Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Dieser Sammelband plädiert dafür, Bewertungssoziologie und digitale Soziologie zusammenzudenken. Im Feld der Bewertungssoziologie wird gefragt, wie Dinge oder Handlungen (un)wertvoll werden oder wie es zur (De-)Stabilisierung von Wertordnungen kommt. Diese Perspektive ermöglicht es, digitale Infrastrukturen und ihre Grenzen neu zu betrachten – so sind Bewertungen nicht nur ein konstitutiver Bestandteil von Plattformen wie Airbnb, im Digitalen werden zudem Werte wie Privatheit erschüttert und die politische Debattenkultur verändert. Digitale Technik bringt Bewertungspraktiken mit hervor. Sie leitet und transformiert Bewertungen aber auch, mitunter in radikaler oder intransparenter Form (Stichwort: Fake News). Vor diesem Hintergrund beleuchtet das Buch methodologische Probleme einer digitalen Bewertungssoziologie und erkundet zugleich unterschiedliche Fallbeispiele – von Big Data und öffentlicher Soziologie über den Kampf gegen Filterblasen bis zum Onlinedating.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Eine Bewertungssoziologie des Digitalen

Dieser Sammelband argumentiert für eine Kombination von Bewertungssoziologie und digitaler Soziologie. In der Einleitung arbeiten wir wesentliche Literatur aus beiden Feldern auf und plädieren für einen experimentalistischen Zugang zum Thema (im Anschluss an Noortje Marres). Hier gehen wir zudem auf die Struktur des Buchs und den Mehrwert der einzelnen Beiträge ein. Das Buch gliedert sich in zwei Teile: Der erste Teil behandelt grundlegende methodologische Probleme. Dazu werden unterschiedliche Fallbeispiele (von Airbnb bis Spotify) diskutiert, in denen es jeweils um Infrastrukturen und ihre Grenzen geht. Im zweiten Teil steht noch stärker das Leben im Digitalen im Zentrum. Die Beiträge widmen sich dabei insbesondere der Neubewertung von Privatheit.
Jonathan Kropf, Stefan Laser

Grundlegende methodologische Probleme. Oder: Infrastrukturen und ihre Grenzen

Frontmatter

Für eine reflexive Vergleichspraxis in der Bewertungssoziologie

Pinterest und WhatsApp als Beispiel
Das Essay argumentiert, dass die zeitgenössischen soziologischen Bewertungsstudien zwar in einem hohen Maße auf Vergleiche angewiesen sind und Vergleiche vornehmen, dabei wird die eigene Praxis des Vergleichens aber selten diskutiert. In einem ersten Schritt werden daher Typen des Vergleichs differenziert, wobei die Hauptaussage dieses Essays darin besteht, dass sich die Bewertungssoziologie stärker mit reflexiven Vergleichen auseinandersetzen sollte. Wir illustrieren die Möglichkeiten und Herausforderungen einer solchen Reflexion an einem beispielhaften Vergleich der Onlineplattformen Pinterest und WhatsApp, die sich als zwei paradigmatische Plattformen mit interessanten Bewertungspraktiken erweisen. Wir gehen auf die Geschichte unseres „comparators“ ein, der diesen Vergleich hervorgebracht hat, was auch eine alternative Geschichte dieses Sammelbands ist. Den Kern der Untersuchung bildet eine eigene Heuristik, die auf den Begriff der Grenze im Sinne von Susan Leigh Star aufbaut.
Jonathan Kropf, Stefan Laser

Digitale Bewertungskultur im Tourismus 2.0

Grenzüberschreitung und Normalisierungsdruck
Bewertungselemente haben sich zu einem festen Bestandteil der Architektur von Webseiten und Plattformen entwickelt. Sie begegnen uns bei der Nutzung von Online-Marktplätzen, Bewertungsportalen, sozialen Medien, Sharing Economy-Anbietern, Streaming-Diensten oder mobilen Apps. Aufgrund ihrer medialen Einbettung ist es für Analysen digitaler Bewertungspraktiken notwendig, diese im komplexen Zusammenwirken mit den jeweiligen technischen Infrastrukturen zu begreifen. Anhand des Online-Community-Marktplatzes Airbnb untersucht der vorliegende Text Bewerten als ein Beispiel für die „kleinen digitalen Datenpraktiken des Alltags“ (Süssenguth 2015, S. 7). Es werden implizite, aber wirkmächtige Normen identifiziert, die sich an drei Bewertungsimperativen festmachen lassen und die Interaktionen der NutzerInnen in hohem Maße strukturieren. Damit begegnet der Text den Anforderungen an eine Digital Sociology (Lupton 2014) und leistet einen Beitrag zur Bedeutung von Medien und Technologien für die Soziologie des Wertens und Bewertens (Lamont 2012).
Thomas Frisch

Valuation an den Grenzen von Datenwelten

Konventionentheoretische Perspektiven auf Quantifizierung und Big Data
Aus Sicht der Soziologie der Kategorisierung und Quantifizierung werden arbeitsteilige Prozesse der Datenproduktion und die ihnen unterliegenden Konventionen betrachtet. Die wichtigste theoretische Grundlage dafür ist die „Economie des conventions“, die in Frankreich wiederum Teil der neuen pragmatischen Soziologie ist. Diese hat ihre Entstehungsmomente in der Analyse ökonomischer Koordination sowie Institutionen, aber insbesondere auch in der Analyse statistischer Kategorien und Quantifizierung. In dem Beitrag wird der Unterschied zwischen Konventionen mit semantischem Gehalt und ohne semantischen Gehalt als folgenreich für die Datenproduktion und die Valuation von Daten betrachtet. Der Beitrag vergleicht die Datenproduktion der amtlichen Statistik mit derjenigen der Privatwirtschaft. Vor allem mit dem Aufkommen des Neoliberalismus wird die Datenproduktion zunehmend verprivatisiert, die statistischen Ketten inkonsistent und die der Quantifizierung unterliegenden Konventionen werden für die Öffentlichkeit und für betroffene Akteure unsichtbar. Diese hat nachteilige Folgen für die normativen Grundlagen und Auswirkungen der Quantifizierung sowie für Möglichkeiten von Kritik und Rechtfertigung.
Rainer Diaz-Bone

Kontroversen bewertbar machen

Über die Methode des „Mapping of Controversies“
Der Beitrag diskutiert einen innovativen, in Forschung und Lehre realisierbaren Ansatz: das „Mapping of Controversies“ (MoC). Das Mapping bietet die Möglichkeit, den Big Data-Schatz zu heben, ohne mit starken Vorannahmen zu operieren. Der Ansatz kann gleichzeitig als Antithese zu den bisweilen neopositivistisch-objektivistisch daherkommenden Computational Social Science verstanden werden, sofern offensiv die Situierheit von Forschenden und Forschungsgegenständen reflektiert wird. Entstanden ist das MoC im Umfeld der Science and Technology Studies beziehungsweise der Akteur-Netzwerk-Theorie. Durch die Fokussierung auf Kontroversen soll die Transformation von Gesellschaft analytisch begleitet und ein Beitrag geleistet werden zur Hervorbringung entsprechender Problem-Öffentlichkeiten: Das Experimentieren mit neuen Darstellungs- und Erzählformen zielt auf die öffentliche „Bewertbar-Machung“ von Kontroversen. Wir stellen epistemologische Grundlagen des MoC vor, um daraufhin anhand von Fallbeispielen zu diskutieren, inwiefern es seine Versprechen zu halten geeignet ist. So werden Bedingungen identifiziert, die zur Umsetzung dieses vielversprechenden bewertungssoziologischen Ansatzes beitragen.
Stefan Laser, Carsten Ochs

Recommender Systems in der populären Musik

Kritik und Gestaltungsoptionen
Der vorliegende Beitrag ist einem bisher vernachlässigten Themenbereich gewidmet: Digitalen Bewertungspraktiken im Bereich populärer Musik, insbesondere mit Blick auf algorithmische Empfehlungssysteme (bzw. „Recommender Systems“). Nach einer Einführung in das Thema wird zunächst der kritische Diskurs über die Konsequenzen einer zunehmenden Verbreitung von Recommender Systems rekonstruiert. Davon ausgehend, dass sich in Empfehlungssysteme sehr verschiedene Wissensformen, Werte oder Klassifikationsprinzipien einschreiben lassen, diskutiert der zweite Teil des Aufsatzes Gestaltungsoptionen, die auf zwei Ebenen ansetzen: Die erste Ebene beschäftigt sich mit der Frage, wer im Kurationsprozess als verantwortliche Instanz adressiert wird, die zweite Ebene bezieht sich auf unterschiedliche Logiken der Klassifikation. Anstatt selbst Kritik zu üben, versucht der Beitrag damit einen Diskursraum für weitere kritische Debatten zu erschließen.
Jonathan Kropf

„Ich denke, es ist wichtig zu verstehen, warum die Netzwerkanalyse jetzt populär und besonders interessant für die Forschung geworden ist.“

Im Gespräch mit einem Mathematiker und einem Informatiker
In diesem Interview befragen zwei Soziologen einen Mathematiker und einen Informatiker zu den Grundlagen der Netzwerkanalyse. Das Interview ist durch Reflexionen und Gedankenexperimente aufgelockert und führt das Thema der digitalen Bewertungsinfrastrukturen so aus einer experimentellen Perspektive ein. Der Schwerpunkt liegt auf der (oftmals unsichtbaren) Arbeit, die hinter Netzwerkinfrastrukturen steht. Es wird über die lange Forschungstradition der Netzwerkanalyse gesprochen, disziplinäre und interdisziplinäre Herausforderungen werden diskutiert, zudem wird ein Einblick gegeben in aktuelle Forschungen zum Thema der Wissensverarbeitung, mit denen sich die befragten Personen beschäftigen. Berichtet wird etwa von Waldbränden auf Indonesien, die mit Daten von Twitter in einem UN-Projekt für die lokale Regierung aufbereitet werden, und von mathematischer Auseinandersetzung mit Individualität, die sich auch auf soziologische Grundbegriffe bezieht. In diesem Beitrag werden zudem Dokumente und wissenschaftliche Praktiken analysiert; im Sinne der Science and Technology Studies wird sich der „Science in Action“ und ihrer Unsicherheiten angenähert.
Tom Hanika, Mark Kibanov, Jonathan Kropf, Stefan Laser

Leben im Digitalen. Oder: Grenzen des Privaten neu bewerten

Frontmatter

Perverse Privatheiten

Die Postprivacy-Kontroverse als Labor der Transformation von Privatheit und Subjektivität
Im Zuge der Digitalisierung wird Privatheit neu ausgehandelt. Der Beitrag untersucht deshalb mit Hilfe foucaultscher und pragmatistischer Konzepte einen konkreten Fall der Neuordnung des Privaten: In der Postprivacy-Kontroverse wird die Annahme verhandelt, Privatheit sei langfristig nicht zu bewahren und ihr Verschwinden sei möglicherweise zu begrüßen. Die Analyse zeigt einerseits die Zurichtung einer Privatheit der individuellen Informationskontrolle und andererseits eine Gegenbewegung devianter Formen des Privaten. Während dabei normale durch perverse Formen des Privaten herausgefordert werden, wird deutlich, dass diese Verschiebungen mit einer neuen Subjektivität des Digitalen in Verbindung stehen.
Fabian Pittroff

Un/erbetene Beobachtung

Bewertung richtigen Medienhandelns in Zeiten seiner Hyper-Beobachtbarkeit
Fragen der Bewertung sind – so die Ausgangsthese des Beitrags – in das Internet, so wie es aktuell verfasst ist, elementar eingeschrieben: Fragen nach der Bewertung des richtigen Maßes an Beobachtbarkeit. Internetbasierte Kommunikation eröffnet praktisch unbegrenzte Möglichkeiten der Beobachtung, Überwachung und Datensammlung durch diverse Institutionen und Akteur/ innen. Gleichzeitig sind viele kooperative Medien, nicht zuletzt zahlreiche Anwendungen im Web 2.0, darauf angelegt, dass die Teilnehmer/innen sich gezielt beobachtbar machen. Der Beitrag fokussiert das Spannungsverhältnis zwischen der Überwachungsgesellschaft und einer Kultur der Maximierung der Produktion medialer Daten aus der Sicht von Nutzer/innen anhand der Unterscheidung „erbetene/unerbetene Beobachtung“. Von Interesse ist die kritische Urteilskraft von Social-Media-Nutzer/innen gerade deshalb, weil diese über ihre Online-Aktivitäten in die eigene Überwachung und Kontrolle ‚verstrickt‘ sind. Empirisch wird mit Bezug auf die Soziologie der Rechtfertigung von Boltanski und Thévenot sowie die Arbeiten von Kessous ein Blick auf subjektive Deutungen und Rechtfertigungen un/erbetener Beobachtung seitens junger Netzakteur/innen geworfen. Die empirisch vorgefunden Legitimierungen richtigen Medienhandelns zeigen, dass bei Fragen der Beschränkung von Daten und Kommunikation nicht nur eine Ökonomie der Aufmerksamkeit eine Rolle spielt, sondern diverse Konfigurationen verschiedener Rechtfertigungsordnungen relevant werden.
Kathrin Englert, David Waldecker, Oliver Schmidtke

Making Radio More Elastic. SAVVY Funk

A Documenta 14 Radio Program
SAVVY Funk was a radio program from documenta 14 in collaboration with Deutschlandfunk Kultur. This text is a written record of a fictional radio broadcast, which in fact has never been broadcast, but which is compiled of conversations, radio shows and experiences that actually took place in the course of SAVVY Funk, redefining and reflecting on the medium and its arts. It presents radio as a collective practice, which has the ability to generate a plurality of voices and networks. SAVVY Funk draws on the initial qualities of radio as a time-based medium, a medium of serendipity, ephemerality and liveness, which allows listeners to be part of events in the very moment they might not even have looked for, and therefore allows one to escape from the filter bubbles of internet media. Being part of such a prestigious art exhibition like documenta, the program introduces radio and sound art to the contemporary art world, while at the same time questioning – as performance arts already do – art as an economic system. “I proposed this radio program, because I wanted my grandmother to listen to documenta, I want my grandmother to be part of it. Very simple,” says Bonaventure Ndikung, co-curator of the program, pointing at the potential of radio as a mass media to enlarge the exhibition space.
Tina Klatte

Ausweitung der Paarungszone ?

Grenzverschiebungen digitalisierter Paarbildung
Ein nicht zu vernachlässigender Anteil der Paarbildung nimmt heute im Internet oder auf GPS-fähigen Mobiltelefonen ihren Anfang. Datingseiten und -apps wie OkCupid.com oder Tinder bieten neue Möglichkeiten, potenzielle Partnerinnen kennenzulernen. Ausgehend von der Soziologie der Bewertung versteht der Aufsatz Onlinedating als eine neue Form intimer Bewertungsspiele. Er fragt, wie sich die Digitalisierung der Infrastruktur intimer Bewertung auf die Möglichkeiten, die Grenzen von Intimsystemen zu ziehen, auswirkt und entwickelt Forschungsperspektiven für die Analyse intimer Bewertungsspiele.
Thorsten Peetz
Weitere Informationen

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Entwicklung einer Supply-Strategie bei der Atotech Deutschland GmbH am Standort Feucht

Die Fallstudie zur Entwicklung der Supply-Strategie bei Atotech Deutschland GmbH beschreibt den klassischen Weg der Strategieentwicklung von der 15M-Reifegradanalyse über die Formulierung und Implementierung der Supply-Rahmenstrategie. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Ableitung und Umsetzung der strategischen Stoßrichtungen sowie die Vorstellung der Fortschreibung dieser Strategie. Lesen Sie in diesem Whitepaper, wie die Supply-Strategie dynamisch an die veränderten strategischen Anforderungen des Unternehmens angepasst wurde. Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise