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Über dieses Buch

Der Band widmet sich den Spezifika des Verhältnisses zwischen Religion, Ethik und Politik in der modernen Gesellschaft. Die versammelten Beiträge klären insbesondere, welche inhaltlichen Verbindungen und institutionellen Trennlinien der (säkulare) demokratische Rechtsstaat erlaubt bzw. auch verlangt. Ob die Politik dabei ihre eigene „Moral“ ausbilden muss, weil die ethische und religiöse Kardinalfrage nach dem „guten“ Leben ihren Bereich überfordert, wird anhand von zahlreichen aktuellen religionspolitischen Problemkreisen erörtert.
Der InhaltReligion und „gute“ Politik • Religion in der „säkularen“ Demokratie • Empirische Anwendungsfälle und praktische Streitfragen
Die HerausgebendenDr. Stefanie Hammer ist Politikwissenschaftlerin in Erfurt.
Dr. Oliver Hidalgo ist Akademischer Oberrat a.Z. am Institut für Politikwissenschaft der WWU Münster und apl. Professor für Politikwissenschaft an der Universität Regensburg.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Als Niccolò Machiavelli (1469–1527) in seinen Werken Il Principe und Discorsi die moderne Auffassung des Politischen begründete, zielte seine Argumentationsführung in erster Linie darauf ab, den Bereich der politischen Auseinandersetzungen und Kämpfe von allen religiösen Wahrheits- und Offenbarungsansprüchen zu befreien. Anstatt einschlägige Entscheidungen, die im Dienst des persönlichen Machterwerbs und Machterhalts des Fürsten sowie der politischen Größe des Gemeinwesens zu treffen waren, an normativ übergeordneten Maßstäben auszurichten, wie es die mittelalterlichen Politikvorstellungen, Fürstenspiegel etc. noch nahegelegt hatten, forcierte Machiavelli die Autonomie des Politischen eben dadurch, indem er es zuallererst von religiösen Glaubensüberzeugungen zu emanzipieren trachtete.
Stefanie Hammer, Oliver Hidalgo

Religion und ,gute‘ Politik

Frontmatter

Transzendente Zweitwertungen, religiöse Identitäten und die Suche nach der politischen Relevanz von Religion

Zusammenfassung
Religion ist kein sortenrein anzutreffendes Phänomen, sondern kommt stets nur als etwas mit anderem Verwobenes, als spezifischer Aspekt oder als Momentum kultureller Ausdrucksformen vor. „Das ‚Rein-Religiöse‘ existiert nur für den Theoretiker und für wenige innerlich tief empfindende Seelen. Auf dem Markt des Lebens gibt es kein Interesse, das nicht durch Verkoppelung mit der Religion geschützt oder gestärkt würde“ (Troeltsch 1913, S. 534).
Michael Seewald

Zivilreligion, politische Religion und politische Theologie

Drei Begriffe zwischen Gründung und Entpolitisierung
Zusammenfassung
Gegenwärtige Phänomene wie der religiös motivierte Terrorismus, aber auch die gewaltlose Rolle der Religion in politischen Debatten und ethischen Fragen – man denke beispielsweise an die Abtreibungsdebatte in einigen europäischen Ländern, an die Ehe für alle oder an die Stammzellenforschung – zeugen von der unvermeidbaren und vielseitigen Verbindung zwischen Politik und Religion. Religion spielt eine unübersehbare Rolle im politischen Geschehen, sowohl im Extremfall des Terrorismus als auch im normalen Funktionieren der politischen Institutionen einer liberalen Demokratie. Diese Phänomene verdeutlichen aber nur eine Seite des Verhältnisses von Religion und Politik.
Bruno Godefroy

Des Guten zu viel?

Der Status des Guten und der Religion in der Politik
Zusammenfassung
Das Gute ist ja nicht schlecht. Dennoch sind Zweifel angebracht, ob das Gute immer der richtige Maßstab ist – insbesondere für die Politik. Sollte sie wirklich „Auf der Suche nach der guten Ordnung“ sein, wie der Untertitel des Bandes nahelegt?
Bernhard Laux

Religion in der ,säkularen‘ Demokratie

Frontmatter

Politische Ideologien und Religionen als (normative) Vehikel demokratischer Ordnung?

Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag bezweckt – ausgehend von den Funktionen der Ideologie(n) für die Demokratie, wie sie vor allem aus der Wissenssoziologie Karl Mannheims deduzierbar sind –, eine vergleichbare Rolle von Religionen zur Realisierung und Stabilisierung demokratischer Ordnungen zu konturieren. Als negative Kontrastfolie dient dazu das theoretische Szenario einer ,postideologischen‘ (und ,postreligiösen‘) Gesellschaft, welches an den von Chantal Mouffe oder Colin Crouch beschworenen Verfall der Demokratie zur ,Postdemokratie‘ erinnert. Die klassische szientistisch-positivistische Kritik an Ideologien (und Religionen) jeder Couleur ist entsprechend als Vorläufer aktueller Verengungen zu interpretieren, die die Demokratie heute neuerlich im Dienst technokratischer Entwürfe („There is no alternative“) in Frage stellen.
Oliver Hidalgo

Vom Ethos der Gesetzlichkeit

Über Böckenfördes Diktum, die Grundlagen der konstitutionellen Demokratie und deren Herausforderung durch den Populismus
Zusammenfassung
Vor rund fünfzig Jahren gelang dem Rechtsphilosophen und ehemaligen Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde eine Formulierung, die seither im Kontext der Diskurse über den demokratischen Rechtsstaat zu einem ‚geflügelten Wort‘ avancierte. „Der freiheitliche, säkularisierte Staat“, schrieb Böckenförde (1991 [1963], 112) in seinem Beitrag zu Ehren von Ernst Forsthoff, „lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist“.
Oliver W. Lembcke

Kritik der Vernunft und das Erbe der Religionen

Einige Überlegungen zu Habermas’ Übersetzungspostulat
Zusammenfassung
Der hierzulande lange Zeit eher säkular orientierte gesellschaftspolitische Diskurs sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass Religionen auf globaler Ebene keineswegs verschwinden, sondern – zumindest mancherorts – wiedererstarken. Zwar können wir die westliche Welt insofern als eine säkulare beschreiben, als in ihr „der Glaube an Gott [nicht mehr] unangefochten ist“ und nur eine unter mehreren Möglichkeiten darstellt (Taylor 2009, S. 14). Doch besteht, wie etwa Jürgen Habermas konstatiert, „kein pauschaler Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Modernisierung und einem fortschreitenden Bedeutungsverlust der Religion, der so eng wäre, dass wir mit dem Verschwinden der Religion rechnen könnten“ (Habermas und Mendieta 2010, S. 3).
Eva Buddeberg

Nachhaltigkeit und Subjekt in der simulativen Demokratie

Potentiale des ökologischen Denkens der Päpste
Zusammenfassung
Ökologische Nachhaltigkeit gehört nicht zu den Grundlagen der Moderne, sondern etablierte sich erst im krisenhaften Übergang zu einer zweiten reflexiven Moderne (Beck 1993) als handlungspolitische Norm (von Hauff und Jörg 2017). Sie kann als partielle Neujustierung des Fortschrittsdiskurses verstanden werden, der nun nicht mehr technologisch gestützt linear mit dem Fortschreiten der Zeit kurzgeschlossen ist, sondern selbstreflexiv gegen zukunftsfeindliche Nebenfolgen abgesichert werden muss. Die archäologische Rekonstruktion des Nachhaltigkeitsgedankens lässt sich aber auch wesentlich früher ansetzen, mit dem bäuerlichen Bewahren des Saatguts auch in Hungerperioden und mit der frühmodernen Forstwirtschaft, und damit als eine einfache Rückkehr zu einer menschengemäßen Lebensweise (Grober 2013).
Mariano Barbato

Religiöse Moralvorstellungen in der Bildungs- und Verteidigungspolitik der frühen BRD

Überlegungen zum Potential kooperativer religionspolitischer Governance
Zusammenfassung
Der Themenkomplex „Politik und Religion“ findet in die politischen Debatten westeuropäischer Gesellschaften derzeit primär in Form der Frage Eingang, inwieweit bestimmte religiöse Traditionen demokratie- und liberalismustauglich seien. Häufigste Adressaten dieser Anfragen sind islamische Religionsgemeinschaften, die mittlerweile einen festen Teil der europäischen Religionslandschaft darstellen. Obgleich sich in diesem Kontext Überlegungen zur Demokratietauglichkeit oftmals als bloße rhetorische Ausgrenzungsstrategien erweisen, bleibt die Fragestellung als solche aus demokratietheoretischer Sicht doch relevant: Die Neigung vermeintlich alteingesessener Milieus, die Integrationsfähigkeit kulturell ‚fremder‘ Gruppen zu hinterfragen, trifft hier nämlich auf den Verdacht des klassischen politischen Liberalismus, traditionelle Religionsgemeinschaften seien per se Träger reaktionärer Politikvorstellungen.
Fabian Poetke

Empirische Anwendungsfälle und praktische Streitfragen

Frontmatter

‚Was Gott gefügt hat…‘

Die Ehescheidungsdebatte im vormärzlichen Preußen als Ausdruck religiös motivierter Policy* 1833–1854
Zusammenfassung
Im Nachgang der Napoleonischen Kriege und der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress setzten sich obrigkeitsstaatlich-restaurative Positionen gegenüber liberal-demokratischen Bestrebungen zunächst durch. In Preußen, ebenso wie in anderen deutschen Staaten, prägten das ‚System Metternich‘, im Gleichklang mit ‚Heiliger Allianz‘ und dem ‚Bündnis von Thron und Altar‘ die politische Landschaft bis zur Märzrevolution 1848 nachhaltig. Hauptvertreter dieser restaurativen Politik waren die Vertreter des sogenannten preußischen Altkonservatismus; ein Kreis in den 1790er und 1800er geborener Männer, welche vornehmlich Juristen, Theologen und Offiziere wurden und aus dem niederen preußischen (Beamten-) Adel sowie dem Bildungsbürgertum stammten.
Laura Achtelstetter

„Die müssen gefoltert werden, denn sonst singen sie nicht.“

Politik, Ethik und Religion im Kontext der chilenischen Militärdiktatur
Zusammenfassung
Eine Begegnung des römisch-katholischen Weihbischofs Fernando Ariztía und des lutherischen Propstes Helmut Frenz mit Diktator Augusto Pinochet illustriert das spannungsreiche Verhältnis von Politik, Ethik und Religion während der chilenischen Militärdiktatur in exemplarischer Weise: Durch den intensiven Kontakt mit den Opfern der chilenischen Militärdiktatur hatten die Kirchenvertreter Details über Entführungen, Folterungen und zahlreiche weitere Menschenrechtsverletzungen erfahren. Die gravierendsten Fälle waren in einer Mappe zusammengestellt worden, welche die beiden Bischöfe Pinochet am 13. November 1974 überreichten wollten. Die leitenden kirchlichen Verantwortlichen waren sich unsicher, in wie fern Pinochet selbst über das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen im Land informiert war. Erwartet hatten sie, wie Frenz später in seinen Erinnerungen schilderte (vgl. Frenz 2010, S. 18), dass der General die Vorwürfe leugnen, sie als Einzelfälle kleinreden oder möglicherweise eine Untersuchung der Vorfälle versprechen könnte.
Daniel Lenski

Die katholische Kirche als Vetospieler in der Moralpolitik

Zur Messung kirchlichen Einflusses auf europäische Policyregelungen
Zusammenfassung
Die Behauptung Religion beeinflusse moderne Politikergebnisse ist alles andere als neu; dennoch besteht weiterhin Klärungsbedarf, denn die Signifikanz des religiösen Einflusses auf demokratisch entstandene Politiken und das daraus resultierende Erklärungspotential bezüglich nationaler Divergenzen wurde lange Zeit unterschätzt (vgl. u.a. Knill et al. 2014, S. 845). Die katholische Kirche stellt ein Anschauungsobjekt besonderer Güte dar: Nicht nur gilt sie als älteste noch bestehende Institution der Welt, vielmehr zählt ihre Anhängerschaft ein grobes Sechstel der Weltbevölkerung (vgl. Hertzke 2016, S. 48). Weltliches, politisches Engagement seitens der Kirche ist zudem ein Phänomen, das sie von vielen anderen Glaubensrichtungen unterscheidet und mitnichten als moderne Entwicklung betrachtet werden kann (vgl. ebd., S. 49; vgl. Warner 2000, S. 7).
Lena Sophia Schacht

Die religiöse Dimension der Semantiken des deutschen Wohlfahrtsstaats

Zusammenfassung
Die gestiegene Aufmerksamkeit für kulturelle Erklärungsfaktoren sozialpolitischer Entwicklungen hat in der Wohlfahrtsstaatsforschung zu einer verstärkten Thematisierung der Bedeutung religiöser Traditionen, Institutionen und Akteure geführt.1 Sozialpolitische Akteure folgen nicht nur Systemnotwendigkeiten oder Machtinteressen, sondern auch Wertideen, die durch religiöse Traditionen mitgeformt sind. In den klassischen Sätzen von Max Weber: „Interessen (materielle und ideelle), nicht Ideen beherrschen unmittelbar das Handeln der Menschen. Aber die ‚Weltbilder‘, welche durch ‚Ideen‘ geschaffen wurden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegte“ (Weber 1920/1988, S. 252).
Karl Gabriel, Hans-Richard Reuter

Religionsverfassungsrechtliche Entscheidungen Des Bundesverfassungsgerichts

Konstellationen der Mobilisierung, von Judizen und der Implementation
Zusammenfassung
Einer reichen und umfänglichen Literatur in Theologie und religiösem (nicht nur Kirchen-) Recht stehen kaum Veröffentlichungen zu Aufgabenerledigung und Funktionen von Gerichten und Gerichtsbarkeiten der Kirchen/Religionsgemeinschaften gegenüber. Vielfach fehlen Basisdaten für eine sozial- und politikwissenschaftliche Analyse der Mobilisierung und des Geschäftsanfalls, der Klageerledigungen und schließlich der Implementation entsprechender Entscheidungen. Der folgende Beitrag liefert eine erste Aufklärung, indem er eine Bestandsaufnahme zu Mobilisierung, Entscheidung und Implementation wichtiger religionsverfassungsrechtlicher Judize des Bundesverfassungsgerichts vorlegt.
Thomas Gawron

Religion und Identität in der deutschen Islampolitik

Eine Analyse aus Perspektive der politischen Ethik
Zusammenfassung
Ein religiöses Bekenntnis, Religiosität und die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft werden nicht selten als Kategorien verwendet, um Personen und Personengruppen zu beschreiben, sie zu definieren, sich ab- und andere auszugrenzen. Religion wird vor dieser Motivlage zu einer schillernden identitätsstiftenden Schlüsselkategorie – sowohl zur Selbst- als auch zur Fremdbeschreibung. Dies gilt in besonderer Weise in Bezug auf die islamische Religion, die in aktuellen gesellschaftspolitischen Diskursen als identitätsbestimmendes Definitionsund Abgrenzungsmerkmal verwendet wird.
Hanna Fülling

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