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Über dieses Buch

Wir geben eine gründliche Anleitung für die Arbeit unter diesem qualitativ-sozialwissenschaftlichen Forschungsstil – eine Fortentwicklung der von Anselm Strauss und Barney Glaser begründeten Methodologie. Das Buch basiert auf ca. 30-jähriger Erfahrung mit dem Ansatz. Wir stellen die Geschichte, die erkenntnistheoretischen Grundlagen, die Denkweise und die zirkuläre Schritte-Abfolge des Forschungsprozesses vor. Die Idee der datenbegründeten Theoriebildung bekommt eine neue Akzentuierung: Wir heben die begleitende reflexive Selbst-Aufmerksamkeit der Forschenden als Leitlinie und Erkenntnisheuristik hervor. Gütekriterien und ethische Fragen des Forschungsstils werden besprochen. Beispiele der Arbeit mit dem Ansatz, der Anwendung seines Instrumentariums sowie seiner Aneignung im Studium runden die Darstellung ab.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Reflexive Grounded Theory – Annäherung an ein Verfahren qualitativer Methodik

Der Forschungsstil der Refl exiven Grounded Theory wird in seinen grundlegenden Zügen vorgestellt. Nach Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte der Grounded Theory- Methodologie folgt eine Übersicht über Schritte des Forschungsablaufs. Es wird die multidisziplinäre Verwendbarkeit des Ansatzes herausgehoben, und es werden die Passungs- und Positionierungsprobleme sowie die Aneignungs- und Nutzungsfi guren in verschiedenen Fachkulturen und für spezifi sche Fragestellungen besprochen. Im Forschungskonzept der Reflexiven Grounded Theory werden die Bedeutung der Person des/ der Forschenden und der Forschungsinteraktion für die Erkenntnisbildung betont. Diese Komponenten werden programmatisch als potenzielle Erkenntnischancen betrachtet.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

Kapitel 2. Zur Geschichte der Grounded Theory

Die Grounded Theory stellt einen erkenntnisgenerierenden Forschungsstil dar und liefert dazu ein methodisches Instrumentarium. Sie wurde unter bestimmten disziplinären und historischen Umständen in der Zusammenarbeit von B.G. Glaser und A.L. Strauss sowie einigen anderen Mitarbeitenden in der sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis herausgebildet. Erst später wurde das Vorgehen in Form von Seminar-Unterweisung und in Lehrbüchern präzisiert, fi xiert und kanonifi ziert. Es gibt eine gut fünfzigjährige Geschichte der Entwicklung, Verbreitung, Etablierung, Institutionalisierung und Diversifi kation der GTM in sozial- und kulturwissenschaftlichen Fachrichtungen sowie im internationalen Maßstab – eine multidisziplinäre und globale Erfolgs-Story. Im Laufe der Zeit sind eine Reihe Problempunkte der Methodik ans Licht gekommen, und es haben sich unterschiedliche Spielarten und Gruppierungen formiert, u.a. in Zusammenhang mit Trends in der philosophischen Grundlagendiskussion der Sozialwissenschaften. Heute kann man von einer Theorienfamilie der GTM sprechen. Wir gehen auch auf die Rezeptionsgeschichte im deutschsprachigen Raum ein, die in sozialwissenschaftlichen Fachdisziplinen unterschiedlich ausfällt.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

Kapitel 3. Erkenntnisphilosophischer Rahmen und sozialwissenschaftliche Traditionen

(Refl exive) Grounded Theory beschäftigt sich mit der Sinn- bzw. Bedeutungsebene von Handeln und Erleben in sozialen Lebenswelten. Es stellen sich grundlegende Fragen ihrer Erkennbarkeit und Beschreibungsmöglichkeiten. Wir richten unseren Blick auf die Subjektseite der Erkenntnis in alltagsweltlichen wie in sozial-/wissenschaftlichen Zusammenhängen. Methodologisch berücksichtigen wir das in Form konstruktivistischer Überlegungen (Standpunktbedingtheit, Perspektivität, multiple Beschreibungen und deren Vergleiche). Die wissenschaftstheoretischen Konzepte des Erklärens und Verstehens werden in ihrer Bedeutung für den Forschungsstil abgewogen. Wir stellen die Grundideen sozialwissenschaftlicher Hermeneutik sowie der hermeneutischen Erkenntnishaltung vor und gleichen diese mit der Methododologie der Refl exiven Grounded Theory ab. Wir betrachten den Grundgedanken der Hermeneutik als eine tragende Säule des RGTM-Forschungsstils. Schließlich besprechen wir die Frage des induktivistischen Selbstmissverständnisses der frühen GTM und führen das Prinzip der Abduktion zur Konzeptualisierung der Kreativ-Komponente der R/GTM ein. Die epistemologischen Grundlagen und methodologischen Ausrichtungen der R/GTM-Autorinnen zeichnen sich durch verschiedenartige, zum Teil unklare und mitunter kontroverse Positionen aus. Das Kapitel soll ein wenig Licht in diesen unübersichtlichen Komplex bringen.
Jede wissenschaftliche Forschungsmethodik besitzt eine philosophisch-erkenntnistheoretische Grundlage – ob ihre Vertreterinnen (sich) darüber Rechenschaft ablegen oder nicht. Im Spektrum der GTM-Spielarten sind unterschiedliche epistemologische Überzeugungen repräsentiert: von einem „naiven Empirismus“, der die Welt unproblematisch in unseren begriffl ichen Konzepten abgebildet sieht, bis zu postmodernen Varianten, in denen sich die Strukturen vielstimmig und fl üchtig und in Zusammenhang mit der Weltsicht der Betrachter konfi gurieren. In unserer RGTM-Auffassung betrachten wir sozialwissenschaftliche Erkenntnis als in der dynamischen Interaktion zwischen dem Forscher und seinem Gegenstand (Thema, Untersuchungspartnerinnen, Forschungsfeld) hervorgebracht, von der Standort-Charakteristik des Forschenden geprägt und auf der Basis seiner präkonzeptuellen Erkenntnis-Optik konstruiert.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

Kapitel 4. Methodologische Aprioris – Das Bild des Anderen

Humanwissenschaftlicher Forschung liegt eine Vorstellung des Erkenntnis-Objekts zugrunde – ein Menschenbild, das bei Untersuchungen unvermeidlich vorausgesetzt wird. Dies bleibt zumeist unausgesprochen im Hintergrund und steht bei empirischer Prüfung nicht zur Disposition. Der RGTM-Forschungsstil beinhaltet das Postulat, einen kritischen Blick auf die apriorischen Menschenbild-Annahmen zu richten und sie so weit als möglich offen zu legen. Für einige sozialwissenschaftliche Forschungsprogramme werden solche Modell-Voraussetzungen skizziert und besprochen – kontrastiv für die Psychologie und die interpretative Sozialwissenschaft.
Wir problematisieren hier die häufi g unausgesprochen im Hintergrund bleibende Setzung eines Modells-vom-Menschen in den Human- und Sozialwissenschaften, das die Orientierungs- Leitlinie der Forschungsarbeit darstellt, indem es die Auswahl und Fokussierung von Gegenstandsaspekten bestimmt.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

Kapitel 5. Forschen als leibgebunden-engagierte Tätigkeit im Kontext – Selbstreflexivität als Erkenntnisfenster

Sozialwissenschaftliche Forschungspraxis ist nur rudimentär durch Regeln und Beschreibungen im Methoden-Lehrbuch abgedeckt, angeleitet, aufgeklärt. Stets sind es unterschiedliche Person-, Zugehörigkeits-, Institutions-, Interaktions- und Prozess- Ebenen, die im Zusammenspiel und in der Abmischung das Geschehen sozialwissenschaftlicher Forschungsarbeit ausmachen. Sozialforscher sind keine Methoden-Roboter, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, mit Leib und Seele. Sie begeben sich in leibhaftigen Kontakt zu einem Thema und in ein Forschungsfeld. Sie agieren als durch ihre Lebensgeschichte und ihre disziplinäre Sozialisation geprägte Angehörige einer Institution. Sie besitzen einen „Appeal“ (einen „Reizwert“) für ihre Untersuchungspartnerinnen und das Untersuchungsfeld, der sich in der Feldinteraktion manifestiert. Derartige Charakteristika des Forschungs-Subjekts und der Forschungs-Situation beziehen wir im Rahmen unseres Forschungsstils refl exiv in die Theoriebildung ein. Wir betrachten diese Dinge nicht als zu eliminierende methodische Fehler, wir versuchen vielmehr, daraus epistemische Inspiration zu gewinnen. Wie das vor sich gehen kann, ist das Thema dieses Kapitels. Es wird ein Eindruck von Ansätzen und Möglichkeiten gegeben, diese Problematik als Erkenntnis-Chance zu begreifen.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

Kapitel 6. Der Werkzeugkasten der Refl exiven Grounded Theory

In diesem Kapitel wird die handwerkliche Seite des Forschungsstils der Refl exiven Grounded Theory behandelt. Wir stellen die Arbeitsschritte und die dabei einsetzbaren Hilfsmittel und Verfahren vor: von der ersten Forschungsidee, dem refl exiven Umgang mit dem Vorwissen, über die Exploration eines Untersuchungsfelds nach Prinzipien der von der Theorieentwicklung gesteuerten Fallauswahl, die Datenanalyse durch Kodierverfahren bis zur Herausarbeitung eines Theorieentwurfs. Diese gedankliche Bewegung der Herausbildung einer konzeptuellen Systematik wird geleitet durch die rekursive Auseinandersetzung mit empirischen Daten und die Refl exion der eigenen Resonanzen aus dem Kontakt mit dem Thema und dem Untersuchungsfeld. Die Werkzeuge und heuristischen Hilfsmittel des methodischen Repertoires der R/GTM werden detailliert beschrieben und anhand von Beispielen aus der Forschungspraxis erläutert und illustriert.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

Kapitel 7. Gütekriterien und ethische Fragen

Welche Gesichtspunkte und Kriterien spielen bei der Einschätzung der Güte qualitativ- sozialwissenschaftlicher Forschung und speziell von Produkten der (Refl exiven) Grounded Theory eine Rolle? Aus verschiedenen Perspektiven lassen sich der Forschungsprozess sowie das Erkenntnisprodukt hinsichtlich ihrer Qualitätscharakteristik selbst-/kritisch betrachten. Des Weiteren lassen sich Voraussetzungen bewerten, die in der Person der Forschenden zu verorten sind. Wir geben einen Überblick über globale Qualitätsaspekte wissenschaftlichen Arbeitens sowie über Gütekriterien qualitativer Forschungsansätze, ehe wir ausführlicher auf Qualitätsmerkmale von R/GTM-Forschungsprojekten eingehen. Auch ethische Fragen werden zunehmend in die Qualitätsbeurteilung einbezogen. Wir betrachten die Verantwortung der Forschenden unter verschiedenen Gesichtspunkten: Es werden Grundsätze seriöser wissenschaftlicher Erkenntnispraxis besprochen. Die Verantwortung der Forschenden für die Forschungspartner und im Hinblick auf mögliche kurz- und langfristigen Auswirkungen hervorgebrachter wissenschaftlicher Erkenntnisse wird erörtert. Drei grundlegende Konzepte philosophisch-normativer Ethik werden vorgestellt: Tugendethik, deontologische und konsequentialistische Ethik. Daran anschließend werden wir einige für die qualitative Sozialforschung charakteristische Ethik-Fragen aufgreifen und aktuelle Diskurslinien, Praktiken und Institutionalisierungsformen nachzeichnen. Der Umgang mit diesem Problembereich befi ndet sich, durch unterschiedliche Problemlagen angestoßen, in einer dynamischen Entwicklung.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

Kapitel 8. Aneignung und personale Langzeit-Wirkungen der Reflexiven Grounded Theory

Eine Studierende lernt die Grounded Theory-Methodologie im Rahmen eines Methoden- Curriculums einer (sozial-) wissenschaftlichen Disziplin an einer Hochschule kennen – oder auch nicht, oder auch auf andere Weise. Mitunter sind die Wege verschlungen/ er und individualisiert. Wir beleuchten einige Erfahrungen, die R/GTMProtagonistinnen in ihrer Geschichte mit diesem Forschungsstil gemacht haben – in der Aneignung, in der Anwendung und darüber hinaus. Man kann die R/GTM auch als einen generalisierten Denk- und Herangehensstil auffassen, der persönlich und institutionell „passen“ kann (oder auch nicht) und der – einmal angeeignet und praktiziert – seine Spuren in/an der Person hinterlässt, die auch in ihre spätere berufl iche Tätigkeit hineinreichen.
Mit der R/GTM bekommt jeder, der sich zu einer Annäherung, Aneignung und Anwendung entschließt, seine Geschichte: Wie komme ich hin und hinein? Wie eigne ich mir den Forschungsstil an? Wie arbeite ich damit? Und wie stark bin ich mit dem Ansatz identifi - ziert? Und wie komme ich wieder hinaus, zu einem Ende – geprägt durch Kontinuität oder durch Diskontinuität bzw. Abbruch? Und wie geht die Geschichte danach weiter – etwa in der berufl ichen Praxis jenseits der Verwendung in einer Studienabschluss-Arbeit? Es ist die Geschichte der Entwicklung eines Passungsverhältnisses zwischen (Forscher-) Person, (Forschungs- sowie Praxis-) Thema/Problem und Feld/Lebenswelt sowie Methodologie. Das Ganze vollzieht sich in einer institutionellen, disziplinären und professionalen Umgebung. Und es ist die Geschichte einer Prägung, die über das Forschungsmethodische hinausgehen, sich tiefer in Person und Seele der Protagonisten verankern kann. In diesem Buch-Kapitel werden einige Erfahrungen beleuchtet, die wir mit Studierenden in R/GTM-Seminaren, beim Durchführen von Studienabschluss-Arbeiten und Promotionen in diesem Zusammenhang gemacht bzw. beobachtet haben und die von ihnen als bedeutsam für ihre weitere Lebensgeschichte berichtet worden sind.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

Kapitel 9. Anwendungen des RGTM-Forschungsstils

In diesem Kapitel geht es um Projekte und Resultate, die auf der Basis des Forschungsstils der Refl exiven Grounded Theory erarbeitet werden sowie um persönliche Aneignungs- und Realisierungsgeschichten in diesem Zusammenhang. Bei den Projekten handelt es sich in fast allen Fällen um Qualifi kationsarbeiten im Rahmen des Studiengangs Psychologie (Diplom-, Bachelor-, Masterarbeiten und Dissertationen), es handelt sich stets aber auch um persönliche Geschichten, die sich durch persönliche Berührungen und einen „Herzblut“-Anteil auszeichnen. Zunächst geben wir einen Überblick über Projekte, die in der Vergangenheit in der Arbeitsgruppe des Seniorautors sowie von den beiden Mitautorinnen durchgeführt worden sind. Deren Ergebnisse können zum Teil auf der das Buch begleitenden Internetseite nachgelesen werden. Darüber hinaus erzählen die beiden Forscherinnen Antje Allmers und Barbara Dieris, die mit dem RGTM-Ansatz gearbeitet haben, die Geschichten ihrer Methodenaneignung und -anwendung bei der Forschung zu einem „persönlich berührenden“ Thema. Dabei werden die Besonderheiten dieser Arbeitsweise – vor allem auch die refl exive Einbeziehung des Eigen-Persönlichen in den Forschungsprozess – illustriert und verdeutlicht.
Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris

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