformationen bilden, benötigt Ethereum nur einige Sekunden. Auch Plattformen wie Blockpay wollen einen weiteren Nachteil der Blockchain aushebeln, wie der Bankmagazin-Beitrag "Zu dritt wird es eng" (Ausgabe 6/2017) verdeutlicht. Sie ermöglichen so genannte Stealth-Transaktionen.

Inhaltlich handelt es sich sowohl bei Ethereum als auch bei Bitcoin um Open‐Source‐Projekte, die folgende Gemeinsamkeiten aufweisen:

  • eine zugrunde liegende Kryptowährung,
  • eine inhärente Blockchain,
  • ein dezentraler konsensbasierter Sicherungsmechanismus.

[Erfinder] Vitalik Buterin hat die Ethereum‐Software jedoch wirtschaftlich wesentlich effizienter gestaltet: Der Ethereum‐Algorithmus sieht beispielsweise eine Bestätigungsdauer von sieben Sekunden vor im Vergleich zu den zehn Minuten von Bitcoin, auch ist die Ethereum Blockchain dynamisch skalierbar. Mining kann im Ethereum Netzwerk von jedem Computer durchgeführt werden und erfordert nicht die spezialisierte Rechenleistung, die Bitcoin inzwischen in Form der ASICs benötigt. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Projekten liegt jedoch in der vollständigen Programmierbarkeit der Ethereum-Blockchain. Mit einer Vielzahl von zur Verfügung stehenden Entwicklungssprachen kann jeder – gegen Bezahlung von Ether – in die einzelnen Transaktionen Codes hineinschreiben bzw. kann diese als Miniaturprogramm gestalten. Diese Smart Contracts werden in der Folge in der Blockchain verwaltet und dezentral ausgeführt."
Springer-Autorin Elfriede Sixt im Kapitel "Ethereum" aus ihrem Buch "Bitcoins und andere dezentrale Transaktionssysteme" (2017), Seite 190. 

Für Banken eröffnet diese Verknüpfung von schlauen Verträgen und digitaler Bezahlung neue Geschäftsmöglichkeiten, beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Unternehmenskunden, auch Anbietern von Online-Shops.

Erste große Ethereum-Anwendung im World Food Program

Einen ersten großen Praxistest von Ethereum hat das World Food Program der Vereinten Nationen im Mai in Jordanien gestartet. In dortigen Flüchtlingslagern ermöglicht es in fünf Läden einen Einkauf mittels digitaler Ethereum-Coupons. Wer seine Berechtigung nachweist, für den wird die bereitgestellte Einkaufssumme freigeschaltet. Das deutsche Unternehmen Datarella ist an der Entwicklung maßgeblich beteiligt. Weitere Varianten sind schon in der Pipeline. 

So stellte Entwickler Fabian Vogelsteller, der am Ethereum Open-Source-Code mitentwickelt, beispielsweise auf der Blockchain-Konferenz "The Block" in Hannover am 14. Juni 2017 das von ihm mitentwickelte Programm "Mist" vor. Es kombiniert einen Browser mit einer Kryptogeld-Wallet, also einem digitalen Portmonee. Auch ein neuer Bundesverband Blockchain, der laut dem Magazin "Tn3" am 29. Juni 2017 im Bundestag gegründet werden soll, unterstreicht, dass im Thema Blockchain und virtuelle Währungen noch viel Potenzial gesehen wird. 

Doch ein kürzlicher Etherum-Flash-Crash zeigt auch, dass das Cybergeld volatil ist. So stürzte der Etherum-Kurs am Mittwoch, 21. Juni 2017, binnen Minuten von über 300 auf 13 Dollar ab. Ein Verkäufer hatte den Crash laut Informationen von Finanz-Blogs ausgelöst, weil er per Marktorder den Gegenwert von rund 30 Millionen Dollar der Ether-Währung an einem Stück abstieß. Genau so schnell wie der Kurs gefallen war, erholte er sich jedoch auch wieder. Die Nachwirkungen zeigten sich erst in der Folgewoche, am Montag, 26. Juni 2017, verlor Ether mehr als 20 Prozent im Markt. 

Ether-Kurs steigt – Domainversteigerung läuft

Deutsche Firmen sind, abgesehen von Ausnahmen wie Datarella, nicht vorne mit dabei, wenn es um Etherum geht. Bei der laufenden Versteigerung der Ethereum-Domain .eth zeichnet sich derzeit ein Goldrausch quasi ohne deutsche Beteiligung ab. 

Laut Dirk Emminger, Director Business Development des Bankensoftware-Herstellers Temenos, könnte es schwierig werden, eine einmal vergebene Domain zu erwerben. Denn im Unterschied zu den Domainendungen .de oder .com ist der .eth-Eigentümer nur als anonyme Adresse bekannt. Es gibt weder eine Anschrift noch eine Kontaktperson. Aber nur wer die Domain besitzt, kann Ethereum nutzen. 

Wenn sich Ethereum in den nächsten Jahren als Plattform etabliert, ist die .eth Domain existenziell für die Nutzung von Ethereum und Smart Contracts. Das jetzige Schlafen der großen Konzerne könnte für sie kostspielig werden." Dirk Emminger, Director Business Development, Temenos.

Seit die ersten Nutzungen in der Praxis laufen, steigt der Kurs der digitalen Währung Ether – zwischenzeitlich auf rund 350 Euro. Bei der derzeitigen Versteigerung erhält das zweithöchste Gebot den Zuschlag – und selbst das kann an die Millionengrenze gehen. Auf die Domain "payment.eth" beispielsweise wurden 11.111,00 Ether geboten. Den Zuschlag gab es bei 2600,01 Ether. Beim Kauf Mitte Mai stand der Ether-Kurs bei rund 80 Euro, es hat also jemand mehr als 200.000 Euro für diese Domain bezahlt. Zwischenzeitlich stand der Kurs so hoch, dass die Domain mehr als 900.000 Euro Wert war. 

Internationale Versicherungspolicen dank schlauer Verträge

Vorne dabei bei der Entwicklung von Blockchain-basierten Anwendungen ist die Versicherungswirtschaft. AIG, Standard Chartered und IBM wandeln dank dem Blockchain-Framework Hyperledger Fabric seit Mitte Juni in einem internationalen Pilotprojekt eine multinationale Haupt-Police und drei lokale Policen in einen hochkomplexen Smart Contract um. Die Haupt-Police wurde in Großbritannien erstellt, die drei lokalen Policen sind für die USA, Singapur und Kenia. Der Vertrag ermöglicht eine gemeinsame Sicht auf Versicherungsdaten und -unterlagen in Echtzeit. Zudem können der Versicherungsschutz und die Prämienzahlungen sowohl auf lokaler als auch auf Master-Ebene eingesehen werden. Automatische Benachrichtigungen an die Teilnehmer des Netzwerks sind ebenfalls möglich, wenn ein Zahlungsfall eingetreten ist. 

Das Pilotprojekt zeigt zudem, dass auch Drittparteien in das Netzwerk aufgenommen werden können, beispielsweise Versicherungsmakler, Auditoren oder andere Stakeholder. Diese Teilnehmer erhalten eine jeweils angepasste Sicht auf Policen, Zahlungsdaten und Unterlagen.

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Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2017 | OriginalPaper | Buchkapitel

Ethereum

Quelle:
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Use Cases

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Quelle:
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