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Über dieses Buch

Der französische Soziologe, Philosoph und Medientheoretiker Jean Baudrillard (1929-2007) ist hierzulande vor allem für seine einflussreichen Gegenwartsdiagnosen des Medienzeitalters bekannt. Begriffe wie Simulation, Simulakrum und Hyperrealität sind mit seinem Namen untrennbar verbunden. Sein Werk umfasst aber auch Themen wie die Ökonomie des Zeichens, die Ordnung des Konsums, das System der alltäglichen Dinge, die Implosion des Sozialen, das Ende der Geschichte, die Verdrängung des Todes oder die Terroranschläge vom 11. September. Präzise und verständlich führt dieses Buch in die Schriften Baudrillards ein und beleuchtet dabei auch bislang noch kaum erforschte Aspekte seines Werks. Es richtet sich sowohl an Studierende wie auch an Wissenschaftler, die nach einem weiterführenden Beitrag zur Baudrillard-Forschung suchen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführung

Wer heute den Fernseher einschaltet, ist vermutlich hin und her gerissen zwischen zwei sich widersprechenden Erfahrungen. Immer wieder scheint inmitten des dicht geknüpften Bilder- und Sprachgewebes der Massenmedien einmal etwas durch, das den Blick fesselt und auf eine außerhalb des Apparates liegende politische und soziale Wirklichkeit verweist: Aufstände, Revolutionen, Naturkatastrophen, Ereignisse im starken Sinne des Wortes. Sie sind es, die uns bei der Stange halten und das Gegengewicht zu jener zweiten Erfahrung bilden, die uns die Massenmedien vermitteln. Denn die meiste Zeit über erschöpft sich das Sperrfeuer der Zeichen in einer eher unwirklich daherkommenden Mischung aus Politikersprech, Werbespots, modernen Gladiatorenspielen und Konservengelächter. Dazu der seltsame Anblick einer ganzen Klasse von Menschen, die vor den Augen der Kameras ein zweites Leben führen, das längst ihr erstes geworden scheint: Menschen, deren Lebenszweck vornehmlich darin besteht, dass sich ein Publikum um sie schart, sei es in der Seifenoper, im Reality-TV, im Sport, im Musikantenstadl, in der Politik oder in der Mode. Auch für die Konsumenten selbst ist die massenmediale Bilderwelt zur eigentlichen Welt avanciert, in der freilich umso weniger passiert, je wilder geschossen wird. Mitten im Zentrum unserer Kultur fließt ein referenzloser Zeichenstrom, dessen unaufhörliche Kreisbewegung jedes Ereignis zu verschlucken oder bereits im Vorfeld zu unterbinden sucht.
Samuel Strehle

1. Überblick über Leben, Werk und Rezeption

Jean Baudrillard wird am 27. Juli 1929 in Reims in Nordfrankreich geboren.4 Die Großeltern sind Bauern, der Vater ist als einfacher Gendarm im öffentlichen Dienst angestellt. 1947 legt Baudrillard das Abitur ab und bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für die renommierte École Normale Supérieure in Paris vor. Er bricht die Vorbereitungsklasse jedoch unversehens wieder ab (Gane 2000a: IX) und arbeitet zunächst als Landarbeiter und Maurer, bevor er dann schließlich Germanistik an der Pariser Universität Sorbonne zu studieren beginnt (Zapf 2010: 22).
Samuel Strehle

2. Theorie der Konsumgesellschaft

Baudrillards Denkweg beginnt auf dem Pfad des westlichen Marxismus bzw. Neomarxismus, also jener Strömung innerhalb der radikalen Linken, die sich gegen die kapitalistische Marktherrschaft ebenso richtet wie gegen die realsozialistischen Staatsdiktaturen des Ostens. Theoretisch geprägt durch die Arbeiten seines marxistischen Doktorvaters Henri Lefebvre und die Situationisten um Guy Debord, aber auch durch strukturalistisch-zeichentheoretische Einflüsse, entwirft Baudrillard in seinen ersten Büchern eine weitreichende Kritik der kapitalistischen Konsumgesellschaft. Er untersucht die verborgene Ordnung der Dinge im zeichenhaften System des Konsums, weist auf die inneren Widersprüche dieser künstlich geschaffenen Zeichenwelt hin und spürt dem › funktionellen Rausch ‹ nach, der unseren Alltag ideologisch durchzieht (Das System der Dinge, 1968). Darüber hinaus dekonstruiert er das kollektive Imaginäre der Konsumgesellschaft und ihre große Erzählung vom Schlaraffenland, nimmt die soziale Sprengkraft des Konsumregimes in den Blick und kommt zur paradoxen Diagnose einer zugleich integrierten und desintegrierten, gleichermaßen disziplinierten wie anomischen Gesellschaft (Die Gesellschaft des Konsums, 1970).
Samuel Strehle

3. Zeichenökonomie und symbolischer Tausch

Mit den unmittelbar nach Die Gesellschaft des Konsums erscheinenden Texten beginnt eine Phase in Baudrillards Werk, die noch stärker als vorher – und erheblich stärker als später – von marxistischen Fragestellungen durchdrungen ist. Die bereits in den ersten Büchern sich abzeichnende Verbindung von Marxismus und Strukturalismus wird systematisiert und schließlich im Begriff der › politischen Ökonomie des Zeichens ‹, später auch der › Semiokratie ‹, auf den Punkt gebracht. Ins Zentrum der Analyse rückt dabei zunächst der fundamentale Bruch zwischen modernen und vormodernen Gesellschaften, zwischen › Zeichenökonomie ‹ einerseits und dem › symbolischem Tausch ‹ der archaischen Gesellschaften andererseits. Beide Vergesellschaftungsformen stehen für Baudrillard in einem systematischen Gegensatz zueinander: Erst der historische Verlust des symbolischen Tausches ermöglicht die moderne kapitalistische Ökonomie des Zeichens.
Samuel Strehle

4. Der Tod, die Arbeit und das Unbewusste

Baudrillards Bücher sind auf innige Weise miteinander verbunden: Oft scheint am Ende eines Werkes ein neuer Gedanke auf, der zunächst nur angedeutet und kaum ausgeführt wird, um dann in einem späteren Werk zum zentralen Begriff zu avancieren. 65 Der symbolische Tausch ist einer dieser Begriffe: In der Kritik der politischen Ökonomie des Zeichens wird er nur ganz knapp angedeutet, um dafür in Der Spiegel der Produktion umso größeren Raum einzunehmen. Aber das Werk von 1973 ist selbst nur ein erster Anlauf in das von Baudrillard entdeckte geistige Neuland, das erst drei Jahre später, in seinem Hauptwerk Der symbolische Tausch und der Tod (STT, 1976), vollends erkundet sein wird.
Samuel Strehle

5. Theorie der Simulation

Kein Zeitalter hat je so viele Zeichen und Bilder produziert wie das unsere. 91 Längst sind die Massenmedien zum eigentlichen Schauplatz des Sozialen geworden. Gesellschaft verwandelt sich in ein Bildschirmgeschehen, so dass wir bald nichts anderes mehr kennen als Zeichen und Bilder: Wir haben uns in unseren Bildwelten verloren wie in einem Labyrinth ohne Ausgang. In solchen und ähnlichen Mischungen aus objektiver Gegenwartsanalyse und fiktionaler Überspitzung beschreibt Baudrillard das Zeitalter der Simulation – die Welt in einem derart fortgeschrittenen Zustand der Verbildlichung, dass es zunehmend unmöglich wird, den Unterschied zwischen Bild und Wirklichkeit überhaupt noch zu bestimmen. Die Welt ist aus den Fugen, selbst das im letzten Kapitel beschriebene Realitätsprinzip, die Trennung zwischen Imaginärem und Realem, gehört der Vergangenheit an: » Das Simulationsprinzip überwindet das Realitätsprinzip « (STT 119).
Samuel Strehle

6. Geschichte im Zeitalter der Simulation

» Eine peinigende Vorstellung: daß von einem bestimmten Zeitpunkt ab die Geschichte nicht mehr wirklich war. Ohne es zu merken, hätte die Menschheit insgesamt die Wirklichkeit plötzlich verlassen; alles was seither geschehen sei, wäre gar nicht wahr; wir könnten es aber nicht merken. Unsere Aufgabe sei es nun, diesen Punkt zu finden, und so lange wir ihn nicht hätten, müßten wir in der jetzigen Zerstörung verharren. « So schreibt der deutsch-jüdische Intellektuelle Elias Canetti im August 1945 in seinen Aufzeichnungen (1973: 96), und immer wieder zitiert Baudrillard diese Schlüsselpassage. 134 Der › Canetti-Punkt ‹ ist sein Sinnbild für den Eintritt in ein Zeitalter nach der Geschichte, in das Posthistoire.
Samuel Strehle

7. Metaphysik am Ende der Welt

Je mehr Baudrillard dem politischen Diskurs im Laufe der Zeit den Rücken kehrt, desto stärker neigt sich sein Denken allmählich dem Metaphorischen, Ästhetischen und Philosophischen zu. Er wird zum Metaphysiker, wenn auch zu einem sehr ungewöhnlichen: » Baudrillard offers one of the most ironic metaphysics in the history of philosophy. « (Kellner 1989: 153) Ironisch ist seine Metaphysik bzw. › ' Pataphysik ‹ unter anderem deshalb, weil er sie nicht als objektive Beschreibung der Welt versteht, sondern als gleichermaßen spielerische wie augenzwinkernde Intervention in die Ordnung der Dinge, in deren Zuge sogar das Ende der Welt noch positive Überraschungen bereithält. » Möglicherweise gibt es «, schreibt Baudrillard, » eine andere, fröhlichere Art, die Dinge zu betrachten und endlich eine ironische Theorie an die Stelle der ewig kritischen zu setzen. […] Und so müssen also die Dinge mit Humor genommen werden. « (FS 110) An die Stelle der politischen Revolte treten die Kräfte des Ästhetischen, der › Verführung ‹, der Kunst, der Fotografie und vor allem der Theorie, die für Baudrillard selbst zu jenem Ereignis wird, nach dem er sich auf der Ebene der Geschichte und des Politischen vergeblich gesehnt hatte.
Samuel Strehle

Backmatter

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