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Über dieses Buch

Repair & Do-It-Yourself Aktivitäten auf der einen Seite und Diskussionen über die Kreislaufwirtschaft auf der anderen Seite gelten aktuell als vielversprechende Beispiele, wie derzeitige Konsumtions- und Produktionsweisen im Sinne einer nachhaltigen Gesellschaft reorganisiert und umgestaltet werden können. Der Band diskutiert sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus praxisbezogener Perspektive die Relevanz, die Wechselwirkungen wie auch die Möglichkeiten und Grenzen der genannten Phänomene des Reparierens, Selbermachens und Länger Nutzens einerseits und des Kreislaufwirtschaftens andererseits.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Reparieren, Selbermachen, Längernutzen

Kreislaufwirtschaften als Alternative zum ressourcenintensiven, linearen Massenkonsum?
Zusammenfassung
Reparieren, Selbermachen, Längernutzen und Kreislaufwirtschaften werden oftmals als zukunftsweisende Alternativen zu den Produktions- und Konsumtionsweisen heutiger Wegwerfgesellschaften gedeutet. Vor diesem Hintergrund werden die Beiträge in diesem Band thematisch verortet. Die genannten Praktiken des Reparierens, Selbermachens und des Längernutzens werden als Phänomene von Bottom-up-Initiativen gedeutet, die vornehmlich in der öffentlichen Sphäre beheimatet sind und von einem zivilgesellschaftlichen Engagement profitieren. Ihre aktuell vergleichsweise marginale Bedeutung ist historisch durch die Durchsetzung fordistischer Produktionsregime und dazugehöriger ressourcenvernutzenden Konsumtionsweisen bedingt. Aktuelle Initiativen des Kreislaufwirtschaftens stellen dahingegen Top-down-Strategien dar, in denen Akteur*innen vor allem aus der Politik und der Wirtschaft einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen mit Hilfe von Kommodifizierungsstrategien vorantreiben. Inwiefern die genannten Bottom-up- und Top down-Prozesse gut miteinander verknüpft werden können und inwiefern die genannten Praktiken wie auch die Kreislaufwirtschaftsstrategien wirksame Alternativen zu den Regimen der Massenproduktion und -konsumtion sein können, lässt sich bislang noch nicht abschließend beurteilen.
Michael Jonas, Sebastian Nessel, Nina Tröger

Theoretische Perspektiven

Frontmatter

Was ist an Prosumtion noch Konsumtion?

Die positive Wendung eines negativen Klischees
Zusammenfassung
Spätestens seit die Sozialfigur des Prosumenten wiederentdeckt wurde, stellt sich vermehrt die Frage, was denn noch an reinem, ja passivem Konsum übrigbleibt, wenn die meisten Konsumenten doch mehr oder weniger aktiv sind, mithin Produktivität ihr Verhalten vorrangig zu prägen scheint. Konsumtion ohne Produktion gerät damit vollends ins Hintertreffen, so macht es den Eindruck. Der vorliegende Beitrag geht diesem Verdacht ein Stück weit nach und prüft in diesem Zusammenhang, inwieweit Muße das eigentliche Mysterium des modernen Konsums darstellt.
Kai-Uwe Hellmann

Do-it-yourself und die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft

Aktuelle Diskussionen in historischer Perspektive
Zusammenfassung
In aktuellen Diskussionen um Konsum und Klima erscheinen Praktiken des Selbermachens oftmals als einfache Lösung für gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme. Doch über Formen und Umfang der eigenhändigen Her- und Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen ist wenig bekannt, und auch über die Motive und Erfahrungen des Selbermachens gibt es wenig Forschung. Der Beitrag zeigt, wie häusliche Versorgungsstrategien, wirtschaftliche und soziale Ordnungen zusammenhängen. Die Aufforderung „Do it yourself!“ wird in ihrer Komplexität analysiert. Sie steht für Emanzipation ebenso wie für Disziplinierung, sie kann Marktferne, aber auch Konsum bedeuten und geht mit Prozessen der Inklusion und der Exklusion einher. Der Blick auf die Geschichte des Selbermachens hilft, aktuelle Fragen und Vorschläge mit Blick auf Voraussetzungen und Folgen einzuordnen und zu präzisieren.
Reinhild Kreis

Über den Umgang mit den Dingen

Zusammenfassung
In dem Beitrag geht es um Kritik am heutigen kulturell und ökonomisch geprägten Umgang mit den Dingen. Dabei wird eine kulturgeschichtliche und philosophische Entwicklungslinie unseres von Beschleunigung, Verschwendung und Überfluss bestimmten Handelns nachgezeichnet. Der Beitrag verdeutlicht die Widersinnigkeit und Widersprüchlichkeit unserer gegenwärtigen Produktions- und Konsumweise. Von der Umnutzung von Gebrauchsgütern früherer Zeiten über die Schnelllebigkeit im heutigen Umgang mit den Dingen (z. B. „Tempo-Taschentuch“) bis hin zur Absurdität industrieller Massenproduktion von gebraucht (historisch) erscheinenden Gütern („Used Look“) zeichnet der Beitrag eine Entwicklungslinie in Produktion und Konsumtion unserer Kulturgeschichte nach. Auf der Grundlage der Analyse werden philosophische Überlegungen einer Kultur der Mäßigung und eines achtsameren, wertschätzenden Umgangs mit den Ressourcen und Dingen als Alternative zu den Imperativen einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft aufgezeigt (vgl. Vogel, T. (2018). Mäßigung – Was wir von einer alten Tugend lernen können. München: oekom.). Seit 2500 Jahren philosophieren Menschen über Mäßigung als Ziel für Zufriedenheit und Glück. Der exzessive Produktions- und Lebensstil in den Industrieländern und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen erfordern ein neues Nachdenken über diese Philosophie als Suche nach dem rechten Maß im Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zur Natur und im Umgang mit den Dingen.
Thomas Vogel

Empirische Studien

Frontmatter

A Norwegian Circular Economy?

Protestant Visions of an Alternative to Mass Consumerism
Summary
Like many other successful terms, ‘circular economy’ is weakly defined and open to different interpretations. This openness, which enables adoption by a broad coalition of actors, has been dealt with in the academic literature by repeated efforts to define and categorise. Instead of adding yet another definition, in this chapter we describe the particular vision of a ‘circular economy’ which is performed in the context of the Norwegian region of Trøndelag. Drawing on two cases which are interpreted with the help of the concepts sociotechnical imaginary and sociotechnical vanguard, we present a specific vision of a feasible and desirable alternative future which is deeply rooted in protestant ethics of individual responsibility and the absolute reduction of consumption. Because of these historical and cultural roots, we argue that despite opposing trends, this vision has good chances to become the dominant vision of a sustainable future in the Norwegian context.
Thomas Edward Sutcliffe, Thomas Berker

„Doing Value“ – wie Praktiken der Bedeutungszuweisung die Nutzungsdauer von Geräten beeinflussen

Zusammenfassung
Der weltweit steigende Konsum von Elektronikgeräten ist mit vielen sozialen und ökologischen Problemen verbunden, welche durch längere Nutzungsdauer signifikant verringert werden können. In diesem Beitrag wird ein Modell zur Erklärung der Nutzungsdauer vorgestellt, das auf der Basis von qualitativen Interviews mit Nutzenden zu ihrem Umgang mit Technik, speziell Mobiltelefon und Waschmaschine entwickelt wurde. Das Modell „Doing Value“ lenkt die Perspektive darauf, dass Obsoleszenz nicht ein Zustand, sondern ein Prozess bzw. ein dynamisches soziotechnisches Phänomen ist, welches in sozialen Praktiken des Konsumierens, Entwertens, Nachnutzens, Neukaufens und Wegwerfens hervorgebracht und stetig aktualisiert wird. Zentral sind dabei Bedeutungskonstruktionen und -zuschreibungen, die sich zum einen auf die Abwertung oder Entwertung eines Produktes im Gebrauch beziehen, zum anderen auf Aufwertungen und die Zuschreibung von Besonderheit oder Erwünschtheit in Bezug auf noch nicht genutzte oder „neue“ Produkte.
Tamina Hipp, Melanie Jaeger-Erben

Anreize, Garantien, Verbote?

Konsumpolitische Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Produkte und ihre Unterstützung durch die Konsument*innen
Zusammenfassung
Im Bereich nachhaltiger Produktpolitik gibt es vor allem auf EU-Ebene, aber auch von vielen interessenspolitischen wie wissenschaftlichen Akteur*innen eine Reihe von Vorschlägen, wie die Lebensdauer und Reparierbarkeit von Konsumgütern erhöht werden könnte. Ideen sind etwa die Einführung eines Reparaturlabels oder die Festlegung einer Mindestlebensdauer von Produkten. In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, welche dieser nachhaltigkeitsorientierten konsumpolitischen Maßnahmen im Bereich der Haushaltsgroßgeräte auch von Konsument*innen unterstützt oder abgelehnt werden. In weiterer Folge wird im Detail untersucht, welche Faktoren die Zustimmung/Ablehnung zu den Maßnahmen beeinflussen und welche Typen von Konsument*innen auf Basis empirischer Daten unterschieden werden können. Diese Analyse gibt einen Einblick in die Strukturierung der Zustimmung zu konsumpolitischen Maßnahmen, Anhaltspunkte für politische Strategien und einen Ausgangspunkt für vertiefende Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen subjektiven Lebenslagen und der Akzeptanz und Wirkung nachhaltigkeitsorientierter Maßnahmen.
Gerhard Paulinger, Nina Tröger

Ist nachhaltig „normal“?

Nachhaltigkeit als Konsum-Kompass und Selbst-Moralisierung im Umgang mit Konsumgütern
Zusammenfassung
Der Beitrag setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit Nachhaltigkeit bereits „normal“ ist, sich also in alltäglichen Verhaltens- und Konsummustern etabliert hat. Mit einer quantitativen Befragung wurden Veränderungen im Umgang mit (Konsum-)Gütern in Österreich zwischen 2015 und 2019 erhoben. Die Ergebnisse wurden durch narrative Interviews ergänzt und reflektiert, die mit einem innovativen Storytelling-Konzept Nachhaltigkeitsnarrativen und Dissonanzen in Bezug auf Nachhaltigkeit als normativem Rahmenwerk für individuelles Handeln nachgingen. Die zentralen Ergebnisse der Studie zeigen, dass Nachhaltigkeit als moralischer Kompass im Bewusstsein der Konsument*innen in Österreich angekommen ist, insbesondere, wenn es um die Nutzungsdauer von Produkten, speziell von Smartphones, geht. Konkrete Handlungsveränderungen werden aber weniger durch eine „Moralisierung“ mit Nachhaltigkeit als „Konsum-Kompass“, sondern vielmehr durch positive Erfahrungen der Peergroup, Vorbilder in der Familie oder entsprechende kommunikative Aushandlungsprozesse im Sinne einer Selbstmoralisierung in der persönlichen Nahwelt beeinflusst.
Franzisca Weder, Renate Hübner, Denise Voci

Verunsicherter DIY-Urbanismus

Zusammenfassung
In Wiens Gemeindebezirk Ottakring finden sich zunehmend Events im (halb-)öffentlichen Raum, in denen vielfältige Praktiken des Erhaltens aufgeführt werden. Es geht dort um ein gemeinsames Tuen, in dem etwa getauscht und geteilt, wiederverwendet oder eben Reparieren zur Kernaktivität involvierter Menschen und Dinge wird. In betreffenden Forschungsdiskursen werden solche Phänomene mit dem Begriff Do-it-Yourself-Urbanismus bezeichnet, die kleine, Bottom-up-Interventionen beinhalten. Mit Blick auf deren Träger*innen und ihrem affirmativen Wirken in einer männlich kodierten öffentliche Sphäre, wurden solche Aktivitäten jüngst vermehrt kritisiert. Auch steht hierbei aus, was für Öffentlichkeiten die betreffenden Phänomene hervorbringen können. In meinem Beitrag gehe ich vor diesem Hintergrund auf zwei Fallbeispiele einer ethnografischen Forschung ein, in denen Akteur*innen, Alltagsgegenstände und Tätigkeiten öffentlich in Szene gestellt werden, die oftmals kaum die häusliche Sphäre verlassen. Im Zuge dessen nutze ich Datenmaterial (Beobachtung, Kurzgespräche, ein Tischgespräch und visuelle Daten), das ich im Zusammenhang eines Forschungsprojekts (R-DIY-U) gesammelt habe.
Simeon Hassemer

Aus der Praxis

Frontmatter

Repair & Do-it-yourself Urbanism: Good Practice in London und Berlin

Zusammenfassung der Ergebnisse internationaler Recherchen im Rahmen des Projektes Repair & Do-it-yourself Urbanism
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, inwieweit die Aktivierung und Weiterentwicklung der breiten Palette kommerzieller wie nichtkommerzieller Praktiken des Repair & Do-it-yourself Urbanism einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung resilienter Stadtteile mit geringem Ressourcen- und Energieverbrauch und hoher Lebensqualität leisten kann. Dazu wurden Good Practice Beispiele in London und Berlin recherchiert und vor Ort besucht. In London wurden siebzehn Beispiele für Interviews und/oder teilnehmende Beobachtungen ausgewählt, in Berlin zwölf. Die Praktiken der ausgewählten Initiativen erstrecken sich vom Reparieren über Selbst Produzieren weiter zu Weiterverwenden von gebrauchten Materialien bis hin zu Tauschen und Verleihen. Eine hohe Diversität ist auch hinsichtlich der Zielgruppen und der Organisationsformen gegeben. Die Initiativen sind in unterschiedlicher Ausprägung an zivilgesellschaftliche, staatliche und privatwirtschaftliche Strukturen angebunden. Es können unterschiedliche Nachhaltigkeitseffekte herausgearbeitet werden und trotz der Individualität der untersuchten Initiativen können auch einige Aussagen über generelle fördernde und hemmende Faktoren identifiziert werden. Zusammenfassend wird deutlich, dass die besuchten Projekte als Experimentierfelder zur Entwicklung sozialer und wirtschaftlicher Praktiken verstanden werden können, die bei entsprechender Förderung und Verbreitung einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung resilienter Stadtteile leisten können.
Markus Piringer, Elmar Schwarzlmüller

Potenziale alternativer Konsummodelle für nachhaltige Entwicklung

Erfahrungswissen der Praxis in Wechselwirkung mit nationalen und europäischen Strategien
Zusammenfassung
Produkte, die vor Erreichen ihrer optimalen Lebens- oder Nutzungsdauer ersetzt bzw. entsorgt werden, verbrauchen mehr Ressourcen und erzeugen mehr Abfälle. Dieses Thema wird unter dem Begriff Obsoleszenz diskutiert. Das Umweltbundesamt koordinierte am 18. November 2019 in Kooperation mit dem damaligen Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (jetzt Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie) einen vertiefenden Austausch zwischen AnbieterInnen und NutzerInnen zum Thema „Konsummodelle im Wandel – durch Digitalisierung Produkte länger nützen“. Ziel des Artikels ist es die Ergebnisse des Workshops in Form von Herausforderungen und Handlungsempfehlungen darzustellen, um daraus Anknüpfungspunkte zu politischen Strategien und das Potenzial von alternativen Konsummodellen aufzuzeigen. Dies bietet die Möglichkeit auch AnbieterInnen in der Praxis besser unterstützen zu können.
Anna Rosa Vollmann, Daniela Zanini-Freitag, Josef Hackl
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