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Über dieses Buch

Die Beiträge des Buches befassen sich mit der Frage, was ‚Gesellschaft‘ bedeutet, wenn nahezu alle Lebensbereiche assistiert werden. Ob Blindenhund, Butler oder Assistent der Geschäftsführung, Herzschrittmacher oder Navigationssystem, Pflegeroboter oder Ambient Assisted Living - wir werden assistiert von anderen Personen und Lebewesen, und immer häufiger auch von Technologien und Artefakten. Diesen Assistenten kommt eine spezifische und neue Rolle zu: sie beschützen, sie helfen, sie steuern uns. Prozesse der Assistierung in Lebens- und Arbeitswelt werden oft im Einklang mit sich steigernden Kompensations- und Effizienzversprechen vorangetrieben. Aber wie gestaltet sich Assistenz konkret? Welche Wechselwirkungen entstehen zwischen den beteiligten Instanzen? Und welche gesellschaftlichen Dynamiken und unbeabsichtigten Folgen sind damit verbunden? Darauf versucht der Sammelband Antworten zu geben.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

In Gesellschaft – Assistenzformen, Assistenzweisen und Assistenzensembles

Assistenzen sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Eine dezidierte Systematisierung und Analyse der Sozialform „Assistenz“ ist bislang noch offen. Eine erste multidisziplinäre Erkundung wendet sich diesen drei Bereichen zu: personale Assistenz (Arbeit und Schwerhörigkeit, Leihmutterschaft), technische Assistenz (Ambient Assisted Living, Alter und Pflege, Robotik) und Assistenz in Bezug auf gesellschaftliche Dynamiken (Existenzweisen, Kompensation und Komfort, Assistenzüberschuss). Aus den Beiträgen wird die Analysekategorie Assistenzensemble abgeleitet und anhand einer Idealtypik veranschaulicht.

Peter Biniok, Eric Lettkemann

Assistenz und Gesellschaft

Frontmatter

Synchronisierung, Kopplung und Kontrolle in Netzwerken. Zur sozialen Form von Unterstützung und Assistenz

Dieser Beitrag formuliert Ansatzpunkte für eine soziologische Theorie der Unterstützung. Das schließt Assistenz und Hilfe als spezielle Strukturformen von Unterstützung mit ein und ignoriert die Trennung zwischen „technischer“ und „sozialer“ Unterstützung, weil sich entsprechende Prozesse ausnahmslos als soziomaterielle Arrangements realisieren. Die einfache, aber folgenreiche strukturelle These lautet, dass Unterstützung sich immer von einer Aktivität unterscheidet, zu der sie sich dadurch in Beziehung setzt. Unterstützung bezieht sich also nicht auf „den“ Menschen als Kompaktwesen, sondern auf spezifische Aktivitäten in soziotechnischen Netzwerken. In entsprechenden Situationen beteiligte Beobachter versuchen, diese Relation von Aktivität und Unterstützung in drei Dimensionen zu kontrollieren: durch zeitliche Synchronisierung/Desynchronisierung, durch integrierte/komplementäre Formen der Kopplung und durch Zuschreibungen der Kontrollhoheit auf unterschiedliche Identitäten.

Athanasios Karafillidis

Von der Existenz zur Assistenz. Akteure und Techniken des Beiseins

Trotz ihres Gleichklangs scheinen Existenz und Assistenz völlig unvereinbaren Begriffswelten anzugehören: während Existenz seit langem als philosophischer Grundbegriff im Umlauf ist, gilt Assistenz nur als profane Funktions- und Tätigkeitsbeschreibung. Entgegen dieser Aufteilung soll die Figur der Assistenz in diesem Beitrag als Herausforderung begriffen werden, unser Verständnis von Existenz neu zu justieren. Die zentrale These des Beitrages lautet, dass Existenz immer schon der Assistenz bedarf, oder: dass die Assistenz der Existenz vorausgeht. Am Beispiel diverser assistiver Objekte und Technologien, wie Spurhalteassistenten, Beibooten und Sprungkissen, soll gezeigt werden, inwiefern Assistenten sich keinesfalls als bloße akzidentielle Phänomene beiseiteschieben lassen, sondern existenziell erforderliche Hilfestellungen gewähren. Ihre kardinale Aufgabe wird dabei als anaphorisch bestimmt: Wie die Anaphorik der Sprache, so helfen auch Assistenten über Diskontinuitäten, kritische Schwellen und Unterbrechungen hinweg, an denen Existenzen aus den Fugen zu gehen droht. So wird sich herausstellen, dass das Sein einer Entität konstitutiv vom Bei-sein ihrer Assistenten abhängt.

Martin Siegler

Wir assistieren uns zu Tode

Leben mit Assistenzsystemen zwischen Kompetenz und Komfort

In diesem Beitrag wird Assistenzgesellschaft verstanden als eine in allen Lebensbereichen mit intelligenten künstlichen Assistenten interagierende Gesellschaft. Einige Schritte hierzu sind mit heutigen persönlichen Assistenzsystemen, sozialen Robotern und umfassender Smartphone-Assistenz bereits getan. Forschungs- und Entwicklungsvisionen zielen mit technischer Assistenz vermehrt auf Komfort und so darauf, das Leben simpel und einfach zu machen. Es besteht jedoch eine grundsätzliche Spannung zwischen komfortorientierter Assistenztechnik, die bei Widerständen vorauseilend beispringt, und dem kompetenzbasierten Selbst-Können und eigenmächtigen Überwinden der widerständigen Welt. Kompetenz bildet sich am Widerstand – Komfort trifft ihn erst gar nicht an. Wie kann in diesem Spannungsverhältnis assistiertes Handeln gestaltet werden, um von Gratifikationen technischer Assistenz zu profitieren, ohne sich um die Grundlage eigener Entwicklungsmöglichkeiten zu bringen und in Assistenzabhängigkeiten zu geraten? Wie genießt man Komfort, ohne Kompetenz aufs Spiel zu setzen? Ein Lösungsansatz wäre eine kompetenzsensible höherstufige Assistenz, die um des Kompetenzerhalts willen Komfortleistungen verweigern kann. Die Assistenzgesellschaft wird aufmüpfige Assistenten brauchen, wenn sie noch etwas selbst können will.

Bruno Gransche

Assistive Kolonialisierung. Von der „Vita activa“ zur „Vita assistiva“

Inspiriert von der politischen Philosophie Hannah Arendts untersucht dieser Beitrag die Frage, ob Assistenzphänomene als Signatur der Gegenwartsgesellschaft verstanden werden können und fragt, inwieweit sich damit die existentielle ‚Bedingtheit‘ des Menschen ändert. Dazu wird zunächst eine Heuristik zur Einordnung von Assistenzen im Wechselverhältnis von Mensch und Algorithmus vorgestellt. Assistenzen werden als vermittelnde Form zwischen Differenzierung und Integration verstanden. Im Rückgriff auf die von Habermas entwickelten System- und Lebensweltbegriffe werden dann die vorgestellten Assistenzformen mit dem Begriff der assistiven Kolonialisierung belegt und abschließend Kriterien zur Unterscheidung eines tätigen Vita Activa und eines unselbstständigen Vita Assistiva benannt.

Stefan Selke

Personale Assistenz

Frontmatter

Stille Post: Vertrauen und Aktionsmacht in der personellen Assistenzdyade

Die Bedeutung von Vertrauen stellt im Zusammenhang mit Assistenz, Behinderung und Arbeit in der sozialwissenschaftlichen Literatur ein Forschungsdesiderat dar. Dieser Aufsatz unternimmt am Beispiel von personeller Arbeits- bzw. Kommunikationsassistenz für schwerhörige Berufstätige einen ersten Schritt zur Entdeckung des Phänomens im Zusammenhang mit Assistenz. Personelle Arbeitsassistenz für Menschen mit Behinderung soll als kompensatorisch-emanzipatorisches Instrument Teilhabe an der Gesellschaft durch Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen. Die dyadische Konstellation von schwerhörigen Assistierten und hörenden AssistentInnen ist dabei sowohl von Kooperation als auch von Abhängigkeit geprägt. Diskutiert wird personelle Assistenz als empirischer Gegenstand von Vertrauen (als Umgang mit Verletzbarkeit und Ungewissheit) und gleichsam von Aktionsmacht (als Verfügung über Gewährleistung oder Minderung sozialer Teilhabe). Es wird gezeigt, warum Vertrauen und Aktionsmacht von beträchtlicher empirischer Relevanz für die Auseinandersetzung mit (Arbeits-)Assistenz sind: Sie sind für das Gelingen und Scheitern des Instruments entscheidend.

Caroline Richter, Katharina Mojescik

Leihmutterschaft – Assistenzbusiness in der globalisierten Welt

Die kommerzielle Leihmutterschaft umfasst das Austragen und Gebären eines oder mehrerer durch assistive Reproduktionstechnologie gezeugten Feten von einer jungen Frau, die nicht die genetische Mutter ist. Im Gegensatz zu Organspenden ist die Leihmutterschaft in vielen reichen Ländern nicht legal. Gleichwohl haben sich allein in Indien etwa 30.000 Kliniken auf die Bedürfnisse ungewollt Kinderloser aus dem In- und Ausland spezialisiert. Das dortige Assistenzbusiness beinhaltet medizinische, soziale und alltagspraktische Hilfestellungen für die beauftragenden Eltern, die meist finanzielle und pragmatische Motive für die Wahl einer indischen Leihmutter angeben. Nach der Geburt wird das Kind den beauftragenden Eltern übergeben und die Leihmutter erhält eine finanzielle Kompensation in Höhe eines mehrfachen Jahresgehalts. Im Falle einer Fehlgeburt erhält sie nichts. Von allen Beteiligten haben die aus den oberen Schichten Indiens stammenden Ärzte die größte Bestimmungsmacht und geben die Regeln für Eltern und Leihmütter vor. Ob die Assistenzleistung der Leihmutterschaft für die junge indische Frau eine Chance auf finanzielle Emanzipation und Empowerment oder die Ausbeutung eines armen Landes durch die Heranziehung rechtloser und armer Menschen zu gesundheitlichen Assistenzdiensten darstellt, wird im vorliegenden Artikel diskutiert.

Birgit Reime

Technische Assistenz

Frontmatter

Assistiert altern. Die Entwicklung eines Sturzsensors im Kontext von Ambient Assisted Living

Die Entwicklung und Anwendung assistiver Technologien zur Unterstützung älterer Menschen im häuslichen Kontext ist mit einer Vielzahl menschlicher und nicht-menschlicher Akteure verbunden. Der Artikel beleuchtet anhand eines ethnografischen Fallbeispiels das Feld Ambient Assisted Living und fragt, wie Assistenz und Alter(n) in AAL-Technologien eingeschrieben werden und sich in diesen materialisieren. Ausgangspunkt ist dabei die Entwicklung eines intelligenten, sensorbasierten Notfallknopfs.

Cordula Endter

Kann es technische Assistenten in der Pflege geben? Überlegungen zum Begriff der Assistenz in Pflegekontexten

Die Rede von „technischen Assistenten“ in der stationären Pflege hat derzeit Konjunktur in wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten. Hierbei zeigt sich jedoch in vielen Fällen, dass der Sammelbegriff der ‚assistierenden‘ Technologien wenig zielführend ist. Vor diesem Hintergrund plädieren die Autorinnen in diesem Beitrag dafür, die Metapher der ‚Assistenz‘ für soziotechnische Systeme zu reflektieren und auf ihre Relevanz hin zu überprüfen. Denn um „assistierende“ Funktionen auszuweisen, muss gleichzeitig auch die Nutzung eines Bezugsrahmens offengelegt werden. Nur so kann der funktionale Charakter der technischen Assistenzsysteme ausgewiesen werden. Diese These wird im vorliegenden Beitrag ausgelotet und auf Basis einer empirischen Studie in der stationären Pflege von Menschen mit Demenz kritisch diskutiert.

Bettina-Johanna Krings, Nora Weinberger

Assistive Sicherheitstechniken in der Pflege von an Demenz erkrankten Menschen

Technische Assistenzen verbreiten sich im Gesundheitssystem rasant. Gesundheitspolitische und wirtschaftliche Akteure postulieren Assistenzen als Lösungen für die Herausforderungen, welche mit den Auswirkungen des demografischen Wandels in der Pflege einhergehen. Assistenzen sollen die Pflege effizienter und kostengünstiger gestalten sowie die Lebensqualität von Pflegenden und Gepflegten steigern. Die sozialen Dimensionen dieser Entwicklung, wie sich ändernde Auffassungen von Pflegeleitbildern und langfristige Auswirkungen auf die Strukturen der Pflege werden nur marginal thematisiert und erforscht. Am Beispiel von innovativen technischen Assistenzen in der Pflege von Menschen mit Demenz wird gezeigt, welche sozialen Aspekte und nicht intendierten Dynamiken neben den offiziell postulierten Assistenzeffekten durch eine soziologische Perspektive nachgewiesen werden können. Assistenztechnik wirkt nicht lediglich eindimensional auf bestimmte Pflegekontexte ein, sondern beeinflusst auch zentrale Werte in der Pflege. Die Pflegeleitbilder verschieben sich durch Assistenzen von an Selbstbestimmung und Individualität orientierter Pflege hin zu standardisiertem Sicherheitsdenken und Effizienzstreben.

Jannis Hergesell

Generations- und geschlechtsspezifische Technikaneignung im technikunterstützen Wohnen

In Modellprojekten assistierenden, technikunterstützten Wohnens werden Bewohner/-innen unabhängig vom aktuellen Bedarf mit sicherheits- und komfortsteigernder Technik sowie neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten konfrontiert. Anhand von zwei exemplarischen Fallbeispielen aus einer qualitativen Evaluationsstudie von Modellprojekten, wird generations- und geschlechtsspezifisch herausgearbeitet, welche Potenziale und Hürden sich für die Bewohner/-innen mit assistierenden technischen Angeboten in ihrer Wohnung ergeben. Dabei hat sich insbesondere ein Kurs, der in die Funktionen und die Bedienweise eines Tablets einführt, als spezifischer Rahmen der (Nicht-)Aneignung erwiesen. Das Erlernen der neuen Technik kann zum Selbstzweck geraten und dadurch neue Nützlichkeiten eröffnen. Es zeigte sich, dass für Frauen sowohl Touchscreen, Menüstruktur und Funktionsangebot des Tablets anschlussfähiger an ihre Gewohnheiten sein können als für Männer.

Karoline Dietel

Humanoide Roboter als zukünftige assistive Akteure in der Küche? Einblicke in die Herstellung eines Robot Companions

Wie wird aktuell ein Zusammenleben mit humanoiden Robotern als zukünftige Assistent_innen imaginiert und realisiert? Basierend auf Einblicken in eine Laborstudie nimmt dieser Artikel die Herstellung eines Roboters als assistiven Akteur in der Küche in den Fokus. Aus feministischer Perspektive wird die Herstellung dieser Maschine einerseits an ihren soziokulturellen, historischen Kontext und andererseits an das Handlungsgefüge innerhalb des Robotiklabors rückgebunden. Damit soll die Frage, ob humanoide Roboter ideale Assistent_innen im Alltag der Zukunft darstellen oder nicht, verkompliziert werden. Statt für oder gegen solche Maschinen zu argumentieren, schlägt die Autorin* vielmehr vor, die Herstellung solch einer_s Assistent_in in der Küche nicht davon abzukoppeln, zum einen wie Assistenz in diesem Raum gesellschaftlich als auch individuell organisiert und geleistet wird, zum anderen von den Mikropraktiken, welche die Schnittstelle Roboter/Mensch konstituieren. Über den Begriff des Performing the Kitchen wird zudem ein Verständnis von Intra-aktion zwischen Mensch/Roboter herausgefordert, um Möglichkeiten der Assistenz zwischen Menschen und Robotern neu auszuloten – jenseits von Visionen einer universell einsetzbaren immer dienstleistungsbereiten Maschine.

Pat Treusch
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