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23-10-2020 | Unternehmensgründung | Im Fokus | Article

Radikale Innovationen sind bei Neugründungen rar

Author:
Andrea Amerland
4:30 min reading time

Es ist der Traum eines Gründers, mit einer radikalen Innovation das Marktgefüge auf den Kopf zu stellen. Doch der Gründungsalltag sieht hierzulande anders aus. Nur selten gehen Entrepreneure mit einer revolutionären Idee an den Start.

Als Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, war er sich sicher nicht bewusst, dass er damit die Geschichte und das gesamte gesellschaftliche Leben transformieren würde. Es ist bekannt, dass dadurch erst das Drucken von Flugblättern in hohen Zahlen möglich wurde und Martin Luthers Thesen rasant schnell Verbreitung fanden - viel rasanter als es ohne diese Erfindung möglich gewesen wäre. 

Editor's recommendation

2018 | Book

Entrepreneurial Innovation and Leadership

Preparing for a Digital Future

Taking the themes of entrepreneurship, start-ups, innovation and collaboration, this book seeks to answer the urgent question of how countries and companies can stay competitive in an ever-changing digital environment. 

Radikale Innovationen und disruptive Geschäfsmodelle

Die radikalen Innovationen von heute sind zwar immer noch zumeist technisch, kommen aber häufig aus den USA - von Apple, Microsoft oder Google. In Deutschland sind Disruptionen wie der Personal Computer, das Smartphone oder eine gigantische Websuchmaschine eher rar bis selten. Das zeigt die Studie "Von der Idee bis zum Gewinn – eine empirische Analyse der Entwicklungsprozesse von Neugründungen" des Instituts für Mittelstandsforschung aus Bonn. Dafür wurden von 2011 bis 2018 insgesamt 871 computergestützte Interviews mit Entrepreneuren aus Deutschland, USA, Italien, Großbritannien und den Niederlanden zu ihrem Gründungsprozess geführt und ausgewertet. Zwei Drittel der teilnehmenden Unternehmen waren im Bereich Informationstechnologie angesiedelt, das übrige Drittel auf dem Sektor der alternativen Energien. Ungefähr 35 Prozent der befragten Unternehmen stammten dabei aus Deutschland.

Demnach basiert nur jede neunte Neugründung auf dem Gebiet alternativer Energien oder der Informationstechnologie auf einer radikalen Innovation. Ein Drittel der Start-ups in diesen Sektoren verbessert hingegen lediglich ein bereits bestehendes Produkt oder eine Dienstleistung. Bei jedem zweiten jungen Unternehmen wird sogar nur eine Geschäftsidee imitiert. 

Imitierende Gründungen sind schneller am Markt

Das klingt nicht besonders innovativ, hat aber offenbar durchaus auch Vorteile. So etablieren sich solche imitierenden Gründungen viel schneller im Markt und werfen rascher Gewinne ab als Start-ups, deren Businessmodell radikal innovativ ist. "Je innovativer ein Geschäftsmodell ist, desto länger dauert der Gründungsprozess", kommentiert IfM-Wissenschaftlerin Nadine Schlömer-Laufen die Studienergebnisse. So braucht es bis zu 16 Monate länger, ein disruptives Geschäftsmodell an den Start zu bringen, als eine nachahmende Geschäftsidee. Als Grund nennen die Wissenschaftler, das radikale Innovationen mehr Zeit für die Marktetablierung brauchen, da die Produkte oder Dienstleistungen in der Regel noch unbekannt sind.

Doch insgesamt gründen deutsche Entrepreneure durchschnittlich schneller als Unternehmen in den USA - "ein aufmunterndes Ergebnis für Deutschland als Gründungsstandort", so der Tenor der Studienzusammenfassung. Einen uniformen Gründungsverlauf gebe es hingegen nicht. Das sollte die Wirtschaftspolitik bei ihren Förderprogrammen nach Möglichkeit berücksichtigen, so die Conclusio der Forscher. 

Chancenreiche Branchen für Start-ups

Für Gründer sind das alles in allem keine schlechte Nachrichten. Denn es zeigt sich, dass ein Geschäftsmodell nicht unbedingt der große, alles umwälzende Wurf sein muss. Allerdings gibt es aktuell durchaus Branchen, die sich besser für ein Start-up eignen als andere, so Anabel Ternès von Hattburg. Die Springer-Autorin empfiehlt für die Neugründung aktuelle Trends gezielt aufzugreifen (Seite 8 f.).

Die besten Branche für ein eigenes Unternehmen:

Food: Dieses Segment ist prädestiniert für Unternehmensgründungen. So hat die Ernährungsindustrie Schätzungen zufolge im Jahr 2017 rund 181 Milliarden Euro umgesetzt. 

Künstliche Intelligenz: KI wird sämtliche Bereiche des alltägliche Lebens verändern. So zeigt das Berliner Start-up Parlamind wie mit Omni-Channel-Lösungen zur Automatisierung im Kundenservice verdient werden kann.

Cyber-Sicherheit: Die Kreativität von Cyber-Kriminellen ist enorm, der Bedarf an Cyber Security auch. Und er wird weiter wachsen. "Hier eröffnet sich findigen Köpfen ein riesiges Potenzial."

Virtuelle Realität: VR bietet viel Einsatzpotenzial, steckt derzeit aber noch in den Kinderschuhen. Neben VR-Spielen oder virtuellen Erlebniswelten zeichnet sich die Werbebranche als großer Markt ab.

Quelle: Gründen mit Erfolg (2020), Seite 8 ff.

Auf dem Weg zur digitalen Disruption

Technologieorientierte Geschäftsideen erweisen sich also nach Einschätzung der Experten als besonders aussichtsreich, insbesondere dann, wenn virtuelle und reale Welt so miteinander verbunden werden, dass die Lösung einen hohen Nutzen bietet und das Leben bequemer macht. Für Gründer erschließen sich daher durch tiefgreifende Neuerungen weit mehr Wachstumsmöglichkeiten. "Echte Innovationen und das Schaffen disruptiver Technologien sind in einer Welt, deren Markt- und Gesellschaftsstrukturen sich mit exponentieller Geschwindigkeit verändern, allerdings die erfolgsversprechende Strategie", schreibt dazu Start-up-Coach und Digitalisierungsexperte Felix Thönnessen im Buchkapitel "Start-ups und Unternehmen zu Zeiten der digitalen Disruption"

Die Frage, wie das geschafft werden kann, beantwortet er ähnlich wie Anabel Ternès von Hattburg. Um innovativ zu sein oder gar eine digitale Disruption hervorzubringen, sollten Unternehmer Zukunftstrends auf dem Schirm haben und kritische Fragen stellen. Solche Fragen sind für Felix Thönnessen (Seite 50 f.):

  • Wie weit kann ich den Menschen auch in als sozial geltenden Berufen ersetzen?
  • Sind Computer besser im Erstellen von Diagnosen als Ärzte? 
  • Wann kommen Roboter, die so menschlich sind, dass sie eine Alternative zu (anstrengenden) zwischenmenschlichen Beziehungen darstellen?
  • Was werden die Lösungen für den Individualverkehr sein? 
  • Wie wird sich die Ernährung ändern, wie verändern wir unsere Lebensweise? 
  • Welche Rolle spielt der Mensch überhaupt noch in einer nach und nach digitalisierten und mechanisierten Welt?
  • Der Mensch macht Fehler, Programme können hingegen fehlerfrei werden. Was bedeutet das in letzter Konsequenz?

Nur so können Start-ups und Traditionsunternehmen neue Ideen und Geschäfstmodelle entwickeln, ist sich Thönnessen sicher. "Jede Innovation, mag sie auch noch so klein sein, kann den Weg für eine Disruption ebnen, die alles verändert. Manchmal merken wir es nicht einmal", lautet sein Fazit.

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