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Über dieses Buch

Autorität ist das Thema dieses Buches. Eskalationen im Polizeidienst, die offenbar im Zuge der Individualisierung eine neue Qualität erreicht haben, erfordern ein Umdenken der Polizei. Das betrifft besonders das antiquierte Autoritätsverständnis der Polizei. Wie aber lässt sich in der offenen Gesellschaft, in der Über- bzw. Unterordnungsverhältnisse als voraufklärerisch gelten, ein Autoritätsanspruch der Polizei aufrechterhalten? Mit dem Ziel, die funktionale Ausrichtung der Polizei in der Gesellschaft den Befindlichkeiten des selbstbestimmten Bürgers im 21. Jahrhundert anzupassen, wird eine Neukonzeption von Polizeiautorität vorgelegt.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Eigentlich war der Streifenwagen am Donnerstag wegen eines Verkehrsunfalls in die Karl-Marx-Straße gerufen worden. Doch die Beamten – die 33 Jahre alte Polizeikommissarin, ein Kollege und ein Auszubildender – konnten den Unfall nicht gleich finden und führen langsam auf der rechten Spur. Schließlich hielten sie an. Daraufhin stoppte ein BMW neben ihnen. Der Fahrer schrie durch das geöffnete Fenster, die Polizisten sollten schneller fahren. Dann scherte der BMW vor dem Streifenwagen ein, und der Fahrer ging offenbar mitsamt seinem Beifahrer auf die Polizisten los. Bei dem Handgemenge wurde die Beamtin ins Gesicht geschlagen. Als die Polizistin die 26 und 19 Jahre alten Männer daran hindern wollte, einfach davonzufahren, schlug der BMW-Fahrer ihr schließlich noch die Autotür gehen die Schulter.
Susanne vom Hau

Kapitel 2. Autorität als soziale Beziehungsform

Es erfolgt zunächst eine Abgrenzung von Autorität als Beziehungsform von Sozialformen, die auf Zwang basieren, um dann in Anlehnung an grundlegende Arbeiten von Hannah Arendt und Heinrich Popitz den Autoritätsbegriff näher zu bestimmen. Vier Merkmale von Autorität werden herausgestellt (sie erzeugt Konformität, sie ‚geht unter die Haut‘, sie ist gewaltlos und hierarchisch) und mögliche Beweggründe aufgezeigt, die dazu veranlassen, eine Person als Autorität anzuerkennen (Alter, Wissen, Besitz, Fähigkeiten, Amts- bzw. Berufsposition, Charisma). Unter Effizienzgesichtspunkten werden Kosten und Nutzen jeweils für die Autoritätsperson und für den Autoritätsanerkennenden gegenübergestellt.
Susanne vom Hau

Kapitel 3. Autorität in der Krise

Der mittlerweile beklagte Autoritätsverlust deutet daraufhin, dass Autorität aus der Mode gekommen ist. Ursächlich dafür sind Modernisierungserscheinungen, die unter dem Begriff der Individualisierung näher beschrieben werden. In der Ambivalenz dieses Prozesses profitiert der Einzelne einerseits von der Freisetzung, erfährt deren Schattenseite aber als eigenverantwortliches Risiko. Als weitere Folge des Individualisierungsprozesses verhindert die Distanzlosigkeit gegenüber Instanzen, die mit Machtbefugnissen ausgestattet sind, jede Form von asymmetrischer Kommunikation. Davon ist besonders die Polizei betroffen.
Susanne vom Hau

Kapitel 4. Autorität als Deeskalationsstrategie

An Bemühungen der Pädagogik anknüpfend, Autorität als Beziehungsform zwischen Sozialisationsinstanzen und Sozialisanden zu reformieren, wird ein neuer Autoritätsbegriff konzipiert, der sich ansatzweise auch im Kontakt zwischen Polizei und Bürgern als polizeiliche Deeskalationsstrategie empfiehlt. Im Spannungsverhältnis der Polizei zwischen moderner leitbildorientierter Idealität und der von Raphael Behr als Cop-Culture bezeichneten Realität, wird die Sonderstellung der Polizei in der Gesellschaft skizziert. Typische Gewalteskalationen im Polizeidienst, die für die von der Polizei beanspruchte Autorität als besondere Bewährungsprobe in den Blick genommen werden, können als eine Form reaktiver Gewalt (Erich Fromm) ursächlich auf Missachtungserfahrungen zurückgeführt werden. Somit lassen sich polizeiliche Gewaltübergriffe als Folge von Ehrverletzungen und Autoritätsverlust der Polizei erklären und auf der anderen Seite Widerstandsdelikte der Polizeiklientel als Folge von Missachtung und Autonomieverlust.
Susanne vom Hau

Kapitel 5. Kampf um Anerkennung – Respekt verschafft Respekt

Die Bedeutung sozialer Wertschätzung erwächst aus der ontologischen Wesensstruktur des Menschen, dessen Selbstwert ständig auf Rückversicherung im Anderen angewiesen ist. Missachtung gefährdet somit Menschen in ihrem Selbstbild, d. h. in ihrer gesamten Identität. Wenn Anerkennung in der individualisierten Welt zu einer knappen Ressource geworden ist, empfiehlt sich wertschätzendes Verhalten der Polizei gegenüber dem Bürger als mögliche Deeskalationsstrategie und als Merkmal polizeifunktionaler Autorität.
Susanne vom Hau

Kapitel 6. Polizei-funktionale Autorität – Eine Neukonzeption

Die Bedeutung von wertschätzendem Verhalten wird als Leitidee der Neukonzeption von Autorität vorangestellt, die dann unter der Voraussetzung einer gegenüber der Polizei grundsätzlich positiv eingestellten Bevölkerung und der tatsächlichen Beanspruchung von Autorität seitens der Polizei wie folgt wirksam werden kann: Unter Aufrechterhaltung der asymmetrischen Beziehung kann polizeiliche Autorität dann ressourcen- und zeitsparend in alltäglichen Kontakten zum Bürger ohne Anwendung von Zwangsmitteln Konformität und Gewaltlosigkeit erreichen sowie die Anzeige- und Auskunftsbereitschaft der Bevölkerung erhöhen.
Susanne vom Hau

Kapitel 7. Autorität lernen

Polizeiliche Autorität ist nicht angeboren, sondern erlernbar. Sie ist Bestandteil der sozialen Rolle einer Polizeibeamtin oder eines Polizeibeamten. Anhand der von Goffman verwendeten Theatermetapher lässt sich die Autoritätsrolle der Polizei anhand von Verhaltensregeln, dem Erscheinungsbild, dem Verhalten im Ensemble und der Bühne beschreiben. Diese vier Aspekte der Rolle bilden die Fassade der Polizeiautorität. Beim Verhalten sind außerdem noch die drei Grundqualifikationen des Rollenspiels: Rollendistanz, Frustrationstoleranz und Ambiguitätstoleranz, (Habermas) zu beachten.
Susanne vom Hau

Kapitel 8. Milieuspezifische Einstellungen zur Autorität

In Kurzbeschreibungen werden die zehn vom Sinusinstitut unterschiedenen gesamtdeutschen Milieus dargestellt, um anschließend autoritätsverweigernde, -autoritätsambivalente und autoritätsbejahende Einstellungen milieuspezifisch zu untersuchen. Dabei zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Individualisierungsgewinnern und Autoritätsbejahung und Individualisierungsskeptikern bzw. -verlierern und Autoritätsverweigerung.
Auch in den vom Sinus-Institut ermittelten Jugendmilieus werden Einstellungen gegenüber Autoritäten und gegenüber der Polizei dargestellt.
Im Wandel der Milieulandschaft sind allgemeine Entwicklungstendenzen wegen unterschiedlicher Erhebungsmethoden nur ansatzweise erkennbar. Vorgestellt werden drei mögliche Zukunftsszenarien.
Susanne vom Hau

Kapitel 9. Schlussbemerkung oder: Die offene Gesellschaft und ihre Polizei

Von den gegenwärtig sich abzeichnenden gesellschaftlichen Krisenphänomenen hat längst auch die Polizei unter dem Stichwort ‚Autoritätsverlust‘ Notiz genommen. Es handelt sich um Folgeerscheinungen der Individualisierung, die zu immer wieder neuen Kennzeichnungen der Gesellschaft herausfordern. In ihren kulturkritischen Etikettierungen als ‚Risikogesellschaft‘ und ‚Weltrisikogesellschaft‘ (Beck), als ‚flüchtige Moderne‘ und ‚Gesellschaft von Konsumenten‘ (Bauman), als ‚Gesellschaft der Ichlinge‘ (Opaschowski) ‚Gesellschaft der Angst‘ (Bude), ‚entfesselte Welt‘ (Giddens) oder ‚entwurzelte‘, prekarisierte Postmoderne usw. kommen die verschiedenen Symptome der Modernisierung zum Ausdruck. Im Vergleich mit anderen sozialen Institutionen ist die Polizei von den sogenannten krisenartigen Individualisierungsfolgen in besonderer Weise betroffen: Gemäß ihres gesellschaftlichen Auftrags muss sie stets auch die Bereitschaft zeigen, sich den Autonomieansprüchen ihrer individualisierten Klientel in den Weg zu stellen und dabei eine Machtdistanz aufrechtzuerhalten, die dem allgemeinen Bedürfnis nach gleichberechtigter Kommunikation zuwiderläuft. Sie kann sich auf die neuen Anforderungen und Befindlichkeiten, die der Individualisierungsprozess hervorbringt, nur bedingt einstellen. Das liegt an ihrer gesellschaftlichen Funktion, die eben nicht auf Veränderung der Gesellschaft, sondern umgekehrt auf Bewahrung von Sicherheit und Ordnung ausgerichtet ist. Eine gewisse Modernisierungsresistenz, die ihr ermöglicht, gleichsam wie der ‚Fels in der Brandung‘ ihre Funktionsfähigkeit auch in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs aufrechtzuerhalten, kann ihr daher nicht unbedingt als Defizit angelastet werden, sondern stellt im Gegenteil geradezu ein Qualitätsmerkmal ihrer Arbeit dar. Dieses der Polizei innewohnende konservative Prinzip steht den um Modernisierung Bemühten im Weg, die endlich auch die Tore der Polizei für die Individualisierung weit öffnen möchten. In vielen Fällen führen solche Anstrengungen, mit der gesellschaftlichen Modernisierung Schritt zu halten, dazu, dass Polizeikultur und Cop-Culture, also Anspruch und Wirklichkeit der Polizei noch weiter auseinanderdriften. Die Modernisierung der Polizei, wie sie sich in der aktuellen Polizeikultur abzeichnet, erinnert an eine Strategie, die man im Tierreich als Mimese, als optische Nachahmung eines Lebensraums, bezeichnet. Ziel der Mimese ist eine Tarnung, die ein Lebewesen optisch von seiner Umwelt nahezu ununterscheidbar machen soll: Den Versuch, der modernen Umwelt entsprechend nun auch in der Außendarstellung der Polizei einen moderneren, nämlich bürgernahen Anstrich zu geben, lässt sich aber eben in Analogie zum Naturreich nur als eine rein äußerliche Anpassungsstrategie deuten. Diese kosmetische Vorgehensweise erscheint wenig vielversprechend.
Susanne vom Hau

Backmatter

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