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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Zusammenfassung
Im Umfeld der Säkularisierungstheorie ging man lange davon aus, dass gesellschaftliche Modernisierungsprozesse zwangsläufig mit einem radikalen Bedeutungsverlust von Religion verbunden seien (Weber 1972a [1920]; 1972b [1922]) oder zumindest ihre Zurückdrängung aus der Öffentlichkeit in die Sphäre des Privaten zur Folge hätten (Luckmann 1996). Beiden Perspektiven ist die Prognose gemeinsam, dass Religion in der Gestaltung gesamtgesellschaftlicher Angelegenheiten, d.h. der Politik, keine Rolle mehr spielen wird. In den Theorien des politischen Liberalismus wird die These von der Privatisierung der Religion zum Desiderat: Allein eine Politik, die selbst von allen religiösen oder philosophischen Lehren frei ist, ist danach in der Lage, den vielfältigen und teilweise konfligierenden ethischen Auffassungen und Interessen in einer modernen Gesellschaft gerecht zu werden (Rawls 1979; 1998; Larmore 1993; 1994). Von politischen Akteuren wird daher erwartet, dass sie ihren religiösen Glauben aus Politik und Öffentlichkeit fernhalten. Andere Konzeptionen gestehen der Religion auch in modernen Gesellschaften eine öffentliche Rolle und Funktion zu, allerdings nur, so lange sie sich auf eine „zivilgesellschaftliche“ Öffentlichkeit beschränkt und nicht in die staatliche Politik eingreift (Casanova 1994; 2000).
Katja Mertin

2. Religion und Politik — drei Kontroversen

Zusammenfassung
Das Jahr 1980 sah die Karriere eines Themas. Im April versammelten sich auf der Washington Mall, zwischen Lincoln Memorial und dem Kapital, mehrere hunderttausend Gläubige und beteten unter dem Motto “Washington for Jesus“ für eine Rückkehr Amerikas zu Gott (New York Times 27.04.; 29.04.; 30.04.1980). Organisiert und geleitet wurde die zwölfstündige “Rally“, deren Planung über ein Jahr gedauert hatte, von bekannten evangelikalen Predigern, Entertainern und Medienunternehmern wie Bill Bright, Pat Robertson, Jim Bakker, Pat Boone und Rex Humbard. Gegenüber der Presse betonten die Organisatoren den rein religiösen Charakter der Veranstaltung und verneinten, dass ihr ein politisches Programm zugrunde läge; alles, was sie wollten, sei, für die Regierung des Landes zu beten. Die Wahl des Veranstaltungs-Ortes und die Tatsache, dass die Teilnehmer am Tag zuvor in großer Zahl auf dem Capitol Hill bei den Abgeordneten ihrer Wahlbezirke vorgesprochen und Unterstützung im Kampf gegen Abtreibung und Sexualkundeunterricht und für eine Wiederzulassung von Schulgebeten gefordert hatten, rief jedoch bei einigen Kirchenverbänden und säkularen Gruppen heftige Kritik hervor. So sprach der National Council of Churches von einem „überheblichen“ Versuch, der Regierung und der Bevölkerung die Ansichten einer einzelnen religiösen Gemeinschaft aufzuzwingen (New York Times, 27.04.1980). Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften schrieben den Veranstaltern der Versammlung ein verstecktes politisches Programm zu, welches nicht nur konservativ, sondern reaktionär sei und sich vor allem gegen die Durchsetzung von Bürgerrechten richte. Genannt wurden in diesem Zusammenhang die Ablehnung eines Equal Rights Amendment zur Gleichstellung von Frauen, und Kampagnen gegen den uneingeschränkten Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, gegen besondere Rechte für Homosexuelle und die staatliche Förderung von Minderheiten im Rahmen so genannter Affirmative Action Programme.
Katja Mertin

3. Moralische Grundlagen moderner Politik: Der Streit der Philosophen

Zusammenfassung
Im Zentrum der Kritik an den politischen Aktivitäten der Religiösen Rechten steht deren vermeintliche Ablehnung einer freiheitlichen, pluralistischen Gesellschaftsordnung, die sich — so der Vorwurf- in der Missachtung liberaler Grundrechte und in Verstößen gegen eine offene, demokratische Diskussionskultur ausdrückt. Da hier Kernelemente liberaldemokratischen Denkens berührt sind, ist es lohnend, die politiktheoretischen Annahmen, die der Sorge angesichts des politischen Engagements der Religiösen Rechten zugrunde liegen, näher zu beleuchten. Inwiefern erscheint die Bewegung als unverträglich mit einer freiheitlich-demokratischen Ordnung? In den nachfolgenden Abschnitten werden zunächst kurz die Entwicklung des modernen Gesellschaftsbildes und seine grundlegenden legitimationstheoretischen Implikationen in Erinnerung gerufen, um anschließend wesentliche Anforderungen liberaler Theorien an die gesellschaftliche Ordnung genauer darzustellen. Im Mittelpunkt stehen dabei, analog zu den Hauptaspekten der Kritik an der Religiösen Rechten, die Begründung des Primats der Grund- und Freiheitsrechte und die Richtlinien für politische Diskurse. Dem entspricht eine Fokussierung auf die politische Dimension des Liberalismus, während seine ökonomischen Aspekte vernachlässigt werden. Nach einer sehr knappen Skizze des perfektionistischen und des utilitaristischen Liberalismus zentriert sich die Darstellung der Grundannahmen liberaler Theorie um den politischen Liberalismus des amerikanischen Philosophen John Rawls. Dessen Konzeption einer liberalen Gesellschaft ist jedoch keineswegs unumstritten. Im Anschluss an den Abschnitt über Rawls wird kurz die Kritik von Sozialtheoretikern dargestellt, die die Vorstellungen von Rawls in wesentlichen Punkten nicht teilen, aber dennoch in einem allgemeinen Sinne dem Liberalismus zugerechnet werden können.9 Im Mittelpunkt dieses Teils stehen Beiträge von Michael Sandel und Charles Taylor.
Katja Mertin

4. Protestantischer Fundamentalismus und „Religiöse Rechte“: Eine historische und begriffliche Einführung

Zusammenfassung
In der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur und in Presseerzeugnissen findet sich zu dem Phänomen, das in der vorliegenden Arbeit als Religiöse Rechte bezeichnet wird, eine recht verwirrende begriffliche Vielfalt. Von „Bewegung“, oder „Interessengruppen“, ist die Rede, von „fundamentalistisch“, „evangelikal“, „wiedergeboren“, „konservativ-protestantisch“, „millenarisch“, und ähnlichem mehr. Weitgehende Einigkeit besteht hingegen in der Auffassung, dass die neuere „Religiöse Rechte“, oder auch „Christliche Rechte“, der achtziger und neunziger Jahre nur vor dem Hintergrund einer älteren, einer “Old Christian Right“, verständlich wird. Bei allen Veränderungen, die mit den Übergängen von „alt“, zu „neu“, verbunden gewesen sein mögen, stehen die Bewegungen in eindeutiger Kontinuität zueinander (stellvertretend Martin 1996: 1ff., Oldfield 1996: 14ff. Wilcox 1996: 25ff., Sterr 1999: 16).
Katja Mertin

5. Die Fallstudien: Methodologische und methodische Vorüberlegungen

Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, wie sich die politischen Organisationen der Religiösen Rechten zu dem Vorwurf verhalten, ihre Aktivitäten seien eine Bedrohung der liberalen Demokratie. Der Begriff „verhalten“, enthält eine doppelte Bedeutung: Er impliziert eine Beobachtungsebene, die den konkreten Umgang der Organisationen mit dem Vorwurf der Demokratiegefährdung zum Gegenstand hat, und eine Bewertungsebene, auf der diese Art des Umgangs in ein Verhältnis zu elementaren Bedingungen liberaler Demokratie gesetzt wird.
Katja Mertin

6. Verfassungsrechtliche Hintergründe

Zusammenfassung
Der Hauptbezugspunkt aller amerikanischen Debatten zur Abtreibungsthematik ist das Urteil des Supreme Court im Fall Roe vs. Wade aus dem Jahr 1973.80 Hier hatte das Oberste Gericht in grundsätzlicher und bindender Weise über die Möglichkeiten der Bundesstaaten entschieden, Schwangerschaften bzw. deren Beendigung gesetzlich zu regulieren. Das Urteil zwang 49 Staaten zur Änderung ihrer diesbezüglichen Gesetze.
Katja Mertin

7. Moral Majority

Zusammenfassung
Moral Majority entstand 1979 unter der Leitung von Jerry Falwell, assistiert von Greg Dixon und Tim LaHaye. Falwell stand als Pfarrer der von ihm selbst gegründeten — und bis heute existierenden — Thomas Road Baptist Church in Lynchburg/Virginia vor, Dixon leitete den Indianapolis Baptist Temple in Indiana. Der Autor Tim LaHaye, ebenfalls Pfarrer und Absolvent der strikt fundamentalistischen Bob Jones University, publizierte eine Reihe religiösfundamentalistischer Bücher und Traktate, darunter den Bestseller The Battle for the Mind (LaHaye 1980).86 Die Organisation wurde im Laufe der frühen achtziger Jahre zur einflussreichsten Gruppe innerhalb der politisch aktiven Religiösen Rechten; der Name Moral Majority entwickelte sich zum Synonym für die gesamte Bewegung. Neben Falwells eigener Fernsehsendung The Old Time Gospel Hour, die von rund 400 Sendern landesweit ausgestrahlt wurde, unterhielt die Organisation ein eigenes Nachrichtenblatt, den Moral Majority Report, der von etwa einer Million Haushalten regelmäßig bezogen wurde. Mitte der achtziger Jahre nahm Moral Majority eine Mitgliederzahl von vier Millionen für sich in Anspruch (Guth 1983: 33; Snowball 1991: 9). Hinsichtlich der Gründe für den Erfolg von Moral Majority im Vergleich zu anderen Organisationen der Religiösen Rechten wird häufig auf ihre engen Kontakte zu versierten Beratern der so genannten New Right verwiesen (Liebman 1983). In der Tat profitierten die Gründer von Moral Majority von den Ressourcen der politischen Rechten, vor allem von ihren umfangreichen Adressenlisten und ihrer Erfahrung in der Nutzung elektronischer Medien. Die computergestützte Erstellung und massenhafte Verschickung vermeintlich persönlicher Aufrufe zur Wahlbeteiligung (später dann: zu Spenden, Protesten gegen Gesetzesvorlagen usw.) nahm in den Mobilisierungsstrategien von Moral Majority von Anfang an eine zentrale Stellung ein. Mindestens ebenso entscheidend für den Erfolg der Gruppe war jedoch das Vorhandensein eines weit reichenden Netzwerkes fundamentalistischer Kirchen. Moral Majority unterhielt Niederlassungen in allen Bundesstaaten der USA und rekrutierte deren Leiter überwiegend aus der Baptist Bible Fellowship, einem losen Zusammenschluss „unabhängiger“, d.h. fundamentalistischer Kirchen. Die Pfarrer dieser Kirchen verfügten in der Regel über unternehmerisches Geschick, da sie keine Gelder von nationalen protestantischen Kirchenverbänden für sich beanspruchen konnten. Überdies waren sie nicht an Weisungen protestantischer Dachorganisationen gebunden. Diese Eigenschaften machten sie zu hervorragend geeigneten Multiplikatoren für die Botschaft von Moral Majority (Liebman 1983).
Katja Mertin

8. Christian Coalition

Zusammenfassung
Christian Coalition wurde 1989 von Marion Gordon “Pat“, Robertson103 gegründet; die tatsächliche Entwicklung und Leitung der Organisation oblag jedoch von Anfang an ihrem Exekutiv-Direktor Ralph Reed Jr. Robertson war der amerikanischen Öffentlichkeit bereits seit vielen Jahren bekannt. Zu Beginn der sechziger Jahre hatte er ein eigenes Kabelnetz gegründet, das Christian Broadcasting Network (CBN), und mit der Ausstrahlung einer eigenen Fernsehshow, dem “700 Club“, begonnen. Im Rahmen dieses Programms, welches bis heute in weite Teile der Welt ausgestrahlt wird, entwickelte sich Robertson zu einem der populärsten Fernsehprediger Amerikas. Seine regelmäßigen politischen Kommentare ließen ihn in den achtziger Jahren als prominente Figur der Religiösen Rechten erscheinen, obwohl er keiner ihrer damaligen Organisationen angehörte und in seinem Verhalten zwischen Religion und Politik immer etwas ambivalent blieb (Bruce 1988: 129). 1987 bemühte sich Robertson um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei; hierbei unterlag er jedoch nach viel beachteten anfänglichen Erfolgen seinem Herausforderer George Bush.
Katja Mertin

9. Family Research Council

Zusammenfassung
Family Research Council (FRC) wurde bereits 1980 als politischer „Ableger“, einer anderen Organisation, Focus on the Family, gegründet. Focus on the Family, eine der erfolgreichsten Gruppen innerhalb des evangelikalen Spektrums der USA, wird bis heute von dem ehemaligen Kinderpsychologen James Dobson geleitet. Dobson widmet sich in Radiosendungen und Zeitungskolumnen in erster Linie Fragen der Familie; unmittelbar politischen Aktivitäten hat er sich persönlich jedoch stets verweigert. Bekannt wurde Dobson 1970 mit dem Bestseller Dare to Discipline, in dem er die positive Rolle körperlicher Züchtigung in der Kindererziehung hervorhebt (Dobson 1970. Zu Dobson und Focus on the Family s. auch Martin 1996: 341f.; Oldfield 1996: 191; Wilcox 1996: 63f.; Diamond 1998 30f.).
Katja Mertin

10. Anpassung, Synthese, Konfrontation: Drei Wege in die Politik

Zusammenfassung
Die untersuchten Organisationen der Religiösen Rechten versuchten bzw. versuchen auf durchaus unterschiedliche Weise, dem Vorwurf zu begegnen, ihr politisches Engagement stelle eine ernste Gefahr für die amerikanische Demokratie dar. Zwei von ihnen haben ihr Verhalten im Laufe ihrer politischen Aktivitäten verändert, allerdings in unterschiedlicher Weise. Die dritte Gruppe weist dagegen eine bemerkenswerte Kontinuität im Umgang mit der an ihr geübten Kritik auf. Alle drei Organisationen versuchen auf unterschiedlichen Wegen, sich als demokratische Kraft zu präsentieren; sie agieren innerhalb der Institutionen demokratischer Willensbildung und greifen nicht den demokratischen Charakter des politischen Systems selber an. Fasst man die unterschiedlichen Herangehensweisen der Organisationen schlagworthaft zusammen, lässt sich das Verhalten von Moral Majority als einfache Anpassung bezeichnen, das von Christian Coalition als Synthese- bzw. Integrationsversuch und schließlich jenes von Family Research Council als selbstbewusste Konfrontation. Diese Kennzeichnungen werden nachfolgend näher begründet.
Katja Mertin

11. Schlusswort: Die Religiöse Rechte in der liberalen Demokratie

Zusammenfassung
Den Ausgangpunkt für die vorliegende Arbeit bildete die latente Skepsis, mit der viele Amerikaner den politischen Aktivitäten der so genannten Religiösen Rechten begegnen. Sie sehen in den politischen Organisationen der Bewegung eine Gefahr für die Demokratie und die Freiheitsrechte und furchten, dass es ihnen letztlich um die Etablierung einer politischen Ordnung auf der Grundlage ihres religiösen Glaubens geht, in der für Andersdenkende kein Platz mehr wäre. In zum Teil scharfer Form wird der Religiösen Rechten moralischer Absolutismus, Intoleranz und eine daraus resultierende Unfähigkeit zur Teilnahme an einer offenen, demokratisch-pluralistischen Diskussionskultur vorgeworfen. In den theoretischen Begriffen des politischen Liberalismus lautet die Kritik: Hier versucht eine gesellschaftliche Gruppe, eine partikuläre Konzeption des Guten, nämlich den evangelikal-fundamentalistischen Glauben, zum Gestaltungskriterium allgemeiner Politik zu machen. Dies bedeutet einen klaren Verstoß gegen das Primat des Rechts bzw. das Prinzip ethischer Neutralität, an dem sich die Politik in modernen, wertepluralistischen Gesellschaften ausrichten muss.
Katja Mertin

12. Literaturverzeichnis

Ohne Zusammenfassung
Katja Mertin

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