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18-05-2021 | Nachhaltigkeit | Im Fokus | Article

Vielfalt im Aufsichtsrat sorgt für mehr Nachhaltigkeit

Author:
Annette Speck
4 min reading time

Wenn in Aufsichtsräten mehr Frauen und Umweltfachleute sowie jüngere Gremienmitglieder vertreten sind, steigt die Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen eindeutig an, belegt eine Studie. Und das ist auch nötig.

Nachhaltigkeit ist für Unternehmen längst kein Nice-to-have mehr; Investoren erwarten sie ebenso wie die Verbraucher. In der Capgemini-Studie "Konsumgüter und Einzelhandel: Wie Nachhaltigkeit die Verbraucherpräferenzen grundlegend verändert" gab beispielsweise im Frühsommer 2020 jeder zweite von mehr als 7.500 Befragten aus neun Ländern an, zu weniger bekannten Marken zu greifen, wenn diese nachhaltiger sind.

Auf der anderen Seite zeigt die Umfrage unter den 750 ebenfalls teilnehmenden Firmen, dass deren Ausgaben für Nachhaltigkeitsinitiativen im Schnitt gerade einmal 1,9 Prozent ihrer Einnahmen ausmachen. Aus Sorge um Gewinnspannen und Kosten zögern sie zudem, mehr zu investieren. Dabei sind 77 Prozent der Hersteller und Händler überzeugt, dass Nachhaltigkeit zu mehr Kundentreue führt.

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Der Aufsichtsrat als Wegweiser

Die Gründe, warum Unternehmen das nachhaltige Wirtschaften oftmals nur oberflächlich und schleppend voranbringen, sind zweifellos vielfältig. Einen Weg, wie es schneller gehen könnte, zeigt die Big-Data-Studie "Boards and Sustainability" auf, die die Personalberatung Egon Zehnder mit der Georg August Universität Göttingen durchgeführt hat. Sie belegt nämlich einen klaren Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung des Aufsichtsrats und der Entwicklung der unternehmerischen Nachhaltigkeit.

Für die Studie wurden die Daten von 534 Unternehmen aus dem europäischen Raum aus einem Zeitraum von dreizehn Jahren analysiert. Sie umfassen die Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Die Datengrundlage stammt aus Datenbanken sowie aus den Geschäftsberichten der Unternehmen.

Mehr CSR-Expertise ist entscheidend

"Unternehmen agieren stärker nach ökologischen und sozialen Gesichtspunkten, wenn im Aufsichtsrat überdurchschnittlich viele Frauen mitentscheiden und wenn der Altersdurchschnitt niedriger ausfällt als gewöhnlich", erklärt Dr. Carsten Wundrack, Leiter der deutschen Industrial-Practice-Gruppe von Egon Zehnder. So hebt der Analyse zufolge ein hoher Frauenanteil die Nachhaltigkeitsperformance (Environmental and Social Performance = ES-Performance) um sechs Prozentpunkte über den Durchschnitt. Zudem weisen Aufsichtsräte mit den jüngsten Mitgliedern beziehungsweise den kürzesten Amtszeiten eine mit jeweils über sieben Prozentpunkten bessere unternehmerische Nachhaltigkeit auf als der Schnitt. Vielfältige Perspektiven und Erfahrungen etwa als Mutter oder aus einem Digital Start-up bereichern offensichtlich die bislang sehr homogenen Gremien und können nachhaltigeres unternehmerischens Handeln fördern.

Besonders positiv wirkt sich die Bildung eines Nachhaltigkeitsausschusses aus, der aus Mitgliedern mit Corporate-Social-Responsibility-Expertise besteht. Dies verbessert die ES-Performance gegenüber dem Durchschnitt anderer Unternehmen um gut 13 Prozent. In den Aufsichtsräten deutscher Firmen gebe es solche Ausschüsse allerdings vergleichsweise selten, stellen die Studienautoren fest. Dabei trage eine solche Instanz dazu bei, dass das Thema Nachhaltigkeit fest im Aufsichtsrat verankert wird. Dies sei dringend geboten, damit Nachhaltigkeit im Aufsichtsrat höher priorisiert und unternehmensstrategisch berücksichtigt wird. Denn nur so könnten Unternehmen den Anforderungen von Umwelt und Gesellschaft gerecht werden.

Auch Investoren fordern mehr Diversität

Vor dem Hintergrund des Zusammenhangs von Diversität und Nachhaltigkeit bescheinigt die Boards-and-Sustainability-Studie Firmen mit divers zusammengesetzten Aufsichtsräten eine höhere Zukunftsfähigkeit – und prognostiziert, dass sie vermehrt auch vom Kapitalmarkt bevorzugt werden. Die Board Diversity Initiative des Investmentunternehmens Goldman Sachs bestätigt diese Sicht.

Ein Unternehmen, das in punkto Gender Diversity im Aufsichtsrat mit einem Frauenanteil von 50 Prozent und einer weiblichen Aufsichtsratsvorsitzenden bereits weit vorn liegt, ist der Henkel-Konzern. Für das Unternehmen sei Nachhaltigkeit kein Modethema, sondern längst ein strategischer Ansatz, betont Henkel-CEO Carsten Knobel im Interview mit Jürgen Weber in der Zeitschrift Controlling & Management Review. Nachhaltigkeit sichere den künftigen Erfolg des Unternehmens und werde zunehmend auch von Stakeholdern am Kapitalmarkt gefordert (Seite 20)

Investoren und Finanzmärkte legen einen immer größeren Fokus auf Nachhaltigkeit, und auch Sustainable-Finance-Lösungen gewinnen an Bedeutung. […] 2018 haben wir als erstes deutsches Unternehmen einen syndizierten Sustainability linked Loan vereinbart – eine Kreditlinie, deren Konditionen an unsere Leistungen in drei unabhängigen Nachhaltigkeits-Ratings gebunden sind. Im vergangenen Jahr haben wir als weltweit erstes Unternehmen einen Plastic Waste Reduction Bond abgeschlossen. Die Erlöse dieser Anleihe werden in Projekte und Aktivitäten investiert, mit denen wir zur Reduzierung von Plastikabfall beitragen." Carsten Knobel, CEO der Henkel AG & Co KGaA.

Perspektiven und Kompetenzen bereichsübergreifend verknüpfen

Nicht zu unterschätzen ist auch der Aspekt, dass jüngere Aufsichtsräte, ebenfalls zu mehr unternehmerischer Nachhaltigkeit führen. Zum einen, weil sie ein anderes Werteverständnis einbringen, zum anderen verfügen sie meist über mehr Digitalkompetenz. Und beides wird auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft dringend gebraucht.

Allerdings seien "die Verantwortlichkeiten für Nachhaltigkeit und Digitalisierung in einer Organisation deutlich voneinander getrennt, was Abstimmungen oder gar eine gemeinsame Strategieformulierung erschwert", erklärt Marvin Schulze-Quester in dem Buchkapitel “Megatrend Nachhaltigkeit – Herausforderungen und Lösungsansätze durch digitale Managementstrategien“. (Seite 19) Umso wichtiger ist es, diese beiden zukunftsweisenden Handlungsfelder in divers besetzten Aufsichtsräten zu verknüpfen und voranzubringen.

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