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17.09.2012 | Fossile Energien | Interview | Onlineartikel

Der Beitrag der Steinkohle zur Energiewende

Autor:
Günter Knackfuß

Interview mit Dr. Wolfgang Cieslik, Vorsitzender des Vorstands des Verein der Kohlenimporteure (VDKi) e.V. Hamburg

Ihr aktueller Jahresbericht analysiert den gesamten Weltkohlemarkt. Warum wählen sie einen globalen Ansatz?

In 2011 wurden rund 49 Mio. t Steinkohle aus allen Kontinenten nach Deutschland importiert. Die wichtigsten Exportländer waren dabei Russland, Kolumbien, USA,  Australien und Südafrika. Sie sehen, der Markt für Steinkohle ist ein Weltmarkt. Veränderungen in Produktion, Infrastruktur oder Nachfrage in einzelnen kohleexportierenden Staaten wirken sich unmittelbar auf Mengen und Preise auf dem Weltmarkt für Steinkohle aus. Kohle ist inzwischen eine Commodity wie Öl oder Gas geworden: Es gibt verschiedene Indizes, wovon der Wichtigste der sog. API #2 ist, der den Index für Kraftwerkskohlelieferungen frei Amsterdam, Rotterdam oder Antwerpen abbildet und für den es finanzielle Absicherungen, wie z.B. Derivate gibt, welche die Commodity Steinkohle auch für rein finanzielle Händler zu einer interessanten Portfolio-Ergänzung gemacht haben. Die Preise für Steinkohle weltweit orientieren sich damit auch in zunehmendem Maße an Konjunkturerwartungen und Finanzmarktinformationen. Für die mittel- bis langfristige Preiserwartung spielen Fundamentaldaten weiterhin eine große Rolle. Daher beobachtet der VDKi seit vielen Jahren kontinuierlich alle für den Welthandel von Steinkohle relevanten Länder.

Der Welthandel mit Steinkohle hat in 2011 mit 1.042 Mio. t  zum zweiten Mal nach 2010 die Milliardengrenze überschritten.  Der seewärtige Handel stieg um 15 Mio. t auf 978 Mio. t (+ 1,5%) an. Der seewärtige Handel gliedert sich in Kraftwerks- und Kokskohlehandel: der Kraftwerkskohlemarkt wuchs um 26 Mio. t auf 739 Mio. t; der Kokskohlemarkt verringerte sich um 11 Mio. t auf 239 Mio. t.

Der Exportmarkt für Kraftwerkskohle gliedert sich weiter in den pazifischen und in den atlantischen Teilmarkt. Der atlantische Markt legte um weitere 46 Mio. t auf 218 Mio. t zu in 2011 während der pazifische Markt um 20 Mio. t auf 521 Mio. t  abnahm.

Trotz Ausbau der Erneuerbaren wächst weltweit der Kohlebedarf. Wo liegen die Gründe dafür?

Als Hauptgrund gilt allgemein die ständig steigende Weltbevölkerung vor allem in den Nicht-OECD-Staaten, die die größte Triebkraft für die expandierende Weltwirtschaft und den globalen Energieverbrauch darstellt. Im Durchschnitt legt die Weltbevölkerung um 1% bzw. 70 bis 80 Mio. Menschen jedes Jahr zu. Zum Ende letzten Jahres umfasste die Weltbevölkerung 7 Milliarden Menschen.  Und die Schwellen- und Entwicklungsländer haben einen enormen Nachholbedarf im Energieverbrauch, um ihren Lebensstandard dem Niveau der Industrieländer nur etwas anzunähern. Die Internationale Energieagentur IEA schätzt, dass 1,4 Milliarden Menschen - also 20% der Weltbevölkerung - keinen Zugang zu Strom haben und 2,7 Milliarden Menschen - rund 40% der Weltbevölkerung - noch mit Holz kochen und mit Holz oder Kohlebriketts heizen.

Mittlerweile sind die größten Importnationen alle im südasiatischen Raum zu finden. In erster Linie sind es wie im Vorjahr China und Indien, die ihre Bezüge an Kraftwerkskohle und Kokskohle vom Weltmarkt um fast 45 Mio. t erhöhten und damit die Nachfrage maßgeblich bestimmten.

Kohle ist seit vielen Jahren Energieträger Nr. 1 in der Stromerzeugung. Fast die Hälfte der Zunahme des weltweiten Energiebedarfs wurde durch Kohle gedeckt. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen wird nach Angaben der IEA die Kohlenutzung bis 2035 um weitere 65% zunehmen, womit die Kohle das Erdöl als wichtigsten Energieträger im weltweiten Energiemix ablösen würde. Nach dem Szenario der neuen politischen Rahmenbedingungen steigt der globale Kohleverbrauch in den nächsten zehn Jahren ebenfalls  weiter an, stabilisiert sich dann aber und liegt letztlich 25% über dem Niveau von 2009.

Wie beurteilen sie die Situation in der EU?

Mit der wirtschaftlichen Stagnation im Rahmen der zunehmenden Schuldenkrise vor allem südeuropäischer Länder nahm der Primärenergieverbrauch laut BP von 1.744,8 Mio. t  auf 1.690,7 Mio. t ab, der Kohleverbrauch erhöhte sich indessen von 276,0 Mtoe auf 285,9 Mtoe.

Die Struktur der europäischen Stromerzeugung wird sich weiter zu Lasten der konventionellen Energieträger ändern. Ihr Anteil am Erzeugungsmix hat sich von 2000 bis heute von 54% auf ca. 50% vermindert. Innerhalb der konventionellen Energieträger  bestimmten im Jahre 2009 Kernkraft (27%) zusammen mit Kohle (25%), Gas (24%), Öl (2%) sowie große Wasserkraft (11%) rund 90% der Stromerzeugung und stehen für 84 % der Kraftwerkskapazitäten.

Der Primärenergieträgermix wird sich insgesamt auch auf Dauer zu den Regenerativen Energien hin verschieben. Wind und sonstige Erneuerbare Energien konnten ihren Anteil um 2% erhöhen, während Kernenergie und Öl um 1% abnahmen.

In 2011 waren fast durchgängig Förderrückgänge im europäischen Steinkohlebergbau auf insgesamt 129 Mio. t zu verzeichnen, was mit dem Beschluss  der EU Kommission zusammen hängt, Subventionen für den Steinkohlenbergbau nach 2018 nicht mehr zu genehmigen. Dennoch wurden in 2011 in der EU insgesamt 315 Mio. t Steinkohle verbraucht.

Die Struktur der Steinkohlenimporte veränderte sich in 2011 weiter: rückläufige Importe  aus Indonesien, Polen, Südafrika in die EU wurden durch höhere Lieferungen aus den USA, Kolumbien und Russland ausgeglichen.

Welche Auswirkungen sehen sie bei dieser Entwicklung auf die CO2-Emissionen?

Trotz einem nach ersten Schätzungen der Europäischen Umweltagentur (EUA) beobachteten Anstieg des Ausstoßes von Treibhausgasen um 2,4% im Jahr 2010 befindet sich die Europäische Union weiterhin auf dem besten Weg, die im Kyoto-Protokoll festgelegten Ziele zur Verringerung der Emissionen zu erreichen.

Die Treibhausgasemissionen der am EU-Emissionshandelssystem teilnehmenden EU-Unternehmen sind zwischen 2008 und 2010 um 8% zurückgegangen.

Die osteuropäischen Länder mit eingerechnet, hat die EU bei der Verringerung von Emissionen Fortschritte gemacht. 2010 lagen die Treibhausgasemissionen der EU-27 um 15% unter dem Wert von 1990 und sind damit dem Minderungsziel von 20% bis 2020 nähergekommen.

Ihr Geschäft sind die Kohleimporte. Wie verkraften die deutschen Händler die momentane Krisensituation?

Bislang können wir eine Krise im Sinne verringerter Importe nur in der Stahlindustrie spüren. Entsprechend dem Rückgang der deutschen Stahlproduktion von rund 6% sind auch die Kokskohleeinfuhren zurückgegangen. Auf die deutsche Stromerzeugung hat die wirtschaftliche Krise im benachbarten europäischen Ausland keine wesentlichen Auswirkungen. Problematisch für die Auslastung unserer Steinkohlekraftwerke ist aber die überförderte Photovoltaik. Ihr Einspeisevorrang lässt die Peak-Preise an der Strombörse in der Mittagsspitze sinken, sodass die auf Mittellast ausgelegten Steinkohlekraftwerke zu diesen Zeiten nicht wirtschaftlich betrieben werden können.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Kohlepreise ein?

Wir können nur Tendenzen aufzeigen: Die deutliche Dämpfung des Wirtschaftswachstum in China, die wirtschaftlich schwierige Situation in den südeuropäischen Ländern einerseits, das fehlende Anziehen der Wirtschaft in den USA und die Konkurrenzsituation zu dem preiswerten amerikanischen unkonventionellen Gas zur Stromerzeugung haben weltweit zu einem Nachfragerückgang an Kessel- und Kokskohle geführt.

Da in den letzten Jahren sehr viel in die Erweiterung und den Neuaufschluss von Steinkohlegruben investiert worden ist, führt dies momentan tendenziell zu einem Mengen-  und nachfolgend zu einem Preisdruck. Andererseits können starke Regenfälle oder Streiks wie z.B. in Australien oder Kolumbien geschehen, die Preise auch wieder schnell nach oben treiben. Das derzeitige Niveau ist mit 90 bis 95 US Dollar frei ARA Häfen im Vergleich zum Durchschnittspreis 2011 mit ca. 140 US Dollar verhältnismäßig moderat. Jedoch ist für Europa immer auch der Wechselkurs zu berücksichtigen. Der seit Mai erstarkende Dollar macht die Kohle in Euro tendenziell teurer, das Preisniveau in Euro von 2011 ist aber noch nicht erreicht.

Sie fordern ein neues Design der Strommärkte. Was steckt dahinter?

Dahinter steckt zunächst die Feststellung, dass sich das heutige Marktdesign (Energy-only-market) mit der Vermarktung des erzeugten Stroms über Börsen mit marktbasierten Preisen bewährt hat. Die Energiewende mit den Teilzielen Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 und massiver Ausbau der Erneuerbaren Energien erfordert aber vor dem Hintergrund des schleppenden Ausbaus der Off-shore-Windkraftwerke und des mehrjährigen Zeitverzuges des für den Abtransport des regenerativ erzeugten Strom dringend notwendigen Netzausbaus - von ca. 1.800 km bis 2015 benötigten Stromleitungen sind gerade einmal ca. 200 km gebaut - einer Ergänzung. Denn nur durch ausreichende Besicherung in Form von flexiblen thermischen (Kohle-)Kraftwerken kann unter diesen Bedingungen eine stabile, sichere und wirtschaftliche Stromversorgung gewährleistet werden. Für eine schnelle, praktische und volkswirtschaftlich sinnvolle Lösung sollte das derzeitige Marktdesign um eine diskriminierungsfreie, marktbasierte strategische Reserve ergänzt werden.

Welche Chancen und welche Risiken sehen Sie durch die Energiewende für Ihre Branche?

Die Rahmenbedingungen für die Stromerzeugung aus thermischen (Kohle-) Kraftwerken sind generell schwieriger geworden:

- Die abnehmende Auslastung und das Wegbrechen der finanziell attraktiven Peak-Stunden an der Strombörse durch die Vorrangeinspeisung subventionierter Erzeugung aus Erneuerbaren Energien (insbesondere Photovoltaik) gefährden den wirtschaftlichen Betrieb thermischer Kraftwerke.

- Die Gefahr vorzeitiger (d.h. vor dem Ende der technischen Lebensdauer) Stilllegungen von thermischen Kraftwerken aufgrund fehlender Rentabilität ist sehr ernst zu nehmen. In Verbindung mit der weiteren Stilllegung von Kernkraftwerken würde dies wegen fehlender regelbarer Kapazitäten ernsthafte Folgen für die Versorgungssicherheit in Deutschland haben, auf die insbesondere die Industrie angewiesen ist.

- Weitere neue thermische Kraftwerke - seien es Kohle- oder Gaskraftwerke - werden wegen mangelnder Akzeptanz und fehlender Rentabilität nicht gebaut. Sie kämen auch wegen langer Genehmigungsverfahren von 5 bis 10 Jahren zur Schließung einer Kapazitätslücke voraussichtlich zu spät.

Die Politik ist daher aufgefordert, geeignete Rahmenbedingungen sicherzustellen, damit die notwendigen thermischen Steinkohlekapazitäten aufrechterhalten und so Bestandskraftwerke wirtschaftlich betrieben werden können.

Für eine schnelle, praktikable und volkswirtschaftlich sinnvolle Lösung befürwortet der VDKi im ersten Schritt das heutige Marktdesign (sog. Energy-only-market) beizubehalten, jedoch um eine diskriminierungsfreie, marktbasierte strategische Reserve zu ergänzen. Denn ein Nachrüsten bzw. Weiterbetrieb von bestehenden Steinkohlekraft­werken ist volkswirtschaftlich deutlich kostengünstiger als der Neubau von Kraftwerken nur für wenige Betriebsstunden im Jahr. Dies wirkt sich auch preisdämpfend auf die Strommarktpreise aus. Über den Weltmarkt und seine diversifizierten Bezugsquellen besteht ein langfristig gesicherter Zugang zur Steinkohle. Gegenüber Gas ist Steinkohle zudem nicht Pipelinegebunden und nicht von wenigen Lieferländern/Gaslieferanten abhängig.

Herzlichen Dank für diese Gespräch!

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