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18-01-2017 | Car-to-X | Im Fokus | Article

Das Fahrverhalten als Daten-Geschäftsmodell

Author:
Sven Eisenkrämer

Start-ups machen ältere Automodelle per Aufrüstung zum Smart Car. Perspektivisch bietet sich mit den gesammelten Daten ein neuer Markt in der Quantified-Car-Bewegung.

Intelligente und vernetzte Fahrzeuge sind die Zukunft. Auf dem Weg zum vollkommen autonom agierenden Straßenverkehr sind die Smart Cars mit ihren innovativen Funktionen ein wichtiger Zwischenschritt. Die Automobilhersteller entwickeln bereits Software auf Basis künstlicher Intelligenz und wollen sie schon recht kurzfristig in erste Autos und Nutzfahrzeuge implementieren. Autos, die wissen, wie es ihnen geht; die dem Fahrer assistieren, spritsparend zu fahren; die die aktuelle Verkehrslage kennen und Routen vorschlagen; die die günstigste Tankstelle in der Nähe finden – einige Modelle, meist aus der Oberklasse, können das bereits. In einigen Jahren werden solche Funktionen flächendeckend bei allen Neuwagen zu finden sein und Autos werden immer mehr Teil des Internets der Dinge.

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Doch Quantified Cars – also die Verwertung von gesammelten Daten zur Analyse und Optimierung von Fahrzeugen auch in Hinblick auf die Personalisierung – stehen noch ganz am Anfang der Entwicklung. Dabei bergen diese Daten enormes Wirtschaftspotenzial.  

Bezeichnet der Begriff Quantified Self die Aufzeichnung, Analyse und Auswertung der im Rahmen eigener Aktivitäten erzeugten Daten, umfasst der Begriff Quantified Car in Analogie dazu das systematische Sammeln der Lebenszyklusdaten eines Fahrzeugs in der Nutzungsphase und darauffolgend die intelligente Analyse, um für unterschiedliche Stakeholder einen Nutzen zu stiften." Alexander Stocker und Christian Kaiser in ihrer Originalarbeit "Quantified Car: Potenziale, Geschäftsmodelle und Digitale Ökosysteme", veröffentlicht in e&i Elektrotechnik und Informationstechnik (7/2016).

Wie Alexander Stocker und Christian Kaiser in ihrer Arbeit, die im Springer-Magazin "e&i" (7/2016) veröffentlicht wurde, schreiben, "wird heute im Hinblick auf die Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen intensiv über die Vernetzung des Fahrzeugs mit anderen Fahrzeugen (Car2Car) sowie mit der Infrastruktur (Car2X) diskutiert. Doch eine innovative Verwertung der von Fahrzeugen gesammelten Lebenszyklusdaten mit Fokus auf die Generierung von Mehrwert für den Fahrenden – in Analogie zur Quantified-Self-Bewegung – hat bei den europäischen Fahrzeugherstellern noch keinen hohen Stellenwert erreicht." 

OBD2-Schnittstelle als Link zum Autocomputer

Genau da setzt unter anderem ein Start-up aus Karlsruhe an. In Europa fahren derzeit etwa 140 Millionen Fahrzeuge mit Baujahren ab den 2000ern, alle ohne eine Vernetzung und ohne jeden Bezug zur Quantified-Car-Bewegung. Höchstens mit Navigationsgerät und Bordcomputer, der den Spritverbrauch anzeigt, ausgestattet, sind diese Fahrzeuge – inklusive der meisten derzeit verfügbaren Neuwagen – weit weg von intelligenten Fahrzeugen, die die Datenanalyse ermöglichen.  Doch die Lösung ist denkbar einfach: Die standardisierte On-Board-Diagnose-Schnittstelle OBD2.

„Smartcar für alle.“ So beschreibt Martin Kern, einer der Gründer von Pace Telematics, sein Produkt mit drei Worten.  Pace Telematics hat den Pace Link und die Pace App entwickelt. Ein Stecker mit eingebautem Bluetooth-Modul, den Fahrzeugnutzer an die OBD2-Diagnoseschnittstelle eines Fahrzeugs anschließen können und der mit der App auf dem Smartphone des Nutzers kommuniziert.

Moderne Fahrzeuge sind Hochleistungscomputer auf vier Rädern. Ausgestattet mit einer umfangreichen und vielschichtigen Sensorik sammeln sie bereits eine Unmenge an Daten über sich selbst und mit der breiten Verfügbarkeit von Fahrerassistenzsystemen auch immer mehr über ihre Umgebung“, schreiben Stocker und Kaiser in der e&i. Laut dem von Volkswagen koordinierten EU-Projekt AutoMat, welches sich mit technischen Fragestellungen rund um die Etablierung eines Marktplatzes für Fahrzeuglebenszyklusdaten befasst, verarbeitet ein modernes Fahrzeug pro Sekunde demnach bis zu 4000 Signale im in Fahrzeugen etablierten Controller-Area-Network-(CAN)-Bus System.

Gamification als Nutzer-Anregung

Pace ist nicht der erste oder einzige Anbieter mit einer externen Lösung unabhängig vom Hersteller. Neben einigen kleinen, manchmal gar privaten Anbietern, die Apps über universelle OBD2-Adapter arbeiten lassen, hat auch Branchengröße Tomtom mit seinem Curfer eine ähnliche Lösung auf dem Markt. Im Grundsatz funktionieren die Apps gleich: Die Software auf dem Smartphone liest über die Bluetooth-Verbindung des Handys mit dem Stecker in der standardisierten OBD2-Schnittstelle ständig Daten aus dem Fahrzeugcomputer aus und verarbeitet sie. Je nach App-Funktion werden beispielsweise Öl- und Kühlwassertemperatur, Motorauslastung, Geschwindigkeit, und mehr angezeigt. Daten der Handysensoren (Fliehkraft-Detektor, GPS-Standort, et cetera) sowie aus dem Internet (erlaubte Geschwindigkeit auf der Strecke und so weiter) ergänzen die Darstellung. Aus allem wird je nach App auch eine Analyse des Spritverbrauchs erstellt – per Gamification kann der Fahrer dahingehend sein Fahrverhalten verbessern und günstiger Auto fahren.  Die Daten werden meist in einer Cloud gespeichert, bei Pace in einem deutschen Rechenzentrum nach deutschen Datenschutz- und Sicherheitsbestimmungen.


Bei der Pace App kommen zum Performance-Monitor, Benzinkostentracking und Spritspartrainer eine Fehlercode-Analyse, eine Find-My-Car-Funktion, ein Traffic-Monitor, ein Tankstellenfinder sowie ein elektronisches Fahrtenbuch hinzu sowie eine Notruf-Funktion bei einem Unfall (analog zum demnächst eingeführten europaweiten eCall bei Neufahrzeugen). Teilweise sind die Funktionen noch in der Entwicklung oder im Beta-Test.  Etwa ein halbes Jahr hat Pace Telematics laut Martin Kern für die Software-Entwicklung gebraucht, arbeitet seitdem an der Ausweitung der Funktionen. Etwa genau so lange wurde mit einem deutschen Autozulieferer an der Hardware gearbeitet. Der Stecker von Pace ist im Bereich der deutschen STVO zur Verwendung zugelassen, sagt Kern – das sind bei weitem nicht alle der Konkurrenzprodukte.

Smart Car für den Nutzer, Quantified Car für die Anbieter

Dass Fahrzeug- und Fahrverhaltensdaten mittelfristig nicht nur für den Nutzer, sondern auch für den Anbieter interessant werden, daran zweifeln die Autoren Stocker und Kaiser in ihrem e&i-Beitrag nicht im Geringsten. Was für den Nutzer das Smart Car ist, ist für den Software-Anbieter das Quantified Car. „Die kontinuierliche Sammlung und laufende Analyse von Fahrzeugdaten dient heute einem zentralen Zweck, der Gewährleistung bzw. Überwachung von Fahrzeugfunktionen. Doch die Möglichkeiten einer weiterführenden, intelligenten Nutzung dieser Daten gehen weit über diesen originären Zweck hinaus, denn es ließen sich völlig neue Produkte, Dienstleistungen und sogar Digitale Ökosysteme entwickeln“, schreiben Stocker und Kaiser zu den Möglichkeiten, die sich für Unternehmen künftig bieten können. Die Autoren beschreiben in ihrem e&i-Artikel ein solches mögliches digitales Ökosystem für Quantified Car.

 

Pace als deutscher Anbieter einer externen Lösung, die auch ältere Fahrzeugmodelle zum Smart oder Quantified Car macht, könnte zukünftig also eine beachtliche Rolle in einem solchen Ökosystem spielen. Potenziell sind es schließlich 140 Millionen Fahrzeuge, die nachgerüstet werden könnten und deren Daten verarbeitet und im digitalen Markt verwertet werden könnten.  

Als Beispiel nennt Pace Telematics auf seiner Internetseite www.pace.car zukünftige Einsatzmöglichkeiten, unter anderem: „Wir arbeiten zum Beispiel für die Zukunft an einer Möglichkeit, dass ein Pace-Nutzer sich dafür entscheiden kann, der Werkstatt seines Vertrauens im Falle eines Problems Zugriff auf die servicerelevanten Informationen seines Autos zu geben. Damit kann die Werkstatt dann eine Remote-Diagnose durchführen, spart sich viel Zeit und kann ihrem Kunden viel effizienter helfen.“ Das lässt sich sicher vermarkten.

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