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15.07.2016 | Ingenieurbau | Interview | Onlineartikel

"Eine große Beteiligung aller Betroffenen"

Autor:
Christoph Berger
Interviewt wurde:
Prof. Dr.-Ing. Konrad Spang

Langjährige Praxiserfahrungen und die dazugehörige Theorie – beides vereint Prof. Dr.-Ing. Konrad Spang in seiner Person.

Die Infrastruktur in Deutschland gilt als eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Wirtschaft. Prof. Dr.-Ing. Konrad Spang erklärt, was das besondere und herausfordernde an Infrastrukturprojekten ist.

Springer Professional: Herr Spang, was unterscheidet ein Infrastrukturprojekt von anderen Bauprojekten?

Prof. Dr.-Ing. Konrad Spang: Es gibt fünf zentrale Unterschiede. Bei Infrastrukturprojekten, ich beziehe mich auf Straße und Schiene, stehen Sie im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Jeder ist von diesen Projekten betroffen, öffentliche Gelder fließen in diese Projekte und sie führen an unseren Häusern vorbei. Der zweite Unterschied liegt im Planfeststellungsverfahren. Auch hier gibt es eine große Beteiligung aller Betroffenen: Verbände, Anwohner und Behörden werden beispielsweise angehört. Letztere genehmigen schließlich auch das Projekt. Drittens: Der wesentliche Baustoff ist der Baugrund, der Boden. Auch Brücken sind in ihm verankert. Und der Baugrund ist inhomogen und bringt immer wieder Überraschungen. Die Natur gibt ihn vor. Der vierte Unterschied ist der, dass Straßen und Schienen lange Linienbauwerke sind. Dafür braucht es eine aufwendige Logistik, die ebenfalls in die Natur eingreift. Für die Baustraßen braucht es auch Anleihen bei den Anwohnern, es wird also auch in Eigentum eingegriffen. Und schließlich gibt es noch die strengen Anforderungen der Ministerien und Rechnungshöfe, die den Einsatz der Gelder kontrollieren. Aufgrund des Vergabeverfahrens kann man sich außerdem seine Partner am Bau nicht aussuchen.

Sie plädieren in Ihrem Fachbuch für ein strukturiertes Projektmanagement bei Infrastrukturprojekten. Was verstehen Sie darunter?

Bei einem strukturierten Projektmanagement handelt es sich um die Festlegung von Standards, die in jedem Projekt enthalten sind. Dabei werden alle relevanten Elemente erfasst, die bei vergleichbaren Typen von Bauprojekten auftauchen. Wichtig dabei ist, dass es beim Projektmanagement nur um die Prozesse geht. Es geht um die Fragen: Wir wird etwas organisiert, wie entsteht etwas? Das Thema spielt in der Ausbildung leider noch nicht eine so große Rolle.

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Anders als bei der Lebenszyklusbetrachtung anderer Bauprojekte endet Ihre Betrachtung bei der Inbetriebnahme. Warum?

Projekte sind etwas Temporäres. Eine Autoproduktion ist beispielsweise kein Projekt, die Produktentwicklung schon. Mit der Erlangung der Serienreife ist das Projekt beendet. Ähnlich ist es am Bau: Das Projekt startet mit der Idee und endet mit Beginn des Betriebs. Daher würde ich auch den Begriff Projektlebenszyklus wählen. Und selbst in PPP-Projekten wird in Bau, Betrieb und Instandhaltung unterschieden.

Derzeit wird BIM als eine Methode etabliert, mit der Projekte bezüglich ihrer Kosten- und Zeitvorhersagen im Rahmen bleiben sollen. Spielt die Methode auch bei Infrastrukturprojekten eine Rolle?

Der Schwerpunkt von BIM liegt meiner Meinung nach im Hochbau, weil dort partiell gearbeitet wird und die vielen Beteiligten aufeinander angestimmt werden müssen. Im Infrastrukturbereich ist die Methode noch neu – derzeit wird sie ausprobiert. Es muss sich also noch zeigen, ob sie bei Infrastrukturprojekten eine große Rolle spielen wird. Zumal die öffentliche Vergabe eine Trennung von Planen und Bauen fordert.

Noch einmal zum Thema Öffentlichkeit: Müssen Bauingenieure heute Öffentlichkeitsarbeiter sein?

Bei großen Projekten sollte diese Aufgabe in professionelle Hände gegeben werden. Trotzdem müssen Bauingenieure auch Öffentlichkeitsarbeit erbringen, das ist Teil des Projektmanagements. Im Straßenbau ist es aber eher noch ungewöhnlich und in der Ausbildung von Bauingenieuren ist das Thema nicht vorgesehen. Doch gerade bei Infrastrukturprojekten, die in die Umwelt und Gesellschaft eingreifen, beispielsweise Stuttgart 21, muss die Öffentlichkeit schon in der Planung einbezogen werden. Diese Arbeit muss sehr dynamisch sein, man muss partizipieren und proaktiv handeln.

Herr Spang, vielen Dank für das Gespräch!

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