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14-12-2020 | Finanzbranche | Im Fokus | Article

Corona-Krise prägt das Bankenjahr 2020

Author:
Angelika Breinich-Schilly
5 min reading time

In vielen Sektoren hat die Covid-19-Pandemie tiefe Spuren hinterlassen. Zwar erweist sich die Finanzbranche bislang als resilient, doch auch hier hat die Krise 2020 zum Teil tiefgreifende Veränderungen angestoßen, die die Banken lange beschäftigen werden.

Allem voran das Firmenkundengeschäft der Finanzinstitute hat sich in den vergangenen Monaten pandemiebedingt deutlich gewandelt. Die Hausbanken sind – anders als in der Finanzkrise der Nullerjahre – für viele Mittelständler und Kleinunternehmer Rettungsanker in der Not. Über die Geldhäuser rufen Unternehmer die im Rahmen des Hilfspakets von der Bundesregierung abgesicherten Kredite ab, die den Betrieben die notwendige Liquidität liefern, die etwa aufgrund von Umsatzrückgängen oder ausbleibender Zahlungen fehlt. 

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01-09-2020 | IT | Issue 9/2020

Liquidität beurteilen, Chancen identifizieren

Die Unternehmensliquidität zu analysieren und Vertriebspotenziale bei Firmenkunden zu entdecken, sind zwei Seiten der gleichen Medaille. In der Corona-Krise hat die VR-Bank Memmingen kurzerhand eine bereits vorhandene Anwendung zum Liquiditätsindikator weiterentwickelt.

Rund jedes vierte europäische Unternehmen (43 Prozent) geht laut "European Payment Report 2020" des Kreditmanagement-Anbieters Intrum davon aus, dass das Risiko für Zahlungsverzögerungen oder -ausfälle von Kunden mittelfristig sogar steigen wird. Für die Untersuchung wurden Antworten von Finanz- und Controlling-Experten aus beinahe 10.000 Unternehmen in 29 europäischen Ländern ausgewertet und im September veröffentlicht. Viele der betroffenen Firmen können diese finanziellen Lücken nur mit kurzfristigen Bankkrediten schließen. 

Corona bietet Chancen im Firmenkundengeschäft

"In der Corona-Krise haben Unternehmen zur Absicherung ihrer Liquidität stark auf Bankkredite zurückgegriffen und machen es immer noch", zitiert Bankmagazin-Autorin Barbara Bocks in ihrem Beitrag "Kommt das dicke Ende?" Carsten Baumgärtner, Senior Partner und Experte für Corporate Banking bei der Boston Consulting Group. Dieser sieht in der aktuellen Lage aber auch Chancen für Geldhäuser, "die auf Basis einer klar definierten Firmenkundenstrategie und eines entsprechenden Kreditportfoliomanagements auch solche Unternehmen mit Darlehen versorgen können, die bislang keine Geschäftsbeziehungen oder nur kleinere Engagements bei ihnen hatten." 

"Im Corporate Banking wird der Transformationsstau der Geschäftsmodelle wegen der vielerorts niedrigen Eigenkapitalrenditen in Verbindung mit steigenden Risikolasten zu kurzfristigen und als heftig wahrgenommenen Strukturanpassungen führen. Betroffen sein werden insbesondere das Corporate Lending und das Transaction Banking als Folge der Relokation von Wertschöpfungsketten", erläutert auch Hans-Martin Kraus, Partner bei Deloitte im Bereich Consulting Strategy & Business Design im Interview mit der Bankmagazin-Autorin. 

Das erfordere bei den Banken ein strategisches Kreditrisiko- und Liquiditätsmanagement, schreibt Florian Kappert in seinem Bankmagazin-Beitrag "Risiko von Geschäften kalkulierbar machen" (Ausgabe 9 | 2020). "Die Angst vor einer möglichen Insolvenz ist für viele Unternehmen durch die Krise Realität geworden und gehört noch immer zum Alltag. Das Tückische an der Situation ist vor allem, dass es schnell zu einem Domino-Effekt kommen kann. Nicht nur die Unternehmen selbst, auch die Experten in Banken und Sparkassen, die Betriebe zu ihrer finanziellen Absicherung beraten, sollten dies berücksichtigen." 

Umwelt- und sozialbezogene Finanzierungen im Aufwind

"Aus heutiger, vorläufiger Sicht sind Segmente wie das Wealth und Asset Management sowie viele Bereiche des Investmentbankings derzeit noch weitestgehend Corona-resilient", stellt Deloitte-Experte Kraus einen positiven Trend im Krisenjahr heraus. Das gilt laut dem "Sustainable Financing and Investing Survey" der britischen Bank HSBC vor allem für das Segment nachhaltiger Finanzierungen und Investments. Diesen hat die Pandemie einen gehörigen Auftrieb beschert. Von den weltweit für die Studie befragten rund 2.000 Teilnehmern schätzen mehr als 90 Prozent die Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten (ESG) als wichtig oder sogar sehr wichtig ein. 

Banken brauchen nachhaltige Geschäftsmodelle

Doch Nachhaltigkeit ist nicht nur ein wichtiges Thema im Investmentbanking geworden, sondern auch bei den Geschäftsmodellen der Banken und den Krditvergabekriterien. "Klimarisiken werden in Risikomanagementprogrammen jedoch bislang häufig übersehen oder unterschätzt. Wenn Unternehmen allerdings betriebsfähig bleiben wollen, ist es notwendig, Resilienz in den Kern der Geschäftsstrategie zu integrieren. Das macht die Pandemie besonders deutlich", schreibt Vincent Manier in seinem Springer Professional-Gastbeitrag "Wie Finanzabteilungen Klimarisiken besser steuern". 

"Die erforderlichen Veränderungsprozesse benötigen viele Investitionen, die über bestehende Mechanismen der Finanzmärkte bereitgestellt werden sollen. Auch die Finanzierung über Banken durch einfache Kreditvergabe zählt hier dazu. Vor diesem Hintergrund hat die EU den Aktionsplan Financing Sustainable Growth entwickelt, sodass Kapitalflüsse in Richtung Nachhaltigkeit gelenkt, finanzielle Risiken bewältigt sowie Transparenz und Langfristigkeit gefördert werden", führt hierzu Katja Mayer im Buchkapitel "Nachhaltigkeit aus Finanzmarktperspektive" (Seite 122) aus. 

Die Grundlage bildet laut der Springer-Autorin die Entwicklung der EU-Taxonomie, die ein Klassifikationssystem für Nachhaltigkeit vorschlägt. Weitere Rahmenbedingungen werden ihr zufolge parallel in vielen anderen finanzmarktrelevanten Direktiven, wie zum Beispiel MiFID II (Markets in Financial Instruments Directive) oder AIFMD (Alternativ Investment Fund Manager Directive) verankert. "Dabei werden sowohl die Erwartungen an die Akteure geschärft, grüne Produkte samt Voraussetzungen bestimmt sowie Definitionen hergeleitet."

Pandemie schiebt weitere Digitalisierung der Geldhäuser an

Einen ähnlich großen Schub wie dem Thema Nachhaltigkeit brachte die Corona-Krise dem digitalen Wandel in den Geldhäusern. Praktisch über Nacht wurden viele Filialen geschlossen oder blieben nur im "Notbetrieb" geöffnet. Was lange kaum möglich schien: Viele Bankmitarbeiter erledigten nun ihre Aufgaben von zuhause aus, Kunden wurden per Telefon beraten und Konferenzen digital abgehalten. 

Doch im internationalen Vergleich liegen die deutschen Geldhäuser bei der digitalen Transformation nur im Mittelfeld, wie die Analyse "Digital Banking Maturity 2020" im Herbst zeigte. "Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie ist, dass die digitalen Champions auch in der Covid-19-Krise schneller und passender auf veränderte Bedingungen reagieren konnten. Eindeutiger Treiber ist hier der jeweilige digitale Reifegrad", erläutert Deloitte-Partner Jürgen Lademann die Ergebnisse der Untersuchung. 

Die Analyse hat fünf wesentliche Entwicklungen identifiziert, die die Messlatte im internationalen Wettbewerb bilden:

  1. Covid-19 hat das Banking verändert und die Entwicklung digitaler Kanäle spezifisch beschleunigt.
  2. Digitale Champions schneiden beim Aufwand-/Ertragsverhältnis und der Eigenkapitalrendite signifikant besser ab.
  3. Vor allem Banken müssen die Lücken im End-to-End-Digtal-Sales-Prozess schließen, um am stetig wachsenden Online-/Mobile-Segment teilzuhaben.
  4. Junge Herausforderer adaptieren neue Trends und Innovationen schneller als etablierte Spieler.
  5. Digitalen Champions gelingt es, die User Experience (UX) messbar als ausschlaggebendes Entscheidungsmerkmal für Kundenattraktivität und Loyalität zu operationalisieren.

Warum es dazu mehr Bedarf als den Einsatz digitaler Tools, erläutern die Pwc-Experten Hartmut Reinhard, Ricco Rentz und Timo Sommerfeld in ihrem Bankmagazin-Beitrag "Digitalisierung steuerbar machen" (Ausgabe 2 | 2020):

Damit Digitalisierung erfolgreich ist, geht es längst nicht nur um die Nutzung moderner Technologien, sondern insbesondere auch darum, im Rahmen einer digitalen Transformation die Unternehmenskultur und die Organisation zu verändern. Darüber hinaus werden ganze Geschäftsmodelle auf den Prüfstand gestellt."

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

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