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19-11-2021 | Energieeffizienz | Interview | Article

"Nur mit mehr Effizienz ist die Energiewende zu meistern"

Author: Frank Urbansky

6:30 min reading time
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60 Wissenschaftler ermahnen die Politik, dass die Energiewende ohne höhere Effizienzziele nicht zu schaffen ist. Im Interview erklären die Initiatoren Peter Hennicke und Eberhard Jochem, wie das erreicht werden kann.

Springer Professional: Die aktuellen Energiepreise rücken auch die soziale Frage der Energiewende wieder in den Mittelpunkt. Gäbe es auf die gesamte Volkswirtschaft gesehen aus Ihrer Sicht Maßnahmen, die dem kurzfristig entgegenwirken könnten?

Steigende Energiepreise für alle Energieanwender sind im Grunde erwünscht, weil sie eher die ökologische Wahrheit sagen und damit den effizienteren Umgang mit Energie beschleunigen. Gezielte Energiesparprogramme helfen Kosten zu dämpfen. Bei Haushalten mit niedrigem Einkommen muss sozialpolitisch flankiert werden. Bei energieintensiven Unternehmen, die nicht immer im internationalen Wettbewerb stehen und die von vielen Ausnahmen bei Energiesteuern und Emissionszertifikaten bereits profitieren, können Auflagen und gezielte Anreize für Energieeffizienz-Maßnahmen die Energiekosten weiter vermindern. Auf keinen Fall sollte mit Energiepreispolitik Sozial- oder Industriepolitik versucht werden. Das würde die Energiewende verlangsamen und den Steuerzahler unnötigerweise Milliarden Euro kosten.

Die beste Energie ist die, die nicht verbraucht wird. Das spart auch den immens teuren Aufbau von Erzeugungskapazitäten. Wie sieht aus Ihrer Sicht ein idealer Energiemix der Zukunft aus?

Der Endenergiebedarf kann und muss für Klimaneutralität bis 2045 und 2050 in etwa halbiert werden, bei den Gebäuden etwas mehr, beim Straßenverkehr durch die elektrisch getriebenen Fahrzeuge, bei der Industrie durch Prozess-Substitutionen und eine intensive Nutzung der Abwärme als Energiequelle, insbesondere im Bereich der Grundstoff-Industrie. Jede eingesparte Kilowattstunde erleichtert höhere Anteile und mehr Akzeptanz für erneuerbare Energien – nicht nur bei Windkraft und PV-Strom, sondern auch bei Wasserkraft, geothermischer und solarer Wärme, Biogas, modernen Formen von Holzbrennstoffen und grünem Wasserstoff.

Grüner Wasserstoff ist ja mal Champagner, mal Selterswasser der Energiewende. In welchen Bereichen soll er künftig eingesetzt werden, auch weil seine Erzeugung aufgrund mangelnder Effizienz immer sehr kostspielig bleiben wird?

Für eine dekarbonisierte Wirtschaft ist Wasserstoff unverzichtbar als Reduktionsmittel, etwa bei der Stahlerzeugung, oder als Rohstoff für chemische Grundstoffe wie im Ammoniak; auch als Brenngas zur Erzeugung von Prozesstemperaturen zwischen 800 °C und mehr als 1.800 °C, wo Elektro-Wärmeerzeuger oder Biogas nur begrenzt eingesetzt werden können. Wasserstoffbasierte synthetische Treibstoffe werden in der Luft- und Schifffahrt gebraucht. Wasserstoff für Brennstoffzellen in Schienenfahrzeugen ohne elektrifizierte Strecken oder auch für Regelkraftwerke ist sinnvoll. Bei geringeren Temperaturen haben Abwärmenutzung, Heißgase aus Holzbrennstoffen, Hochtemperatur-Wärmepumpen, Geothermie, Kessel mit modernen Holzformen, Solarthermie und Strom-Wärmeerzeuger meist deutliche Kostenvorteile. Wasserstoff zur Erzeugung von Niedertemperatur-Wärme von unter 100 °C bleibt dauerhaft unrentabel.

Mobilität und Wärmemarkt hinken in der Entwicklung den Klimazielen von 2045 hinterher. Fehlt hier der politische Wille oder ist hier vor allem unser Konsumverhalten verantwortlich?

Die klimaneutrale Sanierung des Gebäudebestandes und der Umbau des autozentrierten Verkehrs in Richtung nachhaltige Mobilität sind die anspruchsvollsten sozialökologischen Transformationsprozesse der Energiewende. Individuelles, klimabewusstes Konsum- und Investitions-Verhalten kann dabei Pionier- und Vorbildrollen demonstrieren, aber veränderte Systemstrukturen und die notwendigen großen C02-Minderungen können nur durch eine ambitioniertere Politik und neue Rahmensetzung des Bundes und der EU erreicht werden. Beispiele hierfür sind die EU-Flottenverbrauchsregelung, ein Bonus/Malus-System zur drastischen Begrenzung umweltschädlicher SUVs, die massive Förderung des Umweltverbundes oder die klimaverträgliche Neugestaltung des Bundesverkehrswegeplans, aber auch die aufwendige finanzielle Unterstützung für tiefgreifende energetische Sanierung von Gebäuden.

Welche Maßnahmen müssten für den Wärmemarkt ergriffen werden, um die Energieeffizienz hier deutlich zu steigern, obwohl wir derzeit ein Fördervolumen haben, das bisher einmalig ist?

Den Wärmebedarf im Gebäudebestand zu reduzieren, wird über besseren Wärmeschutz und kontrollierte Be- und Entlüftung erreicht. Bei geringem Leistungsbedarf sind Wärmepumpen oder Biomasse-Kessel und bei größeren Leistungen Nah- und Fernwärme als Wärmeerzeuger geeignet. Ver- und Gebote sind erforderlich, um den Wärmebedarf in Bestandsgebäuden zu senken, verbunden mit erheblichen Zuschüssen und intensiven Fortbildungsmaßnahmen. Bei der Prozesswärme ist die Nutzung der riesigen Abwärmepotenziale in Industrie und Gewerbe durch ein Portfolio von Maßnahmen erreichbar: durch finanzielle Anreize, Information, Fortbildung, Effizienz-Netzwerke, Forschung und Entwicklung und – notfalls – eine Abwärmenutzungs-Verordnung. Auch die Nutzung der Abwärme von Dritten in Fernwärmenetzen wird immer wichtiger.

Wie hoch schätzen Sie die Effizienzpotenziale im Wärmemarkt ein?

Die Einsparpotentiale im Gebäudesektor, die in den nächsten 25 Jahren erreicht werden könnten, liegen bezogen auf 2020 bei etwa 55 Prozent oder 1.000 Petajoule (PJ/a) oder 278.800 Gigawattstunden je Jahr. Hierin eingeschlossen sind die Effizienzverbesserungen durch die Leistungszahlen einsetzbarer Wärmepumpen. Bei Industrie und Gewerbe sind Potentiale in etwa der gleichen Größenordnung von 800 bis 1.000 PJ/a durch den Wechsel von Produktionsprozessen erreichbar, wie Membranen, die thermische Trennverfahren ersetzen, eine verminderte Nachfrage nach Grundstoffen aufgrund einer gesteigerten Ressourceneffizienz und die konsequente Nutzung von Abwärme auch zur Erzeugung von Strom.

Da auch die Kälteerzeugung in Zukunft eine größere Rolle spielen wird – wie kann diese am effizientesten erfolgen?

Die Erzeugung der Kälte und ihre Nutzung hat heute hohe Effizienz-Potentiale, sei es durch adiabate Rückkühler, Nutzung der Abwärme der Kompressionsmaschinen oder die Erzeugung von Kälte über Abwärmeströme durch Ab- und Adsorption. Auf der Nutzungsseite sind die gezielte Erfassung der Abwärmen, eine optimierte Regelung bei klimatisierten Räumen und eine gute Isolation von Kühl- und Kältesystemen wichtig.

Wie könnte eine höhere Effizienz im Mobilitätssektor aussehen? Helfen hier etwa nur Zulassungsbeschränkungen oder tendenziell steigende Kraftstoffpreise?

Klimaverträgliche und „nachhaltige Mobilität für alle“ erfordert eine Vier-Säulen-Strategie: Verkehrsvermeidung, Verkehrsverbesserung, Verkehrsverlagerung und Verkehrsgerechtigkeit. Der Umbau der Automobilität vom Verbrenner zum Stromer erhöht zwar die Effizienz der Antriebswende drastisch. Aber mittelfristiges Ziel muss es sein, nachhaltige Mobilität zu sichern, Verkehrsgerechtigkeit für alle – auch für die 20 Prozent Haushalte ohne Auto – zu schaffen und aus Gründen des Ressourcen-, Gesundheits- und Naturschutzes etwa die Hälfte der heutigen Autoflotte von 48 Millionen Pkw unnötig und die verbleibende Flotte deutlich ressourcensparender zu machen. Dies setzt ein massives Förder- und Ausbauprogramm für die Schiene, den ÖPNV, für die Fahrradmobilität und die Abkehr von der autogerechten Stadt- und Infrastrukturplanung voraus.

Aktuell ist ein Fachkräftemangel auf allen Ebenen der Energiewirtschaft – von den Großkraftwerken bis hinunter zu den Handwerksbetrieben – zu beobachten. Sie erkennen diesen Mangel und wollen ihn beheben. Wie könnten konkrete Maßnahmen aussehen?

Neben dem demographischen Wandel führt die jahrzehntelange Priorisierung von Hochschulausbildung zum heutigen Dilemma, dass der Gebäudebestand mit derzeit verfügbaren Handwerkern nicht schnell genug saniert werden kann. Umschulungs- und Fortbildungs-Angebote mit öffentlicher Finanzierung der ausfallenden Stunden für kleinere Betriebe, mehr Wertschätzung handwerklicher Berufe sowie die Anwerbung und tarifvertragliche Absicherung von Facharbeitern aus osteuropäischen Ländern sind jetzt dringend erforderlich, um die beschlossenen Klima- und Verkehrsinfrastruktur-Ziele zu erreichen. Eine digital gestützte Gebäudeerfassung, Sanierungsplanung und industrielle Vorfertigung von Bauteilen zur Sanierung im Gebäudebestand sind notwendig.

Im Klimaschutzgesetz (2021) sind bis 2030 für alle Sektoren wie Energie, Industrie, Gebäude, Verkehr verbindliche Reduktionsziele für C02-Äquivalente und danach ein nationaler Reduktionspfad bis 2045 festgelegt. Welche Rolle spielt dabei die Energieeffizienz?

Die gesetzlich festgelegten sektoralen Reduktionsziele sind nur erreichbar, wenn eine deutlich konsequentere und kontinuierliche Querschnittspolitik zur Steigerung der Energieeffizienz in allen Sektoren dazu beiträgt. Notwendig sind daher eine gesetzliche Regelung verbindlicher Energiesparziele und eine Bundesinstitution, der die Prozess- und Steuerungsverantwortung für deren Umsetzung und das Monitoring übertragen wird. Unterstützende Agenturen auf Landes- und Kommunalebene helfen bei der Zielerreichung.

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