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Über dieses Buch

Die Autorinnen der „Materialität der Kooperation“ fragen nach materiellen Bedingungen und Medienpraktiken der Kooperation – vor, während und über Situationen hinaus. Kooperation wird als ein wechselseitiges Zusammenwirken verstanden, das mit oder ohne Konsens, mit oder ohne Kopräsenz der beteiligten Akteure in verteilten Situationen vonstattengehen kann. Materielle Bedingung von Kooperation sind Medien als Artefakte, Körper, Texte, Bilder und Infrastrukturen. Sie ermöglichen, bedingen und figurieren wechselseitige Verfertigungen – und entstehen selbst durch Medienpraktiken in kooperativen Situationen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

VOR-SATZ

Frontmatter

Materialität der Kooperation zur Einleitung

Zusammenfassung
Je länger man über Situationen nachdenkt, umso befremdlicher erscheinen sie. Das gilt für ihre Praxis ebenso sehr wie für alle Begriffe, die versuchen, der Medialität situierter Produktionsweisen gerecht zu werden. Marshall McLuhan hat in einem frühen und unbekannten Text – Notes on the Media as Art Forms – Kommunikation als etwas verstanden, das Teilhabe an gemeinsamen Situationen erzeugt: „[C]ommunication as participation in a common situation“ (McLuhan 1954, S. 6). Damit ist nach den Regeln der transatlantischen Nachkriegsdiskurse zu ‚Medien‘ und ‚Kommunikation‘ weniger ein alltägliches Kommunikationsverständnis adressiert, sondern viel eher die Frage, was Medien generell ausmacht (Schüttpelz 2005).
Sebastian Gießmann, Tobias Röhl

VOR DER SITUATION

Frontmatter

„Harmony, not discord“. Kooperation im Büro der Larkin Company um 1900

Zusammenfassung
1924, im Herbst. Der deutsche Architekt Erich Mendelsohn befindet sich auf einer Studienreise durch den Nordosten der Vereinigten Staaten von Amerika. Der Besuch des Verwaltungsgebäudes der Larkin Company in Buffalo, 1906 fertiggestellt unter der Leitung des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, ist für den deutschen Architekten „ein großes Erlebnis“ (Mendelsohn 1991b, S. 64). Er bewundert den „fast völligen Verzicht auf äußerliche Schmuckformen“ und den sorgfältigen Umgang mit Farbe, Licht und Material, die „übersichtliche Organisation der Bauteile“ und „das räumliche Ineinandergreifen der einzelnen Trakte, ihren Zusammenfluß“ (Mendelsohn 1991a [1926], S. 65).
Christine Schnaithmann

Schnittstelle Laderampe. Zur Infrastruktur des Schlachthofs

Zusammenfassung
Setzt man sich mit dem Verhältnis von Tier und Maschine am Ende des 19. Jahrhunderts auseinander, kommt man um eine Zahl nicht herum: Zwischen 1883 und 1913 verdreifacht sich die Menge des in Deutschland konsumierten Schweinefleischs (vgl. Achilles 1993, S. 254). Genauso eindeutig wie diese statistische Zäsur scheint das ihr zugrundeliegende Narrativ, in dem die Mechanismen der Industrialisierung eben auch im kulinarischen System der Zeit wirksam werden.
Christian Kassung

Version Control. Zur softwarebasierten Koordination von Ko-Laboration

Zusammenfassung
Die Feststellung, dass digital vernetzte Medien ihren Nutzern Teilhabe ermöglichen, ist mittlerweile kaum mehr als ein Gemeinplatz. Dabei ist das Teilen – von Entdeckungen, Ereignissen, Beobachtungen, Nachrichten, Meinungen, Bewertungen, Überzeugungen, Informationen, Daten, Geheimnissen, Zeit, Entwicklungen, Ressourcen usw. – zum Imperativ in der Ökonomie digitaler Plattformen geworden. „[S]haring is caring“, ließ Dave Eggers (2013, S. 301) die Protagonistin Mae in seinem Roman The Circle proklamieren und eben hierfür dürfen und sollen alle Nutzer Sorge tragen.
Marcus Burkhardt

WÄHREND DER SITUATION

Frontmatter

Über das Denken in Ko-Operationsketten. Arbeiten am Luftlagebild

Zusammenfassung
Selbst wenn man nicht in Zweifel zieht, dass sich die modernen computergestützten Kommunikationsmedien aus dem kriegstechnischen Nachrichtenwesen entwickelt haben (vgl. Kittler 1993), so muss doch die Frage gestellt werden, ob sich Medien auf bestimmte Operativitäten reduzieren lassen. Gibt es Basisoperationen jenseits der drei von Friedrich Kittler identifizierten Medienfunktionen – Speichern, Verarbeiten und Übertragen (Kittler 1988, S. 518) –, die ebenfalls charakteristisch für ein technisches Medium, insbesondere das Medium ‚Radar‘ sind?
Christoph Borbach, Tristan Thielmann

„Ein weiteres gemeinsames Medium zur Banken-Kooperation“. Der Fall der Eurocard

Zusammenfassung
Im August 1983 erreichte die Deutsche Bank eine außergewöhnliche, diplomatisch riskante, fast schon unanständig zu nennende Einladung. In einem an Eckart van Hooven – Zuständiger für das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank – gerichteten Brief sprach Dee Hock, seinerseits CEO von Visa, eine Einladung zum kommenden Visa-Mitgliedskongress in Kyoto aus. Hock lud sowohl van Hooven wie seine Frau als Ehrengäste nach Japan ein.
Sebastian Gießmann

Routinen des Kooperierens in der Kreativarbeit

Zusammenfassung
Mein Beitrag fragt nach Routinen der Kooperation. Es geht um die Arten und Weisen, wie Kooperationen innerhalb des Settings zeitgenössischer Erwerbsarbeit hervorgebracht werden. Dieser Fragerichtung liegen die Annahmen zugrunde, dass – erstens – Kooperation selbst ein Ergebnis praktischer Verfertigung darstellt (vgl. auch Schüttpelz und Meyer 2017).
Hannes Krämer

Schlussfolgern durch Skizzieren. „Kooperative“ Materialien des zeichnerischen Denkens

Zusammenfassung
„Die Geschichte der Ikone in Blech begann auf einer Serviette und Tischdecke. Auf diese kritzelte der Designer Alec Issigonis die erste Mini-Skizze“, feiert die Presse den Ursprung der Automobillegende anlässlich ihres runden Geburtstags (Reuther 2016). „Klein, leicht, anders“ – in einem genialen Wurf, so heißt es, zaubert der Konstrukteur die Vision des späteren Kultobjekts auf jenen Fetzen Papier, der gerade griffbereit liegt und in die Annalen der Automobilgeschichte eingehen wird.
Sabine Ammon

Körper/Technik in Standby. Zur Bedeutung kooperativen Wartens für digitale Arbeit

Zusammenfassung
Beim Betreten einer Firma, in der Kameraaufnahmen für Kino- und Fernsehfilme digital verändert werden, ist eine beständige Geräuschkulisse aus Klicken, Tippen und Rechnerrauschen sowie gelegentlichem Gespräch und Fluchen wahrnehmbar. Der lokale Arbeitsalltag präsentiert im ethnografischen Panorama eine Vielzahl simultaner Aktivitäten zwischen Menschen und Computern. Deren temporäre Ordnung als kooperative Anteile arbeitsteiliger Gestaltung zeigt sich aber erst im methodischen Fokus auf einzelne Situationen: Diese sind als Knotenpunkte professioneller Zusammenarbeit vielfältig verbunden; zwischen ihnen formen sich Visual Effects schrittweise im Auftrag für Medienproduktionen.
Ronja Trischler

Strapping und Stacking. Eine Ethnografie der Suche nach einem neuen Medium

Zusammenfassung
Ingenieurinnen, die versuchen, neue Paradigmen für das digitale Medium zu entwickeln, zielen auf mehr als nur technische Lösungen. Sie arbeiten daran, neue Iterationen eines computerunterstützten Mediums zu denken und zu bauen. Science and Technology Studies, Medienwissenschaft und marxistische oder feministische Ansätze zur Analyse digitaler Kulturen haben jenseits allen Dissenses in anderen Fragen Konsens und gute Gründe, solchen Ambitionen zu misstrauen.
Götz Bachmann

ÜBER DIE SITUATION HINAUS

Frontmatter

Transsituativität herstellen. Flugreisen und ihre Medien

Zusammenfassung
Als Erving Goffman Mitte der 1960er Jahre „The Neglected Situation“ (1964) publizierte, war die Soziologie kaum an situationistischen Studien interessiert, sondern primär an der Sozialstruktur und an der Entwicklung statistischer Verfahren. Das hat sich bereits vor einigen Jahrzehnten geändert, situationistische Ansätze gehören inzwischen zum Standardrepertoire der Soziologie. Zudem interessieren sich nicht allein situationistische Ansätze für die Eigendynamiken von Situationen und Interaktionen, auch die Luhmannsche Systemtheorie hält das Interaktionssystem für unentbehrlich.
Larissa Schindler

Spielarten der Trans-Sequentialität. Zur Gegenwartsdiagnostik gesellschaftlicher Problembearbeitungskapazitäten entwickelt aus Ethnografien staatlicher Verfahren

Zusammenfassung
„Was geht hier vor?“ Derart fragend stellten Studien im methodologischen Situationismus detaillierte Analysen etwa zum Klatsch und Witzeerzählen, zu Arztbesuchen und Polizeistreifen, zum Marihuana-Rauchen und TV-Konsum an. „Mikroskopiert“ (Ayaß und Meyer 2012) wurde dabei der lokalgeordnete, methodische und selbstgenügsame Vollzug eines sozialen Geschehens. Mit der Analyse von Laborarbeiten, Gerichtsverhandlungen oder Asylanhörungen rückten fortan weitergehende Kontexte mit ihren Vor-Strukturierungen in den Fokus: organisierte Wissens- oder Forschungsprozesse, formale Gerichts- oder Verwaltungsverfahren. In den Blick der Fallstudien gerieten nun professionell erarbeitete Produkte institutioneller Kontexte, wie Beratungen, Prüfungen, Anhörungen.
Thomas Scheffer

Ökologien medialer Praktiken

Zusammenfassung
Den Begriff einer ‚Ökologie der Praktiken‘ hat die feministische Wissenschaftstheoretikerin Isabelle Stengers geprägt und seit mehr als zwanzig Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Bereits in ihrer 1997 erschienenen siebenbändigen Studie Cosmopolitiques hat sie ihn verwendet, um die Emergenz und Koexistenz von handelnden Entitäten in wissenschaftlichen Experimentalkulturen zu umreißen. Diese heterogenen Aktanten erlangen für sie Identität und Stabilität nur in einem Netzwerk von Relationen, das heterogene Existenzweisen und Praktiken entstehen lässt.
Petra Löffler

POST-SCRIPTA

Frontmatter

Sozio-materielle Praktiken in irritierenden Situationen

Zusammenfassung
Vor gut zwanzig Jahren haben Klaus Amann und Stefan Hirschauer (1997) die Ethnografie in die Pflicht genommen, die eigene Kultur zu befremden. Sie möge systematisch daran arbeiten, unsere modernen und stark differenzierten Wissensgesellschaften exotisch erscheinen zu lassen. Wie Hirschauer (2008) später erneut bekräftigt hat, richtet sich dieses Projekt gegen ein doppeltes Muster verfehlter innerdisziplinärer Arbeitsteilung.
Jörg Potthast

Die Irreduzibilität des technischen Könnens

Zusammenfassung
In der klassischen Medientheorie bildete der menschliche Körper mit seinem synästhetischen und akustischen Raum die notwendige Invariante für die unabhängige Variable der Medientheorie: die Geschichte der technischen Medienerfindungen. Aus der Kombination von Invariante und unabhängiger Variable resultierten die zwei abhängigen Variablen: die durch Medien in Mitleidenschaft gezogenen Wahrnehmungsfähigkeiten und die durch Medien mithilfe der Invariante ermöglichten Sozialbeziehungen. Diese Voraussetzung einer Invariante und ihre Kombination mit einer einzigen unabhängigen Variablen war die dominante Auslegung der Formel durch McLuhan und Carpenter, Virilio und Baudrillard, Flusser und Kittler.
Erhard Schüttpelz

Backmatter

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