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Über dieses Buch

Armut und soziale Ausgrenzung nehmen in unserer Gesellschaft, in Europa und darüber hinaus weltweit zu. Dies betrifft nicht nur die materielle Versorgung und Verteilung, sondern bezieht weitere Aspekte mit ein. Die Neuauflage des Handbuchs greift multifaktorielle Zusammenhänge auf und fügt zentrale Erkenntnisse von Theorie und sozialer Praxis zusammen: Wirtschaftliche Zusammenhänge, sozialethische Bewertungsmaßstäbe, juristische und verwaltungsmäßige Bearbeitungsformen, Bewältigung in und durch motopädagogische und ästhetische, bzw. medienpädagogische Praxis, geschichtliche Erfahrungen von und im Umgang mit Armut, soziale Beteiligungsstrukturen und individuelle Problemlösungskapazitäten. Es wird deutlich: Armut und soziale Ausgrenzung entstehen im sozialen Kontext und sind deshalb auch politisch und gesellschaftlich veränderbar.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Frontmatter

Armut und soziale Ausgrenzung – Ein multidisziplinäres Forschungsfeld

Armut und soziale Ausgrenzung waren und sind im politischen Raum hart umkämpfte Begriffe: Oppositionsparteien wünschen der jeweiligen Regierungspartei möglichst hohe Armutszahlen, um deren unsoziale Politik zu geißeln. In Deutschland richtete beispielsweise der Christdemokrat Heiner Geißler in den 1970er Jahren den Bannstrahl der „neuen sozialen Frage“ gegen die Ergebnisse der Politik der inneren Reformen (Geißler 1976), worauf hin die SPD, zu Beginn der 1980er Jahre in die Opposition verbannt, der neuen Regierung vorwarf, sie trage für eine „neue Armut“ die Verantwortung (Bahlsen u.a. 1984). Graham Room und Bernd Henningsen (1990) haben ähnliche Mechanismen auch in anderen Ländern beobachtet. Lediglich in Ländern, die darauf ziel(t)en, durch möglichst hohe Armutsquoten mehr finanzielle Hilfen von der Europäischen Union zu erhalten, wird einvernehmlich ein hohes Armutspotential auch seitens der Regierungen herausgestellt.

Ernst-Ulrich Huster, Jürgen Boeckh, Hildegard Mogge-Grotjahn

Theorien der Armut

Frontmatter

Gesellschaftliche Ein- und Ausgrenzung – Der soziologische Diskurs

Der (soziologische) Blick auf Armut und soziale Ausgrenzung wird durch „zwei Grundparadoxien“ begleitet. Denn ihr Auftreten ist für eine Gesellschaft sowohl konstitutives wie potenziell gefährdendes Element (vgl. Dietz 1997: 10). Während die empirische Erforschung sozialer Ungleichheit sich in diesem Spannungsfeld auf einzelne Dimensionen und/oder das reale Ungleichheitsgefüge ganzer Gesellschaften bezieht, fragen Theorien sozialer Ungleichheit nach den Voraussetzungen und Bedingungen, die zu unterschiedlichen Ungleichheitsgefügen führen. Der Beitrag geht auf ausgewählte klassische und moderne soziologische Konzepte sozialer Ungleichheit ein und diskutiert die Tauglichkeit von Begriffen wie „Klasse“, „Schicht“, „Lebenslage“ oder „Milieu“ für das Verständnis heutiger Armutslagen und Ausgrenzungsprozesse. Dabei wird deutlich, dass

Armut und soziale Ausgrenzung

ein soziologisches Querschnittsthema bilden, sei es in Bezug auf die zu betrachtende gesellschaftliche Reichweite als soziales Phänomen wie auch der Zuordnung zu den unterschiedlichen Bereichen der Soziologie. Zu den Grundfragen soziologischer Ungleichheitsforschung gehören das Verhältnis der ökonomischen zu den sozialen, politischen und kulturellen Dimensionen von Armut und sozialer Ausgrenzung ebenso wie die Beschreibung bzw.

Hildegard Mogge-Grotjahn

Ungleichheit und Armut als Movens von Wachstum und Wohlstand?

Die ökonomische Theorie diskutiert den Zusammenhang zwischen Ungleichheit oder Armut einerseits und wirtschaftlichem Wachstum sowie Wohlstand andererseits. Wichtige Theoretiker in diesem Zusammenhang sind: Adam Smith, John Stuart Mill, Milton Friedman, Friedrich August von Hayek, John Maynard Keynes, John Rawls, Amartya Sen und die Konzeptionen der sozialen Marktwirtschaft sowie schließlich die der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds im Kontext der Armutsbekämpfung der hochverschuldeten Länder des Südens.

Dieter Eißel

Soziale Teilhabe als sozialstaatliches Ziel – Der sozialpolitische Diskurs

Der Sozialstaat zielt auf Kompromisse in einer Gesellschaft, die durch gegensätzliche soziale Interessen geprägt ist. Im historischen Ausgangspunkt in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts betraf dieses die widerstreitenden Interessen von Lohnarbeit und Kapital. Diese Gegensätzlichkeit besteht fort, auch wenn sich die Binnenstruktur der Gesellschaft weiter ausdifferenziert hat. Die historisch ausgeprägte sozialstaatliche Kompromissstruktur fordert als Grundprinzipen des sozialen Zusammenlebens unterschiedliche Werthaltungen ein:

Eigenverantwortung

– das Erbe des bürgerlichen Liberalismus,

Solidarität

– das Erbe der Arbeiterbewegung und

Subsidiarität

– das Erbe christlicher Ethik. Sozialstaatlichkeit stellt folglich immer eine Verbindung unterschiedlicher Wertvorstellungen dar, dessen Binnengewichtung allerdings interessebedingt zwischen den drei Grundprinzipien von Sozialstaatlichkeit differiert.

Ernst-Ulrich Huster

Soziale Inklusion und Exklusion: Norm, Zustandsbeschreibung und Handlungsoptionen

‚Soziale Inklusion‘ ist, wie sein Gegenstück ‚soziale Exklusion‘, ein vielschichtiger Begriff, dessen Wurzeln in der Underclass-Debatte in Großbritannien und den Vereinigten Staaten sowie in der französischen Armutsforschung liegen. Eine allgemein anerkannte Definition des sich immer weiter verbreitenden und inhaltlich auch verändernden Terminus soziale Inklusion gibt es bis heute nicht.

Johannes D. Schütte

Das Maß der Armut: Armutsgrenzen im sozialstaatlichen Kontext – Der sozialstatistische Diskurs

Aus individueller Sicht ist es ein schweres Los, in Armut leben zu müssen. Aus der Sicht eines Sozialstaates stellt das Vorhandensein von Armen unter der Wohnbevölkerung die Verfehlung eines wichtigen sozialpolitischen Ziels dar. Diese beiden Perspektiven sind auch maßgeblich für den sozialstatistischen Diskurs; sie müssen aber sorgfältig unterschieden werden. Soll einzelnen armen Menschen mit sozialstaatlichen Maßnahmen geholfen werden, so ist die Voraussetzung hierfür, dass sie identifiziert werden können. Für den Sozialstaat als Akteur, der das Ziel der Armutsbekämpfung bzw. Armutsvermeidung mit allgemeinen Gesetzen oder anderen institutionellen Regelungen und Instrumenten verfolgt, genügt eine Statistik, die lediglich die Zahl, den Bevölkerungsanteil und die durchschnittliche „Schwere“ der Armutslage von anonym bleibenden Menschen aufzeigt. Außerdem ist es wichtig, die Dauer von Armutslagen und das Ausmaß der Aufstiege aus und der Abstiege in Armutslagen zu ermitteln.

Richard Hauser

Dynamik von Armut

Seit den 1990er Jahren hat sich in Europa eine „dynamische“ Armutsforschung entwickelt, die Einkommensarmut, Sozialhilfebezug und Deprivation im Längsschnitt untersucht (Verlaufsanalysen anhand von Mikrodaten). Die dynamische Forschung zeigt, dass Armutslagen beweglicher sind als in öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten lange (und teilweise noch heute) angenommen. Die dynamische Sicht hat die Messung von Armut, die Analyse von Armut, Armutsbilder und Armutspolitik verändert. Wesentliche Ergebnisse sind, dass Armut häufig nur von kurzer Dauer ist, dass die Armen grundsätzlich handlungsfähig sind (coping) und dass Armutslagen oft mit Ereignissen im Lebensverlauf verknüpft sind („Verzeitlichung“ und „Individualisierung“ von Armut). Zugleich wird eine „soziale Entgrenzung“ von Armut festgestellt, d.h. Armut reicht als vorübergehende Erfahrung und als Abstiegsdrohung über herkömmliche Randschichten hinaus. Anfangs wurde die dynamische Armutsforschung kontrovers diskutiert. Heute sind Verlaufsanalysen von Armut wissenschaftlicher Alltag. In politischen Debatten ist eine nach Dauer und Verlauf von Armut differenzierende Sicht jedoch weiterhin selten.

Lutz Leisering, Petra Buhr

International vergleichende Armutsforschung

Internationale Vergleiche zum Thema Armut spielen eine immer größere Rolle. Sie dienen sowohl dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn als auch dem Soll-Ist-Vergleich im politischen Raum. Dies gilt in weltweitem Maßstab, aber insbesondere für Vergleiche innerhalb der Europäischen Union. So wurde im Rahmen des Lissabon-Prozesses der Europäischen Union die Bekämpfung von Armut zu einem zentralen Ziel erkoren und für den Bereich Soziale Eingliederung eine regelmäßige empirische Armutsberichterstattung implementiert.

Wolfgang Strengmann-Kuhn, Richard Hauser

Der Wert der Armut – Der sozialethische Diskurs

In diesem Beitrag werden ausgehend von dem biblischen Befund zum Thema theologischsozialethische Bewertungen der Armut dargestellt. Neben der Aufgabe der Überwindung der als skandalös zu bewertenden Armut, die wesentlich mit sozialer Ausgrenzung verbunden ist, wird auch die Perspektive freiwillig gewählter Formen des individuellen Verzichts thematisiert.

Traugott Jähnichen

‚Freiwillige Armut‘ – Zum Zusammenhang von Askese und Besitzlosigkeit

Askese ist ein Kampfbegriff. Der Asket stellt die Machtfrage. Der Kampf ist ein Kampf um das Selbst, die Macht ist das Vermögen der Selbstmächtigkeit. Das Selbst ist dreierlei zugleich: Es ist der Ort, an dem gekämpft wird, es ist das, worum gekämpft wird, und es ist selbst das Subjekt des Kampfes. Wer bestimmt, mit welcher Macht und mit welchem Recht und mit welchem Anspruch, was das Selbst ist? (Vgl. hierzu u. zum Folgenden neben den Lexikon-Artikeln: Wimbush/Valantasis 1998 u. Freiberger 2006.)

Fritz Rüdiger Volz

„Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen…“ – Armut und Kunst

Die Prüfung, ob eine Kunstdarstellung richtig, schlüssig, einleuchtend, o.ä. sei, ist hier nicht das Thema; ob sie die richtige Partei beim Kampf gegen die Armut ergriffen hätte, ebenso wenig. Beides wäre auch inadäquat, denn wenn jemand ein kunstvolles Produkt erschafft, das eine sinnlich erfahrbare Objektivierung seiner Vorstellungen über ein faktisches Phänomen wie die Armut zeigt, kann die passende Kategorie der Rezeption dieses Kunstwerkes nur das Gefallen des Rezipienten sein. Dass die künstlerischen Betrachtungen der Armut Gültigkeit beanspruchen, lässt oft übersehen, wie der Künstler mit seinem Gegenstand verfahren ist. Im Kunstwerk schlagen sich Ansichten der Künstler über die Armut nieder, die jedoch als sinnliche Erscheinungen mehr dem Gefühl und weniger der Urteilskraft des Rezipienten anheimgestellt sind. Dass sich dessen gefühltes Gefallen wiederum nicht urteilslos auf das Kunstwerk bezieht, sondern im Kunstwerk existente Urteile als die seinen wieder- oder auch anerkennt, soll samt einer kurzen Darstellung von Struktur und Inhalt eben dieser Urteile aufgezeigt werden.

Rainer Homann

Die Entwicklung des Rechts der Armut zum modernen Recht der Existenzsicherung

Das moderne Recht der Existenzsicherung geht auf das Recht der Armut zurück und hat seine Quellen damit im Polizeirecht. Während der Arme früher grundsätzlich aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen war, indem ihm seine Eigenschaft als Rechtsperson abgesprochen wurde, wird er im demokratischen Rechtsstaat durch das Recht grundsätzlich eingeschlossen und zwar durch das verfassungsrechtliche Institut der Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG), das zusammen mit dem Sozialstaatsprinzip (Art. 20 Abs. 1 GG) den Schutz des

‚soziokulturellen Existenzminimums’

verbürgt. Das deutsche Recht widmet sich im SGB II und im SGB XII diesem Fürsorgerecht, das sich mit seinen

Strukturprinzipien

deutlich vom übrigen Recht abgrenzt. Ein Blick in die einschlägigen Regelungen zeigt, dass das Recht die Armut selbst nicht beseitigt, sondern einhegt und als Referenzsystem erhebliche Bedeutung für den modernen ‚sozialen Interventionsstaat’ erlangt hat.

Knut Hinrichs

Geschichte der Armut und sozialen Ausgrenzung

Frontmatter

Geschichte der Armut im abendländischen Kulturkreis

Armut ist eine relative, in den jeweiligen politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Kontext eingebettete Größe. Im abendländischen Kulturkreis, dessen Einheit im Christentum wurzelte, war Armut allgegenwärtig und eine ständige Bedrohung. Abgesehen davon, wie der biblischen Überlieferung in der Praxis entsprochen wurde, konnte es innerhalb der kulturellen Einheit des Abendlandes eine breite Skala sozialer Einstellungen im Blick auf die Armut geben, weil der metaphorische Charakter der religiösen Sprache und die Vielschichtigkeit des biblischen Verständnisses von Armut eine Anpassung an veränderte Situationen und unterschiedliche Interpretationen neuer Phänomene ermöglichten. Armut trat in der Geschichte des Abendlandes unterschiedlich in Erscheinung. Dies zeigt sich terminologisch darin, dass die Begriffe pauper und paupertas (arm, Armut) verschiedene Bedeutungen gewannen: Stand seit dem 6. Jahrhundert zunächst die fehlende Teilhabe an der gesellschaftlichen Macht im Vordergrund, so bildete seit der Jahrtausendwende die ökonomische Not den Kern dessen, was durch den Begriff Armut bezeichnet wurde.

Gerhard K. Schäfer

Von der mittelalterlichen Armenfürsorge zur sozialen Dienstleistung: Ausdifferenzierung und Integration

Die kommunale Armenfürsorge ist dem zentralen Sozialstaat geschichtlich und systematisch vorgelagert, zugleich tritt sie immer wieder dort in den Vordergrund, wo zentrale Sicherungssysteme in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind. Dieses zeigte sich nicht nur nach den beiden Weltkriegen, sondern als Folge der Massenarbeitslosigkeit auch während der Weltwirtschaftskrise und verstärkt seit Mitte der 1970er Jahre. Die

Fürsorge

unterliegt einer widersprüchlichen Legitimation: Sie soll das bestehende System abhängiger Erwerbsarbeit teils mehr erzieherisch, teils unter Sanktionsandrohung mehr disziplinierend als vorherrschenden Rahmen der

Subsistenzsicherung

stabilisieren, so auch durch den Abstand der gewährten Leistungen von den Markteinkommen unterer Lohngruppen (

Lohnabstandsgebot

). Zugleich steht sie seit ihren Anfängen in der

christlichen Armenfürsorge

immer unter dem Gebot der Bewahrung von Menschenwürde, indem sie vorleistungsfrei einen existenzminimalen Lebensstandard absichern soll. Parallel zur Entwicklung und institutionellen Ausfächerung der Arbeiterpolitik seit Mitte des 19. Jahrhunderts kommt es auch zu einer arbeitsteiligen Ausdifferenzierung der die vormalige Armenfürsorge zunehmend ersetzenden sozialen Dienstleistung.

Ernst-Ulrich Huster

Gesellschaftliche Prozesse und individuelle Lebenslage: Erscheinungsformen und Ergebnisse von Armut und sozialer Ausgrenzung

Frontmatter

Poor Working: Soziale (Des-)Integration und Erwerbsarbeit

Die Integration in den Arbeitsmarkt besitzt einen zentralen Stellenwert für die Vergesellschaftung durch soziale Teilhabe. Gesellschaftliche Integration oder Desintegration bilden hier die Schnittstellen für die Bewertung von Arbeitsverhältnissen. Bringen im Vergleich zu mutmaßlich gesellschaftlich integrierenden (‚Normal‘-)Arbeitsverhältnissen auch solche Erwerbsformen wie Leiharbeit oder Befristung ein hinreichendes Maß an Integration mit sich? Oder beinhalten diese Erwerbsformen möglicherweise ein unverhältnismäßiges Mehr an sozialer Exklusion durch ausgrenzende Arbeitsbedingungen (

poor working

)? An dieser Stelle ist der Nutzen einer möglichen arbeitsmarktlichen sowie gesellschaftlichen Eingliederung durch sogenannte Brückenarbeitsverhältnisse den möglichen Kosten von sozialer Desintegration durch eben solche entstandardisierten Erwerbsformen gegenüberzustellen. Neben Niedriglohn und Einkommensarmut rekurriert der Beitrag damit auch auf die subjektive Perspektive von gesellschaftlicher Desintegration und deren Determinanten wie Lebensunzufriedenheit, Deprivation und sozialem Ausschluss. ‚Poor working‘ kann damit als definitorischer Überbegriff sowohl auf ‚working poor‘ als auch auf die immaterielle Perspektive von sozialer (Des-)Integration abstellen.

Lutz C. Kaiser

Einkommen und soziale Ausgrenzung

Die Verfügbarkeit über Einkommen und Vermögen bestimmt in zentraler Weise die gesellschaftlichen Teilhabe- und Verwirklichungschancen eines Menschen - sowie der von ihm ggf. abhängigen Familienmitglieder. So erweitert ein hohes Einkommen und Vermögen zum einen individuelle bzw. familiäre Spielräume für die Förderung und Entwicklung von Interessen, Kenntnissen und Fähigkeiten. Zugleich steigen mit dem Einkommen und Vermögen die Möglichkeiten, in allen relevanten Lebenslagen (v.a. Wohnen, Bildung, Gesundheit) höherwertige Dienst- und Sachleistungen in Anspruch zu nehmen. Zum anderen ist gerade das Vorhandensein von Vermögen häufig wieder selbst Quelle für weiteres Einkommen bzw. Wohlstand, so dass sich durch die Verteilung der Einkommens- und Vermögensbestände strukturelle Auswirkungen auf den Partizipationsgrad der Menschen ergeben.

Jürgen Boeckh

Bildungsarmut und die soziale „Vererbung“ von Ungleichheiten

In dem folgenden Beitrag wird der Zusammenhang von ungleichen materiellen Ressourcen und den sie verursachenden oder auf sie folgenden Bildungsmängeln diskutiert. Zunächst wird definiert, was unter Bildung verstanden werden muss und begründet, warum Bildung in wachsendem Maße auch für den materiellen Erfolg im Leben verantwortlich gemacht werden kann. Mit Bezug auf die Theorie Bourdieus wird Bildung daraufhin als „kulturelles Kapital“ interpretiert, welches durch die Übernahme eines spezifischen „Habitus“ im Herkunftsmilieu weiter gegeben wird. In einem weiteren Abschnitt werden psychologische Theorien über die genetisch bedingte Intelligenzentwicklung vorgestellt und mit Bezug auf die neuere Gehirnforschung verworfen. Anschließend werden Aufbau und Ergebnisse der PISA-Studie referiert und Entwicklungstendenzen des deutschen Schulsystems beschrieben und kritisiert. Besonders die Tatsache, dass es anderen Ländern durchaus gelingt, auch Kindern aus bildungsfernen Milieus zu Schulerfolgen zu verhelfen, beweist, dass in Deutschland noch dringend Handlungsbedarf in dieser Richtung besteht. Am Ende wird daher ein Blick auf bildungspolitische und pädagogische Konzepte geworfen, die eine Inklusion benachteiligter Kinder in das Bildungswesen und die Gesellschaft im Allgemeinen befördern können.

Carola Kuhlmann

Gesundheit und soziale Lebenslage: Herausforderung für eine inklusive Gesundheitsversorgung

Chronische soziale Benachteiligung bzw. Armut gehen bei Erwachsenen mit reduzierter Gesundheit und geringerer Bildung und bei betroffenen Kindern zusätzlich mit einer geringeren neurokognitiven Entwicklung einher (vgl. Case/Lubotsky/Paxson 2002). Der soziale Gradient für Gesundheit ist empirisch vielfach nachgewiesen worden. Es besteht wissenschaftlich Einigkeit darüber, dass dieser Zusammenhang über die gesamte Lebenspanne geht und alle demographischen Gruppen betrifft. Dieser Zusammenhang ist unabhängig davon, wie in den verschiedenen Untersuchungen Armut bzw. soziale Klasse definiert wurde (vgl. Feinstein 1993). Überwiegend wird in der Literatur von einer kausalen Beziehung ausgegangen (vgl. West 1991). Wissenschaftliche Untersuchungen beschäftigen sich vor allem mit Unterschieden in den sozioökonomischen Merkmalen wie Ausbildung, beruflicher Status und Einkommen, wobei gleichzeitig einhergehende Unterschiede im Gesundheitszustand auch als „gesundheitliche Ungleichheit“ bezeichnet werden (vgl. Mielck 2000). Neuere wissenschaftliche Ansätze differenzieren zusätzlich nach Geschlecht, Familienstatus, Ethnizität und Migration, sozialer Integration, regionalen Bezügen, Verstädterung und Teilhabe an kulturellen Aktivitäten. Zunehmend wird auch eine größere Bedeutung der subjektiven Bewertung der sozialen Situation durch die Akteure und Akteurinnen selbst eingeräumt. (vgl. Kolip/Koppelin 2002).

Fritz Haverkamp

Wohnen und Quartier: Ursachen sozialräumlicher Segregation

Die ungleiche Verteilung von unterschiedlichen Bewohnergruppen im Stadtgebiet bezeichnen wir als Segregation. Sie entsteht als Folge der Übersetzung von sozialer Distanz in räumliche Distanz. Aktive Distanzierungen gehen von den Haushalten mit besserer Ressourcenausstattung aus, die über ihren Wohnstandort nach subjektiven Präferenzen entscheiden können; passiv und unfreiwillig segregiert werden dagegen die Haushalte mit geringen Ressourcen – sie werden in Quartiere gelenkt, die von der Mehrheitsgesellschaft gemieden werden. Nicht nur die Verfügung über materielles Kapital entscheidet darüber, wer wo in der Stadt wohnt, vielmehr bestehen auch kulturelle Barrieren, z.B. ethnische Diskriminierungen, die zu einer Konzentration von bestimmten Minderheiten in bestimmten Quartieren der Stadt führen.

Hartmut Häußermann

Geschlecht: Wege in die und aus der Armut

Armut oder Exklusion stellt eine multidimensionale Lebenslage dar, die an biografische Ereignisse und Lebensphasen gebunden oder aber dauerhaft verfestigt sein kann. Wege in diese Lage und auch aus ihr heraus sind ursächlich verknüpft mit der Teilhabe an Erwerbsarbeit und an Transfereinkommen, die überwiegend auf Erwerbsarbeit beruhen (Renten bzw. Pensionen, Arbeitslosengeld). Die Chancen zur Teilhabe an Erwerbsarbeit steigen mit wachsenden Qualifikationen (allgemein- und berufsbildenden Abschlüssen). Sowohl die Bildungschancen und -erfolge als auch die Zugänge zu Erwerbsarbeit und Einkommen sind geschlechtstypisch ausgeprägt. In der Organisation des horizontal und vertikal geschlechtstypisch segmentierten Arbeitsmarktes wie auch in den Sicherungssystemen des Wohlfahrtsstaates manifestiert sich eine historisch gewachsene Geschlechterordnung im Sinne von „(…) politisch etablierte(n) Beziehungen zwischen unbezahlter Arbeit in der Familie und bezahlter Arbeit auf dem Arbeitsmarkt, sowie deren jeweilige Relation zu den Sicherungssystemen des Wohlfahrtsstaates“ (Brückner 2004: 27).

Hildegard Mogge-Grotjahn

Migration und soziale Ausgrenzung

Migration ist ein prägendes Merkmal der Menschheitsgeschichte. Migration ist dabei ein in der Person des Migranten begründeter Akt, dem in der Regel auch soziale, politische und/oder ökonomische Problemlagen in der Herkunftsregion zugrunde liegen. Monokausale Ansätze zur Beschreibung von Migrationsbewegungen greifen deshalb in der Regel zur kurz, weshalb ein ganzes Bündel von Faktoren zur Erklärung von Wanderungsbewegungen herangezogen wird (

Push und Pull Faktoren

). Diese können sich im Zeitverlauf sowohl in ihrem Mischungsverhältnis wie in ihrer je individuellen Bedeutung verändern. Wanderungsbewegungen haben sowohl auf das Herkunfts- wie das Zielland mittelbare wie unmittelbare Auswirkungen. Dabei lässt sich feststellen, dass der Grad der Akzeptanz von Migrantinnen und Migranten in signifikanter Weise mit der wirtschaftlichen Situation im Aufnahmeland korrespondiert, sowie von der angeblichen bzw. tatsächlichen Integrationsbereitschaft der Zugewanderten abhängt.

Jürgen Boeckh

Armut im Familienkontext

Armut lässt sich allein individuell nicht angemessen betrachten, da Haushalts- und Familienkontexte für von Armut betroffene oder bedrohte Menschen meist eine wesentliche Rolle bezogen auf Armutsrisiken und -ursachen sowie für Schutzfaktoren, Ressourcen und Selbsthilfepotentiale spielen. Armut im Familienkontext steht dabei in engem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Ursachen, Risiken, Schutz- und Hilfsmaßnahmen, die etwa den Zugang von jungen Eltern zu und ihren Verweis auf Erwerbsarbeit prägen, über das Kindergeld Unterhaltskosten von Kindern zumindest teilweise vom Familienbudget auf öffentliche Kassen verlagern oder über Bildungs- und Beratungsangebote Familien in Armutslagen stärken. Die Verbreitung von Armut hat in der Bundesrepublik seit vielen Jahren nicht nur allgemein zugenommen, Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Familien allein Erziehender, kinderreiche Familien und Familien mit Migrationsgeschichte sind von Armut und ihrer Zunahme überdurchschnittlich betroffen. Dies wirft Fragen sowohl zur Veränderung von Familienstrukturen auf, als auch solche zur Angemessenheit gesellschaftlicher Schutz- und Unterstützungssysteme gegen Armut im Familienkontext.

Benjamin Benz

Ein „Alter ohne Not“ – Perspektiven der Alterssicherung in Deutschland

Der Zustand der Armut ist stets folgenschwer, völlig gleichgültig, in welcher Lebensphase er auftritt. Dennoch hat Armut im Alter eine besondere Qualität, die weniger mit dem Ist- Zustand als vielmehr mit der Perspektive des Betroffenen zu tun hat: Sind jüngere Menschen einkommensarm, haben sie immer noch die Aussicht, sich aus der Armutslage befreien und auch eine auskömmliche Altersabsicherung aufbauen zu können. Anders verhält es sich nach dem Eintritt in den Ruhestand: Weder werden in den Alterssicherungssystemen weitere Anwartschaften erworben, noch kann über Ansparen ergänzende private Vorsorge getroffen werden. Insbesondere die Höhe der individuellen gesetzlichen Rente ist nun vielmehr - abgesehen von allgemeinen Rentenanpassungen, die nichts mehr an der jeweiligen Einkommensposition ändern - bis ans Lebensende festgelegt. Zwar können auch Menschen im Ruhestand weiterhin erwerbstätig sein und so nach Beginn der Rentenphase ihre Einkommenssituation verbessern. Doch zum einen sinkt mit steigendem Alter die noch verbliebene Erwerbsfähigkeit ab, zum anderen entstehen zusätzliche Kosten, die nicht vollständig von der Kranken- oder Pflegekasse übernommen werden.

Kay Bourcarde

Zwischen selbstbestimmter sozialer Teilhabe und fürsorglicher Ausgrenzung – Lebenslagen und Lebensbedingungen von Menschen, die wir behindert nennen

Es existiert kein allgemein anerkannter Begriff von Behinderung als Erscheinungsform menschlichen Daseins. Nicht einmal innerhalb einschlägiger Fachdisziplinen ist es gelungen, sich auf ein für das jeweilige Fach verbindliches Behinderungsverständnis zu einigen. Derjenigen Disziplin, die unter Bezeichnungen wie Heil-, Sonder-, oder Behindertenpädagogik neuerdings auch als Integrations- oder Rehabilitationspädagogik firmiert, ist es nicht einmal gelungen, eine einheitliche Fachbezeichnung zu finden. Deswegen wird hier darauf verzichtet, eine Übersicht über die in der einschlägigen Literatur vorfindbaren Behinderungsdefinitionen zu präsentieren, sondern der Fokus auf Entwicklungen, Kontinuitäten und Diskontinuitäten desjenigen Behinderungsverständnisses gerichtet, welches jeweils nationalen und internationalen Behinderten-, Sozial- und Bildungspolitiken zugrunde liegt, denn dieses prägt vor allem die Praxis im Umgang mit Menschen, die wir behindert nennen, und damit in entscheidendem Maße auch die Lebensbedingungen der Betroffenen.

Eckhard Rohrmann

Strategien zur Überwindung von Armut und sozialer Ausgrenzung: Individuell, sozial und politisch

Frontmatter

Prekäre Lebenslagen und Krisen. Strategien zur individuellen Bewältigung

In der Erforschung prekärer Lebenslagen und Krisen sind Fragen der Entwicklungs-, Sozial- und der Klinischen Psychologie berührt. Der psychischen Verarbeitung von belastenden Lebensereignissen widmet sich insbesondere die Stress- und Copingforschung. Bei der Erklärung der Unterschiede im Erleben und Verhalten der betroffenen Personen finden sich zwei Richtungen: Ansätze, die den Focus auf Aspekte der individuellen Situationseinschätzung (appraisal) richten, stehen Ansätzen gegenüber, die den Einfluss der vorhandenen Ressourcen für das Verständnis der psychischen Entwicklung betonen.

Hans-Jurgen Balz

Bewegung und Körperlichkeit als Risiko und Chance

Bewegungshandeln wird als Verwirklichungsmöglichkeit der kindlichen Persönlichkeit angesehen. Handeln schließt immer die körperliche Bewegung mit ein. Im Bewegungshandeln lernt das Kind seinen Körper kennen, mit ihm umzugehen, ihn einzusetzen und auf die Umwelt einzuwirken. Die Orientierung am eigenen Körper ist die Basis jeder Orientierung in Raum und Zeit (Sozialraum, Zahlenraum, Schriftraum), zugleich ist der Körper Spiegel psychischen Erlebens; über seinen Körper erlebt das Kind seine Befindlichkeit und bringt seine Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck. In diesem Prozess will das Kind wissen, wer und was es ist und wer und was es werden will. Das Selbstkonzept wird dabei zum Schlüsselbegriff, vor allem deshalb, weil das Körperkonzept ein wichtiges Teilkonzept des Selbstkonzepts darstellt.

Michael Wendler

Armut in Ästhetisch-kultureller Bildung

Der folgende Artikel verbindet Fragen der Armutsforschung mit Ästhetisch-kultureller Bildung (1) im Kontext Sozialer Arbeit. Amartya Sens und Martha Nussbaums Forschungsansatz zur Armut und ihr Konzept der Entwicklung menschlichen Fähigkeiten werden hier mit den ästhetischen Fähigkeiten als zu erschließendem Potential verknüpft. Auf diesem Hintergrund wird der Begriff ‚Ästhetische Erfahrung‘ (2) als transmodal-empathische Wahrnehmungs- und Erlebens-Schicht skizziert. Ein Beispiel ästhetischer Praxis aus der Ausbildung von Studierenden (3) zeigt deren Bedeutung am Thema Armut.

Renate von Schnakenburg

E-exclusion oder E-inclusion?

Der Begriff

E-exclusion

steht für die Einsicht, dass der Ausschluss (

exclusion

) von Personen oder Personengruppen aus den sozialen Zusammenhängen moderner Gesellschaften auch etwas damit zu tun hat, ob sie mit elektronischen Medien (‚E-‘) umgehen können oder nicht. Bei der Erforschung von Prozessen der E-exclusion und ihrer möglichen Überwindung geht es somit um den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit, gesellschaftlicher Partizipation und medialer Kompetenz. Mit der Verbreitung des Internets verstärken sich die sozialen Benachteiligungen, setzt sich die alte Wissenskluft auf neuen Feldern fort (vgl. Kubicek, Bonfadelli 1994, Zillien 2006, Schmidt u.a. (Hrsg.) 2011), denn der Bildungsgrad ist auch ein Indikator für Medienkompetenz (vgl. Logemann 2003). Insbesondere Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien sind von Prozessen der E-exclusion betroffen und damit in ihren Zukunftschancen benachteiligt. E-exclusion bezieht sich zum einen auf den Zugang zu elektronischen Medien, zum anderen auf den kompetenten, d.h. selbständigen, reflektierten, auf Partizipation und Lebenschancen abzielenden Umgang mit diesen Medien. Zugleich kann die Nutzung elektronischer, interaktiver Medien auch Quelle weiterer Benachteiligungen werden.

Ursula Henke, Ernst-Ulrich Huster, Hildegard Mogge-Grotjahn

Kinderarmut und familienbezogene soziale Dienstleistungen

In den 1990er Jahren wurde angesichts des deutlichen Anstiegs der Armutsbetroffenheit von Kindern der Begriff der „Infantilisierung der Armut“ (vgl. Hauser 1997: 76) geprägt. Heute, nach fast zwei Dekaden, ist von der Verstetigung des Phänomens „Kinderarmut“ auszugehen: Junge Menschen sind nach wie vor die am häufigsten von Armut betroffene Altersgruppe. Über dieselbe Zeitspanne lässt sich in der deutschen Armutsforschung ein Prozess von der weitestgehenden Ausblendung der kind- und jugendspezifischen Problemlagen über die Erarbeitung eines kindgerechteren Armutsverständnisses und der stetigen Zunahme von empirischen Analysen bis hin zur Entwicklung kindbezogener Präventionsansätze nachverfolgen. Heute ist unbestritten, dass Armut bei Kindern ein eigenes Gewicht zukommt, welches von gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen wesentlich geprägt ist, von den Verteilungsstrukturen innerhalb der Familien sowie den individuellen Potenzialen der Eltern.

Gerda Holz

Kommunale Armutsverwaltung – zwischen gesetzlichem Auftrag und kommunalem Gestaltungswillen

Die Kommunen tragen im deutschen Sicherungssystem traditionell große Verantwortung bei der Bewältigung von Armut. Bis vor einigen Jahren war das Kernelement kommunaler Fürsorgepolitik die Sozialhilfe, die Kommunen als örtliche Träger zu leisten hatten und nach wie vor haben. Seit 2005 sind die Kreise und kreisfreien Städte in die Leistungsgewährung für den großen Kreis der SGB II Anspruchsberechtigten eingebunden. Im Rahmen der Armutsbekämpfung kommt der Bereitstellung sozialer Dienstleistungen, die zum Teil von freien Trägern erbracht werden, große Bedeutung zu.

Monika Burmester

Überwindung von Armut und sozialer Ausgrenzung – eine Illusion?

Der Beitrag beschäftigt sich nur mit den Problemen der Armutsbekämpfungspolitik in hochentwickelten demokratischen Wohlfahrtsstaaten. Es werden sechs Restriktionen benannt, die eine Armutsbekämpfungspolitik zu überwinden hat. Je nachdem, welchen Armutsbegriff man zugrunde legt, erweist sich die Möglichkeit einer

vollständigen

Beseitigung von Armut mehr oder weniger als Illusion. Ein Lebenslagenbegriff der Armut wäre problemadäquat, ist aber für die Messung und Bekämpfung von Armut nur schwer zu operationalisieren. Vor dem Hintergrund eines Lebenslagenbegriffs der Armut kann aber – wenn auch nur mit zusätzlichen Werturteilen oder politischen Entscheidungen – ein angemessener Einkommensbegriff der Armut abgeleitet werden. Auf dieser Basis können sowohl ein armutsvermeidendes soziokulturelles Existenzminimum festgelegt als auch Armutsbekämpfungsmaßnahmen gestaltet und in ihrer Wirksamkeit beurteilt werden.

Richard Hauser

Arbeitslosigkeit und Armut: Defizite von sozialer Sicherung und Arbeitsförderung

Arbeitslosigkeit ist eines der größten Armutsrisiken. Neben dem engen Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Armut auf der Mikroebene von Personen und Haushalten besteht ein enger Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Armut auf der gesellschaftlichen Ebene. In der Summe bedrohen weit verbreitete arbeitslosigkeitsbedingte Armutslagen die soziale Kohäsion, stellen das Wirtschafts- und Sozialsystem in Frage und gefährden die politische und soziale Legitimation eines Sozialstaats. Armutsvermeidung und Armutsbekämpfung sind sowohl aus ethischer Sicht, aber auch aus polit-ökonomischer Sicht zentrale Aufgaben der Sozialpolitik und begründen die kollektiv finanzierten Systeme sozialer Sicherung bei Arbeitslosigkeit.

Gerhard Bäcker, Jennifer Neubauer

Armutspolitik der Europäischen Union

Die Kompetenzen für Beschlüsse über Art und Maß armuts- und verteilungswirksamer Sozialpolitik (etwa über Sozialhilfe- und Sozialversicherungssysteme; Kinder- und Wohngeldleistungen; soziale Sach- und Dienstleistungen, wie Notunterkünfte, Betreuungs- und Beratungsangebote) liegen in der Europäischen Union (EU) faktisch ausschließlich bei den Mitgliedstaaten bzw. deren Regionen und Kommunen. Doch auch auf europäischer Ebene gibt es Ansätze einer Politik gegen Armut und soziale Ausgrenzung, die bis in die 1970er Jahre zurück reichen, sowie wissenschaftliche und politische Kontroversen über deren Potentiale und Grenzen. Die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes für Waren, Dienstleistungen, Arbeitskräfte und Kapital, die Vergemeinschaftung der Währungspolitik und die damit zusammenhängende Koordinierung der Wirtschafts- und Haushaltspolitiken der beteiligten Mitgliedstaaten bei gleichzeitiger Beibehaltung der nationalen fiskal- und sozialpolitischen Kompetenzen haben in einem solchermaßen integrierten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Raum wachsenden Einfluss auf die Verteilungsstrukturen und Armutspolitiken in den Mitgliedstaaten.

Benjamin Benz

Wer ändert was – Was ändert wen? Verändernde Praxis als Herausforderung für Hochschulausbildung und berufliches Handeln

Der Beitrag untersucht Optionen für eine an der Handlungsforschung orientierte Wissenschaft vom Wandel. Änderungswissen und Änderungspraktiken werden als theoriegeleitetes Handlungswissen sozialer Berufe zur Überwindung von Armut in Korrelationen zu Gesundheitsrisiken und Bildungsproblemen in den Blick genommen. Veränderndes soziales Handeln hat sich dabei - so die Prämisse - sowohl auf Bewältigungsstrategien derer zu beziehen, die von Armuts- oder Krankheitsrisiken bzw. Bildungsdefiziten betroffen sind, als auch auf die je unterschiedlichen Praxen und Selbstverständnisse entsprechender Berufe und Institutionen: Das Spektrum der Sozialen Arbeit, der Gesundheitsberufe und des Bildungssektors in der Bundesrepublik. Der kritische, dreifach integrierende Blick auf jeweils relationale Ungleichheiten zwischen Armut und Reichtum, Gesundheit und Krankheit bzw. gelingende oder misslingende Bildungsprozesse eröffnet Einsichten in unterscheidbare Praxen und Selbstverständnisse im Kontext fortwährender Veränderungen sozialer Berufe zwischen Markt und sozialer Bestimmung. Im Folgenden werden entsprechende Befunde und Erkenntnisse in Hinblick auf „Änderungswissen“ beispielhaft resümiert (1).

Thomas Eppenstein

Politische Repräsentation schwacher sozialer Interessen

Auf dem Hintergrund einer noch fehlenden bzw. erst rudimentär bestehenden staatlichen Intervention im sozialen Befreich entstanden die Vorläufer heutiger Verbände mit dem Ziel, über bürgerschaftliches Engagement Einzelner Beiträge zur Lösung der „Sozialen Frage“ bzw. der „Arbeiterfrage“ zu suchen und anzubieten. Durch rechtliche Absicherung und Anerkennung seitens des Staates entfaltet sich in der Weimarer Republik ein pluralistisches Verbändesystem, das im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg in (West-) Deutschland wieder aufgebaut wird und bis heute prägend für das deutsche Verbändewesen ist. Parallel dazu entwickelt sich die supranationale Ebene der Europäischen Union, die fortan Einfluss auf die nationalstaatlichen politischen Prozesse nimmt.

Germo Zimmermann, Jürgen Boeckh

Bürgerschaftliches Engagement und Teilhabe

Bürgerschaftliches Engagement ist ein wesentlicher Faktor gesellschaftlicher Teilhabe, weil Teilhabe durch Engagement stimuliert und im selben Moment vollzogen wird. Wer sich engagiert, nimmt teil und ermöglicht anderen dasselbe.

Ralf Vandamme

Armut und Öffentlichkeit

Das Verhältnis von Armut und Öffentlichkeit ist gekennzeichnet durch eine doppelte Marginalisierung. Auf der einen Seite spielt das Thema bei den meisten Medien nur eine untergeordnete Rolle - es sein denn, es gibt Meldungen mit Sensationscharakter -, auf der anderen Seite sind sozial Benachteiligte sowohl aus finanziellen Gründen als auch teilweise aus Kompetenzgründen kaum in der Lage, die Medien produktiv für ihre Interessen zu nutzen.

Richard Stang

Armut als globale Herausforderung

Armut im Weltmaßstab ist nicht nur ein Teil globaler sozialer Ungleichheit, sondern ihr prägendes Merkmal: Nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung lebt nach der Einkommensdefinition der Weltbank in Armut, jeder fünfte Mensch sogar in extremer Armut. Der Beitrag erläutert die notwendigen Begrifflichkeiten (darunter vor allem das multidimensionale Armutsverständnis), die aktuelle empirische Armutssituation und Trends der vergangenen Jahre (inklusive regionaler und innergesellschaftlicher Disparitäten), wichtige Erklärungsansätze für Ursachen von Armut sowie staatliche bzw. multilaterale Ansätze der Armutsbekämpfung, insbesondere die

Millennium Development Goals (MDG)

und nationale Strategien (v.a.

Poverty Reduction Strategies

). Darüber hinaus wird zivilgesellschaftlichen Ansätzen der Armutsbekämpfung Raum gegeben.

Walter Eberlei

Backmatter

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