Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Der Begriff der „Performativität“ gilt als eine Schlüsselkategorie postmoderner Theoriebildung und wird vor allem mit Namen wie Derrida oder Butler verbunden. Das Buch geht über diesen unnötig eng gefassten Kanon hinaus. In fundierten Analysen von Klassikern wie „Außenseitern“ des Performativen wird dokumentiert, wie stark die Geistes- und Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert auch dann von der Denkfigur des Performativen durchdrungen sind, wenn sie das Wort selbst nicht verwenden – überall dort, wo der produktive Eigensinn von Kultur und sozialer Praxis in den Blick kommt. Das Buch gibt der „performativen“ Kulturbetrachtung eine verständliche Definition, die es erlaubt, dem oft eher obskuren Begriff eine klare und theorieübergreifend einschätzbare Bedeutung abzugewinnen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Performative Kultur – eine Forschungsperspektive

Zusammenfassung
Der Begriff des „Performativen“ hat Konjunktur in den deutschsprachigen Geisteswissenschaften, und nicht nur dort. Gerade in Verbindung mit kulturwissenschaftlich orientierten Analysen ist die Rede von der Performativität als „Leitbegriff“ oder „Schlüsselbegriff“; und es häufen sich Publikationen, die sich aus performativer Perspektive bestimmten Praktiken oder Phänomenen zuwenden, wie etwa der Wissenschaft oder dem Recht.
Jörg Volbers

2. Performative Kultur –Eine Begriffsbestimmung

Zusammenfassung
Der Begriff der „Kultur“ hat im zwanzigsten Jahrhundert eine starke Aufwertung und Verbreitung gefunden, die sich nicht zuletzt darin spiegelt, dass er heute in zahlreichen akademischen Kontexten fest zum Repertoire gehört. Es gibt eine institutionalisierte Wissenschaft der Kultur, die aber meist im Plural genannt wird: Kulturwissenschaften. Die „Kulturwissenschaft“ als ein einzelnes, eigenständiges Fach ist eine deutsche Besonderheit; im anglophonen Kontext findet sich eine Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen und Disziplinen, die hierzulande oft als „kulturwissenschaftliche“ oder „kultursoziologische“ Theorien klassifiziert werden. Zu ihnen zählen die Cultural Studies (die sich vor allem mit der Alltagskultur beschäftigen und nicht mit der Kulturwissenschaft im deutschen Sinne zusammen fallen), Queer Studies, Postcolonial Studies, Science and Technology Studies, Space Studies und Visual Studies.
Jörg Volbers

3. Drei Leitpositionen des „Performativen“

Zusammenfassung
Der Begriff des Performativen hat seine Wurzeln in der Sprachphilosophie der frühen Nachkriegszeit, wurde aber schnell über diesen engeren Kontext hinaus von der Kultur- und Sozialwissenschaft produktiv aufgegriffen. Mit dem Übergang ins 21. Jahrhundert ist bereits kanonisch von einem übergreifenden performative turn der Kulturtheorien die Rede, dessen Beginn rückblickend in den 1970er Jahren verortet wird und sich spätestens in den 1990er Jahren durchsetzte. Heute hat die Debatte um das Performative die traditionellen Bahnen akademischer Selbstverständigung eingeschlagen, wo der Begriff als eine mögliche Leitorientierung diskutiert wird, die mit anderen, neueren Ansätzen wie dem spatial oder dem iconic turn ins Verhältnis gesetzt wird. Im Gegensatz zu diesen konkurrierenden „Wenden“, deren Verkündung immer auch der strategischen Positionierung im Wissenschaftsbetrieb dient, hat die performative Perspektive die Debatte bereits nachhaltig und breit durchdrungen. Die Schlüsselwörter „performativ“ oder „Performativität“ sind in zahlreichen Diskussionskontexten etabliert und finden sich in der Ethnologie, Sozialtheorie, Theaterwissenschaft und Philosophie sowie nicht zuletzt in der disziplinübergreifenden gender theory.
Jörg Volbers

4. Butler: Performative Identitätsbildung

Zusammenfassung
Judith Butlers Werk, und darin vor allem ihr Buch Gender Trouble, ist ein inzwischen klassisches Beispiel einer performativ orientierten Kulturtheorie. Die breite Rezeption ihrer Position hat maßgeblich zur akademischen Etablierung des Diskurses des Performativen und seiner Popularität beigetragen. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Butler das zunächst sehr abstrakt anmutende Leitmotiv der „Performativität“ auf einen konkreten, anschaulichen und mit äußerst starken Emotionen belegten Gegenstand anwendet: auf die Natur des Geschlechts. Bei Butler geht es nicht um gelingende Hochzeiten oder entgleitende Kontexte, sondern um die Frage, wie die dominierende Aufteilung der Menschheit in zwei Geschlechter – männlich und weiblich – zu verstehen ist. Ihre Antwort ist so radikal wie missverständlich: Das Geschlecht und damit die Zweigeschlechtlichkeit, so Butler, sind performativ produziert.
Jörg Volbers

5. Bourdieu: Performativität des Sozialen

Zusammenfassung
Die bisher diskutierten Beispiele behandeln die performative Kraft der Sprache vorwiegend als ein Problem der Sprachphilosophie. Mit der Soziologie von Pierre Bourdieu wird dieser sprachzentrierten Sichtweise eine Alternative entgegengestellt: Seine Theorie verschiebt die Perspektive, indem sie auf die konkreten sozialen Bedingungen und Mechanismen aufmerksam macht, die performative Äußerungen überhaupt erst ermöglichen. Bourdieus Position zum Performativen führt dabei, wie sich zeigt, in den Kern seiner soziologischen Theorie ein. Diese beruht auf den Grundgedanken, dass die scheinbar natürliche Macht und Autorität von Äußerungen oder Normen faktisch sozial erworben und reproduziert wird.
Jörg Volbers

6. Die performative Kraft des Rituals

Zusammenfassung
Rituale oder ritualisierte Handlungsweise bilden einen wichtigen Teilbereich performativ orientierter Kulturbetrachtungen. Rituale nehmen eine zentrale Rolle in der Ökonomie der Beispiele ein, auf die Austin (Ehe) oder Bourdieu (Liturgie) zurückgreifen. Mit Durkheim und Turner werden zwei Klassiker der Ritualforschung präsentiert, die Rituale in eine perfomative Logik einbetten: Für beide tragen Rituale essentiell zur Herausbildung von sozialen Ordnungen bei, indem die Teilnehmer sich in ihnen performativ als Mitglieder der Gesellschaft erfahren und adressieren können. Dies kann als eine Logik der Stabilisierung (Durkheim) oder der Irritation und der kritischen Transformation (Turner) der bestehenden Ordnung begriffen werden.
Jörg Volbers

7. Schlussbetrachtung

Zusammenfassung
Der Begriff des „Performativen“ entfaltet seine Stärke dort, wo es um die Beschreibungen von Änderungen und der Entstehung von Neuem geht. Der Reiz des Begriffs liegt in seinem Versprechen, den ändernden Vollzug für sich allein stehen zu lassen, und ihn nicht reduktiv aus anderen, umgreifenderen Erklärungsmodellen abzuleiten. Diese Logik einer „ungedeckten“ Eigendynamik des Vollzugs ist zugleich auch die Achillesferse des Ansatzes, da Kritiker hier rasch einen vorschnellen Verzicht auf weitere Erklärungen vermuten.
Jörg Volbers

Backmatter

Weitere Informationen