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Über dieses Buch

Dieser Band fragt nach dem Beitrag der populären Musik zu den gesellschaftlichen Transformationen der 1960er bis 1980er Jahre und verbindet kultursoziologische, musik- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Welchen neuartigen Erlebensweisen, welchen sozialen Akteursgruppen verschafft Musik Geltung? Viele zeitgenössische Akteure, aber auch akademische Arbeiten deuten das Auftreten neuer Musikstile (Beat, Rock, Punk etc.) auf der Bühne der Geschichte als Bestandteil eines befürworteten gesellschaftlichen „Aufbruchs“ (jeweils neuer Generationskohorten). Der Band beobachtet diese Metapher des Aufbruchs indes als eine feldtypische Deutung, anhand derer das Zusammenwirken von Musik und gesellschaftlichen Transformationen bereits kenntlich wird.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung: Musikalische Eigenzeiten und gesellschaftliche Umbrüche seit den 1960er Jahren

Zusammenfassung
Von den späten 1960er Jahren bis in die 1980er Jahre hinein durchlaufen die Gesellschaften des globalen Nordens tiefgreifende Transformationen: Wirtschaftliche Prosperität und Bildungsexpansion führen zur Entstehung neuer sozialer Milieus, Umgangsformen und Teilhabeansprüche; politische Mehrheiten, Institutionen und Mobilisierungsformen verändern sich; zugleich werden die überkommenen Generationen- und Geschlechterverhältnisse hinterfragt. Es handelt sich um vielschichtige und einander verstärkende Prozesse, die gesellschaftliche Strukturen ebenso erfassen wie das Alltagsleben und die Subjektivitäten der Beteiligten. Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen der Frage nach, welche Rolle die populäre Musik – mit Peter Wicke (1992: 11) verstanden als eine » hochorganisierte[] und in hohem Maße institutionalisierte[] kulturelle[] Praxis innerhalb moderner Industriegesellschaften « – in diesen gesellschaftlichen Transformationsprozessen spielte.
Dominik Schrage, Holger Schwetter, Anne-Kathrin Hoklas

Popmusik als erlebte Zeit

Frontmatter

» Turn, Turn, Turn ! «

Zur Musikalisierung der Kultursoziologie durch die culture-in-action-Perspektive
Zusammenfassung
Insoweit der cultural turn (Alexander/Smith 2003; Jacobs/Spillman 2005) in der Soziologie Fragen von Bedeutung, Gefühlen und (geteilter) Erfahrung in den Blick genommen hat, hat er die Soziologie auch zurück zu einem Fokus auf Handeln und den Nexus zwischen Kultur und Handeln geführt. Im vorliegenden Beitrag vertrete ich die These, dass diese Perspektivierung mit Entwicklungen in der Kunst- und besonders der Musiksoziologie korrespondiert und durch sie erweitert wird, insbesondere den Arbeiten in diesen Forschungsgebieten, die den Fokus auf die Kultur › in Aktion ‹ legen (Acord/DeNora 2003; Witkin/DeNora 1997).
Tia DeNora

Rhythmus: Zeit, Sex und Geist

Zusammenfassung
Was uns jede Musik bietet, ist eine Art und Weise, gegenwärtig zu sein; » Musikhören « ist ein Erleben » innerer Zeit «. Dieses Erleben, erklärt Alfred Schütz, ist » die eigentliche Seinsform der Musik «; es macht musikalische Kommunikation möglich:
Simon Frith

› Zeiten des Aufbruchs ‹ und der Chronotopos ländliche Rockdiskothek

Popmusik als Katalysator gesellschaftlichen Wandels in den 1960er bis 1980er Jahren
Zusammenfassung
In Soziologie und Zeitgeschichte wird die Zeit der 1960er bis 1980er Jahre als eine Phase rapider gesellschaftlicher Umbrüche angesehen, in denen sich die Konturen der heutigen Gesellschaft geformt haben, die aber – nicht zuletzt spürbar angesichts der Fünfzigjahrfeiern des emblematischen › 68 ‹ – zugleich in die historische Überlieferung einrücken. Bereits seit den 1970er Jahren ist der Charakter dieser Phase als historischer Einschnitt, als Abschnitt tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen sowie als Beginn einer neuen, › postmodernen ‹ Epoche vielfach und vielfältig beobachtet, erforscht und kontrovers diskutiert worden. In der Soziologie werden diese Umbrüche, je nach Perspektive, entweder mit Akzent auf ökonomische Strukturveränderungen als Übergänge zu einer postindustriellen Gesellschaft gedeutet oder aus der Warte einer auf standardisierten Massenumfragen beruhenden Sozialpsychologie auf einen » Wertewandel « zurückgeführt, der zu einer Dominanz » postmaterialistischer « Werte führe, oder es wird ein die Sozialmilieus grundlegend umgestaltender Individualisierungs- und Pluralisierungsschub konstatiert, der daraus resultiere, dass große Teile der Bevölkerungen in den westlichen Industrieländern über wachsende Chancen auf Wohlstand, Freizeit und Bildung verfügten.
Dominik Schrage, Holger Schwetter

Popmusik in gesellschaftlichen Transformationsprozessen

Frontmatter

Das populärmusikalische Selbst zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre

Zur Rolle ästhetischer Erfahrung in der Formierung einer neuen Mittelschicht (1955 – 1980)
Zusammenfassung
Der Zeitraum von den 1950er bis zu den 1980er Jahren gilt nicht nur in Westdeutschland als eine Periode des beschleunigten soziokulturellen Wandels. Sozial- und Geschichtswissenschaften stimmen darin überein, dass sich bei gleichzeitiger politischer Systemstabilität und – zumindest bis zum › Ölschock ‹ 1973 – kontinuierlichem wirtschaftlichen Aufschwung auf breiter Front neue soziale Normen und Verhaltensweisen etablierten. Diese Veränderung wird oft als › Wertewandel ‹ hin zu größerer individueller Freiheit, Toleranz und häufig auch sozialer Gleichheit interpretiert und auf die Initiativen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zurückgeführt, die überkommene Konventionen herausforderten und neue, den Voraussetzungen liberaler Demokratien und Konsumgesellschaften entsprechende verhaltensleitende Vorstellungen durchsetzten.
Klaus Nathaus

Vergnüglich entrückt – Pop- und Schlager-Sternchen der 1960er Jahre

Zusammenfassung
In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit erfolgreichen Popmusik-Interpretinnen der frühen 1960er Jahre. Uns leitet dabei die Frage, ob und auf welche Weise die musikalischen Inszenierungen der Girl Singers weiblich konnotierte Formen, womöglich sogar » Politiken des Vergnügens « (Göttlich/Winter 2000) dokumentieren. Die konkrete Frage nach den Stilmustern weiblicher Starfiguren lässt sich allerdings nur dann theoretisch und methodisch angemessen bearbeiten, wenn sie in der allgemeineren Problematik der Entstehungs- und Durchsetzungsbedingungen populärer Musik verortet wird.
Kathrin Audehm, Michael Corsten

Raus aus der Spur

Brachte Rockmusik die Mauer ins Wanken ?
Zusammenfassung
Über das gesellschaftsverändernde Potential von Musik wird seit Jahrtausenden spekuliert und gestritten. In der Bibel bringen die Posaunen von Jericho Mauern zum Einstürzen, und Sokrates warnt in Platons Der Staat vor der subversiven Macht der Töne: » Denn eine neue Art von Musik einzuführen muss man sich hüten, da hierbei das Ganze auf dem Spiele steht. Werden doch nirgends die Tonweisen verändert ohne Mitleidenschaft der wichtigsten staatlichen Gesetze. « (Platon 1923: 140) Die Gegenstimmen sind nicht minder laut und zahlreich.
Michael Rauhut

Die Aufwertung der Popmusik

Frontmatter

Popmusikforschung avant la lettre

Musiksoziologische Diskurse der 1960er, 70er und 80er Jahre vor dem Hintergrund populärer Musikformen
Zusammenfassung
Populäre Musikformen erfordern einen speziellen musiksoziologischen Blick. Wie jede wissenschaftliche Reflexion musikalischer Akte birgt auch das Nachdenken und Schreiben über populäre Musikformen die Schwierigkeit, einen flüchtigen und nicht greifbaren klanglichen Eindruck in eine sprachliche Form zu übertragen und in Sätzen zu fixieren. Ebendiesem klanglichen Eindruck wird im Falle der populären Musik eine spezifisch ausgeprägte Bindung an ein Publikum, an einen Ort und an eine soziale Umgebung zugerechnet.
Franziska Hohl

Massenkultur und Distinktion

Zum Legitimitätswandel des populären Geschmacks seit den 1950er Jahren
Zusammenfassung
Heute ist Pop ein selbstverständlicher Aspekt unserer Kultur. Er beeinflusst maßgeblich die Art und Weise, in der Menschen die sie umgebende Welt deuten und ihr damit einen Sinn zuschreiben – so, wie Max Weber (1988) in einem breiten Zugriff den Begriff » Kultur « definiert hat. Sinnzuschreibung über Massenkultur – dieser seit dem späten 19. Jahrhundert als minderwertig aufgefasste Modus der Weltkonstruktion wird heute nur noch selten grundsätzlich infrage gestellt.
Detlef Siegfried

Zwischen Unterhaltung, Authentizität und Kunst

Diskurse und Qualitätskriterien der Rock- und Popmusikkritik in Deutschland im historischen Wandel
Zusammenfassung
Der Wert und die Bedeutung populärer Musik werden in westlichen Gegenwartsgesellschaften durch drei Instanzen bestimmt: durch die Musikproduzierenden selbst, durch intermediäre Instanzen wie Musikkritiker und andere Medienakteure und durch die Rezipienten. Künstler nehmen bei der Produktion von Musik eine formale und inhaltliche Positionierung vor und versehen ihr Material mit Bedeutung. Musikkritiker ordnen ausgewählte Neuerscheinungen in die künstlerische Biographie und das musikalische Feld ein, schreiben ihnen Wert zu und fungieren als Filterinstanz für den Output am Musikmarkt.
Gunnar Otte, Matthias Lehmann

Eigenzeiten populärer Musikkulturen

Frontmatter

Abtanzen, Abtauchen, Aufbrechen

Zur Erprobung neuartiger sozialer Ordnungen im Zusammenwirken von musikalischer Gestaltung und leiblichem Musik-Erleben in der Rockdiskothek der 1970er Jahre
Zusammenfassung
So plausibel die die Beiträge des vorliegenden Bandes verklammernde These, Musik habe soziale Wandlungsprozesse nicht nur begleitet und gespiegelt, sondern wesentlich mit vorangetrieben, zunächst erscheint, so schwierig erweist sich das Unterfangen, solche Effekte zu rekonstruieren. Sichtet man Arbeiten der Populärkulturforschung, die diese These in ähnlicher Weise stark machen, so fällt auf, dass die Bezüge zwischen Musik und sozialem Wandel auf einer eher abstrakten Ebene postuliert werden, ohne dass aufgezeigt würde, auf welche Weise Musik konkret transformativ wirksam wird. So wird beispielsweise argumentiert, dass Protestsongs die politische Haltung einer breiten Masse artikuliert hätten, auch wenn vor dem Hintergrund der großen Popularität dieser Songs in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche doch lediglich von dem in den Songtexten eingeforderten gesellschaftlichen Wandel auf die politischen Haltungen der Anhänger*innen dieser Songs geschlossen wird (vgl. etwa Peddie 2006; Illiano 2016).
Anne-Kathrin Hoklas, Holger Schwetter

Ontologische Unbestimmtheit im Hippietum und im Techno – ein Chronotopos, zwei Kulturen

Zusammenfassung
Eine Annäherung an die gesellschaftliche Wirklichkeit anzustreben, die in methodologischer Hinsicht auf das subjektive Erleben der Wirklichkeit setzt, eint unterschiedlichste Forschungsansätze aus jüngerer Zeit, wie etwa die sensuelle Ethnographie, die Geschichte der Emotionen und auch artistic research. Die besonders mit Gernot Böhme (2001) verbundene Etablierung von › Atmosphäre ‹ als paradigmatischem Begriff einer zeitgenössischen Wahrnehmungslehre stellt eine der hervorstechendsten Erscheinungen dieses sensual turns dar. Böhmes Ansatz repräsentiert eine mit dem sensual turn im Allgemeinen einhergehende Spannung im Subjektverständnis. Fällt das Verständnis, das hier vom Menschsein besteht, doch hinter konstruktivistische Auffassungen zurück, welche die Geistes- und Sozialwissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten ausgebildet und bestimmt haben.
Jochen Bonz

Von der › Raving Society ‹ zur Spaßgesellschaft

Der doppelte Durchbruch der Love Parade und der deutschen Technoszene
Zusammenfassung
Nur sieben Jahre trennen die Love Parades 1989 und 1996, doch in dieser kurzen Zeit veränderte sich der festivalartige Umzug, der als politische Demonstration deklariert war, dramatisch. 1989 zog die Love Parade als Insider-Party der entstehenden Berliner Technoszene 150 Leute an, die von drei Kleinlastern mit Konservenmusik beschallt durch die Straßen tanzten. 1996 war sie ein Massenrave, ein Medienereignis, › die größte Technoparty der Welt ‹: 750 000 Fans folgten 40 Lkws, auf denen berühmte DJs auftraten.
Joe Perry

Too much future, oder: Wir haben sie nicht mehr, diese endlose Geduld

Punk in der DDR. Versuch über die Eigenzeit des Aufbruchs
Zusammenfassung
Die Grundfrage, die sich dieser Band stellt, kann – wenn es denn um mehr geht als um nostalgisches Besinnen auf vergangene › Zeiten ‹ (der Pop ist vorbei, aber das waren noch Zeiten !) – nicht durch die Unterscheidung von Stabilität und Wandel bestimmt werden, die man vielleicht auch als Unterscheidung von Tradition oder Gewohnheit und Erneuerung verstehen könnte. Man hätte dann Wandel und Aufbruch identifizieren und alle interessanten Unterschiede dazu in Kontrast setzen können. Die Eigenzeit des Aufbruchs aber hätte man auf diese Weise gar nicht in den Blick bekommen können, weil nach der Form der Aufbruchszeit gar nicht gefragt worden wäre – diese hätte sich vielmehr als Zeitform eigener Art wie von selbst verstanden.
Maren Lehmann

Backmatter

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