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Über dieses Buch

Dieser Sammelband legt dar, wie sich Moral im Internet darstellt und welche Funktionen sie dort haben kann. Die Autoren skizzieren eine Internet-Ethik vor dem Hintergrund einer zunehmenden Spaltung zwischen einer digitalen Elite einerseits (etwa Facebook, Apple und Google) und einem datafizierten Proletariat andererseits. Sie erörtern die Entstehung ethischen Bewusstseins im Face-to-Interface, die Unverzichtbarkeit eines aufgeklärt-kritischen Users, soziale Medienkompetenz als Bildungsauftrag und regen einen Gesellschaftsvertrag für die Netzwerkgesellschaft an. Dieser Band fasst die Tagung „Face-to-Interface“ zusammen, die 2016 von der accadis Hochschule und dem Ethikverband der deutschen Wirtschaft e.V. veranstaltet wurde.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Freigeist-to-Interface – Moral und ethisches Handeln im virtuellen Sozialraum

Übertragen wir das Sozialraumkonzept, das heute Philosophie, Soziologie und Sozialgeographie maßgeblich prägt, auf den virtuellen Raum des Internets, stellen wir fest, dass sich die Moral in den physischen und virtuellen Raum gleichermaßen einschreibt und dass, umgekehrt, räumliche Ausdrucksformen der Moral auf den Nutzer zurückwirken. Allerdings, und hier hat Lévinas These bis ins informationstechnologische Zeitalter Bestand, ist es für die Entstehung des ethischen Bewusstseins nicht einerlei, ob der Andere leibhaftig vor mir steht oder mir nur auf meinem Monitor begegnet. Problematisch ist auch, dass Unternehmen, die das Internet maßgeblich gestalten, den Produser vielfach wieder zum User degradieren, indem sie ihn manipulieren und ihn aus strategischen Gründen in seinen Möglichkeiten einschränken. Um dem zu begegnen und um authentisch handeln zu können, ist er dazu aufgerufen, sich kritisch seines Verstandes zu bedienen und nicht nur seine physische, sondern auch seine virtuelle Lebenswelt aktiv zu gestalten.

Yvonne Thorhauer

Jenseits der Infosphäre

Der Autor geht zu Beginn auf die von Luciano Floridi und Peter Weibel geführte anthropologische und ontologische Debatte über den Begriff Infosphäre sowie auf Peter Sloterdijks Kritik sphärologischer Projekte ein. In einem weiteren Schritt hinterfragt er die Sinnhaftigkeit menschlicher Kommunikation, nachdem diese durch digitale Technologien maßgeblich verändert wurde. Was ist von dem, was Emmanuel Lévinas unter der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht – face-à-face – verstand, heute noch übrig? Kern der Analyse des Unterschieds zwischen Face-to-Face und Face-to-Interface ist eine Kritik sozialer Netzwerke unter Bezugnahme auf Presseberichte in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und The New York Times. Das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit muss neu bewertet und die Entfremdung von der analogen Welt kritisch betrachtet werden. Widerstand gegen die Vereinnahmung durch global players formiert sich. Bei alledem müssen wir jedoch im Auge behalten, dass Kommunikation – ob analog oder digital – ein Boten- und Botschaftsphänomen darstellt. Die Kernaufgabe einer digitalen Ethik besteht darin, Gewinne und Verluste von Kommunikation im digitalen Zeitalter zu analysieren, um von den Obsessionen, Illusionen und Ambitionen der digitalen Dinosaurier individuell und gesellschaftlich kritisch Abstand zu nehmen.

Rafael Capurro

Ethical Implications of Online Ratings

This article focuses on information disclosure, particularly in the form of rating on social network sites (SNS). Since social media make up for a large part of communication in our decade, countless social interactions are being made and recorded digitally. SNS like Facebook are especially interested in gathering information about their users and utilise it in order to increase profit. As each SNS has its own privacy policy, users aren’t always aware of how much they share with not only the SNS, but its partner companies (e.g. WhatsApp). Looking closer at Facebook, the newly introduced additions to the „like” button – the five new reactions – provide even more information about their users when they rate a post. And now, users don’t even need to take the time and effort to formulate a written comment. But what is the motivation to interact and rate online, when companies are making a business out of collecting personal information online? And how will rating on an SNS like Facebook change in the wake of their new reactions? Moreover, which ethical concerns might arise and where are the moral responsibilities?

Christoph A. Kexel, Bianca Ries

Der Zauber der Transparenz. Über die Ambivalenz eines moralischen Prinzips im Kontext der Digitalisierung

Der Begriff der Transparenz wird insbesondere seit Beginn der Finanzmarktkrise 2007/2008 und im Zusammenhang mit Compliance hoch gehandelt. Wer Transparenz fordert, der weiß sich auf der Seite der Guten und hat kaum mit Widerspruch zu rechnen. Dem gegenüber löst, wer einfordert intransparent sein zu wollen, Befremden und Misstrauen aus. Ein Satz wie: „ich möchte intransparent sein“ klingt zwar irgendwie falsch, hat aber wie dieser Beitrag zeigen wird, seine volle Berechtigung. Ein für unsere demokratische Grundordnung konstituierendes Prinzip ist das Recht auf geheime Wahlen. Gleichzeitig manifestiert sich das Erfordernis der Transparenz im Grundsatz der Öffentlichkeit der Wahlen, durch den Wahlfälschung ausgeschlossen werden soll. Der Widerspruch, dass ein Akt gleichzeitig geheim, also intransparent, und transparent sein soll, ist sinnbildlich für unseren Umgang mit dem Begriff der Transparenz: Wir sind hin- und hergerissen zwischen einem guten und einem unguten Gefühl. Dass wir beinahe automatisch zustimmen, wenn Transparenz oder Gerechtigkeit gefordert wird, könnte auch mit dem Phänomen zu tun haben, dass wir aufhören zu denken, sobald mit moralisch konnotierten Begriffen argumentiert wird. Tatsächlich ist die Forderung nach Transparenz durchaus ambivalent zu betrachten. Wir sollten uns viel öfter fragen, ob Transparenz in der jeweiligen Konstellation wirklich etwas Gutes und für uns von Vorteil ist und worin eine mögliche Gefahr besteht, wenn wir so tun als sei das so. Gerade dann, wenn moralische Kategorien verwendet werden, um einen Standpunkt oder eine Strategie zu begründen, sollten wir besonders aufmerksam sein und die Ziele desjenigen oder derjenigen hinterfragen, der oder die sie nutzt. Hinter der Forderung nach Transparenz kann sich nicht nur der Versuch verstecken, die eigene Intransparenz zu verbergen…

Irina Kummert

Die Moral an der Wurzel packen – Heimlicher Groll im Internet

Immanuel Kant meinte schon 1784, wir seien „zivilisiert bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit“, doch es fehle noch viel, um auch nur hinreichend „moralisiert“ zu sein. Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Denn wir sind moralisiert zum Überlästigen, aber uns fehlt ein notwendiger Impuls „zivilisierter Verachtung“, um dem Anspruch der Aufklärung auf Autonomie gerecht zu werden. Unsere Moralsysteme haben einen Grad an bevormundender Autorität erlangt, dass wir mehr denn je lernen müssen, uns vor der unerwünschten Einmischung anderer in unsere Lebensgestaltung zur Wehr zu setzen. In gleicher Weise wie wir durch soziale Medien im Internet mehr und mehr jedem gegenüber unser gesamtes Leben wie ein offenes Buch bloßlegen, eröffnen wir irgendwelchen Sittenwächtern die Erlaubnis die Regeln festzulegen, nach denen sie uns schützen können, weil sie jeden unserer Schritte überwachen dürfen. Dies sei der freiwillig zu entrichtende Preis für Freiheit und Sicherheit, die durch das Böse anderer Menschen bedroht werde. Unter dem Deckmantel ethisch-moralischer Pflicht treten uns selbst ernannte Vormünder gegenüber, die mit dem Anschein, unser Bestes zu befördern, kritiklose Anpassung an die Stelle aufgeklärter Selbstständigkeit setzen. Kaum ist das Internet aus den Windeln gewachsen, schon ergreifen Moralisten das Wort, um die Regeln festzulegen, nach denen auch dort der Schein des Guten gewahrt werde, statt das Unzensierte zur Kenntnis zu nehmen. Der Beitrag warnt davor, das Internet verkommen zu lassen zu einer seichten Verdoppelung unserer moralisierten Artigkeit, in der immer schon feststeht, was einer sagen und denken darf, bevor es gedacht und gesagt wird.

Klaus-Jürgen Grün

Zerstört das Internet die ethischen Grundsätze unseres Miteinanders? – „Soziale Medienkompetenz“ muss und will gelernt sein

Die omnipräsente Unversöhnlichkeit der Medien-Enthusiasten und -„Verteufler“ zeigt, wie sehr die modernen Kommunikationsmittel – allen voran das Smartphone – die Gesellschaft polarisieren. Dass nicht jedermann mit der Verzahnung Realität – Virtualität umgehen kann, zeigen nicht nur absurde Geschichten rund um die Nutzung der App Pokémon Go!. Auch die Abgründe des menschlichen Miteinanders, die sich im Falle unzähliger missglückter Kommunikations-Situationen im Netz zeigen, sprechen für sich. Sind die Kassandra-Rufe vom Verfall der Kommunikationskultur berechtigt? Professor Andrea Hüttmann bejaht diese Frage in ihrem Beitrag und erarbeitet diverse Hintergründe, die dies erklären: So muss die virtuelle Kommunikation z.B. mit einem wesentlich geringeren Anteil an Zeichen auskommen als die reale und erhöht damit den Spielraum der willkürlichen Interpretation durch den Empfänger. Die kultivierte Konfliktlösung bedarf vor allem des Faktors Zeit und passt damit so gar nicht in die Netz-Kommunikation, da deren Vorteil ja gerade die Übermittlungs- und Reaktionsgeschwindigkeit ist. Hinzu kommt, dass die körperliche Abwesenheit des Kommunikationspartners, die Möglichkeit des anonymen Auftretens sowie die „crowd“-Kommunikation das Absinken in Spott, Hetze und Häme offensichtlich leichter machen. Professor Hüttmann spricht sich daher für das Einführen eines Schul-Hauptfaches „Soziale Medienkompetenz“ aus. In diesem sollen Schüler lernen, Konflikte konstruktiv von Angesicht zu Angesicht zu lösen und Medien sinnvoll zu nutzen, anstatt sich von ihnen auf krumme Bahnen lenken zu lassen. Denn, so Andrea Hüttmann: „Wie viel aufmerksamer würden Schüler […] lernen, wären ihre Seelen und Gedanken nicht ununterbrochen mit den Folgen sozialer Entgleisungen und Unannehmlichkeiten beschäftigt?“

Andrea Hüttmann

Universelle Datafizierung und die Notwendigkeit eines Gesellschaftsvertrags für die Netzwerkgesellschaft

Der moderne Mensch hinterlässt schon jetzt mannigfache Datenspuren, ob er will oder nicht. Gleichzeitig werden immer mehr Gegenstände, Dienstleistungen und Beziehungen dematerialisiert, digitalisiert und damit zum Gegenstand fortschreitender Datafizierung. Dies hat sowohl dezidiert positive als auch negative, bisweilen sogar gefährliche Folgen. Angesichts dieser Entwicklung kann sich der Mensch mit den Eigenschaften, die ihn einzigartig machen, nur behaupten, indem er sich diese Tendenzen und ihre Konsequenzen zunächst ganz bewusst macht (Mündigkeit herstellt) und sich ihnen andererseits vehement zu widersetzen versucht (Widerstand leistet), solange es keine wirksame gesellschaftliche und politische Immunisierung dagegen gibt. Als eine solche Auto-Immunreaktion der datafizierten Gesellschaft wird schließlich ein neuer Gesellschaftsvertrag der Versionsnummer 4 gefordert. Dieser umfasst die Kernprinzipien Selbstverantwortung, digitale Mündigkeit und Autonomie. Von diesen Prinzipien sind technisch, rechtlich, wirtschaftlich und politisch weitere Forderungen wie etwa die nach einem Dateneigentumskonzept für das Individuum abzuleiten.

Tobias Knobloch

Backmatter

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