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Über dieses Buch

Seit Jahrzehnten wird um eine Wiedervereinigung Zyperns gerungen. Mit sozialpsychologischer Expertise und interkultureller Sensitivität wird in diesem Buch das Ineinanderwirken von Politik und Alltagswelt der Mittelmeerinsel untersucht. In ihrer Analyse der zypriotischen Konfliktgeschichte, der mit ihr verbundenen Diskurse, Geschichtsbücher und Erinnerungspraktiken zeigt die Autorin die bis heute andauernde Strahlkraft nationaler Narrative auf, die einer Überwindung des Konfliktes im Wege stehen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Zusammenfassung
Der Zypernkonflikt gilt in der einschlägigen politikwissenschaftlichen Fachliteratur als sog. unteilbarer Konflikt (Intractable Conflict). Mit diesem Begriff werden Konflikttypen bezeichnet, die politisch verhandlungsresistent und tief in den jeweiligen Gesellschaften verwurzelt sind. Aus sozialpsychologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive kann man den Zypernkonflikt als ethno-nationalistischen Identitäts- bzw. Territorialkonflikt bezeichnen: Zwei Gemeinschaften, die sich auf der Basis ethno-nationaler Zugehörigkeit bzw. „nationalem Erbe“ voneinander abgrenzen, erheben Anspruch auf dasselbe Territorium bzw. auf eine Form staatlicher Souveränität, die der jeweils andere zurückweist.
Carolina Rehrmann

Kapitel 2. Forschungsstand

Zusammenfassung
Um das Ineinanderwirken sozialpsychologischer mit institutionellen und machtpolitischen Faktoren von Unteilbarkeit sichtbar zu machen, wurde auf die zentralen soziologischen wie kognitionspsychologischen Befunde für das Verständnis von Identitäten, Emotionen, Diskursen, Erinnerung und nationalem Vorstellungsraum zurückgegriffen, die in den jeweiligen Kapiteln einleitend durch eine kurze Gegenüberstellung zwischen alltagsweltlichem und epistemologischem Verständnis erörtert werden. Dabei folgt die Beschäftigung mit der Literatur dem Bemühen einer doppelten Querverbindung – der Verbindung zwischen humanwissenschaftlichen und soziologischen Befunden und der Transferwirkung der einzelnen Unteilbarkeitskomponenten.
Carolina Rehrmann

Kapitel 3. Rien ne va plus: Die Komponenten von Unteilbarkeit

Zusammenfassung
Was unterscheidet, so lässt sich einleitend fragen, unteilbare von teilbaren Konflikten? In ihrer konzeptuellen Erörterung von Konflikten unterscheiden Bonacker und Imbusch (2010: 69-74) zunächst zwischen unterschiedlichen Ebenen, Formen und Ursachen: Ebenen reichen von der intra-, über die interpersonale, bis zur innergesellschaftlichen und internationalen. Während die Autoren als Ursache für Konflikte der intrapersonalen Ebene psychische Spannungen und für die interpersonale Beziehungsprobleme anführen, benennen sie für die gesellschaftliche und internationale Ebene das Ringen um materielle und immaterielle Ressourcen wie Geld und Ansehen, machtpolitische Interessen sowie ethnische und religiöse Weltbilder. Sie unterscheiden dabei zwischen symmetrischen und asymmetrischen, von der Mehrheitsgesellschaft als legitim oder illegitim erachteten, zwischen informellen und institutionalisierten, objektiven und subjektiven, konsensualen und dissensualen (ob also eine wenigstens partielle Übereinstimmung über die Form einer künftigen Beilegung besteht) und antagonistischen bzw. nicht-antagonistischen Konflikten: „Ein antagonistischer Konflikt“, so heißt es, „liegt dann vor, wenn sich die widerstreitenden Konfliktparteien unversöhnlich und kompromisslos gegenüberstehen und die Gegnerschaft, die durch den Konfliktgegenstand heraufbeschworen wird, aufgrund struktureller Bedingungen nicht aufzulösen ist“ (Ibid.: 72).
Carolina Rehrmann

Kapitel 4. Unus pro omnibus: Die Macht kollektiver Selbstbilder

Zusammenfassung
Identität, wie sie in der zitierten Passage zum Ausdruck kommt, erscheint als dynamisches, multiples, gebrochenes und nichtlineares Konzept, das im sozialen Austausch entsteht und um dessen Bedeutung gerungen wird. Diese Minimalauffassung von Identität ist, so kann man einleiten, Tenor des wissenschaftlichen Diskurses. Dabei erscheint die Schwierigkeit, Identität als Konzept einzugrenzen, als eine ihrer konstitutiven Eigenschaften selbst.
Carolina Rehrmann

Kapitel 5. Mit kühlem Kopf? Emotionen in unteilbaren Konflikten

Zusammenfassung
Emotionen – das unterstreicht obige Passage aus der renommierten Monografie „Sociology of Emotion“ – sind allgegenwärtig, wurden indes in der Forschung lange vernachlässigt. Wie auch in den vorangehenden Kapiteln hilft zunächst ein Blick auf das Alltagsverständnis von Emotionen, um diesen Befund zu untermauern. Zwei Aspekte erscheinen dabei relevant.
Carolina Rehrmann

Kapitel 6. Im Anfang war das Wort: Die Macht diskursiver Realitätskonstruktion

Zusammenfassung
In den vorangehenden Kapiteln wurden der verwobene Einfluss von Identitäten und Emotionen auf die individuelle und kollektive soziale Lebenswirklichkeit, ihre wahrnehmungsfilternde, konformitätsmotivierende und handlungsleitende Kraft illustriert. So wie Unteilbarkeit eine Frage der Perspektive, Identitäten multipel und relativ und Emotionen Ursache und Folge komplexer Wahrnehmungsprozesse sind, so kann man einleiten, ist auch Sprache kein reines Abbild der Wirklichkeit, sondern besitzt enorme kognitive Macht. Das scheint aus konstruktivistischer Sicht Common Sense.
Carolina Rehrmann

Kapitel 7. Allgegenwärtige Vergangenheit: Das kollektive Gedächtnis

Zusammenfassung
Wie Identität, so erscheint auch Erinnerung weder statisch noch objektiv gegeben. Beiden Konzepten ist gemein, dass ihre Wirkmechanismen im lebensweltlichen Alltag zumeist nicht hinterfragt, wohl aber in ihrer Krise – man denke an den Verlust von Gedächtnis – zum Problem werden. Erinnerung sei relativ und standpunktabhängig, schreibt der italienische Romancier Italo Svevo in seinem 1923 erschienenen Hauptwerk „La Coscienza di Zeno“ durch die Figur eines Psychoanalytikers.
Carolina Rehrmann

Kapitel 8. Heimat, Familie, Unsterblichkeit: Von der Anziehungskraft des Nationalen

Zusammenfassung
Ein Abstand von jeweils etwa zwei Jahrzehnten liegt zwischen jeder der zitierten Passagen, in denen die renommierten Nationalismus- bzw. Kulturtheoretiker Nairn, Bhabha und Reckwitz das exklusive Selbstbild nationaler Gemeinschaften reflektieren. Zunehmende Entgrenzung im Zuge der europäischen Integration parallel zur Hochphase und Überwindung der politischen Blockkonfrontation, neue religiös-kulturelle Bruchlinien und jüngst eine Renaissance kulturessentialistischer Strömungen scheinen die Vorstellung der exklusiven Nation in dieser Zeitspanne vor immer wieder neue Herausforderungen und in neue weltpolitische Zusammenhänge gestellt zu haben. An ihrer Grundidee und Strahlkraft scheint sich aber insgesamt wenig verändert zu haben.
Carolina Rehrmann

Kapitel 9. Von Gerechtigkeit, Heilung und Zukunft: Versöhnung als sozio-emotionale Transformation

Zusammenfassung
Wie die vorangehende Analyse der sozioemotionalen Wirklichkeiten unteilbarer Konflikte in Abgrenzung von einem rationalistischen Konfliktverständnis aufzeigen sollte, sind unaufgearbeitete Traumata, konkurrierende Narrative und stereotype Wahrnehmungsmuster auf einer quid-pro-quo-Ebene schwer oder gar nicht verhandelbar, solange sie den Grundbedürfnissen und Konfliktverständnissen der Parteien widersprechen. Angesichts der geschilderten Beständigkeit unteilbarer Konfliktkonstellationen und ihres hohen Eskalationsrisikos als Konsequenz polarisierter Gruppenbeziehungen und negativer Emotionen wie Schuldkomplexen und dem Gefühl der Machtlosigkeit betonen Versöhnungstheoretiker die Bedeutung von Grundbedürfnissen wie Sicherheit, Anerkennung von Leid, einem positiven Selbstbild, von Recht und Gerechtigkeit als Grundbedingungen für nachhaltigen Frieden und damit für eine Differenzierung und Erweiterung des traditionellen Konfliktlösungsansatzes. Das Wissen um die sozio-emotionalen Tiefenstrukturen gelte, so Bar-Tal und Bennink (2004: 14) ganz besonders für die sog.
Carolina Rehrmann

Kapitel 10. Unteilbarer Zypernkonflikt: Vorgehensweise und Methodik

Zusammenfassung
Wie einleitend bereits erläutert nutzt die Arbeit im Sinne ihres holistischen, interdisziplinären und kulturvermittelnden Ansatzes sprach-, politik-, kulturwissenschaftliche wie anthropologische Methoden, die alle auf die Ergründung der zypriotischen Unteilbarkeit zielen. Diese umfassen zuvorderst die kritische Diskurs- und Framinganalyse von zypriotischen Medien, Experteninterviews mit zypriotischen Wissenschaftlern, Politikern, Psychologen und Friedensaktivisten, Wahrnehmungsspaziergänge des öffentlichen Raumes, teilnehmende Beobachtung, die Durchführung bzw. Auswertung von Oral-History-Interviews, die regelmäßige Rezeption der zypriotischen Abendnachrichten im öffentlichen Rundfunk und eine ganze Reihe informeller Gespräche, die die Verfasserin während ihrer insgesamt vier mehrwöchigen bis mehrmonatigen Forschungsaufenthalte führte. Dabei stand, wie einleitend erwähnt und im Sinne von Foucaults Auffassung von der unsichtbaren, dennoch leitenden Grundidee als „Netz“ sozialer Strukturen die breite, kritisch-reflexive und offene Auseinandersetzung mit dem Forschungsobjekt im Fokus, der die eigenen Prämissen miteinschließt. In den Worten Hesse-Bibers.
Carolina Rehrmann

Kapitel 11. „Parallelmonologe“: Die Nationalnarrative der zypriotischen Mutterländer

Zusammenfassung
Im Nachgang des missglückten Putschversuches vom Juli 2016 und der diplomatischen Spannungen mit Griechenland, das sich entschied, geflüchteten türkischen Militärs Asyl zu gewähren, sorgte Präsident Erdoğan für einiges Aufsehen in der griechischen Öffentlichkeit, als er wiederholt die Territorialgrenzen des Lausanner Vertrages infrage stellte: „They”, so wird er zitiert, „threatened us with Sèvres in 1920 and persuaded us to accept Lausanne in 1923. Some tried to deceive us by presenting Lausanne as a victory. At Lausanne, we gave away the (Greek) islands that you could shout across to [Klammern im Original, A.d.V.]” (Harris 2016; auch Theros 2016).
Carolina Rehrmann

Kapitel 12. Man ist, was man erinnert: Die zypriotische Konfliktgeschichte und ihr Gedächtnis

Zusammenfassung
Die Ursprünge der nationalen Identitäten Zyperns und ihre gegenwärtigen Facetten, so kann man mit Blick auf die folgenden drei Kapitel einleiten, weisen zum einen viele der eben aufgeführten Merkmale der beiden Mutterlandsnationalismen wie auch die typischen Motivationen und Entwicklungen der europäischen Nationalstaatsgenesen auf, insofern sie als Instrument für machtpolitische und territoriale Bestrebungen von oben fungier(t)en und ihre Strahlkraft weite Bevölkerungsteile erfasste. Zum anderen indes – und hier zeigt sich ein in der Forschung wie in der mediationspolitischen Auseinandersetzung um Zypern deutlich vernachlässigter Aspekt – unterstreichen die Konfliktgeschichte und ihre gegenwärtige Bedeutung das tief mit der Kolonialvergangenheit und der realpolitischen Schwäche verbundene Bedürfnis nach staatlicher und kultureller Gleichwertigkeit vor der internationalen Staatengemeinschaft.
Carolina Rehrmann

Kapitel 13. „Ich vergesse nicht und kämpfe!“: Geschichtsbücher als nationales Erbe

Zusammenfassung
Wie insbesondere die institutionelle Erinnerung und die Vermisstenfrage, so kann man einleiten, verweist auch die griechisch-zypriotische Bildung, allen voran der Geschichtsunterricht, auf die Deutungsmacht des dominanten Diskurses mit seiner glatt geschliffenen und wohl geformten Erzählung der Vergangenheit, aber auch auf kulturellen Eigenheiten der griechischzypriotischen Gesellschaft und ihren Hierarchien. Wie brisant die Geschichte ist und welche Interessen sie bedient, zeigt sich zuvorderst in den vehementen parteipolitischen und gesamtgesellschaftlichen Widerständen gegen jedwede Reformierung des Bildungswesens, sowie an der harschen Zurückweisung jedweder Kritik an den Widersprüchen und Tabus einer eindimensionalen Geschichtsschreibung. Wie zu zeigen sein wird, erscheint die griechisch-zypriotische Geschichtsdidaktik – die im vorliegenden Kapitel erörtert wird – als Beispiel par excellence für die Instrumentalisierung von Geschichte zur Legitimation politischer Forderungen, wie sie im UNESCO Guidebook on Texbook Research and Texbook Revision mit den Worten beschrieben werden: „Authochtonism and founding myths legitimize current territorial interests and claims for cultural dominance, uniqueness and exclusiveness“ (Pingel 1999: 38).
Carolina Rehrmann

Kapitel 14. „Nicht mit uns!“: Die Kontroverse um den Annan-Plan und seine Ablehnung 2004

Zusammenfassung
Wie in der Einleitung dieses Buches zusammengefasst, erstaunte die Abstimmung über den UN-vermittelten Wiedervereinigungsplan, den „Annan-Plan“, viele internationale Beobachter. Eine Mehrheit der türkischen Zyprioten hatte sich denn auch gegen die über Jahrzehnte verfolgte Regierungsleitlinie der endgültigen Inselteilung hinweggesetzt und mit „Ja“ gestimmt. Eine Mehrheit der griechischen Zyprioten wiederum hatte entgegen der traditionellen Forderung von einer Überwindung der Teilung mit „Nein“ abgestimmt. Die Hintergründe dieses „Neins“ sollen hier erörtert werden.
Carolina Rehrmann

Kapitel 15. Unteilbarkeit versöhnen? Engagement, Chancen und Hindernisse

Zusammenfassung
Vieles deutet darauf hin, so kann man mit Blick auf das vorherige Kapitel sagen, dass die dominanten Narrative Griechenlands und Zyperns jenseits der institutionellen Ebene nicht nur von politischen Kreisen und bestimmten Interessengruppen aktiv propagiert, sondern von einer weitaus größeren Gruppe stillschweigend gebilligt werden, bzw. als Teil der eigenen Tradition und damit der kollektiven Identität gelebt, zu bestimmen Anlässen (nationale Feierlichkeiten, kirchliche Feiertage) zelebriert und in Augenblicken, in denen (macht-) politische und territoriale Interessen auf dem Spiel stehen, besonders relevant werden. Ein anthropologischer Blick zeigt dabei – ähnlich, wie in den Mutterländern – sowohl die Widersprüchlichkeiten des öffentlichen (Vorstellungs-) Raumes, wie auch seine vielfältigen Widerstandspunkte auf.
Carolina Rehrmann

Kapitel 16. Resümee und Ausblick

Zusammenfassung
Nachdem in Orientierung an den Unteilbarkeitskomponenten die Facetten der zypriotischen Alltagswirklichkeit im Rekurs auf den Mutterlandsnationalismus, seine Ausprägungen in der zypriotischen Erinnerungskultur, Formen und Ebenen des kollektiven Gedächtnisses der zypriotischen Konfliktgeschichte, die hervorgehobene Rolle der Bildung als Spiegel von Wahrheitsverständnis und nationaler Identität, die Wahrnehmungen, Positionen und Bedürfnisse der griechischen Zyprioten im medialen Diskurs einer ausgewählten Krisenphase und schließlich die kritisch-reflexiven Stimmen und das friedenspolitische Engagement zur Konfliktbewältigung erörtert wurden, bleibt die Beantwortung der anfänglich aufgestellten Leitfrage und die Beurteilung der Hypothese. Vor der Zusammenführung und abschließenden Einschätzung des Erörterten indes sei ein ausführlicher Auszug aus einem Artikel erlaubt, der im März 2017 in der Cyprus Mail unter dem Titel „The Risk of Cyprus Being Thrown out of the EU is Visible“ erschienen ist. Denn er untermauert in vielfacher Hinsicht das Fazit der vorliegenden Forschungsarbeit.
Carolina Rehrmann

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