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1. Zum Begriff der Sozialstruktur

Auszug
Der allgemeine Begriff der Struktur ist ein Instrument, das dazu dient, den inneren Aufbau eines Phänomens zu analysieren. Er untergliedert die Gesamtheit der Erscheinung in verschiedene Elemente (Teilbereiche) und untersucht die relativ dauerhaften Beziehungen und Zusammenhänge zwischen den Elementen (vgl. Lüdtke 1973, 662). In diesem Sinne erforschen Chemiker die Struktur von Molekülen, Sprachwissenschaftler die Struktur der Sprache oder Psychologen die Struktur der Persönlichkeit.

2. Die Entstehung der Industriegesellschaft: sozioökonomischer Wandel im 19. Jahrhundert

Auszug
Die gegenwärtige Sozialstruktur lässt sich besser verstehen, wenn man weiß, wie sie entstanden ist. Wichtige Grundlagen der modernen Gesellschaft bildeten sich bereits im 19. Jahrhundert heraus. Daher möchte ich die Darstellung der deutschen Sozialstruktur mit einem historischen Abriss über wichtige Entwicklungslinien des sozioökonomischen Wandels im 19. Jahrhundert beginnen.

3. Struktur und Entwicklung der Bevölkerung

Auszug
Unter Bevölkerung versteht man die Gesamtzahl der Einwohner innerhalb eines politisch abgrenzbaren Gebietes. Sie ist ein Grundelement jeder Gesellschaft, und ihre Struktur und Entwicklung stehen in einer engen Wechselbeziehung zu anderen Teilen der Sozialstruktur. Einerseits wird die Bevölkerungsbewegung - die Geburtenziffern und die Lebenserwartungen sowie die Wanderungen - wesentlich durch soziale Faktoren mitbestimmt. Andererseits haben die quantitativen Veränderungen vielfältige Rückwirkungen auf die Gesellschaft, auf die sozialen Institutionen und die Lebenschancen der Menschen - z. B. auf das wirtschaftliche Leben und die Erwerbs- und Einkommenschancen, auf die Familien- und Haushaltsformen, auf das Bildungswesen und die Bildungschancen, auf das System der sozialen Sicherung und die verschiedenen Lebensrisiken.
Rainer Geißler, Thomas Meyer

4. Die Entwicklung der materiellen Lebensbedingungen

Auszug
Auf das „goldene Zeitalter“ der Hochindustrialisierung im Kaiserreich mit der Verdoppelung der Realeinkommen und anderen Verbesserungen der Lebensverhältnisse folgten drei Jahrzehnte der Einbrüche und des Stillstands. Der Erste Weltkrieg, die Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik mit Inflation und Massenarbeitslosigkeit und der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen führten zu krassen, krisenhaften Veränderungen in den Lebensumständen vieler Menschen. Die Entwicklung der Einkommen, der Vermögen und des Lebensniveaus brachten im Durchschnitt keine nennenswerten Fortschritte; die beiden Weltkriege markierten eine Periode des Auf und Ab und der Stagnation.

5. Soziale Klassen und Schichten - soziale Lagen - soziale Milieus: Modelle und Kontroversen

Auszug
Um die Struktur der sozialen Ungleichheit in ihrer Gesamtheit zu gliedern und zu analysieren, hat die Soziologie drei wichtige Ansätze mit unterschiedlichen Fragestellungen und Modellen entwickelt: das traditionelle Modell der sozialen Klassen bzw. Schichten und die beiden neueren Modelle der sozialen Lagen und sozialen Milieus. Die drei Ansätze erhellen unterschiedliche Facetten der modernen Sozialstruktur und akzentuieren unterschiedliche Probleme.

6. Eliten

Auszug
In den Sozialwissenschaften herrscht keine Einigkeit darüber, wie man die Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie abgrenzen und benennen soll (vgl. Imbusch 2003 und Krais 2003). Begriffe wie „politische Klasse“ oder „herrschende Klasse“ (so z. B. Bourdieu 1979), „Oberschicht“, „Reiche“ oder „Prominenz“ (Peters 1996) akzentuieren verschiedene Facetten der obersten sozialen Ränge und signalisieren Unterschiede in der kritischen Distanz zu diesen Gruppen. Am häufigsten wird die Spitze der Gesellschaft als „Elite“ bezeichnet. „Zur Elite gehören alle Mitglieder eines sozialen Systems, die aus einem Selektionsprozess als den übrigen Mitgliedern überlegen hervorgehen.“ Auf diese trockene und abstrakte Formel bringt Endruweit (1979, 34) den gemeinsamen begrifflichen Nenner der sozialwissenschaftlichen Elitetheorien. Er übersetzt damit in die dürre Wissenschaftssprache, was mit der Idee der „Auslese“ oder des „Auserwähltseins“ - Elite kommt von dem französischen Wort „élire“ = auswählen oder auslesen - gemeint ist. Der folgende Versuch eines Biologen, die Elite begrifflich zu bestimmen, ist farbiger und anschaulicher, aber wegen seines idealisierenden Charakters auch anfechtbarer: „Zu Eliten zählen jene Menschen, die durch besondere Fähigkeiten Anerkennung und damit verbundene Vorteile genießen und daher durch Macht, Überzeugungskraft oder als Vorbild Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen, für die sie deshalb auch verantwortlich sind“ (Markl 1989).

7. Selbstständige, bürgerlicher Mittelstand, Bauern

Auszug
Die amtliche Statistik definiert Selbstständige als „Personen, die einen Betrieb oder eine Arbeitsstätte gewerblicher oder landwirtschaftlicher Art wirtschaftlich und organisatorisch als Eigentümer/-innen oder Pächter/-innen leiten (einschließlich selbstständige Handwerker/-innen) sowie alle freiberuflich Tätigen, Hausgewerbetreibenden und Zwischenmeister“ (StatJb 2004, 70). Das Gemeinsame aller Selbstständigen ist also ein Element ihrer Arbeitssituation: Sie arbeiten nicht in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis, sondern verfügen über eigene Betriebsmittel und stellen auf eigene Rechnung Produkte oder Dienstleistungen her. Dabei können sie lediglich ihre eigene Arbeitskraft einsetzen („Ein-Mann-Betriebe“, „Eine-Frau-Betriebe“) oder zusätzlich die von Familienangehörigen (Familienbetriebe), oder sie können als Arbeitgeber weitere Lohn- bzw. Gehaltsempfänger beschäftigen. Die Diskussion um die „Scheinselbstständigen“ hat allerdings deutlich gemacht, dass nicht alle Bereiche der sozialen Wirklichkeit den klaren und sauberen Definitionen der Statistiker entsprechen und dass es eine wachsende Übergangszone zwischen selbstständiger und abhängiger Erwerbsarbeit gibt.

8. Dienstleistungsschichten und industrielle Dienstleistungsgesellschaft

Auszug
Im Jahr 1949 entwickelte der französische Ökonom und Soziologe Jean Fourastié die berühmte Drei-Sektoren-Hypothese des sozioökonomischen Wandels, mit der grundlegende langfristige Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft beschrieben und erklärt werden. Ausgangspunkt dieser Theorie ist die Einteilung der Produktionsstruktur in drei Sektoren, wie sie bereits einige Jahre vorher Colin Clark (1940) vorgenommen hatte:
  • in einen primären Sektor der Produktgewinnung (insbesondere Landwirtschaft, auch Forstwirtschaft, Fischerei),
  • in einen sekundären Sektor der Produktverarbeitung (Industrie und Handwerk, meist einschließlich Bergbau und Baugewerbe) und
  • in einen tertiären Sektor der Dienstleistungen (Handel, Verkehr, Kommunikation, Verwaltung, Bildung, Wissenschaft, Beratung, Sozial- und Gesundheitswesen u. a.).

9. Arbeiterschichten: Entproletarisierung und Differenzierung

Auszug
Seit den 1950er Jahren, seit der Nivellierungsthese Schelskys, wird in der Soziologie und in der Öffentlichkeit häufig bezweifelt, dass es in der Bundesrepublik noch eine Arbeiterschicht gebe. Arbeitertypische Lebensbedingungen, Milieus und Lebensstile hätten sich allmählich aufgelöst, die Arbeiterschaft als soziale Schicht hätte sich verflüchtigt. Dahrendorf (1965, 111) wendet sich im Jahr 1965 dezidiert gegen Vorstellungen dieser Art:
„Die Verflüchtigung der Arbeiterschicht im Bewusstsein der anderen ist auch ein Zeugnis für die deutsche Ideologie sozialer Harmonie, die es erlaubt, denjenigen, der von Arbeiterproblemen spricht, als hoffnungslos antiquiert zu belächeln oder als kommunistisch infiziert zu verketzern.“

10. Deutsche Randschichten: Arme - Obdachlose - Langzeitarbeitslose

Auszug
Für Bevölkerungsgruppen, die aufgrund gravierender Benachteiligungen unterschiedlicher Art teilweise vom „normalen“ Leben der Gesellschaft ausgeschlossen sind, hat sich die unscharfe Bezeichnung „Randgruppen“ eingebürgert (vgl. z. B. Scherr 2001). Mit diesem Etikett werden so unterschiedliche Gruppen (bzw. soziologisch genauer: Quasi-Gruppen) wie Ausländer und Spätaussiedler, Vorbestrafte und Homosexuelle, Sozialhilfeempfänger und Obdachlose, Behinderte und alte Menschen, Drogenabhängige und Arbeitslose versehen. Ich werde im Folgenden etwas näher auf diejenigen Gruppen eingehen, deren Soziallage unter anderem durch eine extreme sozio-ökonomische Unterversorgung gekennzeichnet ist. Sie sind im untersten Bereich der Schichtungshierarchie angesiedelt und werden im Folgenden als Randschichten bezeichnet. In der Bundesrepublik gehören dazu in erster Linie Arme, Obdachlose und Langzeitarbeitslose - Gruppen, die sich teilweise überlappen; in der DDR zählten dazu auch große Teile der alten Menschen. Wer vorübergehend - das ist in Deutschland die Regel - oder auch auf Dauer zu einer Randschicht gehört, muss „randständig“ leben, ist „an den Rand der Gesellschaft gedrängt“, weil sich in seiner Soziallage erhebliche Benachteiligungen in verschiedenen Bereichen häufen. Starke ökonomische Defizite gehen in der Regel einher mit Tendenzen zur sozialen Isolation und sozialen Diskriminierung. Dadurch werden die Lebenschancen der Randschichten und ihre Teilnahme am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben erheblich beeinträchtigt. Randschichten sind in diesem Sinne „marginalisiert“; sie sind Problemgruppen der Sozialpolitik und nur mangelhaft in die Kerngesellschaft integriert.

11. Ethnische Minderheiten

Auszug
Ein wachsendes Segment der Sozialstruktur. In den 1960er Jahren treten die ethnischen Minderheiten als neues quantitativ gewichtiges Segment der westdeutschen Sozialstruktur in Erscheinung. 1960 lebten erst knapp 700.000 Ausländer in der Bundesrepublik; im Zuge der Anwerbung von Gastarbeitern stieg ihre Zahl im Laufe eines Jahrzehnts um mehr als das Vierfache auf knapp drei Millionen im Jahr 1970 an, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nahm in diesem Zeitraum von 1,2 % auf 4,9 % zu. Bis zum Ende der 1990er Jahre hat sich ihre Zahl nochmals mehr als verdoppelt:1 Anfang 2005 lebten 6,7 Millionen Ausländer auf deutschem Gebiet; sie machen derzeit 8,1 % der Wohnbevölkerung aus. Auch die etwa 1,6 Millionen eingebürgerten Einwanderer (vgl. S. 237), die in diesen Zahlenangaben nicht berücksichtigt sind, gehören zu diesem multiethnischen Segment, dessen Wachstum sich langfristig fortsetzen wird.

12. Soziale Mobilität

Auszug
Der Begriff Mobilität bezieht sich auf die Bewegung von Personen in der Gesellschaft. In der Regel werden räumliche Mobilität (Bewegungen von Ort zu Ort, Wanderungen) und soziale Mobilität unterschieden. Einige Aspekte der räumlichen Mobilität wurden in Kapitel 3.5 behandelt. Mit sozialer Mobilität ist der Wechsel von Personen zwischen sozialen Positionen gemeint, dazu gehört insbesondere der Wechsel zwischen Berufsgruppen oder Schichten. Mobilitätsprozesse verlaufen sehr vielschichtig, daher hat die Soziologie eine ganze Reihe von Begriffen entwickelt, die unterschiedliche, meist miteinander zusammenhängende Aspekte der sozialen Mobilität beleuchten. Bereits Max Weber (1976, 177 - zuerst 1921) unterschied zwischen Generationenmobilität (oder: Intergenerationenmobilität) - dem Schichtwechsel in der Generationenfolge von der Elterngeneration auf die Kindergeneration - und Karrieremobilität (oder: Intragenerationenmobilität), dem Schichtwechsel im Verlaufe einer individuellen Lebensgeschichte. Von dem russisch-amerikanischen Mobilitätsforscher Pitirim A. Sorokin (1927) stammt die Unterscheidung zwischen horizontaler und vertikaler Mobilität, von horizontalen Bewegungen zwischen Positionen, die von ihrem Rang her auf einer Ebene liegen, und vertikalen Bewegungen zwischen höher oder niedriger gelegenen Positionen, also sozialen Aufstiegen bzw. sozialen Abstiegen. Theodor Geiger (1962, 1962a) trennte zwischen individueller Mobilität - dem Übergang von einzelnen Personen von einer Schicht in die andere - und kollektiver Mobilität, dem sozialen Aufstieg oder Abstieg einer ganzen Gruppe; kollektive Mobilität ist danach z. B. der soziale Aufstieg der Volksschullehrer durch die Akademisierung ihrer Ausbildung. Geiger wies auch mit Nachdruck auf die doppelte Dynamik der Mobilitätsvorgänge hin: Nicht nur Individuen bewegen sich ständig zwischen den Positionen und Schichten (Fluktuationen), auch das Positionsgefüge selbst, das Berufs- oder Schichtgefüge, befindet sich in permanenter Bewegung; es verändert ständig seine Struktur (Umschichtungen). Der Strukturwandel „zwingt“ die Menschen, ihre Positionen zu wechseln. Schrumpfende Gruppen - z. B. die Bauern - verdrängen Menschen, sie üben einen Abstoßeffekt aus; expandierende Gruppen - z. B. die Dienstleistungsschichten - ziehen Menschen an, sie üben einen Sogeffekt aus. Der Einblick in die Zusammenhänge von Umschichtungen und Fluktuationen veranlasste ihn, zwischen „kategorischem“ und „individuellem“ Positionswechsel zu unterscheiden (Geiger 1939, 631). Der Mobilitätsforscher Yasuda (1964) nannte diese beiden Aspekte der Dynamik später Strukturmobilität und Zirkulationsmobilität. Die erstere wird durch Strukturwandel „erzwungen“, die andere ist „überschüssige“ Mobilität und vollzieht sich unabhängig von den Veränderungen im Positionsgefüge.

13. Bildungsexpansion und Wandel der Bildungschancen. Veränderungen im Zusammenhang von Bildungssystem und Sozialstruktur

Auszug
Entwicklungen in der Sozialstruktur sind auf vielfältige Weise mit Entwicklungen im Bildungssystem verknüpft. Dieses Kapitel konzentriert sich auf einen zentralen Aspekt dieser Zusammenhänge: auf die soziale Platzierung und Auslese und deren Zusammenhänge mit der Bildungsexpansion, die - aus sozialstruktureller Perspektive - die wichtigste Veränderung im deutschen Bildungswesen der letzten Jahrzehnte darstellt.

14. Die Entwicklung der sozialen Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern

Auszug
Neben den schichtspezifischen Differenzierungen gehören die sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtem zu den wesentlichen Charakteristika der Sozialstruktur moderner Gesellschaften. In der industriellen Gesellschaft hat sich eine besondere Form der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in der Privatsphäre, in der Arbeitswelt und im öffentlichen Leben herausgebildet (vgl. dazu auch S. 38). Zwischen Männern und Frauen existieren typische Unterschiede in den Soziallagen und gesellschaftlichen Rollenanforderungen, die sich über geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse auch auf die Persönlichkeit, auf Einstellungen, Motivationen und Verhaltensweisen niederschlagen. Für die Ungleichheitsanalyse sind insbesondere diejenigen geschlechtstypischen Differenzen von Interesse, die sich hierarchisch deuten lassen, d. h. als Muster, die Frauen strukturell benachteiligen.1

15. Private Lebensformen im Wandel

Auszug
Ein Definitionsversuch des Begriffs Familie steht vor der Schwierigkeit, die große historische und kulturelle Vielfalt der Familienformen berücksichtigen zu müssen. Auch wenn es an allgemein anerkannten Bestimmungsversuchen fehlt, lässt sich sagen: Im weitesten Sinn ist die Familie eine nach Geschlecht und Generation differenzierte Kleingruppe mit einem spezifischen Kooperations- und einem wechselseitigen Solidaritätsverhältnis, dessen Begründung in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird. Aufgabe der Familie ist es unter anderem, Schutz zu gewähren und das Sexualverhalten ihrer Mitglieder zu regulieren (vgl. Nave-Herz 1989, 193).
Thomas Meyer

16. Grundlinien der Entwicklung zu einer modernen Sozialstruktur

Auszug
In der folgenden Bilanz werde ich die Grundlinien der sozialstrukturellen Entwicklung in der alten Bundesrepublik, in der DDR und im vereinten Deutschland, die in den vorangehenden Kapiteln im Detail dargestellt wurden, stark komprimiert zusammenfassen. Gleichzeitig interpretiere ich sie im Rahmen der neueren Varianten der Modernisierungs-theorie. Diese befasst sich „vornehmlich mit tiefgreifenden Wandlungsprozessen langfristiger Art, die zumindest ex post eine klare Richtung haben“ (Zapf 2001, 493). Die Konzepte „moderne Gesellschaft“ und „Modernisierung“ sind weder eindeutig noch unumstritten. Insbesondere unter Ostdeutschen stößt die modernisierungstheoretische Perspektive auf Vorbehalte: Ihr „Westzentrismus“ kollidiert mit ostdeutschen Befindlichkeiten, denn sie rückt die „Rückschrittlichkeit“ in Ostdeutschland und die Grundtendenz zur „Anpassung an den fortschrittlichen Westen“ ins Zentrum und nicht so sehr die ostdeutschen Besonderheiten und deren Überleben bzw. Herausbildung (vgl. z. B. Reißig 1998, 315 ff.). Dennoch ist sie besser als andere Begriffe und Theorien in der Lage, wichtige Entwicklungstendenzen der Sozialstruktur im geteilten Deutschland zu bündeln und zu vergleichen sowie den sozialstrukturellen Wandel im vereinten Deutschland - die relative Kontinuität im Westen und die starken Umbrüche im Osten - zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären. Die Renaissance der Modernisierungskonzepte seit den 1980er Jahren - insbesondere nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme - kommt nicht von ungefähr.1 Ein kurzer Rückblick in die Geschichte der Modernisierungstheorien soll dazu beitragen, die Einseitigkeiten und Gefahren, die mit ihrer Verwendung einhergehen können, zu minimieren.

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