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19.07.2019 | Emerging Markets | Im Fokus | Onlineartikel

Die Schwellenländer sind kein Block mehr

Autor:
Michael Fuchs

Als Anlageklasse sind Schwellenländer ein buntes Potpourri. Der Emerging Markets Index umfasst über zwanzig Staaten weltweit, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Trotzdem gelten sie noch immer als Einheit – zu unrecht.

Die Bandbreite der Länder im MSCI Schwellenländerindex ist enorm. Sie reicht von der zweitgrößten Wirtschaftsmacht China und zahlreichen aufstrebenden ostasiatischen Nationen über südamerikanische Staaten, mehrere Länder aus Afrika und Vorderasien bis hin zu einigen osteuropäischen Ländern und sogar Griechenland. Aufgrund dieser großen Vielfalt plädieren Vermögensverwalter für eine differenziertere Sicht der aufstrebenden Industrienationen.

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2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

Acceleration in Emerging Markets

If it is important to accelerate impact-oriented ventures in places where economies are developed and per capita incomes are high, then it is doubly important to do so in emerging markets. However, the increased need for positive entrepreneurial outcomes in emerging markets is met with amplified shortcomings in these local ecosystems.


Die BRIC-Gruppe ist kein homogenes Gebilde

Macht es bespielsweise Sinn, eine  avancierte Industrienation wie Südkorea mit einem großen Rohstoffförderer wie Chile über einen Kamm zu scheren? Erhebliche Unterschiede gibt es auch beim Wachstum. Hier kann ein Land wie Brasilien nicht mit Indien oder China mithalten. Und Russland spielt ohnehin in einer eigenen Liga. Trotzdem wurden die Länder zur engeren BRIC-Gruppe innerhalb des Schwellenländerkosmos gebündelt und werden noch heute unter diesem Label in Fondsgewand vermarktet. Experten fordern ein Umdenken. "Die Schwellenländer sind ebenso wenig ein Block wie die entwickelten Länder oder die Eurozone", sagt Philippe Ithurbide, Global Head of Research des französischen Fondsanbieters Amundi.

Daher erscheint es sinnvoller, einzelne Länder oder Regionen, die in stärkerem Maß miteinander korrelieren, zu bewerten. Diesen Ansatz verfolgt Tim Love, Investment Director des Schweizer Vermögensverwalters GAM Investments. Er kommt dabei zu einer differenzierten Einschätzung. So hält Love trotz des schwelenden Handelskonflikts China für aussichtsreich. Die Spannungen mit den USA könnten sich sogar als Katalysator für "zusätzliche geld-, fiskal- und industriepolitische Maßnahmen" erweisen, von denen die Wirtschaft des Landes profitiert“. Interessant sind aus Sicht des Anlagespezialisten Sektoren, die vom Binnenkonsum profitieren – etwa Immobilen, Haushaltsgeräte und Automobile.

China ist die Lokomotive der Weltwirtschaft

Das ist eine Einschätzung, die auch Niklas Schaffmeister und Florian Haller im Buchkapitel "Mehr als die BRIC – Schlussbemerkung" auf Seite 401 teilen. Die Springer-Autoren schreiben, dass der wirtschaftliche Rückschlag in den großen Schwellenländern zur Mitte des Jahrzehnts die langfristigen Erwartungen an diese Märkte nicht grundsätzlich infrage gestellt habe. "Im Gegenteil: China scheint bei der Umstellung seines Geschäftsmodells auf eine Konsumgesellschaft trotz erheblicher Probleme voranzukommen", führen Schaffmeister und Haller aus und folgern auf Seite 403:

China ist weiterhin die Lokomotive der Weltwirtschaft. Trotzdem schwächte sich mit Eintrübung der Konjunktur in den BRIC auch die Begeisterung westlicher Investoren und Exporteure ab. Aber ohne jeden Zweifel liegt das überwältigende Potenzial zusätzlichen Wachstums noch für viele Jahre in genau diesen Märkten."

Investments in Russland sind aussichtsreich

So gehört Russland sogar zu den großen Favoriten von Investmentexperte Love. Er schätzt vor allem die guten Fundamentaldaten und die Kreditwürdigkeit der Unternehmen. Seine Schwerpunkte sind "binnenkonjunkturorientierte zyklische Titel aus dem Stahlsektor sowie ausgewählte Öltitel". Daneben bewertet er auch die Türkei als aussichtsreich. Günstige Bewertungen sind ein wesentliches Argument für das Land am Bosporus. Anders als bei China und Russland setzt Love jedoch auf Unternehmen, "die stabile Gewinne im Ausland erwirtschaften, Preisgestaltungskraft besitzen und über hohes Eigenkapital verfügen."

Zumindest ein gewisses Aufwärtspotenzial billigt der Investmentstratege auch Brasilien sowie Mexiko zu, nachdem sich der Handelskonflikt zwischen dem mittelamerikanischen Staat und den USA entspannt hat, zumal die Bewertungen wieder attraktiv seien. Weniger Begeisterung entfacht unterdessen Indien. Love stört sich an den hohen Bewertungen und der Abhängigkeit des Subkontinents von den USA, da das US-Wachstum seiner Ansicht nach seinen Zenit überschritten hat.

Anlagen sollten optimal gestreut sein

Die differenzierte Betrachtung der einzelnen Länder bedeutet freilich nicht, das Gebot der Diversifikation außer acht zu lassen und einseitig auf die aufstrebenden Volkswirtschaften zu setzen. Es kann somit sinnvoll sein, das alte "Blockdenken" zumindest bei der Vermögensallokation im Hinterkopf zu behalten, denn "der optimalen Streuung der Anlage kommt eine entscheidende Bedeutung zu", raten Philipp Karl Maximilian Lindmayer und Hans-Ulrich Dietz im Buchkapitel "Langfristige Geldanlage: Aktien, Anleihen und weitere Anlagemöglichkeiten" (Seite 136).

Bei aller Unterschiedlichkeit reagieren die Schwellenländermärkte nämlich immer noch sensibel auf global weltwirtschaftliche Entwicklungen. Research-Spezialist Ithurbide warnt daher, dass "gerade im Moment ein zu umfassendes Schwellenländer-Exposure riskant sein kann, weil sich die Gefahr etwa eines ernsthaften weltweiten Handelskrieges oder einer massiven Rezession nicht ausschließen lässt."

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