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Über dieses Buch

Die Studie verbindet aktuelle raumsoziologische Ansätze mit dem politiktheoretischen Konzept des Politischen, um Prozesse der Konstitution der Sammelunterkünfte für Geflüchtete im Alltag zu analysieren. Von besonderem Interesse sind dabei Fragen der alltäglichen Verhandlung von Macht in der sozialen Produktion dieser Räume. Im Fokus der ethnographischen Untersuchung stehen deshalb mikroskopische Praktiken der Aneignung, Umdeutung und Herausforderung räumlicher Gegebenheiten durch die Bewohner*innen. Auf diese Weise gelingt es, nicht nur das Alltagsleben in den Räumen sondern auch die Verräumlichungsprozesse selbst als beständiges Oszillieren zwischen machtvoller An-Ordnung und kreativer Ent-Ordnung zu beschreiben.

Die Autorin

Melanie Hartmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center for Applied European Studies der Frankfurt University of Applied Sciences. Von 2014 – 2019 war sie Promotionsstipendiatin am International Graduate Center for the Study of Culture der Justus-Liebig-Universität Gießen und von 2013 – 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg. Melanie Hartmann studierte Politische Wissenschaft, Ethnologie und Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie Conflict Analysis and Resolution an der George Mason University in Fairfax, Virginia..

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung und Kontextualisierung

Zusammenfassung
Dieses Kapitel gibt einen Überblick über Inhalt und Aufbau des Buches, welches sich mit den Sammelunterkünften für Geflüchtete in Deutschland einem der zentralen Raumbilder widmet, vis-à-vis derer sich nach Deutschland fliehende Menschen bewegen. In dem dabei gewählten kritischen, raum- und politiktheoretischen Zugang wird der doppelten Problematik Rechnung getragen, dass die Menschen in und durch das Schreiben über sie häufig entweder als passive Hilfsempfänger*innen depolitisiert werden oder anderseits, in einer Überbetonung des Fluiden, Hybriden oder der Transnationalität migrantischer Bewegungen, bestehende Herrschaftsverhältnisse unsichtbar werden. Indem in der vorliegenden Arbeit die Räume der Sammelunterkünfte nicht als gegeben gesetzt, sondern ihre soziale (Re-)Konstitution auf mehreren Ebenen kritisch beleuchtetet wird, können Herrschafts- und Machtverhältnisse, die in die Produktion dieser Räume eingeschrieben sind sowie deren Auswirkungen auf die Bewohner*innen sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig wird die prinzipielle Unabgeschlossenheit von Verräumlichungsprozessen betont und der Blick somit auch auf Momente der Infragestellung der räumlichen An-Ordnungen der Sammelunterkünfte durch die Bewohner*innen selbst gerichtet. Diese Momente interessieren vor allem hinsichtlich räumlicher Praktiken des Alltags und werden als Ent-Ordnungen mit dem poststrukturalistischen, politiktheoretischen Begriff des Politischen (writ small) gelesen.
Melanie Hartmann

Kapitel 2. Über den Raum: Zur Bedeutung des Konzeptes für (die Erforschung von) Menschen auf der Flucht

Zusammenfassung
In diesem Kapitel wird die raumtheoretische Rahmung der Analyse abgesteckt. Dafür werden Theorien mit sukzessiv geringerer Reichweite vorgestellt, um am Ende des Kapitels bzw. im Zwischenfazit I eine Zuspitzung des raumtheoretischen Vorverständnisses auf die Räume der Sammelunterkünfte zu ermöglichen. Hierfür wird nach einem allgemeinen Überblick über aktuelle Entwicklungen in der sozialwissenschaftlichen und politiktheoretischen Handhabe des Raumbegriffs zunächst ein poststrukturalistisches Verständnis von Raum bzw. Räumen herausgearbeitet. Dieses bewies sich als besonders geeignet, um Verräumlichungsprozesse zwischen An- und Ent-Ordnungen zu betrachten sowie die prinzipielle Unabgeschlossenheit dieser Prozesse zu betonen. Um darüber hinaus besser greifen zu können, wie genau sich diese raumbildenden Prozesse auf der Ebene konkreter Räume sozialwissenschaftlich erfassen lassen, wird anschließend in Henri Lefebvres Theorie der sozialen Produktion von Raum/Räumen eingeführt. Mit dieser Theorie kann gezeigt werden, dass sich die soziale Produktion von Räumen im Allgemeinen bzw. von Sammelunterkünften im Besonderen immer auf mehreren Dimensionen abspielt, welche sowohl materielle Praktiken, kognitive wie auch imaginative Prozesse umfassen und zudem stets in Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen Zuständen zu betrachten sind, in die diese Prozesse eingebettet sind. In einem weiteren Schritt erfolgt mit der Betrachtung des (Flüchtlings-)Lagers im Lichte relevanter Literatur, darunter insbesondere einer kritischen Diskussion Giorgio Agambens Konzeptes des Ausnahmeraums, eine Erörterung dieser für die Erforschung der Sammelunterkünfte zentralen Räume. Die Literatur zu „Flüchtlingslagern“ liefert auch für die Analyse der Unterbringung von Geflüchteten in Deutschland wichtige Aufschlüsse. Das erste Zwischenfazit fasst schließlich die wichtigsten Denkprozesse des Kapitels zusammen und bezieht die herausgearbeiteten raumtheoretischen Erkenntnisse auf den Untersuchungsgegenstand der Sammelunterkünfte in Deutschland.
Melanie Hartmann

Kapitel 3. Über das Politische writ small: Eine Annäherung an kritische Praktiken im Alltag

Zusammenfassung
Während in Kapitel 2 Fragen der räumlichen An-Ordnung und sozialen Produktion der Sammelunterkünfte im Mittelpunkt standen, wird in diesem Kapitel primär den Momenten der Herausforderungen, der Dislokation und des Ent-ordnens dieser räumlichen Ordnungen mit Hilfe des politiktheoretischen Konzepts des Politischen nachgespürt. Dabei ist das Politische nicht mit Politik gleichzusetzen. Vereinfacht gesagt beschäftigt sich Politik mit den Verteilungsregeln einer sozialen Ordnung. Demgegenüber ereignet sich das Politische dann, wenn diese Regeln infrage gestellt und ihre Kontingenzen offenbart werden. Da für die vorliegende Arbeit insbesondere alltägliche Praktiken des kreativen Umordnens, Aneignens und Irritierens der (Verteilungs-)Ordnung der Sammelunterkünfte für Geflüchtete interessieren, muss der Begriff des Politischen zudem so weit gefasst werden, dass das Politische auf allen Skalen und Dimensionen der (Re-)Produktion sozialer Räume verortet werden kann. Aus diesem Grund erfährt das Konzept in diesem Kapitel und insbesondere im sich anschließenden Zwischenfazit II eine konsequente Reformulierung als Politisches writ small. Dadurch wird es möglich, mit der theoretischen Brille des Politischen nicht nur auf den Makrolevel der gesellschaftlichen Gründung der Sammelunterkünfte bzw. auf Momente des Versuchs der Überwindung dieser Raumordnungen als solcher zu blicken, sondern auch den raumkonstitutiven Level der räumlichen Alltagspraktiken bzw. die Irritationen und Herausforderungen der Verräumlichungsprozesse im Alltag zu erfassen.
Melanie Hartmann

Kapitel 4. Eine Ethnographie des Raumes: Forschungsdesign und Methodenwahl

Zusammenfassung
Dieses Methodenkapitel ergänzt die in Abschnitt 1.2 erläuterte epistemologische Verortung dieser Arbeit um die Beschreibung des spezifischen Forschungsdesigns. Von der Darstellung der (Weiter-)Entwicklung der Forschungsfragen über eine Begründung der Wahl der Forschungswerkzeuge „Teilnehmende Beobachtung“ und „ero-epische Gespräche“ im Rahmen einer engaged anthropology (Erhebungsmethoden) bzw. „qualitative Inhaltsanlyse“ (Auswertungsmethode) bis hin zur Beschreibung der Verwendung dieser Methoden, wird der gesamte, qualitative Forschungsprozess intersubjektiv nachvollziehbar gemacht. Auch Grenzen der Methoden und Herausforderungen im Forschungsprozess werden betrachtet. Dieses Kapitel gibt außerdem wichtige Aufschlüsse über die Strukturierung des sich anschließenden Analyseteils. Mit der in Abschnitt 4.3.2 abgebildeten tabellarischen Darstellung des Kategoriensystems wird deshalb zum einen ein Überblick über das Verständnis der Kategorien und die entsprechenden Codierregeln vermittelt. Zum anderen wird der*dem Leser*in mit dieser Tabelle ein Leitfaden für die Orientierung im Analysekapitel 5 an die Hand gegeben.
Melanie Hartmann

Kapitel 5. Analyse: Sammelunterkünfte für Geflüchtete zwischen An- und Ent-Ordnung

Zusammenfassung
Dieses Analysekapitel stellt entlang von vier Hauptkategorien die alltägliche (Re-)Produktion der Räume der Sammelunterkünfte zwischen An- und Ent-Ordnung vor. Im Prozess der Arbeit mit den Forschungsdaten hatte sich gezeigt, dass sich die für die Beantwortung der Forschungsfragen relevanten Aspekte zu räumlichen Praktiken, Machtbeziehungen und deren Effekten entlang der vier raumkonstitutiven Aspekte „Beziehungen“, „Materialität“, „Mobilität“ und „Sicherheit“ sinnvoll erfassen und strukturieren ließen. Die vier Abschnitte 5.1–5.4 geben deshalb jeweils eine kurze Einführung in diese insgesamt vier Konzepte. Anschließend wird für jede der Kategorien zunächst dem ersten Teil der forschungsleitenden Frage nachgespürt, d.h. es wird dargestellt, wie sich Machtverhältnisse in der sozialen (Re-)Produktion der Räume der Sammelunterkünfte im Alltag hinsichtlich zwischenmenschlicher Beziehungen, Materialität, Mobilität bzw. Sicherheit manifestierten („An-Ordnungen“). Der zweite Teil dieser vier Abschnitte untersucht dann jeweils, wie die Bewohner*innen die in den jeweiligen Dimensionen sedimentierten Machtverhältnisse im Alltag herausforderten („Ent-Ordnungen“). Auf diese Weise werden im Dialog der in den Kapiteln 2 und 3 erörterten Theorien (Raum/Räume und das Politische writ small) mit den empirischen Beobachtungen, die sozialen (Re-)Produktionsprozesse der Sammelunterkünfte im Alltag hinsichtlich zwischenmenschlicher Beziehungen, Materialität, Mobilität und Sicherheit analysiert und die diese Prozesse überlagernden Machtverhältnisse sowie deren Herausforderungen durch die Bewohner*innen sichtbar gemacht.
Melanie Hartmann

Kapitel 6. Fazit: Sammelunterkünfte für Geflüchtete als Räume des Politischen

Zusammenfassung
Im Fazit werden die forschungsleitenden Fragen auf Grundlage der Ergebnisse der in Kapitel 5 dargelegten Analyse beantwortet. Es wird gezeigt, dass sich die Logik des Politischen im Alltag der Räume der Sammelunterkünfte als unablässiges Spiel zwischen An- und Ent-Ordnungen zeigte und dabei vielerlei Formen kreativer, klandestiner Mikropraktiken und Taktiken annahm. Sie offenbarte sich in der Irritation der in zwischenmenschliche Beziehungen der Bewohner*innen eingeschriebenen Differenzlogiken, Asymmetrien und Zuschreibungen. Hinsichtlich der Dimension der Materialität zeigte sie sich in der (Wieder-)Aneignung von Räumen und Dingen, in Momenten der alternativen Verwendung von Materialität sowie im Umordnen und Umfunktionieren von (Teil-)Räumen und Artefakten in den Sammelunterkünften. Momente der Unterbrechung der bestehenden Ordnung der Sammelunterkünfte im Alltag und damit Momente des Politischen writ small zeigten sich zudem in der Herausforderung der Ent- und Beschleunigung von Mobilitäten und artikulierten sich als (temporäre) Wiederaneignung ontologischer und menschlicher Aspekte von Sicherheit durch die Bewohner*innen.
Melanie Hartmann

Backmatter

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