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2022 | Buch

Das Vereinigte Königreich

Viel mehr als Boris und Brexit – Was die Briten wirklich umtreibt

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Über dieses Buch

Dieses Buch erklärt Großbritannien ganz neu. Spätestens der Brexit hat gezeigt, dass die Briten wichtige politische Fragen oft anders beantworten als Kontinentaleuropäer. Dabei gehört London nach wie vor zu den relevantesten internationalen Handelsplätzen und die britischen Inseln zu den beliebtesten europäischen Reisezielen. Was also treibt die Briten wirklich um? Christian Schnee verbindet anschaulich und unterhaltsam historische Entwicklungen und die relevanten zeitgenössischen Ereignisse zu einzigartigen Einsichten in das britische Denken und Handeln. Lesende begegnen Entscheidern und Einflüsterern, die auf der politischen Bühne und im Verborgenen die Geschicke ihres Landes bestimmen: Ein Must-Read für alle, die unseren britischen Nachbarn besser verstehen wollen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
1. Non, merci beaucoup – Immer Ärger mit Europa
Zusammenfassung
Für Denis Healey, immerhin Schatzkanzler in den 1970er-Jahren und später stellvertretender Vorsitzender der Labour-Partei, war die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) – wie die EU seinerzeit hieß – eine Konspiration, hinter der die Katholiken auf dem Kontinent steckten. Sein Parteifreund, Premierminister James Callaghan, sah den europäischen Staatenbund als Gefahr für die Identität seines Landes, weil er Großbritannien zwinge, seine politischen und wirtschaftlichen Verbindungen zum Commonwealth und Amerika einzutauschen für etwas, was er „kontinentale Klaustrophobie“ nannte (Grob-Fitzgibbon 2016, S. 359). Auf dem Kontinent „sprechen die Menschen fremde Sprachen, besonders die Franzosen – die sprechen französisch“, raunte er besorgt und fügte warnend hinzu: Das bedrohe „die Sprache von Chaucer, Milton und Shakespeare. Wenn wir unsere europäische Gesinnung dadurch beweisen müssen, dass wir das Französische als dominante Sprache in der Gemeinschaft akzeptieren, dann ist meine Antwort klar und ich gebe sie auf Französisch, um Missverständnisse zu vermeiden. Non, merci beaucoup!“, ließ der Regierungschef seine erstaunten Kollegen in den europäischen Hauptstädten wissen (MacShane 2016, S. 51). Und Callaghan war nicht allein mit seinen Vorbehalten gegenüber dem Kontinent und der Ablehnung britischer Mitgliedschaft in einem europäischen Staatenbund. Für die Monarchen, Politiker, Künstler und Historiker, die vom 16. bis ins 20. Jahrhundert die britische Nation geschaffen und geprägt haben, war Teilung oder gar Aufgabe der nationalen Souveränität – wie es die EU von ihren Mitgliedern verlangt – undenkbar. Ihr Traum war es, einen unabhängigen, stolzen und freien Nationalstaat entstehen zu lassen. Eine Vision, die in Teilen Westeuropas im 21. Jahrhundert als überholt und deplatziert erscheint. Wer aber noch weiter zurückblickt in der Geschichte des Landes, dem begegnen Persönlichkeiten, die eine andere Sicht auf Nation, Grenzen und Englands Verhältnis mit Kontinentaleuropa hatten. Als am 19. Dezember 1154 Heinrich Plantagenet an der Seite seiner Frau Eleonore in der Abtei von Westminster gekrönt wurde, hatte England einen multikulturellen, polyglotten, in jeder Hinsicht europäischen Herrscher, dem enger englischer Nationalismus völlig fremd war. Schließlich verstand Englands neuer König Heinrich II. kaum die Sprache seines Landes und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich. Der frankophone Herrscher verständigte sich zudem problemlos auf Latein, verstand aber auch provenzalisch und italienisch. Heinrichs Mutter Mathilde war in erster Ehe mit dem römisch-deutschen Kaiser Heinrich V. verheiratet. Englands neuer König hielt zudem die Titel eines Grafen von Anjou und Nantes, war zudem Herzog der Normandie und regierte über Aquitanien, dem Besitz seiner Ehefrau Eleonore, die aus Poitou stammte (Warren 1973). Auch bei Wilhelm dem Eroberer, der ein Jahrhundert zuvor mit dem Sieg bei Hastings die englische Krone erlangte, ist kein Verständnis für die nationalstaatlichen Empfindlichkeiten seiner Nachfahren zu vermuten. Selbst Englands erster Monarch, Alfred der Große, der immerhin im Jahr 2002 in einer landesweiten BBC-Abstimmung auf Platz 14 der 100 größten Briten gewählt wurde, kannte nur eine Insel, auf der die Grenzen verwischten zwischen keltischen Bewohnern im Westen und Norden, christlich-germanischen Angelsachsen, romanisierten Briten und heidnischen Wikingern aus Skandinavien. Der Gedanke, England sei kulturell getrennt vom Kontinent und könne sich Europa politisch und wirtschaftlich entziehen, muss jenem Alfred, aber auch Wilhelm und Heinrich gleichermaßen unrealistisch, wenn nicht absurd erschienen sein. Regionale Grenzen gab es wohl, doch waren die flexibel und verrutschten, wenn Herrscher Allianzen schmiedeten, Territorien erbten, in andere Dynastien einheirateten oder Schlachten gewannen oder verloren. Kulturkreise und Sprachräume transzendierten politische Abgrenzungen und England war durch Geschichte und Erfahrung eng mit seinen Nachbarn auf dem Kontinent verbunden. So war Londinium, das heutige London, für fast 400 Jahre die lokale Verwaltungsstelle eines multikulturellen Imperiums, seit im Jahr 43 der Senator und Feldherr Aulus Plautius seine Legionäre am Strand der heutigen Grafschaft Kent an Land setzte. Fortan waren in England wie anderswo im römischen Reich Religionen, Gebräuche und Moden aus Asien, Afrika und Europa zu Hause: Amphitheater, Bibliotheken, Villen, Stadthäuser aus Stein, Bäder, Wagenrennen und die viel gerühmte Kanalisation hatte Britannien mit so vielen anderen Provinzen Roms gemein. Und auch nach Abzug der Legionen und dem Ende der weströmischen Herrschaft im Jahr 410 hielten die romanisierten Briten an ihren europäischen Sitten fest (De la Bédoyère 2013).
Christian Schnee
2. „Sie sind ja immer noch da!“ – Der Streit um die Fremden
Zusammenfassung
Januar 2020: Die Seniorin mit den Einkaufstüten der Supermarktkette ASDA bemüht sich kaum, ihren Unmut zu verbergen: „Sie sind ja immer noch da. Dabei haben wir doch nun abgestimmt!“, empört sie sich und richtet böse Blicke in Richtung zweier junger Polen, die auf den hinteren Plätzen der Buslinie 388 in Richtung London Bridge Platz genommen haben und sich seit einiger Zeit vergnügt, aber ziemlich laut unterhalten. Die Abstimmung, von der hier die Rede ist, war das Referendum über Großbritanniens Verbleib in der EU. Einige Wahlkämpfer versprachen seinerzeit, nach einem Austritt würden die Briten wieder Herr im eigenen Haus werden und könnten die Zuwanderung von Ausländern vom Kontinent drastisch reduzieren. Doch auch nach dem Votum 2016 blieb die Insel für viele Europäer populär. Sehr zum Ärger der Frau mit den Tüten hatte sich daran auch fast drei Jahre später nur wenig geändert. Der Exodus der Fremden kam dann trotzdem, wenn auch mit Verspätung: Im Frühjahr 2020 schloss die Regierung die britische Volkswirtschaft im Kampf gegen den Corona Virus. Vom sogenannten Lockdown war vor allem das Gastgewerbe betroffen. Pubs und Bars, Restaurants und Hotels, in denen viele Ausländer beschäftigt sind, erlebten ein katastrophales Geschäftsjahr. Bis Ende 2020 verließen 1,3 Millionen Menschen das Land. Das war der dramatischste Bevölkerungsrückgang seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Economic Statistics Centre of Excellence vermeldete, 700.000 Menschen mit ausländischen Wurzeln hätten sich im Krisenjahr aus London verabschiedet, acht Prozent gemessen an der Einwohnerzahl. (Giles 2020)
Christian Schnee
3. Nigel Farage – Volkstribun und Paradox
Zusammenfassung
Ein Montagmorgen Anfang Mai 2020. Die graue Nordsee liegt still, darüber ein bleierner Himmel. Auf den Klippen läuft ein Mann hin und her, macht Fotos, gestikuliert vor einer Kamera und zeigt immer wieder hinunter zum Hafen von Dover, wo Grenzschützer und Sanitäter sich um rund 20 Flüchtlinge kümmern. Nigel Farage, Mitte 50, grau melierte Haare, grüne Barbour-Jacke und braune Cordhose, ist als Reporter unterwegs, produziert neues Material für seine Social-Media-Kanäle. Der Politiker, der als Vorsitzender der UK-Unabhängigkeitspartei, kurz UKIP, der Regierung seit Jahren das Fürchten lehrt, ist außer sich, wieder einmal. Aufgeregt ruft er ins Mikrofon. Er habe jetzt den Beweis für die „Flüchtlingsinvasion“ gefunden, der zudem Unfähigkeit und Unwilligkeit des Innenministeriums belege, den Bootsverkehr von Migranten über den Ärmelkanal zu stoppen und das Geschäft der Menschenschmuggler zu beenden (Farage 2020). Der erhobene Zeigefinger und die bebende Empörung hält Farage heute für seinen journalistischen Auftrag, zu dem es offenbar gehört, als Zeitungskolumnist und Moderator einer Radiosendung seine Anhänger in Rage zu bringen. So erklärt er auch, warum er vor ein paar Tagen mit seiner Kamera bei Pett Level in den Dünen im östlichen Teil der Grafschaft Sussex auf Pirsch gegangen war nach Bildern von anlandenden Migranten. Die Rechtfertigung war nötig, als zwei Polizisten an seiner Haustür vorstellig wurden, um daran zu erinnern, dass nach den Covid-19-Regeln „nicht essentielle“ Besuche und Reisen, und sei es nur eine Fahrt ans Meer, zu unterbleiben hatten (Chantler-Hicks 2020). Nicht akzeptabel sei dieser Versuch, ihn bei seiner journalistischen Arbeit zu stören, zürnt Farage und verspricht seinem Publikum auf YouTube, er bleibe dran an der Geschichte. Keine leere Ankündigung von einem, der ein ganzes politisches Leben lang nicht ablässt von seinen Themen: Dem Ausverkauf britischer Interessen, der Gängelung durch Brüsseler Bürokraten, zu laxe Grenzkontrolle und nun eben die Zuwanderung von Menschen, die im Vereinigen Königreich nichts zu suchen hätten. Fremd im eigenen Land fühle er sich, sagt Farage im Abendfernsehen, besonders, wenn er bei der Bahnfahrt oder im öffentlichen Bus in den Gesprächen um ihn herum keine englischen Stimmen mehr höre (Sparrow 2014; Demianyk 2017). Der Ausverkauf der eigenen Heimat ist das Mantra des Manns, der als Ein-Mann-Show ohne Mandat im britischen Parlament und ohne Stimme in der Regierung mehr als irgendein anderer dazu beigetragen hat, sein Land aus der Europäischen Union zu führen. „Mr Brexit“ nennt die BBC den Politiker, der ein ausgeprägtes Gespür dafür hat, wie mit Ängsten Mehrheiten zu gewinnen sind (D’Arcy 2019). Für Jahre kombiniert er scheinbar ohne Skrupel seine persönliche Ablehnung der Europäischen Union mit den alten, tief sitzenden Ressentiments gegenüber Fremden. „Breaking Point“ – Grenze der Belastbarkeit – betitelt er das Plakat, mit dem er 2016 die heiße Phase der Kampagne startet, an deren Ende am 23. Juni das Votum über den Austritt aus der EU stehen würde. Eine Karawane von Menschen mit schwarzen Haaren und dunkler Hautfarbe ist das Plakatmotiv, das jemand in Slowenien in den Monaten der Flüchtlingszüge über den Balkan 2015 aufgenommen hatte. Die journalistische und politische Resonanz schwankt zwischen Empörung und Entsetzen. Schatzkanzler George Osborne sieht sich an Kampagnenmaterial der 1930er-Jahre erinnert, Justizminister Michael Gove erzählt, Motiv und Überschrift hätten ihn „erzittern“ lassen, Unison, die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, stellt Strafanzeige wegen Volksverhetzung und der Vergleich mit Enoch Powell machte die Runde (Stewart und Mason 2016; Wright 2016a). Das liberale Establishment in London bebt vor Wut. Und Farage? Der lacht, reckt den Daumen nach oben und gibt sich keine Mühe, seine Selbstzufriedenheit zu verbergen. Er braucht jede Aufmerksamkeit, um Anhänger zu motivieren für seinen Kampf gegen die von ihm abgrundtief verachtete Europäische Union. Deshalb lässt er den Text auf seinem Plakat, direkt unterhalb der Überschrift, um die Behauptung zu ergänzen, dass die EU „uns alle im Stich lässt.“ Nur Monate, nachdem Bilder von riesigen Flüchtlingstrecks in Europa für hitzige Diskussionen gesorgt hatten, überlässt es Farage seinem Publikum, aus diesen Zeilen die passenden Schlüsse zu ziehen. Bis heute ist er sich sicher, dass es diese Botschaft war, mit der er für Großbritanniens Austritt aus der EU – kurz Brexit – eine Mehrheit gewann (The Newsroom 2018). Das klingt plausibel, schließlich ist die EU in den Jahren zuvor längst zum Synonym für hohe Zuwanderung geworden und im Eifer der Auseinandersetzung scheren sich Farages Unterstützer wenig um die Unterscheidung zwischen Binnenzuwanderung aus Rumänien oder Polen auf der einen Seite und den Flüchtlingen aus dem Mittleren Osten und Afrika, die sich auf den Weg machen, weil sie sich Sicherheit oder ein besseres Leben in Europa erhoffen. So oder so, Farages Argument, dass sichere Grenzen für Mitglieder der EU nicht zu haben sind, findet Resonanz bei vielen Wählern, die jetzt einen kennen, der sich nicht fürchtet, den Konsens der politischen Debatte aufzubrechen und ihre Anliegen gegenüber den Eliten in London und Brüssel zu vertreten (BBC 2016a).
Christian Schnee
4. Sieger und Besiegte – Brexit und kein Ende
Zusammenfassung
Der 24. Juni 2016 ist ein milder Sommertag. Die Sonne scheint, das tiefe Blau am Londoner Himmel wird allenfalls durchzogen von ein paar Schönwetterwolken, die Abendvorstellung des Dramas Henry V. von William Shakespeare im Open Air Theater am Regent’s Park ist ausverkauft. Auf den hinteren Rängen hat Mark Carney Platz genommen, der Gouverneur der britischen Zentralbank. Nach der Pause bleibt sein Stuhl leer. Der Bänker, der wie wenige andere Verantwortung trägt für die Stabilität des Pfund Sterling, die Entwicklung der britischen Volkswirtschaft und die Zukunft des Finanzplatzes London, gehört an jenem Tag zu den wichtigsten Protagonisten eines tragischen Bühnenstücks in zwei Akten, das sich mit den Epen Shakespeares vergleichen kann. Der erste Akt war an diesem Morgen um 4.40 Uhr zu Ende gegangen, als die BBC in ein paar knappen Sätzen das Ergebnis des Referendums über die Mitgliedschaft in der EU mitteilte: „Das britische Volk hat gesprochen. Und die Antwort ist: Wir sind draußen.“ Für Carney und die Experten des Finanzministeriums war das Schreckensszenario eingetreten, gegen das sie sich so lange gestemmt hatten. Ihre Prognosen sahen den Fall des britischen Pfunds ins Bodenlose vorher, eine Implosion des B ankenstandorts obendrein und den ökonomischen Kollaps, dem die Beamten in Whitehall mit einem Nothaushalt vorzubeugen versuchten. Die Londoner Tageszeitung Times verglich das Votum für den Ausstieg aus der EU, den sogenannten „Brexit“, mit einem Erdbeben. Eine Karikatur in der New York Times zeigte, wie eine Figur mit den Gesichtszügen des Komikers John Cleese, einer Ikone verschrobener Britishness, von einer Felsklippe springt. „England ist kollabiert – politisch, finanziell, konstitutionell und wirtschaftlich“, kommentierte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte, als er von den Ereignissen in London hörte. Den Remainern, die für den Verbleib in der Europäischen Union gekämpft hatten, schien die Lage düster und hoffnungslos, die Entscheidung endgültig. Die Boulevardzeitung Daily Mail hingegen feierte das Ergebnis als Beleg dafür, dass „das leise Volk der Briten aufgestanden ist gegen die arrogante, realitätsfremde politische Klasse“ (Snoddy 2016). Unterdessen sammelte Marc Blakewill Rezepte für das „Brexit Kochbuch“, das der Verlag Summerdale in den kommenden Monaten augenzwinkernd mit dem Slogan bewarb: „British Food for British people.“ Die britische Küche, schrieben die Autoren darin, sei die Grundlage gewesen für das größte Reich, das die Welt je gesehen habe, „bis die Europäische Union uns dänisches Plundergebäck und Pizza aufgezwungen hat. Aber jetzt haben sich die Spieße in der Küche gedreht und wir können essen, wozu wir verflixt noch mal Lust haben. Schluss mit Croissant und Ciabatta. Lasst uns zur Abwechslung etwas wahrhaft Patriotisches kochen – mit dem Brexit Kochbuch,“ texteten die Autoren nicht ohne Selbstironie (Sewage 2017). Aber um den sprichwörtlichen Humor ihrer Landsleute war es schlecht bestellt. Das Verhältnis zwischen Remainern und Brexiteers – den Gegnern und Befürwortern des EU-Austritts – hatte sich längst in eine erbitterte Feindschaft ausgewachsen. Wer mit Nachbarn und Freunden sprach und die Nachrichten verfolgte, fand sich in einem geteilten Land, in dem der Zwist über die Rolle in Europa Freunde entzweite, Familien zerriss und Ehen bersten ließ. Die Koordinaten der politischen Diskussion und die Gewichte des Meinungsstreits waren 2016 für jeden sichtbar verrutscht. In den Jahren vor dem Referendum sahen sich Konservative mit ethnozentrischem Weltbild als Protestler am Rande der politischen Debatte, oft verächtlich belächelt und ohne Einfluss auf die wichtigen Entscheidungen in Westminster (McKenzie 2017). Über Nacht und zum ersten Mal überhaupt erhielten sie nun ein starkes Mandat, das sie nutzen wollten, um die politische Agenda zu diktieren. Ihre Gegner, die Remainer, verloren die Kontrolle über die wichtigste politische Entscheidung seit Jahrzehnten und bekamen den Frust und die Verbitterung zu spüren, die sich bei den neuen Siegern über so viele Jahre angesammelt hatten. Als abgehobene Elite wurden die Verteidiger der EU-Mitgliedschaft jetzt geschmäht, ihre angeblichen Privilegien angeprangert, ihr kosmopoliter Lebensstil verspottet und ihr Patriotismus in Frage gestellt. Saboteure des demokratischen Mehrheitswillens seien sie, gifteten populistische Stimmen nicht nur in den Boulevard-Zeitungen (Kavanagh 2016). Wer sich Zweifel an der Klugheit des Brexit auch jetzt noch nicht verkneifen und mit Warnungen Schaden für das Land minimieren wollte, wurde als „Bemoaner“ verlacht, einem verächtlichen Kompositum, bei dem der Remainer mit „bemoan“ (jammern) verschmilzt. Die so Drangsalierten verteidigten sich mit dem Vorwurf, die Gewinner seien einfältig und unfähig zu verstehen, wofür sie am 23. Juni gestimmt hätten. Wie lasse sich sonst erklären, ätzten sie, dass ausgerechnet am Tag nach dem Referendum die bei Google am zweithäufigsten aufgerufene Frage lautete: „Was eigentlich ist die EU?“, gefolgt von „Was passiert, wenn wir die EU verlassen?“ (Cooney 2016). Die Mehrheit der Wähler sei ganz offensichtlich einer Clique von Extremisten auf den Leim gegangen, die darauf aus seien, der Volkswirtschaft zu schaden und die demokratischen Institutionen zu untergraben (Ditum 2016). Erstmals in der Geschichte teilte sich das Land in zwei Lager, deren Konflikt nicht unterschiedlicher ökonomischer Umstände, der Zugehörigkeit zu sozialer Klasse oder dem Streit über die Rolle des Staates als Anbieter öffentlicher Dienstleistungen geschuldet war. Das Erbe der Referendums-Kampagne war ein völlig neuer Diskurs, geprägt von dem Bekenntnis über die Zugehörigkeit zu einer politischen Identität. Das Votum am 23. Juni war nicht der Schlusspunkt eines Konfliktes, sondern der Auftakt einer Periode, in der Politiker und Wähler sich zu entscheiden hatten zwischen zwei gesellschaftlichen Gruppen, die vom Streit um das Verhältnis des Landes zur EU geprägt waren. Die beiden kontrastierenden Identitäten waren unvereinbar, ihre jeweiligen Anhänger unversöhnlich und kompromisslos. Hinter ihrer Konfrontation trat in den kommenden Jahren jedes andere Thema zurück.
Christian Schnee
5. Konstruierte Erinnerung – Wie britisch ist Chicken Tikka Masala?
Zusammenfassung
Die erste Wettervorhersage war ein Wendepunkt der Weltgeschichte. Über jene meteorologische Prognose beugten sich seinerzeit die Leser der Tageszeitung The Times in der Ausgabe vom ersten August 1861: Im Norden gutes Wetter bei leichtem Westwind, im Süden eine frische Brise ebenfalls aus westlicher Richtung. Solche Formulierungen, wenn auch für heutige Ansprüche enttäuschend vage, würden schon bald das Leben von ungezählten Seeleuten retten. Die Idee, die Seefahrer vor der britischen Küste vor nahendem Sturm zu warnen, stammte von Robert FitzRoy, dem Kapitän des Segelschiffes Beagle, auf dem er den Forscher Charles Darwin nach Südamerika gebracht hatte, um die Evolution zu entdecken. FitzRoy nutzte die Gelegenheit, sich mit den Wetterphänomenen am Kap Horn und der Küste der Tierra del Fuego zu beschäftigen. Als im Oktober 1859 die Royal Charter, ein Dampfschiff auf dem Rückweg von Australien nach Liverpool, von den gewaltigen Böen eines Sturms in der Irischen See auf die Klippen vor der Küste von Anglesey geschleudert wurde und 400 Menschen starben, schrieb FitzRoy einen Brief an The Times. Darin erläuterte er, wie mit Telegrafen, damals eine neue Technologie, Schlechtwetterfronten gemeldet werden konnten, bevor sie die Seefahrtwege vor der Küste erreichten. Würden die Informationen der Telegraphenstationen in einem Bericht zusammengefasst und veröffentlicht, könnte das Schiffe und Leben retten (Gribbin und Gribbin 2004) 1861 folgte die Admiralität FitzRoys Vorschlägen und richtete den ersten Wetterdienst ein, der Karten erstellte mit Daten von Barometern, die im ganzen Land aufgestellt worden waren. Wurde ein aufziehender Sturm gemeldet, zündeten die Küstenwachen Leuchtfeuer an und warnten die Schiffe in der Region. Bis dahin hatten Versuche, das Wetter vorherzusagen, auf folkloristischer Interpretation der Himmelsfarbe, Glaube an Sternbilder und die Beobachtung des Lerchenflugs beruht (Macintyre 2021). Dass der erste systematische Wetterdienst mit wissenschaftlichem Anspruch seinen Ursprung ausgerechnet auf einer Insel in Nordeuropa hatte, ist keine Überraschung. Nichts ist so englisch wie das Gespräch über das Wetter, das dort mehrmals am Tag wechselt und Hoffnung auf Besserung immer wieder enttäuscht. Aber nicht das unstete Wetter erklärt Erfindungen und Innovationen, die das England des 18. Jahrhunderts zum Ursprungsort technischen Fortschritts und zum Herzland der industriellen Revolution machten. Diese Dynamik hat mit der Neigung zum Experimentieren und den vielen Tüftlern zu tun, die sich praktischen Erfindungen verschrieben mit dem Ziel, das Leben der Menschen zu verbessern. Originelles Denken, wissenschaftliche Autodidaktik, Ausdauer und Geduld waren und sind die Eigenschaften derjenigen, die seit 1754 in die Königliche Gesellschaft der Künste berufen wurden. Aber nicht etwa ihrer Affinität zu den Bildenden Künsten wegen, wie es der Name der Vereinigung suggeriert hätte, wurden Edmund Burke, Adam Smith und Benjamin Franklin, Charles Dickens, William Wilberforce, Karl Marx oder Marie Curie Mitglieder. Bei den Treffen der Königlichen Vereinigung der Künste ging es vielmehr um den Austausch zwischen denen, deren Interesse der angewandten Wissenschaft galt, gepaart mit einer philanthropischen Mission. Sie entwickelten Pläne für moderne Luftventilation in feuchten viktorianischen Gefängnissen, erdachten Vorrichtungen zur Reduktion des Qualmes aus Dampfmaschinen, stellten ein Gerät zur Erkennung von Falschgeld vor und wollten mit einer mechanischen Reinigungsvorrichtung für Kamine die gefährliche Kinderarbeit in den Schloten beenden (Khan 2016).
Christian Schnee
6. Von John Bull bis Mr. Bean – Gefeierte Verlierer
Zusammenfassung
Dreispitz und Schild mit den Symbolen der Union Flagge lehnen an der Klippe. Davorsitzend, mit blonden Locken und korinthischem Helm eine junge Frau, deren Blick über die See schweift. Für die Römer vor 2000 Jahren war die Figur der Britannia das Emblem der britischen Inseln. Als der Stuartkönig James VI. von Schottland 1603 den Thron von England übernahm, marschierte die Gestalt der Britannia im Londoner Krönungsumzug mit. Im 18. Jahrhundert bekam die Ikone Gesellschaft von einem untersetzten, übergewichtigen Mann in Begleitung einer Dogge. Es war John Bull. Sein Gesicht war rund, die Backen rosa und auf dem massigen Kopf trug er einen Zylinder. Sein Frack spannte ebenso wie die Kniebundhose und die Weste war in Rot, Weiß und Blau, den Farben seines Landes, gefärbt. John Bulls zur Schau getragener Dickkopf, die Stärke, Männlichkeit sowie sein Draufgängertum personifizierten das Selbstbewusstsein des Empire (Matthews 2000). Mit der Zeit wandelte sich das nationale Image und eine neue Ikone verkörperte das Selbstbild der Briten. So wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus John Bull der „little man“, ein britischer Otto-Normalverbraucher, eine unauffällige Gestalt mit Melone und Regenschirm, die unter den Nickligkeiten des Alltags leidet, unter der Last der Steuern stöhnt und nichts übrig hat für heroische und kostspielige Aspirationen seiner Regierung. Als häuslichen Mann, frei von archaischem Heldenmut, zeichnete Sidney Strube, der künstlerische Vater des „little man“ seine Figur in den Karikaturen für die Zeitung Express (Brookes 1985). Weitere hundert Jahre sind vergangen und die Souvenierhändler in London drapieren die Schaufenster ihrer Geschäfte mit Bildern und Statuetten der Royals: Neben der Queen und dem Herzog von Edinburgh grinst Prinz Charles und lächelt Lady Diana auf Ansichtskarten, die im Regal gleich neben den Plastikfiguren von Harry und William platziert sind. Der einzige Bürgerliche, dessen Abbild in den Buden vor dem British Museum und den Läden am Trafalgar Square zwischen dem Defilee der gekrönten Häupter hervorlugt, ist ein Schauspieler ganz skurriler Natur. Es ist Rowan Atkinson – abgelichtet in grauem Jackett mit roter Krawatte, das Gesicht zur Grimasse verzogen und die Augen verdreht – in seiner Paraderolle des Mr. Bean. Der ist in den vergangenen Jahrzehnten auf der Welt wie kein Zweiter zum Sinnbild für die Eigenschaften geworden, die als typisch britisch gelten. In Bean wird Naivität aufgewogen mit Cleverness, um die Herausforderungen des Alltags zu überstehen. Ist er überfordert, zeigt er Improvisationstalent. Mit Chuzpe rettet er sich aus jedem selbstverschuldeten Dilemma und entkommt hausgemachten Bedrohungen. Er ist einer, der, egal wie schlimm es kommt, nicht aufgibt, sich nicht unterkriegen lässt und am Ende nicht für seinen Erfolg, sondern seiner Findigkeit und Tapferkeit wegen auf die Sympathie seines Publikums hoffen kann. So ist Mr. Bean nicht nur für Touristen zum Synonym für Eigenschaften geworden, mit denen sich Briten leichter identifizieren als mit den Attributen des grobschlächtigen John Bull und der waffenklirrenden Britannia. Misslichkeiten einer ungerechten und feindseligen Welt ertragen, nicht klagen und Kampfgeist zeigen: Diese Haltung haben die Briten zu dunkelsten Stunden im Zweiten Weltkrieg in einen Satz gepresst, der auf Postkarten, Schals und Grillschürzen in den Souveniershops bis heute überall zu haben ist. „Keep calm and carry on“ – Bleib gelassen und mach einfach weiter, steht da geschrieben. Der Slogan klingt nicht nach nationaler Überlegenheit, sondern appelliert vielmehr an die Geschundenen, die auch in der Not nicht nachgeben, sondern daran glauben, dass es am Ende schon irgendwie gut geht. Und so hat auch die Wertschätzung für Mr. Bean nichts mit Fähigkeiten und Erfolg zu tun, die ihn ohnehin nicht auszeichnen. Es geht um Mumm und Stehvermögen und die “stiff upper lip“, zu der sich Briten einst ermahnten. Eine Redewendung, die sich am besten mit „Halt die Ohren steif“ übersetzen lässt. Offenbar honoriert das Publikum im 21. Jahrhundert Charakterzüge, die vor zweihundert Jahren bereits die Londoner verzückten, als die Geschichten über seine Reisen durch Afrika aus dem Entdecker und Missionar David Livingstone eine mythische Figur machten, der neben den anderen Großen der Nation in der Westminster Abtei ein Grabmal errichtet wurde (Holmes 1993). Dabei war Livingstone ein Versager. Während seiner jahrelangen Arbeit als Missionar in Afrika brachte er es auf eine einzige dokumentierte Bekehrung und dieser Konvertit ließ sich trotz Bibelstudiums zeitlebens den Glauben an die mystische Macht der Regenmacher seines Stammes nicht nehmen (Horne 1999). Auch für den Entdecker reihte sich eine Enttäuschung an die andere. Mit seiner Prognose, der Sambesi biete sich für den Schiffsverkehr in den Kolonien an, lag Livingstone falsch, weil er die Stromschnellen im Fluss nicht berücksichtigt hatte. Und die Expedition im Auftrag der Regierung mit dem Ziel, die Quelle des Nils zu finden, endete im Desaster. Sein Arzt John Kirk ihn einen verantwortungslosen Anführer und konstatierte, Livingstone habe den Verstand verloren (Wright 2008). Von seinen Begleitern verlassen, ohne Medizin und Proviant, so irrte Livingstone halluzinierend durch Afrika, von Malariaattacken und einer Choleraerkrankung ausgemergelt, mit eiternden Wunden an den Füßen, zuletzt zahnlos. Als ihn ein Journalist des New York Harold nach langer Suche am Ufer des Tanganjikasees fand und ihn zum Abbruch seiner Mission bewegen wollte, weigerte sich Livingstone beharrlich. Er machte weiter und ließ wissen: „Ich bin bereit, überall hinzugehen, solange es nur vorangeht“ (zitiert in Chalmers 2011, S. 97). Das Publikum in London war bewegt und inspiriert von dem Mann, der mit Willensstärke und Hartnäckigkeit den Leiden widerstand (Blaikie 1913). In Livingstone drückt sich die Liebe der Briten für den kühnen Verlierer aus, der beherzt der Niederlage entgegengeht. Inkompetenz und Scheitern spielen im Urteil von Zeitgenossen und Nachgeborenen keine Rolle, solange der Protagonist den richtigen Sportsgeist zeigt, die Zähne zusammenbeißt und nicht aufgibt.
Christian Schnee
7. Magna Charta – Warum die Verfassung anständige Kerle braucht?
Zusammenfassung
Wer sich nach der Verfassung des Landes erkundigt, stößt auf ratlose Blicke und Achselzucken. Vielleicht erwähnt jemand König John und die Magna Charta. Rasch wird klar, dass sich die Suche nach dem Dokument, das die Grundprinzipien der politischen Ordnung ausdrückt und festschreibt, etwa die Rolle des Parlaments, die Gewaltenteilung oder die Unabhängigkeit der Gerichte, schwierig gestaltet in dem Land, das für sich reklamiert, die älteste Demokratie der Welt zu sein. Ein Grundgesetz, entwickelt und getextet aus einem Guss, wie wir es in Deutschland kennen, existiert nicht. Es ist eine relativ moderne Idee, systematisch in einem Dokument Gesetze, Regularien, Gewohnheiten und Konventionen zusammenzufassen, die gemeinsam definieren, welche Personen und Staatsorgane die Macht halten – etwa der Premierminister, der Monarch oder das Parlament. Die Franzosen und Amerikaner machten es vor im späten 18. Jahrhundert, der Zeit des Rationalismus, als Planung, Struktur und Systematik populäre Leitprinzipien nicht nur in Architektur und Gartengestaltung wurden, sondern auch bei der Organisation des Staates und des Verfassungsrechts. Im folgenden Jahrhundert gaben sich Italien und Deutschland eine Verfassung, zu einer Zeit also, als Menschen begannen, eine schriftlich fixierte Garantie ihrer bürgerlichen Freiheiten und demokratischen Rechte einzufordern. Die Geschichte des britischen Staates geht allerdings ins Mittelalter zurück, als sich niemand die Mühe machte oder es für nötig hielt, das Zusammenspiel der Verfassungsorgane und die Machtverteilung zwischen den Gewalten methodisch und umfassend zu definieren und strukturieren. Wer also die politische Ordnung verstehen will, der muss sich durch eine beachtliche Zahl von Einzeldokumenten arbeiten, etwa Gesetzestexte und Gerichtsurteile, die Normen setzen und verschieben, sowie Kommentare zu Konventionen und Präzedenzfällen von Gelehrten wie Walter Bagehot, Erskine May und Albert Venn Dicey, deren Arbeiten bei dem Thema längst zu den Standardwerken gehören. Verfassungsrang haben etwa die Parlamentsgesetze aus dem Jahr 1911 und 1949, in denen das Vetorecht des House of Lords eingeschränkt wurde. Das gleiche trifft zu auf ein Gesetz von 2005, das die Reform des Obersten Gerichtshofs vorsah (Bogdanor 2009). Spätestens in den 1990er-Jahren war auch nicht mehr zu übersehen, dass das Recht der Europäischen Gemeinschaft britische Gesetzgebung bestimmte und einschränkte und damit Teil der Verfassungsordnung geworden war (Norton und Jones 2018). Einen dramatischen Wandel hat im Verlauf der Jahrhunderte vor allem das Organ im Zentrum der politischen Verfassung erfahren: Die Monarchie. Ihre Rolle und Macht im Land war immer dann ein Thema, wenn sich ein Herrscher Vorrechte anmaßte und anderen Privilegien streitig machten. Dann wurde gedroht, gerungen, verhandelt und schließlich eine Vereinbarung aufgeschrieben. So etwa im Jahr 1215, als König John auf dem Thron saß und mit seiner Politik teurer und erfolgloser Kriege den Ärger der Barone, also der wichtigsten Steuerzahler, auf sich zog. Die revanchierten sich und legten John die Magna Charta Libertatum vor, zu Deutsch die große Urkunde der Freiheiten, die den König verpflichtete, die aristokratische Elite bei künftigen Entscheidungen zu konsultieren. Das Dokument verbietet zudem willkürliche Verhaftung, garantiert den Zugang zu einem Gericht und begrenzt die Lehnszahlungen an den Monarchen. Mit anderen Worten, die Urkunde definiert erstmals, was ein König tun durfte und was ihm verwehrt war. Um sich Ärger zu ersparen mit den Aristokraten des Landes, die immer wieder auf eine Begrenzung königlicher Macht drangen, bestätigten Johns unmittelbare Nachfolger auf dem Thron das Dokument (Vincent 2012). Ein direkter Weg zur demokratischen Regierungsform war es seither allerdings nicht. Im Gegenteil: Heinrich der VIII. und seine Tochter Elizabeth I. spielten ihre Macht brutal aus und gingen mit Kritikern rücksichtslos um. Ihre Nachfolger, James I. und Charles I. aus der Familie Stuart steigerten die Idee der königlichen Machtvollkommenheit so sehr, dass es zum Bürgerkrieg kam. Der demokratischen Regierungsform kam das Land erst wieder einen Schritt näher, als das Parlament sich zu einem Coup entschloss und den letzten König aus der Familie der Stuart, James II. durch Wilhelm von Nassau-Oranien, den Statthalter der Niederlande, ersetzte. Die neue, prominente Aufgabe, die sich der Niederländer mit seiner Ehefrau Mary, der Tochter des verbannten James II., teilte, war an Bedingungen geknüpft: Um absolutistischen Neigungen künftiger Monarchen vorzubeugen, drängten die Parlamentarier das neue Paar auf dem Thron einen Grundrechtskatalog zu unterschreiben, in dem der Vorrang des Parlaments gegenüber der monarchischen Gewalt festgeschrieben wurde ebenso wie die Redefreiheit seiner Mitglieder und freie Wahlen. Die Verfassungsrealität veränderte sich auch in den folgenden Jahren und Grund dafür waren nicht nur einzelne Verträge und Gesetze, sondern auch die Personen, deren Stärken und Schwächen, Aspirationen und Ziele die Machtbalance verschoben. So interessierte sich etwa Kurfürst Georg von Braunschweig-Lüneburg, der 1714 als George I. auf den englischen Thron kam, für die Staatsgeschäfte in seinem heimatlichen Hannover mehr als für Anliegen, die man ihm in London vorlegte. Sein Desinteresse provozierte ein politisches Vakuum, das zunehmend die Parlamentarier ausfüllten, während die Autorität und der Anspruch des Monarchen, das letzte Wort zu behalten, nur noch in der Theorie fortbestand. Der Status des Monarchen im Verfassungsgefüge nahm auch mit seinem Nachfolger George II. ab. Als schließlich der dritte George pflichtbewusst die Vorlagen des Kabinetts zu lesen forderte, war sein Lordkanzler, der 1. Baron Thurlow, angesichts dieser ungewöhnlichen Bitte irritiert und antwortete seinem König brüsk: Das Ansinnen sei vergeudete Mühe, schließlich würden Seine Majestät den Inhalt der Dokumente ohnehin nicht verstehen. Später befiel George III. der Wahnsinn, sodass die bei der Krone verbliebenen Regierungsgeschäfte an gewählte Politiker delegiert werden mussten – eine weitere Schwächung der verfassungsmäßigen Rolle des Monarchen, von dessen traditioneller exekutiver Funktion nicht mehr viel geblieben war. Der Trend setzte sich in späteren Jahren fort. George IV., bekannt für seine Verschwendung, Ess- und Trunksucht, galt unter seinen Höflingen als verachtungswürdig, feige, selbstsüchtig sowie gefühllos und machte sich bei öffentlichen Auftritten seiner Fettleibigkeit wegen zum Gespött des Publikums. Für Kabinett und Premierminister wurde der so diskreditierte Monarch zum entbehrlichen Partner (Baker 2005). Diese Marginalisierung der Krone – eine Umkehr im traditionellen Kräfteverhältnis der Institutionen – prägte die neue Verfassungsrealität des Landes. So war William IV., Georges Bruder, der 1830 auf dem Thron folgte, denn auch der letzte Monarch, dessen persönliche Ablehnung des vom Parlament favorisierten Kandidaten die Berufung eines Premierministers stoppte (Ziegler 1971). Seiner Nichte, Königin Victoria, gelang das nicht mehr. Ihr blieb es nur noch zu weinen, als ihr bevorzugter Regierungschef und einstweiliger Mentor, der 2. Viscount Melbourne, sein Amt in 10 Downing Street verlor: „Ich dachte wirklich, mein Herz würde zerbrechen,“ klagte die Königin, als sie die Nachricht erhielt (Hibbert 1985, S. 45). Im Sommer 1945 spürte George VI. die Begrenzungen, die jenseits von Krisenzeiten die Konventionen der ungeschriebenen Verfassung einem Monarchen auferlegten. Obwohl er Clement Attlees sozialistische Politik als Bedrohung betrachtete, musst er den Labour-Vorsitzenden nach der Niederlage der Konservativen zum Premierminister ernennen. Immerhin dehnte er seine konstitutionelle Rolle aufs äußerste, indem er Attlee überredete, Hugh Dalton nicht zum Außenminister zu ernennen. Dalton, der bereits die Koffer packte für seine Teilnahme an der Konferenz der Alliierten in Potsdam, galt dem König als suspekt, weil er als Sohn des Kaplans von Windsor mit seiner Mitgliedschaft bei Labour die eigene Klasse verraten hatte. So sah man es jedenfalls im Palast (Pimlott 1985).
Christian Schnee
8. Wortgefechte und Rufduelle – Von ehrenwerten Mitgliedern
Zusammenfassung
Ein Gaukler bei Hofe, der seine Worte sorgfältig wählte, verglich ihn mit Jesus. Wie jener sei auch Henry III. am Tag seiner Geburt bereits so weise und umsichtig gewesen wie im Verlauf seines Lebens. Der Sohn Gottes brauchte nichts hinzuzulernen, der König aus der Familie der Plantagenet hingegen, da sind sich Historiker sicher, konnte und wollte im Verlauf der folgenden Jahrzehnte nicht hinzulernen und – das war noch bedenklicher – zog aus seinen Fehlern immer wieder die falschen Schlüsse. Sein Ziel war eine glorreiche Herrschaft und absolute Macht. Diesen ehrgeizigen Anspruch seiner Regentschaft ließ Henry III. in Stein meißeln mit dem Neubau der Westminster Abbey, mit dem er vor allem den Ruhm seines Königtums zelebrieren wollte und erst danach den ursprünglichen Bauherren, Edward den Bekenner, zu ehren gedachte. Es war die Zeit, als die Gesalbten auf dem Thron sich für Auserwählte Gottes hielten, ausgestattet mit so viel himmlischer Kraft, dass sie mit dem bloßen Auflegen ihrer Hände Krankheiten der Untertanen heilen konnten. Das war die monarchische Tradition, in der Henry aufgewachsen war und die Zukunft, die er für sich sah. Dabei entgingen ihm drei wichtige Details, die dieser Geschichte eine dramatische Wendung geben sollten. Zunächst fehlte ihm – und das unterschied diesen König von seinen Vorgängern – für die Herrschaft in England die Machtbasis in Frankreich, nachdem sein Vater, der glücklose John Ohneland, die Normandie, Anjou und Aquitanien bis auf die Region Gascogne an das Königreich Frankreich verloren hatte. Daraufhin zwangen die aufgebrachten Barone Englands König John im Jahr 1215, sie künftig vor Entscheidungen zu konsultieren. Die Verbriefung dieser Kapitulation, die als Magna Charta in die Geschichtsbücher einging, band nun auch seinen Nachfolger (Daugherty 1998). Schließlich, und dies sollte das dritte Hindernis sein auf Henry III. Weg zur absoluten Macht, gab es eine wachsende Zahl wacher und gebildeter Bürger, die in florierenden Marktstädten als Händler zu Wohlstand kamen, in Domschulen das Lesen und Schreiben erlernten oder in Cambridge und Oxford Logik, Mathematik und Philosophie studierten. Es war der spätmittelalterliche Beginn einer Bürgergesellschaft, die Fragen stellte und zu wissen verlangte, wie es etwa sein könne, dass die militärischen Abenteuer Henrys auf dem Kontinent – er hatte versucht, eine Armee aufzustellen, um seinen Sohn Edmund im Kampf um die Krone Siziliens gegen Manfred von Hohenstaufen zu unterstützen – den Staat in den finanziellen Ruin trieben. Gedrängt von seinen Baronen, denen die Geduld ausging, musste der Monarch in Oxford unterschreiben, künftig sorgfältiger mit den Ressourcen seiner Untertanen umzugehen. Andernfalls würden sie zusammenkommen und gemeinsam die Leitung der Staatsgeschäfte übernehmen (Carpenter 2021). Der Schwager des Königs, der so herrische wie furchtlose Draufgänger Simon de Montfort, führte die Opposition an und als sich am Hof des Plantagenet keine Besserung einstellte, kam es zur Konfrontation. Im Mai 1264 besiegten die Rebellen die königliche Armee in der Schlacht bei Lewes südöstlich von London. Jetzt versammelten sich Henrys Gegner, wie seinerzeit in Oxford beschlossen, um über die Zukunft Englands zu entscheiden. Aber nicht nur die Barone und geistlichen Würdenträger erwartete de Montfort im Januar 1265 in London, auch jeweils zwei Bürger aus York, Lincoln und anderen ausgewählten Städten waren eingeladen, an dem Parlament teilzunehmen. Der Begriff stammt von dem französischen Wort für reden – parler – ab und bedeutet nichts weiter als eine Versammlung, in der gesprochen wird. Es war nicht die erste Zusammenkunft dieser Art, aber das erste Mal, dass gewöhnliche Bürger neben geistlicher und weltlicher Aristokratie saßen. Diesen war bei dem Gedanken, mit einfachen Leuten ihren neu gewonnenen Einfluss teilen zu müssen, derart unwohl, dass de Montforts Parlament sich schon bald wieder auflöste und ein kurzes historisches Zwischenspiel blieb. Für den Rebellen de Montfort endete das Experiment mittelalterlichen Parlamentarismus tödlich, als Edward, der älteste Sohn Henry III., Rache nahm für den Vater in der Schlacht von Evesham in der Grafschaft Worcestershire. Was blieb war die Idee des Parlamentarismus als Mittel zur Einhegung königlicher Macht (Maddicott 1996).
Christian Schnee
9. House of Lords – „Ich bin mir nicht sicher, warum ich hier bin“
Zusammenfassung
Es ist ein Haus mit einem Spitznamen: London Nr. 1, weil es im frühen 19. Jahrhundert, bevor die Kapitale ihre heutigen Dimensionen erreichte, das erste Gebäude war, an dem Reisende vorbeikamen, nachdem sie die Mautschranke in Knightsbridge hinter sich gelassen hatten. Wer allerdings einen Brief dorthin adressieren will, dem wird geraten, die offizielle Anschrift Piccadilly 149 auf dem Umschlag zu notieren, um den Postboten nicht zu verwirren. 1807 erwarb die Stadtvilla am Rande von Hyde Park Richard Wellesley, 1st Marquess Wellesley. Zehn Jahre später zwangen ihn finanzielle Nöte zum Verkauf an seinen ungleich bekannteren jüngeren Bruder, Arthur Wellesley, der ein Domizil in London suchte, um in Westminster eine politische Karriere anzustreben (Nutt 2005). Der Offizier Arthur Wellesley war längst eine nationale Ikone und auch auf dem Kontinent eine berühmte Persönlichkeit, weil er über Jahre als Nemesis Napoleon Bonapartes half, Europa vor der Unterjochung durch den Kaiser der Franzosen zu bewahren. Der Status als gefeierter Held war ihm nicht mehr zu nehmen, seit ihm seine Landsleute den Sieg im Jahr 1815 bei Waterloo zuschreiben. Zuvor hatte er für seine militärischen Erfolge auf der spanischen Peninsula von König George III. den Titel des Herzogs von Wellington erhalten. Zwei Jahrhunderte später hat Charles Wellesley, der 9. Herzog von Wellington, mit seiner Familie noch immer Anrecht auf die Wohnräume im zweiten Stock von Apsely House mit Blick auf den Park. Ein Apartment in historischer Immobilie der besten Lage mit kurzem Weg zum Buckingham Palast und unweit der königlichen Residenz von Kensington gilt als Attribut von Status und Luxus. Doch wer nach dem reichen Adel im Land sucht, der hält sich mit den Wellesleys nicht auf. Im Besitz der Earls of Cadogan ist seit drei Jahrhunderten der größte Teil der exklusiven Stadtbezirke Knightsbridge und Chelsea. Beachtliche 3000 Wohnungen, 200 Häuser, 300 Geschäfte, 46.000 Quadratmeter Bürofläche und über 60.000 Quadratmeter Gärten umfasst der Cadogan Estate genannte Immobilienkonzern (Scully und Howard 2021). Übertroffen werden die Cadogans in London nur von der Familie Grosvenor, den Herzögen von Westminster, die 1677 die 200 Hektar des Hofguts Ebury übernahmen. Ein Glücksgriff, wie sich in den folgenden Jahrhunderten zeigte, als auf den Ländereien die exklusiven Stadtteile Belgravia, Mayfair und Pimlico emporwuchsen (Partridge 2021). Zum Immobilienimperium der Herzöge von Westminster gehört auch der Grosvenor Platz, eine exzellente Adresse, an der für Jahrzehnte sowohl die amerikanische als auch die kanadische Botschaft in eindrucksvollen Residenzen beheimatet waren. Außerhalb Londons liegt der Grundbesitz zu 17 Prozent in den Händen von Bänkern und Oligarchen, 18 Prozent wird von Unternehmen kontrolliert, aber rund 30 Prozent gehören immer noch zum Portfolio adeliger Familien (Wright 2019). Den bedeutendsten Anteil daran haben die Herren von Boughton House, eine im Stil französischer Chateaus nahe Kettering in Northamptonshire erbaute Residenz inmitten eines 4500 Hektar großen Parks. In dieser Anlage, von Kunsthistorikern als Versailles Englands bezeichnet, residiert Richard Scott, 10. Herzog von Buccleuch, ein schottischer Aristokrat, der von einem illegitimen Sohn König Charles II. abstammt und bis vor 15 Jahren die Nummer eins unter den Landbesitzern war. Damals begannen die Buccleuchs, sich von einem großen Teil ihres Landbesitzes zu trennen, weil sie ihre schottischen Besitzungen bedroht sahen von Plänen der Nationalisten in der Regionalregierung in Edinburgh, Land aus dem Portfolio von Großgrundbesitzern den Kommunen zu übereignen. Nach dem Verkauf von 17.000 Hektar in Schottland verbleiben dem Herzog in den Highlands und Lowlands noch 75.000 Hektar im Portfolio. Seit die Familie Buccleuch auch in den englischen Midlands Käufer für 4500 Hektar gefunden hat, gilt nunmehr der dänische Milliardär und Modedesigner Anders Holch Povlsen, der in nur 16 Jahren Ländereien im Umfang von 93.000 Hektar erwarb, als größter Landbesitzer des Vereinigten Königreichs (Dickie 2021).
Christian Schnee
10. „Das Herz und Mark eines Königs“ – Zuständig für Schwäne, Wale und Störe
Zusammenfassung
Faruq, der ehemalige König von Ägypten, sagte einmal voraus, dass es zum Ende des 20. Jahrhunderts nur noch fünf Monarchien geben werde auf der Welt. Darunter sei ein Prinz der Herzen, ein Diamanten- und ein Immobilienkönig, ein King der Nachtclubs und die Queen in England (Paxman 2007). Faruq, der in seiner Jugend in England lebte und sich dort erfolglos um einen Platz an der Militärakademie von Woolwich und an der Privatschule Eton College bemühte, lag mit seiner Prognose nicht ganz falsch. Die Monarchie in Großbritannien hat – anders als ihre Pendants in Österreich, Deutschland, Russland, Italien oder Griechenland – vor allem deshalb überlebt, weil sie populär war und auch in Zeiten der Krise die Mehrheit der Menschen hinter sich hatte. Thomas Paine, der britische Philosoph und Revolutionär, der sich im Ringen um die amerikanische Unabhängigkeit einen Namen machte, schrieb, dass Könige zunächst aus den Herzen ihrer Untertanen verstoßen würden und erst danach per Parlamentsbeschluss von ihrem Thron (Foot und Kramnick 1987, S. 387). Dieser Platz im Herzen der Briten war im Laufe des 20. Jahrhunderts zweimal in Gefahr. Zunächst während des Ersten Weltkriegs gegen Deutschland, als in der Bevölkerung und der Regierung mit Skepsis und Kritik auf den deutschen Namen der Dynastie verwiesen wurde: Hannover-Sachsen-Coburg und Gotha. Sarkastisch fragte seinerzeit David Lloyd George, der Schatzkanzler, auf dem Weg zu einem Termin im Buckingham Palace: „Ich frage mich, was unser kleiner deutscher Freund mir zu sagen hat?“ (Paxman 2017, S. 185). Die abfällige Bemerkung bezog sich auf George V., den Enkel Königin Victorias aus dem Hause Hannover und des Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Der Schriftsteller H. G. Wells stichelte zur gleichen Zeit, der Hof sei nicht nur „wenig inspirierend“, sondern – schlimmer noch! – „ausländisch.“ „Wenig inspirierend mag ich ja sein“, gestand der König zu, „aber, verdammt noch mal, ein Ausländer bin ich nicht!“ (Nicolson 1952, S. 308). Getrieben von dieser feindseligen Stimmung im Land ließ George V. zunächst die Wappen seiner deutschen Verwandten in der Kapelle des Heiligen Georg in Windsor Castle abhängen. Schließlich tauschte er auch den Familiennamen aus. Von nun an würde seine Familie nach der 1000 Jahre alten Festung im Westen Londons Windsor heißen. 80 Jahre später war die Stimmung ähnlich feindselig. Man schrieb den August 1997. Gerade war Diana, die geschiedene Ehefrau des Prinzen von Wales, bei einem tragischen Unfall in Paris ums Leben gekommen. Das Land war im Schock, der Premierminister sprach im Fernsehen von „der Prinzessin des Volkes“, vor dem Kensington Palast, in dem Diana ein Apartment bewohnte, türmten sich mehr als eine Million Blumenbouquets bis zu eineinhalb Meter in die Höhe. Derweil machten Elizabeth II. und ihr Ehemann Philip keine Anstalten, ihren Sommerurlaub in Schottland zu unterbrechen, um sich in London den Trauernden anzuschließen. Viele Menschen waren empört und unterstellten, den Royals fehle es an Mitgefühl, menschlichen Regungen und Verständnis für die Empfindungen ihres Volkes. Der Eindruck verstärkte sich, als Elizabeth II. anwies, dem Protokoll zu folgen, wonach die königliche Standarte nie auf Halbmast gesetzt wird – auch nicht für den Tod eines Familienmitglieds. Die öffentliche Reaktion war geprägt von Ungläubigkeit und Wut (CNN 1997). Sean O’Grady schrieb in der Zeitung Independent von der „schlimmsten Woche für die Monarchie seit Menschengedenken“ (O’Grady 2017). Dass die Monarchie seither wieder an Popularität gewinnen konnte, ist nicht zuletzt dem Respekt und der Anerkennung geschuldet, die viele Briten Elizabeth II. entgegenbringen für ihre persönliche Disziplin, menschliche Bescheidenheit und professionelle Pflichterfüllung. Auch im siebten Jahrzehnt seit ihrer Krönung in der Abtei von Westminster im Jahr 1953 will sie nichts von Ruhestand wissen und nahm allein 2018, im Jahr ihres 92. Geburtstages, rund 300 öffentliche Termine wahr (Treble 2018). Die meisten Bürger können sich an kein anderes Staatsoberhaupt erinnern. Einige erzählen, die Königin erscheine ihnen sogar im Traum, manchmal beim Wandern in Gummistiefeln, nicht selten mit Einkaufskorb, ganz so wie die freundliche Nachbarin, aber immer mit Krone (Masters 1973, S. 21). Es scheint, als behalte der Dramatiker und Satiriker George Bernhard Shaw recht, für den Könige nicht geboren werden, sondern „das Ergebnis sind von künstlicher Halluzination“ (Shaw 1903). Real ist nicht einmal die Prämisse, auf der sich die königliche Autorität gründet. Das Gottesgnadentum oder Dei Gratia auf Latein, das aus einem einfachen Menschen einen Monarchen macht, auserwählt von einer himmlischen Macht, ist bestenfalls eine kollektive Halluzination. Das Akronym D. G. findet sich bis heute als Gravierung auf jeder Pfund-Münze. Er solle Gott preisen aus zwei Gründen, mahnte König James I. Stuart im frühen 17. Jahrhundert seinen Sohn und Nachfolger auf dem Thron: „Einmal, weil er dich zu dem Mann gemacht hat, der du bist. Und außerdem, weil er dich als kleinen Gott erschaffen hat, um auf seinem Thron zu sitzen und über andere Menschen zu regieren“ (Stuart 1918, S. 12). Auch im 20. Jahrhundert hatte die Idee, der König stehe in besonders engem Verhältnis zu Gott, seine Suggestivkraft nicht verloren. Für Winston Churchill traf daher die Schuld für den Ersten Weltkrieg nicht etwa den Deutschen Kaiser Wilhelm II., der – so Churchill – schließlich erzogen worden sei in der Überzeugung, eine göttliche Mission zu befolgen (Churchill 1990, S. 17). Selbst 1964 war ein Drittel der Bevölkerung noch davon überzeugt, die Königin sei von Gott für ihre Aufgabe auserwählt (Piers 1986, S. 197). Auch das Regierungssystem trägt dem besonderen Verhältnis Rechnung mit der Formulierung „die Krone im Parlament unter Gott“, die das Zusammenspiel und die Hierarchie zwischen Abgeordneten, Monarchen und im Allmächtigen im Gesetzgebungsverfahren beschreibt (Onwordi 2011). Diese Symbiose zwischen weltlichem Status und geistlicher Legitimation drückt sich aus bei der Krönung, wenn der oberste christliche Würdenträger des Landes, der Erzbischof von Canterbury, den neuen Monarchen mit geweihtem Wasser salbt. Eine mystische Handlung, die dem Publikum bei der ersten und bisher einzigen vom Fernsehen übertragenen Krönung 1953 vorenthalten wurde. Das enge Verhältnis zwischen Kirche, Religion und der Monarchie reicht lange zurück. Schon 1521 ernannte Papst Leo X. König Henry VIII. zum „Verteidiger des Glaubens“, eine Aufgabe und Ehre, die bis heute auf den Münzen neben dem Bild der Königin in dem Akronym D. F. oder Defensor Fidei ihren Ausdruck findet. Zur Wahrheit im Verhältnis religiöser und weltlicher Dinge gehört allerdings auch, dass die Briten den Willen Gottes und die Rolle der Kirche in der politischen Arena gewöhnlich äußerst pragmatisch auslegen. Und Dankbarkeit spielt unter Machtpolitikern ohnehin keine Rolle, wie Henry VIII. demonstrierte, als 1534 die Kirche in seinem Reich von Rom los, weil sein Antrag auf Annullierung der Ehe mit Katharina von Aragon beim Papst auf taube Ohren gestoßen war. Nun übernahm er selbst als weltlicher Herrscher, sozusagen in Nebenaufgabe die Leitung der Kirche. In dieser Tradition versieht bis heute Elizabeth II. ihre Aufgabe als Vorsteherin der Church of England und jeder Bischof hat formal ihr seine Berufung zu verdanken (Shipman 2021).
Christian Schnee
11. Rollensuche – Charles und die Dienstleistungsmonarchie
Zusammenfassung
Am 9. April 2021 unterbrachen die öffentlichen Fernsehsender ihr Programm und erinnerten an das Leben und die Verdienste des Herzogs von Edinburgh, der gerade im Alter von 99 Jahren gestorben war. Der vierte Kanal der BBC stellte die reguläre Übertragung ganz und gar ein und empfahl dem Publikum, sich die Sondersendungen zum Tod des Royals anzuschauen. Nichts anderes war zu erwarten von den Fernsehmachern. Erstaunlich war allerdings die Reaktion des Publikums. Um fünf Prozent sank die Einschaltquote an jenem Abend und die BBC musste ein eigenes Beschwerdeportal einrichten für aufgebrachte Zuschauer, die erbost darüber waren, dass ihr gewohntes Kochprogramm Masterchef den Sondersendungen weichen musste (Kelly 2021). Der Sender zählte 100.000 Zusendungen mit Beschwerden. Die Resonanz spiegelte nicht zuletzt die geteilten Meinungen zur königlichen Familie und speziell zu Prinz Philip wider, die zwar unter den Älteren nach wie vor vorwiegend positiv waren, unter Jungen dafür eher ablehnend. Nach Zahlen des Meinungsforschungsinstituts YouGov lag 2019 der öffentliche Zuspruch für Prinz Harry quer durch die Bevölkerung bei rund 70 Prozent, während es der Herzog von Edinburgh in der gleichen Umfrage nicht einmal auf 50 Prozent Zustimmung brachte (Foussaines 2019). Eine Monarchie, die eine Zukunft haben will, ist aber auf Anhänger unter den Jungen angewiesen. Gerade deshalb stritten Leitartikler, Hofberichterstatter und Kommentatoren im Frühstücksfernsehen darüber, wie viel Schaden die Entscheidung des Herzogs und der Herzogin von Sussex – Prinz Harry und Prinzessin Meghan –, ihren Dienst als aktive Royals zu beenden, der Familie den Rücken zu kehren und nach Kalifornien umzuziehen, dem Image der Familie zugefügt haben könnte, die sich um ein positives Bild bei der Generation der Millennials bemüht. In der aufgeregten Berichterstattung über den Abgang der beiden charismatischen Figuren und Sympathieträger aus den Reihen der Windsor ging gelegentlich vergessen, dass das Ehepaar Sussex nicht die ersten Royals waren, die sich vom Hof verabschiedeten. „Wir wachten auf in der Regierung von Edward VIII. und gingen schlafen in der Regierung von George VI,“ bemerkte der angloamerikanische Schriftsteller und Politiker Sir Henry „Chips“ Channon und fasste damit das Erstaunen zusammen, das die Menschen überkam, als sie die Nachricht von der plötzlichen Abdankung König Edward VIII. im Dezember 1936 erreichte (zitiert in Borman 2021, S. 10). Edward VIII. war ähnlich wie später Prinz Harry im Volk sehr populär, vor allem dank seines formlosen Umgangs und entspannten Stils, der zeitgemäß schien und in willkommenem Kontrast stand zu den steifen Konventionen der königlichen Familie. In den wenigen Monaten seiner Regierungszeit freundete er sich nie an mit der neuen Rolle und seinen Aufgaben im Buckingham Palace und sagte von sich selbst, „es gibt nichts Königliches an mir. König zu sein ist sicherlich einer der einschränkensten, frustrierendsten und über weite Strecken am wenigsten stimulierenden Jobs, den eine gebildete und unabhängige Person haben kann“ – Zeilen, die vor allem seine erstaunliche Unkenntnis verrieten über Arbeiten, mit denen viele Menschen ihr Geld verdienen (zitiert in Borman 2021, S. 10). Mit seinem Entschluss, eine zweimal geschiedene Frau zu heiraten, die Amerikanerin Wallis Simpson, disqualifizierte er sich als Oberhaupt der Kirche von England, eine Aufgabe, die seit den Tagen Henry VIII. jeder Monarch in Personalunion zu übernehmen hat. Am 10. Dezember 1936 sah er schließlich ein, dass die Krone und seine Gefühle zu Mrs. Simpson nicht miteinander vereinbar waren, und unterschrieb in Ford Belvedere, seinem Landsitz in der südenglischen Grafschaft Surrey, die Abdankung (Williams 2003). „Ich fand es unmöglich, meinen Aufgaben als König nachzukommen ohne die Hilfe und Unterstützung der Frau, die ich liebe,“ ließ er die Welt wissen (Borman 2021, S. 11). Von nun an lebte das Paar als Herzog und Herzogin von Windsor in einem luxuriösen Stadthaus in der Nähe des Bois de Boulogne in Paris oder in New York und für einige Zeit auch auf den Bahamas, wo Edward als Gouverneur die Kolonialverwaltung leitete. Das Leben als Celebrity machte Edward nicht glücklich. Freunde beschrieben ihn als frustriert, bitter und gelangweilt. Viele seiner noch verbliebenen Anhänger in der Heimat wandten sich ab, als die Nachricht die Runde machte, der Herzog von Windsor – wie er sich seit seiner Abdankung nannte – habe 1937 Hitler im Berghof auf dem Obersalzberg getroffen und den Diktator mit dem Deutschen Gruß geehrt (Palmer 2021). 1972, als Edward starb, hatte er auch den Rest von öffentlicher Sympathie längst verloren. In jüngerer Zeit war Lady Diana Spencer, Prinzessin von Wales, die prominenteste Aussteigerin, die den Windsors den Rücken kehrte und ein Leben in Distanz zur Familie für sich fand. Diana war die am meisten fotografierte Frau auf der Welt, besaß ein ausgeprägtes Verständnis für Populärkultur und die Erwartungen ihres Publikums – Eigenschaften, die anderen Royals fehlten, vor allem ihrem Ehemann Prinz Charles. Nach einem erstaunlichen Interview, gespickt mit Vorwürfen und Unterstellungen, das Prinzessin Diana der BBC-Sendung Panorama 1992 gewährte, wurde die Scheidung ihrer Ehe unvermeidbar. Die Zeit danach nutzte sie zur Förderung von karitativen Zielen, die ihr wichtig waren. Bald galt sie als Prinzessin der Herzen, die sie sein wollte, wie sie dem Interviewer von Panorama erzählt hatte. Die Trennung von den Windsors empfand sie als Befreiung.
Christian Schnee
12. Walpoles Erben in Downing Street – „Die meisten Dinge sind völlig unwichtig!“
Zusammenfassung
Seine Nase spitz, die Augen blau und hellwach, das graue Haar streng nach hinten gekämmt, der Gehrock schwarz und das seidene Tuch mit Schleife lässig um den Hals gebunden, wie es üblich ist in der Regency Ära, als der Dandy Beau Brummel den modischen Ton in den feinen Kreisen der Londoner Gesellschaft prägt. Beamte, Bittsteller und Honoratioren der Tories und Whigs beobachten, wie am späten Nachmittag die schlanke Gestalt Spencer Percevals den Parlamentsplatz überquert, dann den Palast von Westminster betritt, die Korridore durchschreitet und Treppenfluchten hinaufeilt auf dem Weg ins Unterhaus. Dorthin hat der Sprecher den Premierminister zitieren lassen, als Mitglieder der Kammer seine Abwesenheit bei der Debatte beklagen. Als Perceval den prächtigen Kuppelraum der Parlamentslobby erreicht, verstellt ihm ein Mann den Weg, zieht eine Pistole und schießt. Perceval taumelt, ruft noch „Mord. Oh mein Gott!“ Dann fällt er zu Boden. Erst als der Körper umgedreht wird, erkennt man das Opfer. Minuten später stellt der Arzt seinen Tod fest. Hätte der dreiundvierzigjährige Kaufmann John Bellingham aus Cambridgeshire an jenem 11. Mai 1812 kurz nach fünf Uhr nicht den Abzug gedrückt, wäre Perceval heute keine Erwähnung wert. Der Schriftsteller Charles Dickens nannte den Sohn des protestantisch-irischen Earls of Egmont einen „drittklassigen Politiker“, der seinen Vorgängern das Wasser nicht reichen konnte (Gray 1963). Zu seinem 200jährigen Todestag beschrieb Bruce Anderson (2012) im Daily Telegraph ihn als Premierminister, den die Geschichte vergessen hat. Dabei hätte das Land dem Mann zu danken, der sich als Gegner des Sklavenhandels und Fürsprecher der katholischen Minderheit einen Namen gemacht hatte. Als der Vater von 13 Kindern 1809 in Downing Street einzog, war das Land im Krieg gegen Frankreich. Perceval trotzte Kritikern und beharrte darauf, dass die britische Expeditionsarmee unter dem Kommando von Arthur Wellesley, dem künftigen Herzog von Wellington, in Portugal den Krieg gegen Napoleons Marschälle fortsetzte. Damit legte er die Grundlage für Großbritanniens Sieg gegen Frankreich in den folgenden Jahren (Linklater 2013). Mit einer Handelssperre wollte Perceval den Rivalen auf dem Kontinent in die Knie zwingen und befahl dafür der Royal Navy, Frachtschiffe mit Kurs Richtung Frankreich aufzubringen. Die Kosten dieses Handelskrieges hatten nicht nur die Franzosen zu tragen. Auch die britische Volkswirtschaft litt und Kaufleute standen vor dem Ruin. Einer davon war jener John Bellingham, der – womöglich verwirrt, sicher aber in ökonomischer Not – die Waffe zog. 185 Jahre später kam es zur Revanche in Kings Lynn, einer Kleinstadt im Wahlkreis Nord-West-Norfolk. Es ist die Nacht des 1. Mai 1997. Auf einer Bühne stehen nebeneinander lokale Kandidaten für die Parlamentswahl. In den vergangenen Wochen waren sie in Huntstanton, Grimston, Spellowfields und anderen Marktstädtchen im Osten des Landes auf Wahlkampftour unterwegs gewesen. Jetzt warteten sie auf die Verkündung des Ergebnisses für ihren Wahlkreis. Jeder hatte geahnt, dass die Verteidigung seines Mandats im Unterhaus für den konservativen Abgeordneten eine knappe Angelegenheit werden würde. Das Ergebnis, als es am frühen Morgen – die letzten Stimmen waren gerade ausgezählt – bekannt gegeben wurde, war dennoch eine Überraschung. Der konservative Politiker Henry Bellingham, ein Nachkomme des Perceval-Mörders, kam nur auf das zweitbeste Ergebnis im Wahlkreis und hatte somit seinen Sitz im Parlament von Westminster an die erstplatzierte Konkurrenz von Labour verloren. Bellinghams Niederlage wurde damit erklärt, dass er zu viele seiner Anhänger an die kleine Referendum-Partei verloren hatte, dessen Kandidat Roger Percival sich trotz der unterschiedlichen Schreibweise auf verwandtschaftliche Bande zu seinem ermordeten Vorfahren berief (Parkinson 2009).
Christian Schnee
13. BoJo – König der Welt und Chamäleon
Zusammenfassung
„Boris Johnson geht es nur um Ruhm und Spaß. Er ist völlig ungeeignet für das Amt des Regierungschefs“ (Hastings 2019). Die Warnung hätte nicht deutlicher ausfallen können und sie kommt nicht von irgendwem, sondern von Max Hastings, einem eminenten Historiker und Journalisten. Der gab 1989 als Chefredakteur der konservativen Tageszeitung Daily Telegraph dem 24jährigen Reporter Johnson eine zweite Chance als Korrespondent in Brüssel, nachdem der von seinem ersten Arbeitgeber, dem Qualitätsblatt The Times, dafür entlassen worden war, ein Zitat des Historikers Colin Lucas frei erfunden zu haben. Brüssel gilt unter britischen Journalisten als wichtiger, aber langweiliger Standort. Nach Langeweile stand Johnson allerdings nicht der Sinn und so beschloss er, mit seinen Beiträgen die Leser des Telegraf zu unterhalten. Das typische Publikum des Blattes sind Wähler der Konservativen, vor allem ältere Jahrgänge mit Nostalgie fürs Empire und tiefer Skepsis gegenüber den europäischen Nachbarn, die es dem Autor Johnson nicht übelnahmen, wenn der mal wieder mit der Wahrheit sparsam und den Fakten kreativ umging, solange die Pointen stimmten und Franzosen, Deutsche und Eurokraten schlecht aussehen ließen (Gimson 2012). Korruption und Intrigen in den Korridoren der europäischen Institutionen waren ebenso Johnsons Herzensthemen wie Komplottversuche der Deutschen gegen die britischen Kommissare und natürlich brachte er zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Verweise auf den Zweiten Weltkrieg in seinen Beiträgen unter. Dabei ging es unter anderem um angebliche Bemühungen von Kommissionspräsident Jacques Delors, Europa zu beherrschen, und dunkle Absichten auf dem Kontinent, britische Marmelade zu verbieten (Boulton 2020). Viele Gegner der europäischen Institutionen empfanden besondere Genugtuung bei der Lektüre seines erfundenen Berichts, wonach der Sitz der Europäischen Kommission, das Berlaymont-Gebäude an der Brüsseler Rue de la Loi, gesprengt werden sollte (Fletcher 2017). Rolf-Dieter Krause, seinerzeit Korrespondent für die ARD in Brüssel, erzählt, wie er sich bei der Durchsicht der Beiträge aus der Feder des britischen Kollegen oft gefragt habe, ob Johnson und er wirklich auf der gleichen Pressekonferenz gewesen seien (Rankin und Waterson 2019). Vermutlich nicht, denn der Brite war bekannt dafür, während mehrtätiger Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der Gemeinschaft von der Bildfläche zu verschwinden, um dann gegen Ende des Treffens zerzaust und gehetzt nur Minuten vor dem Abgabetermin seines Artikels wieder zu erscheinen. Charmant und in humorvollem Franglais gab der junge Johnson dann häusliche Notstände vor („Schrecklicher Tag, alter Junge, die machine a laver ist überlaufen, totale innondation, Ich musste auf les plombiers warten“), um an kollegiale Solidarität zu appellieren und eine kursorische Zusammenfassung der verpassten politischen Stellungnahmen und Pressetermine zu erhalten (Boulton 2020). Was fehlte, füllte Johnson mit Fantasie und Sinn für die Vorlieben seines ständig wachsenden euroskeptischen Publikums auf der Insel. Von jener Zeit sagt Johnson ohne allzu schlechtes Gewissen: „Alle meine Berichte aus Brüssel waren wie Steine, die ich über den Gartenzaun warf, und dann auf das fantastische Klirren des Glashauses nebenan in England wartete, wo die Geschichten einen explosiven Effekt hatten“ (Boulton 2020). John Major, seinerzeit Vorsitzender der Konservativen und als Premierminister um ein auskömmliches Verhältnis mit der Europäischen Gemeinschaft bemüht, sah die antieuropäische Stimmung im Land und in den Reihen der eigenen Partei aufgeheizt durch Johnsons reißerische Berichterstattung, die Chris Patten, Großbritanniens Mitglied in der Kommission als Paradebeispiel für Fake News, also erfundene Nachrichten, brandmarkte (Sparrow 2016). Hastings, Johnsons ehemaliger Förderer beim Telegraf, erzählt bis heute mit viel Anerkennung und Sympathie von Johnsons brillantem Schreibstil, macht aber auch kein Geheimnis daraus, dass sein einstiger Protegé auf dem Karriereweg im Journalismus und später in der Politik nicht nur mit viel Ehrgeiz, sondern auch frei von Skrupeln und rücksichtslos vorgegangen sei (Hastings 2019). Dass er auf diesem Weg ganz nach oben kommen wollte, das hatte Boris schon in Kindertagen angekündigt, als er seiner Mutter erzählte, er wolle „König der Welt“ werden (Edwards und Isaby 2008). Seinen brennenden Ehrgeiz verdeckte Johnson für viele Jahre hinter zerzauster Frisur, verknitterten Anzügen sowie Sinn für Witz und rhetorischer Originalität, mit denen er das Publikum über seine eigentlichen Absichten in die Irre führte. Gefragt nach seinen Chancen, eines Tages Regierungschef zu werden, raunte er, „die Wahrscheinlichkeit ist vergleichbar mit meiner Chance, von einer Frisbee-Scheibe enthauptet zu werden.“ Einem anderen Reporter entgegnete er auf die gleiche Frage mit einem verschmitzten Lächeln und den Zeilen: „Eher findet man Elvis auf dem Mars, als dass ich Premierminister werde“ (Hjelmgaard 2014).
Christian Schnee
14. Covid-19 – Zwischen Shakespeare und rauchenden Ruinen
Zusammenfassung
Es sieht nicht gut aus im Sommer 2020. Eine Fabrik in Liverpool produziert Impfstoff gegen Grippe. Eine andere in Schottland spezialisierte sich auf die Japanische Gehirnentzündung, ein Nischenprodukt. Das Land hängt von Importen ab. Es ist eine der unbequemen Wahrheiten inmitten der Covid-19-Pandemie, dass es an Expertise und Ausstattung fehlt zur Produktion des Vakzins, mit dem das Virus überwunden werden soll (Cookson 2021). Ein Arbeitsstab wird einberufen, um das Versäumnis vieler Jahre in wenigen Monaten aufzuholen. Die Leitung übernimmt Kate Bingham, die geschäftsführende Gesellschafterin einer Wagniskapitalfirma, die in wenigen Wochen Forscher und Unternehmer an einen Tisch bringt, Verträge abschließt mit den Unternehmen Pfizer-BioNTech, Moderna, Johnson und Johnson, Sanofi GSK, Oxford AstraZeneca, Valneva, Novavax und CureVac über die Herstellung und Lieferung von Impfstoffen und dafür den sofortigen Aufbau zweier neuer Produktionsstätten organisiert. Bingham sichert 267 Millionen Dosen für knapp 12 Milliarden Pfund (Mancini 2020). Vier der Unternehmen, darunter auch Oxford AstraZeneca, erhalten staatliche Subventionen für die Zusage, in Großbritannien zu produzieren. Dafür errichten die Firmen sechs Bioreaktoren im Land, Maschinen zur Impfstoffproduktion, von denen es weltweit nur wenige Dutzend gibt. Die Sorge ist groß, dass die europäischen Nachbarn, Länder in Asien mit pharmazeutischen Produktionsstandorten sowie vor allem die USA Donald Trumps den Export stoppen und Vakzine beschlagnahmen könnten, um zunächst die eigene Bevölkerung zu versorgen (Forsyth 2021). Später würden Epidemiologen warnen, dass der Kampf gegen die Pandemie Schaden nehmen könne durch aufkeimenden Impfstoffnationalismus. Ein Begriff, der sich im folgenden Winter auch in kommunalen Gazetten wiederfand, vor allem im Norden Englands und mit gewandelter Bedeutung. Hier berichteten Ärzte aus Gemeinden, in denen die Bevölkerung mit großer Mehrheit für den Brexit gestimmt hatte, dass Patienten, vor allem ältere Männer, den Anfang 2021 vorrangig angebotenen Impfstoff des deutschen Biotechnologieunternehmens BioNTech ablehnten und lieber warteten, „bis der englische Impfstoff da ist“ (Gregory et al. 2021). Das war ein nationalistischer Reflex, den nur Tage zuvor Bildungsminister Gavin Williamson angefeuert in einer Antwort auf die Frage, wieso Großbritannien früher als andere Staaten einen Impfstoff zugelassen habe: „Weil wir bessere Wissenschaftler haben als Frankreich, Belgien und die USA. Wir sind ein besseres Land als jedes Einzelne von denen!“ (Halliday 2020a). Was sich so kurios liest, ist Ausdruck der Haltung, die sich unter Politikern der Konservativen über Jahre hinweg formte und während des Streits um den Austritt aus der EU ihre deutlichste Ausprägung fand. Sie speist sich aus einer wirren Melange aus Überlegenheit und Trotz, die sich bei Wirtschaftsminister Alok Sharma in jenen Tagen etwa so las: „In der Zukunft wird man sich erinnern an diesen Moment, als Großbritannien die Menschheit anführte im Kampf gegen die Krankheit.“ Andreas Michaelis, Deutschlands Botschafter in London, fragte sich seinerzeit mit Blick auf die rhetorische Überhöhung und nationale Verzückung in Whitehall, wieso es „so schwierig ist, diesen wichtigen Schritt vorwärts als großen internationalen Einsatz und Erfolg zu werten?“ (Neville et al. 2020). Die Antwort auf Michaelis Frage lautet „Exzeptionalismus“, eine Spielart des Nationalismus, der sich die Tories immer wieder bedienen, um patriotische Wähler hinter sich zu versammeln, politische Gegner in die Enge zu treiben und Wahlen zu gewinnen. Der zur Schau getragene Glaube an die eigene Überlegenheit mag ein wirksames Instrument sein in der Wahlkampfarena, im Umgang mit einer Pandemie aber ist er kein probates Mittel. Als ebenso wenig hilfreich erwiesen sich der unbändige Optimismus, die waghalsigen Versprechungen, die Geringschätzung wissenschaftlichen Rates und ein zerrüttetes Verhältnis mit der Realität – alles Eigenschaften, die Premierminister Boris Johnson schon vor dem ersten Fall von Covid-19 auszeichneten (DeGroot 2021). Wenn nun die Veteranen des Kampfes für den Brexit die zweifelsohne erfolgreiche Entwicklung und Verteilung des Impfstoffes umdeuten zu einem Symbol nationaler Unbesiegbarkeit, dann ist das nicht nur ein weiteres Beispiel rechter politischer Unkultur. Es ist auch der Versuch, die kollektive Erinnerung zu bestimmen und eine Geschichte umzudeuten, in der sich Niederlagen, Pleiten, Fehler und Peinlichkeiten aneinanderreihen. Es ist die Geschichte über den Umgang der britischen Regierung mit der Covid-19-Pandemie. Wenn der Psychologe und Verhaltensökonom Daniel Kahneman recht hat mit seiner Beobachtung, wonach die Menschen sich dereinst an das Gute erinnern und das Schlechte verdrängen, um sich traumatische Empfindungen zu ersparen, könnten viele Wähler bis zum nächsten regulären Urnengang 2024 das Versagen der Behörden, die Inkompetenz der Entscheider und die Überforderung ihres Premierministers im Kampf gegen die Pandemie aus ihrer persönlichen Erinnerung verbannt haben.
Christian Schnee
15. Die Tories: „Eine garstige Partei“
Zusammenfassung
Ein Aufschrei ging durchs Land und hallte wider in den Aufmachern aller Nachrichtensendungen und den Titelgeschichten der Tageszeitungen, als am 18. April 2021 die Meldung von der Super League über Großbritannien hereinbrach. Die reichsten und prominentesten Fußballvereine teilten nach geheimen Verhandlungen mit, künftig in einer eigenen exklusiven Liga gegeneinander antreten zu wollen. In London hatten die Traditionsclubs Chelsea und Tottenham Hotspur ihre Teilnahme verbindlich zugesagt und im Norden würden die beiden Vereine aus Manchester – United und City – sowie der FC Liverpool sich der Elite aus Spanien und Italien anschließen und künftig für Rekordhonorare um einen neuen Pokal spielen (Devlin 2021). Mit dem Projekt wollten Milliardäre, die sich in den vergangenen Jahren in die Premier League, Englands oberste Spielklasse, eingekauft hatten, die Vermarktung ihrer Teams auf Rekordniveau steigern. Über den Zugang zu dem erlesenen Zirkel sollte das Budget entscheiden – nicht mehr die sportliche Leistung. Sofort schlug den Plänen eine Welle der Empörung entgegen und wilder Protest der Fans, die den Sport und den fairen Wettkampf bedroht sahen von der Geldgier internationaler Investoren. Fußball ist ein so großes Thema im Land, dass kein Parteichef, noch dazu einer im Amt des Premierministers, schweigen kann, wenn sich eine fußballbegeisterte Nation um die Zukunft der Sportart sorgt, die in Großbritannien ihre Ursprünge hat. So vergingen auch nur Stunden, bis Boris Johnson einen Krisengipfel in Downing Street einberief mit dem Ziel, die Pläne für die Super League zu stoppen. Aufgebrachte Konservative Parlamentsabgeordnete forderten derweil, die Strippenzieher in den Vereinsvorständen für ihr schädliches Vorhaben zur Rechenschaft zu ziehen, entweder mit einer Sondersteuer auf die Clubs oder einer Begrenzung von Arbeitserlaubnissen für Spieler aus dem Ausland. Regierungschef Johnson ließ prüfen, ob das Wettbewerbsgesetz dazu taugte, den Teilnehmern der Super League das Geschäft zu vermiesen mit einer Verpflichtung, die Begegnungen künftig in freien TV-Kanälen ohne Bezahlschranke anbieten zu müssen. Sogar eine neue Verordnung nach deutschem Vorbild wurde erörtert, um Kapitalanlegern den Erwerb von Stimmenmehrheiten der Clubs zu verwehren (Johnston 2021). Die Super League, diese Schöpfung aus Gier und Arroganz, kollabierte rasch unter dem Angriff der Regierung. Der maßgebliche Ideengeber für das Projekt, Ed Woodward, Manager von Manchester United, trat zurück. Die Ereignisse jener Apriltage waren nicht nur für Fußballinteressierte bemerkenswert. Auch politische Beobachter hatten erstaunt zugeschaut, mit welcher Vehemenz und Einmütigkeit die konservative Partei und ihr Vorsitzender Boris Johnson Großinvestoren, freie Märkte und die Folgen der Globalisierung bekämpften. Als Margaret Thatcher die Partei anführte in den späten 1970er- und 1980er-Jahren, galten die Konservativen als vorbehaltlose Cheerleader für üppige Investitionen und den Rausch des Geldes, mit dem ein Sport transformiert werden sollte, der seinerzeit vor allem der baufälligen Stadien und marodierenden Hooligans wegen Schlagzeilen machte (The Economist 2021a). Die Spitzenteams Liverpool und Manchester United wurden seinerzeit internationale Marken, die weltweit Spieler und Fans lockten. Ausländische Milliardäre kauften die besten Clubs, obwohl sie weder persönliche noch berufliche und schon gar keine emotionale Verbindung zu den Heimatorten ihrer Mannschaften hatten. Schwerreiche Fußballer, ihre Frauen und Freundinnen wurden zu Celebrities und bestimmten nun den vulgären Ton in dem lukrativen Geschäft. Als die bröckelnden alten Stadien neuen Arenen nach amerikanischem Vorbild wichen, stiegen die Ticketpreise und die Jahreskarte für ein Heimspiel wurde für Personen mit geringem Einkommen unerschwinglich. Boris Johnson, damals Parlamentsabgeordneter im feinen Henley – dem Ort der königlichen Ruderregatta – konnte seinerzeit an der Kommerzialisierung des Sports nichts Verwerfliches finden. Den Verkauf von Manchester United an die Glazer-Brüder, amerikanische Sportunternehmer, im Jahr 2005 hielt er für konform mit dem „Grundsatz konservativer Philosophie“ (The Economist 2021a). Heute schlägt er andere Töne an und kritisiert die „milliardenschweren Besitzer“ dafür, die Anliegen der Fußballfreunde zu ignorieren und die Vereine ihren Heimatgemeinden zu entfremden. In einem Artikel für die SUN, der Zeitung von Rupert Murdoch, der über Jahre mehr als andere die Übernahme des Sports durch ausländische Großinvestoren befeuerte und einst selbst versuchte, Manchester United zu kaufen, schrieb Johnson den Fans: „Es ist euer Spiel und ich versichere euch, dass ich alles tun werde, was ich tun kann, dieser blödsinnigen Idee (einer Super League) die rote Karte zu zeigen“ (Johnson 2021).
Christian Schnee
16. Labour – Marks & Spencer statt Marx und Engels
Zusammenfassung
James Graham hat sich einen Namen gemacht als Autor von Theaterstücken, die ein Schlaglicht auf Wendepunkte der britischen Politik werfen. Das Bühnenstück „Labour of love“ zeichnet die ideologische Achterbahnfahrt der Labour-Partei seit den frühen 1980er-Jahren nach. Seinerzeit versprach ein zotteliger, weißhaariger Intellektueller mit einem dicken Brillengestell und einer Vorliebe für unförmige Dufflecoats seinen Landsleuten Sozialismus, Pazifismus, bedingungslose Verschrottung britischer Nuklearwaffen und warb zudem für den Austritt des Landes aus der Europäischen Gemeinschaft. Wie wenig Sympathie die Klientel der Labour Partei für Michael Foots pazifistische und sozialistische Töne hatte, war nicht zu übersehen, als die Partei bei den Wahlen 1983 zehn Prozent ihrer Wähler ausgerechnet an Margaret Thatcher verlor, die Kämpferin gegen Gewerkschaftsmacht und Siegerin des Falklandkrieges gegen Argentinien (Morgan 2008). Elf Jahre später übernahm ein Mitvierziger mit einnehmendem Lächeln, einer Vergangenheit als Rocksänger und Studienabschluss von Oxford die Führung. Aus Labour wurde „New Labour“, als der smarte Rechtsanwalt Tony Blair Frieden schloss mit dem Industrieverband, Streitkräfte als Mittel der Politik für Kampfeinsätze nach Afghanistan, Sierra Leone, in den Irak und ins Kosovo schickte, die Banken deregulierte und die verblüffte Öffentlichkeit wissen ließ, die Parteiführung habe kein Problem damit, wenn Menschen „stinkreich“ würden. Blairs Kalkulation, mit dieser Rhetorik und einer marktfreundlichen Politik den Konservativen die Stimmen des Mittelstandes streitig zu machen, ging auf und er gewann die Wahlen 1997, 2001 und 2005, eine einmalige Bilanz für die Labour Partei (Bower 2016). Die Arbeiterschaft hatte an Wahltagen keine Alternative zu Labour, fühlte sich aber zunehmend verraten von dem smarten Blair, der Unternehmer hofierte, sich mit Celebrities umgab und mal in Silvio Berlusconis Villa auf Sardinien, mal auf dem Anwesen des Sängers Sir Cliff Richard auf Barbados urlaubte (Moseley 2017; Ford und Sobolewska 2020). Zu Beginn seiner Regierungszeit lag die Zufriedenheit mit Labour im Arbeitermilieu bei 89 Prozent, als Blair aus 10 Downing Street 2007 auszog, war fast die Hälfte der traditionellen Klientel der Ansicht, ihre Anliegen fänden in der Parteiführung kein Gehör (Evans und Tilley 2017, S. 133–135).
Christian Schnee
17. Die Liberaldemokraten – Hoffen auf bessere Zeiten
Zusammenfassung
„Ich glaube, ich habe gerade die Liberaldemokratische Partei getötet“, gestand William Hague seiner Ehefrau Ffion am 20. Mai 2010 (Cutts und Russell 2015). Einige Stunden zuvor hatte Hague an der Seite von David Cameron, dem Vorsitzenden der Konservativen, einen Koalitionsvertrag mit den Liberaldemokraten geschlossen, der die Politik für die gemeinsame Regierung festschrieb. Wie richtig Hague, der in der neuen Regierung unter Führung Camerons Außenminister werden sollte, mit seiner Prognose lag, ahnten an jenem Tag nur wenige. Bekannt war allenfalls, dass der ehemalige Tory-Chef Hague gemeinsam mit Cameron in den vorangegangenen Verhandlungen dem viel kleineren Partner Zugeständnisse abgerungen hatte, die ausdrücklich Wahlversprechen zuwiderliefen, denen die Lib Dems ihr gutes Ergebnis von 22 Prozent der Stimmen bei den Wahlen am 6. Mai 2010 verdankten. Im Wahlkampf zuvor hatte ihr junger, charismatischer und polyglotter Vorsitzender Nick Clegg in den TV-Duellen brilliert gegen den müde und fade wirkenden Amtsinhaber Gordon Brown von der Labour-Partei und David Cameron, dem das herzlose Image arroganter Tories ebenso Sympathien kostete wie seine Zugehörigkeit zur privilegierten gesellschaftlichen Elite. Bis zu 80 Prozent der Zuschauer hielten Clegg zeitweilig für die bessere Besetzung im Amt des Premierministers. Seit den Tagen Winston Churchills hatte kein Politiker mehr derart große populäre Unterstützung erfahren (Oliver und Smith 2010). Von Cleggmania war schon die Rede. Wie so oft bei den Liberaldemokraten übertrafen die Hoffnungen das Ergebnis am Wahlabend. Eine Gelegenheit zur Beteiligung an der Regierung erhielt Clegg dennoch, als nach Auszählung der Stimmen den Konservativen die Mehrheit im Unterhaus fehlte und sie den Liberaldemokraten eine Koalition anboten. Es war ein vergiftetes Angebot, für das die Partei viele progressive Ideen aufgeben musste, um die ihre Kandidaten seit Jahren gekämpft hatten (Fieldhouse und Russell 2005). Cleggs Partei hatte sich seit langem einen Namen gemacht mit ihren Forderungen nach sozialliberalen Reformen, ein faires Wahlrecht, Erneuerung der Verfassung und politische sowie administrative Dezentralisierung des Staates. Kaum etwas davon ließ sich mit den Tories durchsetzen. Clegg ignorierte die warnenden Stimmen, die Partei würde an der Seite der Konservativen ihre traditionelle Rolle verraten als Repräsentantin linksliberaler und progressiver Gruppen, Kritikerin des Establishments und Sprecherin der EU-Freunde im Land. Das irritierte viele Labour-Wähler, die aus taktischen Gründen den Liberaldemokraten ihre Stimme in solchen Wahlkreisen gaben, wo sie die besseren Chancen hatte, sich gegen die Konservativen durchzusetzen (Patti und Johnston 2011). Für ein Stück der Macht opferte Clegg die Reformagenda seiner Partei und nicht einmal mit den Forderungen nach einem Verhältniswahlrecht, das gerade kleinen Parteien gerechte Chancen bei Wahlen einräumen sollte, konnte er sich in den folgenden Jahren gegen die Tories durchsetzen. Als die Liberalen Minister Pläne für ein neues Wahlrecht in einem Referendum zur Abstimmung stellten, empfahlen die Konservativen im Kabinett ihren Anhängern die Ablehnung und vereitelten so das Projekt (Laycock et al. 2013). Ein Sturm der Empörung brach los, als die Liberaldemokraten dem Druck der Konservativen nachgaben und im Parlament Fördergeld für Bedürftige kürzten und die Studiengebühren auf mehr als 9000 Pfund im Jahr verdreifachten. Die Studenten, die bisher als Unterstützer der Lib Dems galten, fühlten sich verraten von Abgeordneten, die vor der Wahl in einer persönlichen Erklärung versprochen hatten, gegen zusätzliche Gebühren zu votieren (Butler 2019). Innerhalb ihres ersten Monats in der Regierung verlor Cleggs Partei bereits acht Prozent Zustimmung, fünf Monate später hatte sie die Hälfte ihrer Wähler eingebüßt (Cutts und Russell 2015). Mit dem Votum ihrer Abgeordneten für restriktivere Migrationspolitik, auch das eine Forderung der Konservativen, verspielten die Lib Dems zudem viel Sympathie unter ihren muslimischen Wählern, die sich zehn Jahre zuvor von der Labour-Partei abgewandt hatten nach Premierminister Tony Blairs Entscheidung, gleich zweimal britische Soldaten zum Kampf in muslimische Länder zu entsenden (Curtice 2007). Nun aber zweifelten viele Muslime an der Haltung der Lib Dems, deren Abgeordnete auf Wunsch der Tory-Innenministerin Theresa May für ein neues Anti-Terror-Gesetz stimmten, das nicht nur von Extremisten, sondern auch von vielen unbescholtenen Muslimen als Bedrohung empfunden wurde (Martin 2017).
Christian Schnee
18. Der NHS – „Das größte sozialstaatliche Experiment der Welt“
Zusammenfassung
„Kaffee, Tee oder einen Saft?“, fragt die Frau in lila Livree, als sie die Schale mit Vollkornsnacks auf der Anrichte neben dem Sofa auffüllt. Aus einem Lautsprecher kommt Musik. Kaum vernehmbar. Es ist Mozart. Das Gespräch mit dem Orthopäden ist für 10.30 Uhr vereinbart. Bei der telefonischen Anfrage gestern am frühen Nachmittag hatte sich die Rezeptionistin entschuldigt, dass am gleichen Tag kein Termin mehr zu haben war: „Passt es Ihnen vielleicht morgen am Vormittag?“ Nach der Anmeldung an der Rezeption reicht ein Mitarbeiter die Preisliste für die diagnostischen Maßnahmen und Therapievorschläge, mit der sich Patienten vertraut machen, um später gemeinsam mit dem Arzt zu entscheiden, welche Art der Behandlung und in welcher Preislage sie sich leisten möchten. Viel Zeit dazu bleibt nicht, denn mehr als ein paar Minuten wartet hier niemand. Schließlich haben Patienten noch anders zu tun. Tatsächlich ist der Raum neben der Rezeption fast leer. Nur eine Dame im Sessel vor einem Teetisch blättert in dem Magazin Country Life. Das Fenster neben ihr erlaubt den Blick auf die Straße, als ein flaschengrüner Range Rover um die Ecke biegt. Vor dem viergeschossigen viktorianischen Backsteingebäude auf der anderen Straßenseite parkt ein grauer Bentley. Der Fahrer lehnt an der Tür, schaut auf die Uhr, wartet. Aus dem Fonds des Wagens sind kurz zuvor zwei Männer ausgestiegen und in einem Eingang hinter schmiedeeisernem Geländer verschwunden. Das Messingschild an der Hauswand daneben verrät, die Tür gehört zur Atlas Clinic, eine von ungezählten Kliniken und Arztpraxen, die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier in der Harley Street im Londoner Stadtteil Marylebone angesiedelt haben. Heute praktizieren hinter den Fassaden der imposanten Stadthäuser 3000 Ärzte jeder Fachrichtung. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich gegen Rechnung nur um Privatpatienten kümmern. Die Kundschaft schätzt ihre Expertise und den Service und fliegt nicht selten für einen Termin ein.
Christian Schnee
19. Privatschulen – Von traurigen kleinen Männern
Zusammenfassung
Uniform ist Pflicht, die akademischen Anforderungen sind außergewöhnlich hoch, ehrgeizige Eltern versuchen, für ihre Kinder hier einen Platz zu finden und die Quote des Nachwuchses, der es von der Schulbank hier im Osten Londons an eine Spitzenuniversität bringt, liegt hoch. Die Schüler an der staatlichen Brampton Manor Schule inmitten des ärmlichen Stadtteils East Ham stammen aus bescheidenen Verhältnissen, nicht wenige wohnen in Sozialsiedlungen. Viele leben unter einem Dach mit den Großeltern, um die sie sich kümmern, wenn die Eltern arbeiten – nichts Ungewöhnliches in Migrantenfamilien. Eltern scheint die Idee fremd, ihre Kinder könnten später einmal eine Universität besuchen. Umso erstaunlicher ist es deshalb, dass im Jahr 2021 55 Absolventen von Brompton Manor das Angebot für einen Studienplatz in Oxford oder Cambridge erreichte. Zum Vergleich, am Eton College, der alten Schule Boris Johnsons und David Camerons, das jährlich ein Schulgeld von knapp 50.000 Euro in Rechnung stellt, waren im selben Jahr nur 41 Schüler so erfolgreich – fünf Jahre zuvor waren es noch 99. Für die Schulleitung des Privatinternats unweit der Ortschaft Windsor ist das Grund zur äußersten Sorge. Schließlich steht der Ruf auf dem Spiel, die angesehenste Schule im Land zu sein, die immerhin 20 Premierminister hervorgebracht hat. In Brampton Manor werden Eltern nicht zur Kasse gebeten, können aber sicher sein, dass ihre Kinder eine Schule besuchen, die von der Aufsichtsbehörde Ofsted immer wieder für ihre exzellente pädagogische Arbeit ausgezeichnet wird. Das hat sich längst herumgesprochen, sodass nun auch Stars wie der Crime-Rapper Stormzy, der keine Probleme damit hätte, üppiges Schulgeld aufzubringen, seine Kinder in Brampton Manor anmelden will. Dem Kollegium dort ist es ernst damit, ihre Lehranstalt unter den besten Schulen im Land zu etablieren (Woolcock 2021a). Deren Qualität wird auf unterschiedliche Weise gemessen. Eine Zahl aber konzentriert jedes Jahr die Aufmerksamkeit von Eltern und Medien: Wie viele ihrer Jugendlichen bringt eine Schule in Oxford und Cambridge unter. Das ist der Goldstandard, nach dem Direktoren beurteilt und honoriert werden. Rund hundert von ihnen beziehen ein höheres Salär als der Premierminister, 29 der Leiter sind ihren Arbeitgebern sogar 240.000 Euro im Jahr wert (Woolcock 2021b). Sie sind Generalmanager von Schulunternehmen mit mehreren Standorten. Die acht besten Institute – zwei staatliche und sechs private – gehören einer Art informeller Super League an, weil sie gemeinsam genauso viele Schüler erfolgreich durch das Aufnahmeverfahren von Oxford und Cambridge steuern wie 75 Prozent aller anderen Schulen im Land (Griffiths 2021a). Wer sich diese Zahlen näher anschaut, dem fällt auf, dass Absolventen staatlicher Schulen immer öfter Privatschüler übertrumpfen. Andrew Hall, Direktor an dem Privatinternat Kings College School im feinen Londoner Stadtteil Wimbledon, weist darauf hin, dass die Eliteuniversitäten sich seit Jahren bemühen, aus politischen Gründen den Anteil der Studenten aus Familien mit niedrigem Einkommen, ohne akademisch gebildete Eltern und aus sozialen Brennpunkten zu steigern. Er warnt: „Es wäre nicht gut für das Land, wenn bei Bewerbungen brillante junge Menschen nur deshalb abgelehnt werden, weil sie nicht aus benachteiligten Wohnvierteln und zerrütteten Familien stammen“ (Griffiths 2021a). In der Tat wird bei der Auswahl nicht mehr ausschließlich auf die Noten des Bewerbers geachtet, sondern auf dessen familiären Hintergrund, die Wohnlage ausweislich der Postleitzahl. Ist das Umfeld eines Kandidaten unvorteilhaft, dann senken sowohl Oxford als auch Cambridge schon mal die Mindestanforderungen an die Schulnoten des Pennälers. Was politisch korrekt erscheint, bedeutet Unheil für die so alten wie teuren Privatschulen und ihre privilegierte Klientel in einer Ära, die wenig Sympathie hat für Eliten und deren ererbten und erkauften Privilegien. Hier zeigt sich ein Aspekt des Konkurrenzkampfs zwischen privaten und staatlich finanzierten Schulen, der den Diskurs über Bildungspolitik seit Beginn des 20. Jahrhunderts prägt. Es ist ein Wettstreit der Systeme, der Weltanschauungen und der Geldbeutel, der hitzig geführt wird von Eltern, weil die eigenen Kinder betroffen sind, aber auch von Politikern, weil es um viele Wählerstimmen geht. Die Priorisierung der Bildung auf der politischen Agenda hat aber auch zu tun mit einer Einsicht des konservativen Premierministers Benjamin Disraeli, der bereits im 19. Jahrhundert darauf verwies, dass das Schicksal des Landes abhänge von der Bildung des Volkes (Abell 2019, S. 137). James Welldon, Direktor von Harrow, dem Privatinternat im Nordwesten Londons, das zu seinen Alumni unter anderem Winston Churchill sowie Lord Byron zählte, den Poeten und Helden des griechischen Freiheitskampfes, blieb nicht der Einzige, der seinerzeit Disraeli beipflichtete. An die gewichtige gesellschaftliche Aufgabe, die den Privatschulen bei der Gestaltung der Zukunft Großbritanniens zukam, erinnerte er anlässlich eines Treffens am Königlichen Kolonialinstitut im Jahr 1895. Dort verwies Welldon darauf, dass die Jungen an seiner Schule als Staatsmänner, Generäle und Beamte reüssierten, in deren Händen die Zukunft des Empire liege (Mangan 1986).
Christian Schnee
20. Oxbridge – Lernen mit Kaisern und Gottessöhnen
Zusammenfassung
Spitze Türme, mit Kopfstein gepflasterte Gassen, mit steinernen Gargoylen geschmückte Giebel, gepflegter Rasen, schwere Holztore, die Passanten den Blick verwehren auf Gärten und Höfe. Trauerweiden, die einen Fluss säumen, der sich durch die Altstadt schlängelt. Auf dem Wasser staken Jugendliche auf schmalen, schwankenden Holzbooten, Radfahrer schlängeln sich an Touristen vorbei, kreuzen zwischen dem Exeter College und dem neoklassizistischen Rundbau der Radcliffe Camera, in dem die Lesesäle der Bibliothek untergebracht sind. Auf den Wiesen hinter dem Christ Church College grasen Kühe. Das Idyll ist nicht stilisiert. Die Szenen aus der Stadt an den Flüssen Cherwell und Themse sind so real wie der Spitzenplatz, den die hier in Oxford vor mehr als 800 Jahren gegründete Universität jedes Jahr einnimmt in der Rangliste des Fachmagazins Times Higher, wenn die Redaktion Forschungsleistung, Studentenzufriedenheit und internationales Prestige vergleicht, um zu verkünden, ob Harvard, Stanford das MIT aus den USA oder die englische Konkurrenz in Oxford und Cambridge, eine Hochschulgründung des 13. Jahrhunderts, ganz vorne liegt (Willems 2021). Es ist erstaunlich, dass der Wettbewerb darum, in welchem Land der Welt die angesehenste Hochschule zu Hause ist, seit Jahren zwischen den USA und Großbritannien ausgetragen und entschieden wird. Der Rest der Welt sieht zu. Aber der Mythos der beiden ältesten Universitäten Englands beruht nicht nur auf akademischer Leistung, sondern einer sich selbst perpetuierenden Anziehungskraft, die in der Vergangenheit nicht immer auf fachlicher Exzellenz beruhte. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson war Student in Oxford, seine Vorgänger Theresa May und davor David Cameron ebenfalls. In den vergangenen vier Jahrzehnten residierten in 10 Downing Street nur zwei Regierungschefs, die nicht in Oxford studiert hatten. Der eine, John Major, Sohn eines Varieté-Darstellers, absolvierte eine Banklehre. Der andere, Gordon Brown, blieb lieber in seiner schottischen Heimat. Sollten die Tories heute Wahlen verlieren, wäre mit Sir Keir Starmer, dem Vorsitzenden der Labour-Partei, der in St. Edmund Hall Rechtswissenschaften studiert hat, erneut ein Absolvent der Universität Oxford an der Spitze der Regierung. Suchten die Tories noch vor dem nächsten landesweiten Urnengang einen Ersatz für ihren Partei- und Regierungschef Johnson, wird als Favorit für die Nachfolge sein Schatzkanzler Rishi Sunak genannt, der seine Studienzeit am Lincoln College in Oxford verbrachte. Wenn Personalabteilungen und Gremien politischer Parteien bei der Vergabe von Führungsaufgaben immer wieder Kandidaten aus Oxford – und gelegentlich Cambridge – den Vorzug geben vor Absolventen einer der anderen 130 britischen Hochschulen, dann hat das nicht zuletzt mit dem Wunsch zu tun, die eigene Organisation zu schmücken mit einem Hauch des Mythos und einer Portion jener Distinktion, die mit Oxford und Cambridge – kurz Oxbridge genannt – assoziiert werden. Wie die Rektoren der Universität und Leitungen der Colleges die Aura und ihre Wirkung seit langem zu mehren versuchten, zeigt die Geschichte von Sir Herbert Warren, Professor für Poesie und Präsident des Magdalen Colleges, der 1912 beide Augen zudrückte und fachliche Vorbehalte überwand, um die Immatrikulation eines Studenten zu ermöglichen, von dem nicht zu erwarten war, dass er ein helles Licht am akademischen Himmel werden würde (Parker 1988). Dass der Prinz von Wales einmal als Edward VIII. König Englands und Kaiser Indiens werden würde, wog schwerer in der Abwägung Warrens, einem notorischen Snob, den der Ehrgeiz umtrieb, die Prominenz des Magdalen Colleges zu steigern. Nachdem er den künftigen Kaiser Indiens nun in seinen Seminaren sitzen hatte, schickte Warren einen Mitarbeiter nach Peking in die Verbotene Stadt, um für das Magdalen College bei Pu Yi, dem Kaiser Chinas zu werben, der allerdings gerade am eigenen Hof unter Hausarrest stand und deshalb für eine Hochschulausbildung im Ausland nicht zu haben war. In Japan hatte Warrens Gesandter mehr Erfolg mit Prinz Chichibu. Der zweite Sohn des Tenno wurde 1925 zum Grundstudium in Oxford begrüßt und am Magdalen College hofften viele, auch sein Bruder, Kronprinz Hirohito, würde sich bald einschreiben. Als Taisho, der Vater der beiden, im folgenden Jahr verstarb und Hirohito, der ihm auf dem Chrysanthementhron folgte, seinen Bruder Chichibu aus England zurückbeorderte, konnte Warren immerhin behaupten, Oxford sei dank seiner Bemühungen für einige Monate das akademische Zuhause eines Gottessohnes gewesen, denn der Tenno und dessen Nachwuchs galten in Japan als Kinder der Sonnenkönigin Amaterasu (Paxman 2007). Was sich liest wie eine Anekdote von der weniger ernsthaften Sorte, erinnert an ein Phänomen, das die ungebrochene Anziehungskraft von Oxford und Cambridge erklären hilft. Laut einer Zählung aus dem Jahr 2018 haben 57 amtierende Staats- und Regierungschefs in Großbritannien studiert, die meisten davon an den zwei Traditionshochschulen. Besonders Oxford ist schon lange Treffpunkt für ehrgeizige junge Männer und Frauen aus der ganzen Welt, die das Ziel verfolgen, in der Politik zu reüssieren. Hier konnte man Bill Clinton zum Kommilitonen haben und auch acht Mitglieder aus Barack Obamas Team im Weißen Haus waren in ihrer Jugend eingeschrieben. Die indischen Regierungschefs Indira Gandhi und in jüngerer Vergangenheit Premierminister Manmohan Singh gehören der Liste ebenso an wie Naruhito, seit 2019 japanischer Tenno, der die Familientradition fortsetzte und in den 1980er-Jahren am Merton College studierte. In den Tagen, als Theresa May St. Hugh’s College besuchte, zählte die spätere pakistanische Präsidentin Benazir Bhutto zu ihren Kommilitoninnen. Zu den Alumni Oxfords gehört auch Jordaniens König Abdullah II., Ungarns Ministerpräsident Victor Orban sowie Regierungs- und Staatschefs aus Barbados, Sri Lanka, Ghana, Malta, Kanada, Trinidad und Tobago, die burmesische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und ungezählte weitere, die später als Minister, Generäle oder Bischöfe zu Ansehen und Einfluss kommen sollten. Oxford ist ein Tummelplatz für junge Menschen mit ehrgeizigen Zielen, zu denen einstmals auch der vormalige Bundestagspräsident Norbert Lammert und noch vor dem Zweiten Weltkrieg der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker zählten, die hier Vorlesungen in Geschichte besuchten. Oxford war traditionell die erste Wahl der meinungsstarken Sozial- und Geisteswissenschaftler, Cambridge hingegen war beliebter bei Mathematikern und Naturwissenschaftlern, denen Fakten wichtiger sind als persönliche Überzeugungen. An dieser traditionellen Unterscheidung mag es gelegen haben, dass während der Kampagne um Großbritanniens Zukunft in der EU 2016 keiner der prominenten Brexit-Befürworter ein Cambridge-Alumnus war. Auf der anderen Seite hatten Boris Johnson (Balliol College), sein Verbündeter Michael Gove (Lady Margaret College), Jacob Rees-Mogg (Trinity College), der die europakritischen Tories im Unterhaus anführte, und der Leiter der Brexit-Kampagne Dominic Cummings (Exeter College) den Umgang mit Meinung und Wahrheit in Oxford gelernt (Kuper 2019).
Christian Schnee
21. Rupert Murdoch – Wenn Zeitungen in den Krieg ziehen
Zusammenfassung
Als vierte Gewalt bezeichnete der Philosoph Edmund Burke die Medien, denen die Aufgabe zukommt, Regierung, Parlament und die Justiz zu kontrollieren (Schultz 1998). Zur Kontrolle gehört ein wacher Verstand, Sinn für Fairness und eine kritische Distanz zu den politischen Entscheidern. Großbritanniens Presse nimmt es weder mit der Fairness noch mit der kritischen Distanz besonders ernst. Im Gegenteil: Die Verleger nutzen traditionell ihre Blätter, um Einfluss zu nehmen in den Korridoren Westminsters. Zu oft war es nicht ihr vorrangiges Ziel, ihre Leser objektiv zu informieren. Vielmehr sind sie bekannt dafür, ihre Medienmacht zu missbrauchen, um ihr Publikum zu manipulieren und aufzuhetzen mit dem Ziel, auf Politiker Duck zu machen und zu Entscheidungen zu zwingen. Ist dieses Ziel mit sachlichen Argumenten nicht zu erreichten, drohen die Gazetten, private Wahrheiten und Unwahrheiten über Kandidaten und Amtsinhaber bekanntzumachen. Deshalb steht immer wieder die Reputation von Politikern und Unternehmern auf dem Spiel, die sich den Erwartungen der Medienunternehmer widersetzen. Die Macht dieser Pressemagnaten liegt in ihrer Fähigkeit, politische Karrieren zu fördern und zu zerstören. So haben sie in den vergangenen 100 Jahren die Politik im Land bestimmt und sitzen auch heute noch mit am Tisch, wenn über wichtige politische Fragen entschieden wird.
Christian Schnee
22. Geliebt und geschmäht – die BBC
Zusammenfassung
Die Signatur der Monarchin sowie das rote Siegel sind wertvolle Symbole, weil sie der königlichen Satzung ihre Gültigkeit verleihen. Den 35.000 Mitarbeitern der BBC gilt dieses Dokument seit einem Jahrhundert als Garantie ihrer Zukunft, weil es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender einen besonderen Status einräumt, ihm journalistische Unabhängigkeit von parlamentarischen Mehrheiten gewährt und dem politischen Willen von Regierungen ebenso entzieht wie dem ideologisch gefärbten Parteienstreit. Ofcom, das Aufsichtsgremium für den Rundfunk, ist ebenfalls keinem Parteipolitiker verpflichtet. Nicht einmal die Wünsche kommerzieller Werbekunden brauchen die Macher der BBC zu berücksichtigen. Denn die Kosten für das Programm in Fernsehen, Radio und im Netz begleichen die Zuschauer, die eine Jahresgebühr in Höhe von rund 159 Pfund entrichten. Soweit die Theorie; in der Praxis ist es um die Garantie journalistischer Unabhängigkeit allerdings nur so lange gut bestellt, wie Politiker in Westminster deren Wert erkennen und die Autonomie des Senders bewahrt sehen wollen.
Christian Schnee
23. Reicher Süden, armer Norden – Die geteilte Nation
Zusammenfassung
Kelvin MacKenzie, der langjährige Herausgeber der Boulevardzeitung Sun hatte eine außergewöhnliche Idee. Eine Regionalpartei für den Südosten Englands sei nötig, fabulierte der Journalist. Für seinen Vorschlag stand die Lega Nord Pate, die für viele Jahre die Anliegen des wohlhabenden Norditaliens gegen die Habenichtse aus Kalabrien und Verschwender Siziliens vertrat. Der Vergleich mit Großbritannien drängt sich auf, findet MacKenzie. Was für Italien der Süden, ist für Großbritannien der englische Norden, Teile von Wales und Schottland, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert als Rohstofflieferanten und Zentren der Industrieproduktion zu immensem Wohlstand kamen und bis heute an ökonomischem und gesellschaftlichem Niedergang leiden, den die De-Industrialisierung seit dem Zweiten Weltkrieg verursachte. Das erklärt, wieso in Nordengland wie im Süden Italiens für viele Jahre die Arbeitslosigkeit oberhalb des nationalen Durchschnitts lag. Die Schulaufsichtsbehörde ermittelte, dass in den nördlichen Regionen Englands die Qualität der Bildung an den Landesdurchschnitt nicht heranreicht. Dafür weisen die Gegenden nördlich der Midlands laut Statistikern deutlich mehr Raucher, Drogenabhängige, klinisch Übergewichtige sowie Schwangerschaften unter Teenagern auf als der Süden des Landes (Hancock 2021). Der Lebensstil wird als Grund dafür genannt, dass Bewohner von Blackpool, einem verwahrlosten Badeort in Lancaster, der seit seiner Glanzzeit vor dem Ersten Weltkrieg nur den unaufhaltsamen Abstieg kennt, eine um neun Jahre niedrigere Lebenserwartung haben als Einwohner des noblen Londoner Stadtteils Kensington (Abell 2019). MacKenzie verweist auf die Statistiken und meint, dass die vielen Gutverdiener, die vor allem in London und den umliegenden Grafschaften wohnen, eine eigene Stimme im Parlament brauchten, um zu verhindern, dass mit ihren üppigen Steuerbeiträgen Politiker den ungesunden Lebensstil in Bradford, Huddersfield und Glasgow finanzieren (The Economist 2012a). Seit der vormalige Redaktionsleiter der Sun diese Betrachtungen anstellte, hat sich niemand gefunden, der es für eine gute Idee hielt, mit einer Partei in den Wahlkampf zu ziehen, in deren Programm die Entlastung der Reichen im Süden und die Entsolidarisierung mit den Armen im Norden gefordert wird. Über diesen geografischen Kontrast diskutierten Journalisten und Regierungspolitiker schon lange, bevor sich MacKenzie mit seiner Polemik zu Wort meldete. Großbritannien ist ökonomisch ein tief gespaltenes Land und der Lebensstandard, die Erfolgsaussichten, selbst die Chance, gesund alt zu werden, hängen davon ab, wo jemand wohnt. Harold Macmillan hatte es kommen sehen. Als sich Großbritannien 1962 langsam von der Rezession erholte, schwor der Premierminister sein Kabinett ein, es müsse verhindern, dass „das Land zerfalle in zwei Nationen, einen armen Norden und einen reichen, überbevölkerten Süden“ (Fisher 2019). „Es könne nicht sein“, ermahnte der Konservative, „dass Schottland, der Nordosten oder irgendeine andere große Region dem Niedergang preisgegeben wird!“ Andernfalls „werden unsere Nachfolger uns Vorwürfe machen, wie wir den Viktorianern Vorwürfe machen dafür, dass sie Menschen in Slums haben leben lassen“ (Wood 2013). Wenn sich heute keine ausdrücklichen Vorwürfe an die Adresse Macmillans richten, liegt das nicht daran, dass er Erfolg hatte mit seinem Appell. Ihm wird verziehen, weil an der hoffnungslosen Aufgabe, die er sich seinerzeit vornahm, bereits seine Vorgänger und seitdem alle seine Nachfolger scheiterten. Von niemandem ließ sich der lange Abstieg der Volkswirtschaft des Nordens, der am Ende des Ersten Weltkrieges begann, stoppen. Investitionsprogramme und der Bedarf an Industriegütern während des Zweiten Weltkrieges verdeckten vorübergehend die ernüchternde Entwicklung, aufgehalten aber wurde sie nicht. Zwischen 1918 und 1962 ging der Anteil der Menschen, die im Nordosten, Nordwesten, Yorkshire und der Gegend um den Fluss Humber lebten, von 35 auf 30 Prozent zurück. Ein weiteres halbes Jahrhundert später war in diesen Gegenden nur noch ein Viertel der britischen Bevölkerung zu Hause. Es war die Umkehr der Migration des 19. Jahrhunderts, als Arbeiter aus dem Süden in die boomenden Industriestädte des Nordens gezogen waren (The Economist 2012b).
Christian Schnee
24. Die Sorgen der City – Als Lloyd’s noch ein Caféhaus war
Zusammenfassung
Gas-Krise, Energiearmut, Benzinknappheit, rasant steigende Inflationsrate, Mangel an Erntehelfern in der Landwirtschaft, Warnung vor leeren Regalen zur Weihnachtszeit und dann fehlt es noch überall an Lkw-Fahrern, um Waren, die es ohnehin nicht gibt, zum Kunden zu bringen. Derweil blockieren tausende Container die Terminals in Felixstowe, Großbritanniens größtem Frachthafen an der Küste von Suffolk. Grund ist der Zusammenbruch des Handels mit Ostasien während der Covid-19-Pandemie. Um den Mangel an Arbeitskräften zu beheben, wird die Armee beordert, Kraftwagenfahrer abzustellen und sogar die Idee, Häftlinge und Asylanten zu rekrutieren, kursiert in der Not, als das Jahre 2021 zu Ende geht. Nur Wochen später – russische Soldaten beginnen gerade ihren Einmarsch in die Ukraine – verschlechtern sich die düsteren Prognosen für britische Verbraucher. Kosten für Weizen und Rohöl schießen in die Höhe. Gas, mit dem 87 Prozent der Haushalte heizen, wird um mehr als die Hälfte teurer (Ambrose 2022). Preisanstiege lassen die Inflationsrate auf über acht Prozent wachsen, den höchsten Wert seit vier Jahrzehnten. Ökonomische Auswirkungen des Kriegs auf die Einkommen sind dramatisch. Die Kaufkraft kollabiert wie zuletzt in den 1970er-Jahren (Partington 2022).
Christian Schnee
25. Scheidung nach 300 Jahren – Schottland will raus
Zusammenfassung
James Ogilvy, der 1. Earl of Seafield und Lordkanzler in der Regierung in Edinburgh, war voreilig, als er 1707 bei der Unterzeichnung des Vertrages über die staatliche Union zwischen Schottland und England notierte: „Das ist nun der Schlusspunkt längst vergangener Zeiten“, die von Rivalität, Misstrauen und Konflikt bestimmt worden seien (Murdoch 2007). Entgegen der Prognose erleben gut 300 Jahre später die alten Zeiten eine Renaissance. Es braut sich ein politisches Unwetter am Horizont zusammen, dem Kommentatoren den wenig melodischen Namen Indyref2 gegeben haben, kurz für Independence Referendum Two, die zweite Abstimmung über Schottlands nationale Unabhängigkeit. Beim ersten Durchgang 2014 triumphierten die Unionisten noch mit schmaler Mehrheit. Das Vereinigte Königreich blieb zwar vereint. Doch nichts war mehr wie zuvor. Der Geist der Sezession war aus der Flasche. Schon bald forderten die Verlierer in Edinburgh einen neuen Anlauf und immer wieder liegen sie in Umfragen über den Ausgang einer zweiten Volksabstimmung vorne. Seit sich Demoskopen mit dem Thema beschäftigen, war der Wunsch, sich von London loszusagen, noch nie so groß. Die Wortführer der Kampagne berufen sich darauf, dass das Ringen Schottlands um politische Eigenständigkeit tief verwurzelt ist in der Geschichte der Nation. Schon in der Antike widersetzten sich hier die Pikten dem römischen Kaiser Septimius Severus, der im Jahr 208 mit 50.000 Legionären nach Schottland marschiert war, um die unbotmäßigen Kämpfer der Highlands zu unterwerfen und ihr Land der Provinz Britannia, dem heutigen England, einzugliedern (Smith 2018). Severus scheiterte, der Konflikt zwischen der englischen und der schottischen Nation blieb. Diese anhaltende politische Entfremdung erklärt der Journalist und Autor Tim Marshall mit geografischer Distanz. Von Großbritanniens Hauptstadt ist Balmoral, die Sommerresidenz der Windsors, so weit entfernt wie Stuttgart oder das Schweizer Bern. „Wir sind alle Gefangene der Geografie,“ argumentiert Marshall in seinem gleichnamigen Buch, das mit Landkarten politische Zeitläufte und historische Wendungen erklärt (Marshall 2015). Es gibt zu denken, dass der Londoner per Bahn und Flugzeug schneller nach Brüssel, Paris und Amsterdam kommt als nach Edinburgh, Stirling und Dundee. Selbst den Mittelmeerhafen Marseille erreicht er dank des Eurostars rascher als Inverness, die Hauptstadt der Highlands. Und während er in Den Haag den Geburtsort des britischen Königs Wilhelm von Oranien besuchen oder in Waterloo das Quartier des Herzogs von Wellington besichtigen kann, begrüßen den reisenden Engländer in Schottland mehr als 20 Statuen in Erinnerung an den Freiheitskämpfer William Wallace, der noch heute von seinen Landsleuten in Ehren gehalten wird dafür, dass er im Jahr 1297 an der Spitze seiner Kämpfer ein englisches Heer bei der Brücke von Stirling niedermetzelte. Erst 1745 endete das Blutvergießen zwischen den beiden Nationen mit der Niederlage von Bonnie Prinz Charly. Der letzte schottische Anwärter auf den englischen Thron war mit seinen Anhängern, den Jakobiten, in den Highlands bei Culloden von den englischen Truppen des Herzogs von Cumberland vernichtend geschlagen worden (Lynch 1992). Nie mehr würden die Schotten englische Soldaten in einer offenen Feldschlacht herausfordern. Was folgte war zunächst englische Vergeltung, später für viele Jahre misstrauische Rivalität zwischen den beiden Nationen. 80 Jahre nach Culloden reiste König George IV. nach Schottland – das erste Mal, dass ein englischer Monarch in friedlicher Absicht den nördlichsten Teil seines Königreiches besuchte (Smith 2000). Aber es ist nicht die allmähliche Versöhnung, sondern die Erinnerung an den Kampf, den heute die SNP wachhält, Schottlands Nationalpartei, deren erklärtes Ziel die Unabhängigkeit ihrer Nation ist, also die Abspaltung von England. Auf ihren Parteitagen appellieren Redner an den Sieg ihres Nationalhelden Robert the Bruce im Jahr 1312 über die Armee des englischen Königs Edward II. im Sumpfland von Bannockburn unweit des Flusses Forth. Als sei es gestern gewesen, zitieren dann SNP-Politiker aus der Deklaration von Abroath, der nach einer Benediktinerabtei in der Grafschaft Angus benannten und von den schottischen Earls unterzeichneten Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1320 (Bagehot 2021).
Christian Schnee
26. Die arme Verwandtschaft – Wales und Nordirland
Zusammenfassung
Ende Mai 2020: Der Strand von Gwynedd bei der Ortschaft Barmouth im Nordwesten von Wales war menschenleer an jenem Wochenende, der Himmel wolkenlos und die Temperatur mild. Besser hätte sie es nicht treffen können, dachte sich die Touristin, die mit ihrer Familie aus den West Midlands angereist war, eine Tour von 160 Kilometern mit dem Auto. Dann kamen zwei Polizisten über den Strandweg heran und teilten unmissverständlich mit, dass dieser wie alle anderen Strände in Wales geschlossen sei. Der Covid-19-Vorschriften wegen seien Besuche der Seebäder nicht gestattet. Irritiert entgegnete die Touristin den Beamten: „Boris sagt, ich könne ans Meer fahren!“ Das mag ja sein, antworteten Ordnungshüter, und klärten das Missverständnis auf: Premierminister Boris Johnson bestimme die Regeln zur Pandemiebekämpfung nur in England – nicht aber in Schottland, Nordirland und auch nicht in Wales, wo der Erste Minister Mark Drakeford die Verhaltensregeln im Kampf gegen die Covid-Pandemie festlege. Diesen walisischen Vorschriften zufolge war nun mal im Mai 2020 die Fahrt ins Grüne oder ans Meer nicht gestattet. Journalisten erzählte die vertriebene Touristin später, sie habe nicht gewusst, dass Wales anders als Cornwall oder das Lake District nicht zu England gehöre (Ng 2020). Daniel Kawczynski, der konservative Abgeordnete, der den Wahlkreis Shrewsbury und Atcham in Westminster vertritt, findet, die Menschen seien dieser Art von regionaler Selbstbestimmung in Wales überdrüssig, die gerade in den Zeiten der Pandemie für Durcheinander und Verwirrung gesorgt habe, wenn die Anordnungen des Ersten Ministers in Cardiff abwichen von den Entscheidungen des Premierministers in London (Jones et al. 2022). Diese Sicht der Dinge entspricht der traditionellen englischen Perspektive, wonach Wales nie als vollwertige Nation galt. In seinen Anfängen im 13. Jahrhundert war das Fürstentum kaum mehr als ein Flickenteppich aus Marken, deren Herren mit den Verwaltern der Kronlande um Einfluss konkurrierten. Seine geografische Form erhielt die Herrschaft erst zwischen 1536 und 1542 in Verträgen, mit denen König Henry VIII. aus der Familie Tudor den eigenständigen Rechtscodex des kleinen Nachbarn durch den englischen ersetzen ließ und versuchte, die walisische Sprache zu verbieten. Während die Engländer mit Schottland 1707 den Unionsvertrag abschlossen, aus dem Großbritannien hervorging, und ein knappes Jahrhundert später per Staatsvertrag mit Irland das Vereinigte Königreich entstehen ließen, gab sich mit dem Fürstentum Wales in London niemand vergleichbare Mühe. Im Gegenteil, die Erinnerungen an Unterdrückung und Erniedrigung durch die Engländer sind über die Jahrhunderte bis heute sichtbar geblieben. Die imposanten Burgen von Beaumaris, Caernarfon, Conwy und Harlech, die Englands König Edward I. nach einem erfolgreichen Feldzug zur dauerhaften Sicherung seiner Herrschaft erbauen ließ, durfte kein Waliser betreten (Morris 2009). Mit der politischen Eigenständigkeit des Landes war es schon im Mittelalter vorüber. Was blieb, war die eigene Kultur, die sich vor allem in der Sprache manifestierte. Französisch, später Englisch, blieben derweil die Idiome des Feindes. Deshalb soll Edward I. als scheinbare Geste der Versöhnung seinen neuen Untertanen zugesagt haben, als Herren über ihr geschlagenes und unterworfenes Fürstentum einen Prinzen zu ernennen, der nicht die Sprache des Siegers sprach. Er hielt Wort und ernannte mit bitterem Spott seinen neugeborenen Sohn, den späteren König Edward II., zum Prinzen von Wales (Spinks 2017).
Christian Schnee
27. The Wind of Changes – Was bleibt vom Empire?
Zusammenfassung
Arthur Percival wurde die Hauptfigur in einem tragischen Kapitel der britischen Geschichte, die nicht wenige für den Wendepunkt in der Historie des Empires halten. Als Schüler und Student war er bestenfalls Mittelmaß, für Griechisch und Latein fehlte es ihm an Begabung und Interesse an anderen akademischen Fächern ließ er auch nicht erkennen. Dafür reüssierte er im Sport: Kricket, Tennis und Querfeldeinläufe waren seine Stärke und auch im Schießverein seiner Schule, dem Privatinternat Rugby, tat er sich mit guten Resultaten hervor. Freiwillig meldete Percival sich gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges, den er als vielfach dekorierter Offizier und Kommandeur einer Brigade beendete. Während des Zweiten Weltkrieges befehligte er die stärkste britische Festung in Südostasien – Singapur, das als uneinnehmbares Bollwerk im Krieg gegen das imperiale Japan galt. Die Garnison mit 85.000 Soldaten und imposanten Kanonenbatterien oberhalb des Hafens war der Stolz der Kolonialverwaltung. Bis zum Februar 1942, als der japanische General Tomoyuki Yamashita sich mit 30.000 Soldaten durch den malayischen Dschungel schlug und von der Landseite kommend die unvorbereiteten Verteidiger überraschte (Hall 1983). Nach Tagen heftiger Abwehrgefechte entschied sich Percival zur Kapitulation der Garnison. Churchill sprach von der „größten Niederlage“ in der Geschichte des Landes (Langworth 2017). Noch Wochen später hielt er immer wieder inne, starrte auf den Boden, und murmelte: „Über Singapur komme ich nicht hinweg“ (zitiert in Moran 1966, S. 29). Dabei trieb den Premierminister mehr um als die strategische Rolle der Festung Singapur und die Konsequenzen der Niederlage für den Fortgang des Krieges gegen Japan. Churchill, der Autor einer mehrbändigen monumentalen Geschichte der englischsprachigen Völker, dachte in längeren Perspektiven. Seine politische Leidenschaft von der Jugend an galt dem Empire, dessen Stärke und Integrität er erhalten wollte. Er war aufgewachsen in einer Zeit, als britische Expeditionsarmeen keine Grenzen und Hindernisse kannten. Zu verschiedenen Zeitpunkten zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert waren 171 der 193 Staaten, die heute den Vereinten Nationen angehören, von Soldaten besetzt, die ihre Befehle aus London erhielten (Brown 2017). Die Niederlage gegen Japan in Singapur änderte mit einem Mal für jeden sichtbar diese Machtverhältnisse, erschütterte das Empire und setzte Kräfte frei, die dessen Untergang beschleunigten. Der Mythos europäischer Überlegenheit war spätestens1942 gebrochen, die Zeiten, in denen sich 200 Millionen Inder von nur 6000 britischen Soldaten kontrollieren ließen, endgültig vorüber. Bei den Anhängern der lange unterdrückten nationalen Freiheitsbewegungen in den Kolonien setzte sich die Einsicht durch, dass die weißen europäischen Herren verwundbar waren. In den Korridoren des Regierungsviertels Whitehall in London machte sich unterdessen Nervosität breit wie nie zuvor. Die klassisch gebildete Elite war in Sorge, dass dem Empire das gleiche Ende bestimmt sein könnte wie dem Römischen Reich vor ihm. Die Wiederholung der Geschichte zeichnete sich am Horizont ab (Paxman 2012). Denn auch in Europa lieferte der Weltkrieg ein Beispiel für die erstaunliche ökonomische und militärische Schwäche des Empire: Churchill musste bei Präsident Roosevelt um militärische Hilfe betteln. Sein Nachfolger in 10 Downing Street, Clement Attlee, konnte den Staatsbankrott nur abwenden, weil ihm die USA und Kanada 1946 einen Kredit gewährten. Der Preis für die Hilfe war hoch. Die amerikanischen Geldgeber verlangten für ihre Unternehmen vollen Zugang zu Großbritanniens kolonialen Märkten. Das war nichts anderes als eine Aufforderung zur Dekolonialisierung, wie sie in der Atlantik-Charta zwischen London und Washington und später in den Grundsätzen der Vereinten Nationen festgeschrieben wurde (Louis 1978). Die indische Unabhängigkeitsbewegung nutzte die Gelegenheit und trieb Großbritanniens Kolonialverwaltung und den Vizekönig Lord Mountbatten of Burma zum Abzug. Premierminister Attlee gab dem Druck auf dem Subkontinent nach und überzeugte sein Kabinett von der Klugheit eines Abzugs aus Indien mit einem strategischen Argument: Seit die Sowjetunion Großbritannien mit Atomraketen bedrohte, sei die Stationierung von Marine und Infanterie in den militärischen Stützpunkten der Kolonien nur noch von geringer Bedeutung für den Schutz des Mutterlandes. Deshalb ließen sich die Kosten für den Verbleib kaum mehr rechtfertigen gegenüber der Bevölkerung zu Hause, die unter Lebensmittelrationierung und Wohnungsnot litt. So bewilligte das Kabinett auch den hastigen und ungeordneten Rückzug aus Palästina, wo Terroristen mit Bombenanschlägen den Briten das Leben schwermachten (Brendon 2008).
Christian Schnee
28. Die Obsession mit den Deutschen – Zwischen Nazis und Currywurst
Zusammenfassung
Die Union Flagge ist drapiert in der Auslage von Geschäften in den besseren Lagen deutscher Einkaufsstraßen, die sich auf Importwaren von der Insel spezialisieren. Das Angebot reicht von Mobiliar über Saccos aus Tweet, altmodisch gestreiften Krawatten bis roten Bussen im Miniaturformat sowie Küchenschürzen mit dem Streckenplan der Londoner U-Bahn. Jacken von Barbour & Sons, Schals von Burberry und Kleider im Blütenmuster aus dem Hause Laura Ashley sind gefragt bei einer Klientel, die klassischen Stil und rustikale Aufmachung schätzt. Unter dem Nachwuchs betuchter Eltern ist ein Schuljahr am englischen Privatinternat beliebt und die Veranstalter der Tennismeisterschaften in Bad Homburg lassen auf Rasen spielen, der aus original Wimbledon-Grassamen gewachsen ist (Streicher 2021). Man spaziert durch englische Gärten, bestellt in Hotels zwischen Garmisch und Kieler Förde zum Frühstück Rührei und gegrillten Speck, als wäre es eine B&B-Pension in Swindon oder Sunderland. In den Fußgängerstraßen deutscher Großstädte wird in englischen Pubs Ale gezapft, während im Hintergrund auf dem Großbildschirm die Spieler von Tottenham Hotspur und Leicester City um einen Sieg in der englischen Premier League kämpfen. Jedes Jahr zu Weihnachten findet Little Lord Fauntleroy nach dem Roman von Frances Hodgson Burnett sein verzücktes TV-Publikum und die Neujahrsnacht kulminiert immer wieder in der Geburtstagsfeier der Miss Sophie Warden, die sich in einer Produktion des NDR seit 1962 zum Dinner for One mit ihrem Butler James trifft. Ein besonderer Ausdruck der Wertschätzung fand sich am 24. Februar 2021 auf der Titelseite der BILD-Zeitung: „Liebe Briten, we beneiden you!“, war in charakteristisch überdimensionierten Buchstaben zu lesen, als bekannt wurde, dass das Impfprogramm gegen die Covid-19-Pandemie auf der Insel so erfolgreich angelaufen war, dass das Land schon im Juni mit einer zumindest vorläufigen Rückkehr zur Normalität rechnen durfte. Es sind Beispiele für eine nostalgische und – wie das so ist mit großen Gefühlen – irrationale Liebe zu allem Britischen. Dabei ist die Empfindung einseitig. Das Beste, worauf die Deutschen hoffen können bei ihren Nachbarn, ist ausgeprägtes Desinteresse, das sich in Zahlen widerspiegelt. So entschieden sich 2021 an weiterführenden Schulen 37.000 Kinder für Deutsch als Fremdsprache. Spanisch büffelten 111.000 Pennäler und sogar 128.000 französisch. Die Zahl der Schüler im Fach Deutsch sank im vergangenen Jahr noch einmal um fünf Prozent, während die Anmeldungen für Irisch, Walisisch, Gujarati, Bengali und Polnisch Höchststände erreichten (Yeomans und Bello 2021).
Christian Schnee
29. Die amerikanischen Freunde – Ein ganz spezielles Verhältnis
Zusammenfassung
1991 war Ghislaine Maxwells Existenz ruiniert. Gerade hatte die Polizei den Leichnam ihres Vaters gefunden. Die Medien berichteten, der Verleger Robert Maxwell sei auf der nach seiner Tochter benannten Yacht im Meer vor den Kanarischen Inseln gekreuzt und auf ungeklärte Weise ums Leben gekommen. Das Familienunternehmen stand vor dem Konkurs, die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Betrugs, der Name Maxwell war ruiniert. Nur wenige Jahre später war Ghislaine zurück und verkehrte in den besten Kreisen New Yorks. Jetzt war die feine Gesellschaft der Upper East Side, Manhattans beste Nachbarschaft, ihr Zuhause. Hier ging sie einen dunklen Pakt ein mit dem Billionär Jeffrey Epstein, einem Investor und Pädophilen, für den sie Treffen mit Minderjährigen organisierte. Ghislaines Esprit und Charm war für sie als Neuling in der New Yorker Schickeria ein Türöffner wie auch ihre englische Herkunft. Die Medien beschrieben sie als in Oxford erzogene britische Gesellschaftsdame. Sehr bewusst streute sie spleenige britische Begriffe ein in die Konversation mit ihren amerikanischen Freunden und Geschäftspartnern und beeindruckte mit den Kontakten in ihrem Adressbuch, vor allem der Telefonnummer Prinz Andrews, des Sohnes der Königin (Brown und Alexander 2020). Wie Ghislaine Maxwell machten sich in den 1990ern und 2000ern viele Briten auf in die USA, getrieben von Ehrgeiz, Talent und dem Willen, mit den Besten zu konkurrieren, auf die sie in New York, Washington DC, Los Angeles und dem Silicon Valley trafen. Viele Briten jener Generation brachten es tatsächlich bis ganz nach oben im Journalismus und als Kulturschaffende, leiteten etwa die Chefredaktion der Magazine Vogue und New Yorker oder wurden mit der Leitung des Metropolitan Museums betraut. Der Schriftsteller und Essayist Christopher Hitchens aus Portsmouth und der aus der Grafschaft Surrey stammende Blogger und Kommentator Andrew Sullivan wurden zu Amerikas führenden politischen Querdenkern. Die Historiker Simon Schama und Niall Ferguson hatten genug von mageren Einkommen und erdrückender Unterrichtsverpflichtung an britischen Hochschulen und folgten Berufungen an die Columbia University und nach Stanford. Befördert wurden diese Karrieren von einer anglophilen Haltung des amerikanischen Establishments sowie regelmäßigen Einladungen der New Yorker Denkfabrik Council of Foreign Relations. Oft reichte ein britischer Akzent als Beleg für Intelligenz und Scharfsinn. Ein Missverständnis, das oft auch dem Mittelmaß half, in der Neuen Welt zu reüssieren (Bagehot 2020). Tatsächlich trägt die englische Sprache maßgeblich dazu bei, die geografische Distanz zwischen den beiden Ländern zu überwinden und berufliche Lebenswege auf beiden Seiten des Atlantiks anschlussfähig zu machen. Oft zitierte Unterschiede zwischen amerikanischem und britischem Englisch sind vor allem folkloristischer Natur. Dazu gehört etwa der Hinweis, wonach die Briten von „Football“ reden, der in den USA „Soccer“ heißt, und auch die Trainers bleiben nicht unerwähnt, die an den Füßen auf der anderen Seite des Atlantiks Sneakers sind. Mit seiner Beobachtung, dass Großbritannien und die USA durch ihre gemeinsame Sprache getrennt seien, hat der Satiriker George Bernard Shaw zweifelsohne übertrieben. Viel schwerer als etwaige Missverständnisse und sprachliche Eigenheiten wiegen die Prinzipien der liberalen Demokratie, die protestantischen Wurzeln und ein Glaube an die ökonomische Überlegenheit eines freien Marktes, auf die sich beide Nationen berufen.
Christian Schnee
30. Global Britain – Außenpolitik ohne Kanonenboote
Zusammenfassung
Seinen Namen möchte die Regierung nicht in der Zeitung lesen. Wenn er spricht, dann anonym. Ja, es gibt ihn noch, den Hauch von Geheimnis und die Aura von James Bond. Auch wenn den Mann im mittleren Alter mit dem beigen Blazer und den 20 Jahren Berufserfahrung in einem Büro von GCHQ, dem Hauptquartier des britischen Geheimdienstes für Kryptografie und Datenübertragung, nichts umgibt, das an den Glamour des fiktiven Agenten 007 erinnern lässt. Der Geheimdienstler, um den es hier geht, ist verantwortlich für die Abteilung für Cyberoperation, also Kriegsführung mit Daten und Codes. Damit soll die Landesverteidigung revolutioniert werden, wünscht sich Ben Wallace. Dessen Name ist kein Geheimnis. Der Abgeordnete für den Wahlkreis Wyre und Preston Nord ist ein Freund Boris Johnsons und Verteidigungsminister zu einer Zeit, als der Geldhahn für militärische Projekte aufgedreht wird wie zuletzt in der Ära von Margaret Thatcher vor mehr als 30 Jahren. 46,5 Milliarden Pfund und ein jährliches Wachstum um 0,5 Prozent stehen im Budgetplan seines Ministeriums und im November 2020 kam die Zusage aus 10 Downing Street, den Betrag noch einmal gewaltige 16,5 Milliarden Pfund zu erhöhen. In der NATO geben nur die USA mehr Geld aus für die Ausstattung ihrer Soldaten. Dafür soll es bald mehr neue Kriegsschiffe geben und Geld für Missionen des Flugzeugträges HMS Queen Elizabeth, das Flaggschiff der Flotte, für Fahrten bis Ostasien und ins Südchinesische Meer (Warrell 2021). Dort will Großbritannien seine Rolle als Europas bedeutendste Seemacht demonstrieren. Nicht weniger wichtig ist der Regierung der Startschuss für ein Weltraumkommando, das in den kommenden Jahren Gefahren durch feindliche Satelliten abwehren soll. Deshalb wird jetzt vor allem in neue Technologien wie Drohnen und Laserwaffen investiert und eine Agentur für künstliche Intelligenz etabliert. Wachsen wird auch die Abteilung für Cyberoperation, von einigen hundert auf bald 3000 Mitarbeiter, unterstützt durch Abordnungen von MI6, dem Auslandsgeheimdienst, sowie dem Labor für Technologie und Verteidigungswissenschaft. Die Aufgabe des Teams für Cyberoperation besteht darin, die Kommunikationskanäle von Terroristen zu unterbrechen und potenzielle Attentäter von ihren Plänen abzubringen, wie etwa 2017 bei einer Operation gegen den Islamischen Staat. Für die Regierung ist der Einsatz von Cybertechnologie in der Landesverteidigung vor allem aus zwei Gründen attraktiv: Zum einen sind die Kosten geringer als bei einem konventionellen militärischen Einsatz, zum anderen sind die Mittel wirkungsvoll auch gegen mächtige Gegner. Zwar will niemand im zuständigen Ministerium über Einsätze gegen China und Russland sprechen. Aber Mark Sedwill, der ehemalige Nationale Sicherheitsberater, lässt keinen Zweifel daran, dass der Dienst längst in beiden Staaten tätig ist (The Economist 2020c).
Christian Schnee
Backmatter
Metadaten
Titel
Das Vereinigte Königreich
verfasst von
Christian Schnee
Copyright-Jahr
2022
Electronic ISBN
978-3-658-37388-7
Print ISBN
978-3-658-37387-0
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37388-7

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