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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführung

Einführung

Zusammenfassung
1949 fanden in der Bundesrepublik die ersten Wahlen zum Deutschen Bundestag statt. Die erste umfassende akademische Wahlstudie wurde allerdings erst anläßlich der Bundestagswahl 1961 durchgeführt. Gleichwohl existieren in den Beständen des Zentralarchivs für Empirische Sozialforschung auch für die Wahlen der Jahre 1949, 1953 und 1957 Umfragen, die als Mehrthemen-Befragungen konzipiert waren und zumindest einen Kern an wahlsoziologisch relevanten Fragestellungen enthalten. Es erscheint folglich nicht übertrieben, davon zu sprechen, daß die Empirische Wahlforschung in Deutschland im Jahr 1999 auf eine 50jährige Tradition zurückblicken konnte.
Markus Klein, Wolfgang Jagodzinski, Ekkehard Mochmann, Dieter Ohr

Die Entwicklung der Empirischen Wahlforschung in Deutschland

Frontmatter

Entwicklung und Stand der Empirischen Wahlforschung in Deutschland

Zusammenfassung
Nach den Methoden der Stichprobenziehung, Datenerhebung und Datenanalyse fällt die Empirische Wahlforschung unzweifelhaft in den weiten Bereich der Empirischen Sozialforschung. Je nach Blickwinkel und Akzentsetzung lassen sich deren Ursprünge bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen (Mauss 1973). Die Wahlforschung im engeren Sinne hat ihre Anfänge zwar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Verbindung mit der Etablierung und Ausweitung des demokratischen Wahlrechts. Ihre Weiterführung im 20. Jahrhundert verlief wegen der Begrenztheit der verfügbaren Datenaggregierte Wahlergebnisse und deskriptive, Bevölkerungszählungen entnommene Sozialstatistiken (so etwa die géographie électorale André Siegfrieds) — jedoch zunächst langsam (für historisch-systematische Übersichten siehe Heberle 1967: 208–250; Rokkan/Svasand 1978; in neueren Veröffentlichungen hierzu Bürklin/Klein 1998: 25–51; Roth 1998: 7–21).
Max Kaase

Die Kölner Wahlstudie zur Bundestagswahl 1961

Zusammenfassung
Die Wahlstudie 1961 war der Versuch dreier junger Wissenschaftler, eine empirische Untersuchung zu planen und durchzuführen, die technisch und intellektuell besten internationalen Maßstäben mindestens entsprechen sollte. Mit dieser Untersuchung sollten zumindest für die Bundesrepublik Standards gesetzt werden für eine Sozial Wissenschaft auf empirischer Grundlage. Eine solche Überschätzung läßt sich von heute aus deuten als Folge eines häufigen Ehrgeizes von Nachwuchswissenschaftlern, welche die praktischen Schwierigkeiten der Empirie regelmäßig unterschätzen.
Erwin K. Scheuch

Der Beitrag der Wahlforschung zur Methodenentwicklung in der empirischen Sozialforschung

Zusammenfassung
„Es gibt keine edlen und unedlen Gegenstände der Forschung“ sagte der Pionier der empirischen Sozialwissenschaft Paul F. Lazarsfeld.1 Und nach diesem Prinzip handelten er und die anderen Gründer der empirischen Sozialforschung auch. Das Feld zeichnete sich von Anfang an durch eine bemerkenswerte Themenvielfalt aus. Lazarsfeld selbst hatte in —sterreich seine ersten Studien in der Radiohörerforschung (Mark 1996) und in der Erforschung der psychologischen Folgen der Arbeitslosigkeit (Jahoda u.a. 1960 [1933]) durchgeführt aber auch sogleich in der Marktforschung, z.B. für eine damals führende tschechische Schuhmarke. Auch nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten widmete er sich unter anderem weiterhin den methodischen Problemen der Marktforschung (Lazarsfeld 1935). George Gallup hatte 1928 seine Dissertation über Methodenfragen in der Leserschaftsforschung geschrieben (Gallup 1928), eine ganze Reihe von Forschern beschäftigte sich mit der Verbindung von Sozialforschung und Psychologie, und sehr bald wurden Umfrageforscher sogar als Gutachter bei Zivilgerichtsprozessen eingesetzt.2
Elisabeth Noelle-Neumann

Parteienwettbewerb und Parteiensystem in Deutschland

Frontmatter

Zur Theorie des Parteienwettbewerbs

Zusammenfassung
Die repräsentativen Demokratien besitzen zumindest eine Institution, deren Amtsinhaber direkt vom Volk gewählt werden: die Volksvertretung in der Form eines Parlaments, das seinerseits die Regierung bestimmt, oder in Form einer Legislative, neben der das Staatsoberhaupt sich ebenfalls auf direkte Volkswahl berufen kann wie in präsidentiellen und semipräsidentiellen Systemen. Die Wahl der Volksvertreter ist in Demokratien frei, die Amtsinhaber müssen sich regelmäßig einem erneuten Wettbewerb um die Stimmen der Wahlberechtigten gegen Herausforderer bewerben.
Franz Urban Pappi

Die Entwicklung des deutschen Parteiensystems: eine quantitative Analyse

Zusammenfassung
Das deutsche Parteiensystem, lange Zeit als Hort der Stabilität gepriesen, wandelt sich. Die folgende Analyse soll diese Wandlungsprozesse empirisch-quantitativ nachzeichnen und ihre Ursachen diskutieren. Um dies jedoch tun zu können, muß zuvor verdeutlicht werden, wie sich Parteiensysteme und ihre zeitliche Entwicklung analytisch fassen lassen und von welchen Faktoren mögliche Wandlungsprozesse abhängen.
Oskar Niedermayer

Empirische Analysen des Wählerverhaltens in Deutschland

Frontmatter

Gruppenbindung und Wahlverhalten: 50 Jahre Wahlen in der Bundesrepublik

Zusammenfassung
Die Analyse des Zusammenhangs zwischen Gruppenbindungen und Wahlverhalten gehört zu den Grundbestandteilen der Wahlforschung. Das nicht zuletzt deshalb, weil Gruppenbindungen über lange Zeit zu den zuverlässigsten Determinanten der Wahlentscheidung gezählt werden konnten und damit zu den Stabilitätsgaranten der Parteiensysteme insbesondere westeuropäischer Demokratien. Die Möglichkeit, in mikroanalytischen Studien Rekurs auf makrosoziologische Überlegungen zu nehmen, wie sie in der Cleavage-Theoüe von Lipset und Rokkan (1967) geprägt wurde, machte sie zudem wissenschaftlich ausgesprochen attraktiv.
Bernhard Weßels

Religion und Wahlverhalten in der längsschnittlichen Entwicklung

Zusammenfassung
Die meisten Theorien über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Wählen sind in dem Sinne partiell, als sie nur Effekte einzelner Merkmale und Merkmalskombinationen auf das Wahlverhalten behaupten, die Effekte anderer Merkmale aber unbestimmt lassen. Wir wollen solche Merkmale im folgenden als theoretisch unspezifiziert bezeichnen. Dazu rechnen unter Umständen schon komplementäre Merkmale.1 Ob beispielsweise die Hypothese, daß Katholiken zur Wahl einer C-Partei tendieren, auch Implikationen für das Wahlverhalten von Nichtkatholiken hat, hängt von der genauen Fassung der Hypothese ab. Wird sie als P(C K)>P(C) interpretiert, besagt sie also, daß die bedingte Wahrscheinlichkeit der C-Wahl (C) von Katholiken (K) größer ist als die absolute, so folgt aus ihr logisch, daß Nichtkatholiken mit geringerer Wahrscheinlichkeit die C-Partei wählen. Wird sie dagegen, wie das in methodologischen Lehrbüchern häufig geschieht, als P(C K)>0,5 gefaßt, so schließt sie eine Behauptung über das Wahlverhalten der Komplementärgruppe der Nichtkatholiken logisch nicht ein.2
Wolfgang Jagodzinski, Markus Quandt

Wählen im sozialen Kontext: Mehrebenenanalysen des Wählerverhaltens bei den Bundestagswahlen der Jahre 1969 bis 1998

Zusammenfassung
Das Verfahren der Mehrebenenanalyse findet in den verschiedensten Feldern der empirischen Sozialwissenschaften eine immer größere Verbreitung. Maßgeblich hierfür waren vor allem die in den letzten Jahren erzielten Fortschritte bei der statistischen Modellbildung (vgl. u.a. Bryk/Raudenbush 1992; Goldstein 1995; Snijders/Bosker 1999) sowie der Umsetzung dieser Modelle in benutzerfreundliche Softwareprodukte (vgl. Kreft u.a. 1994; Snijders/Bosker 1999: 239–251). Mit dem nun verfügbaren statistischen Instrumentarium kann die Kontextabhängigkeit menschlichen Handelns, der in der theoretischen Soziologie schon immer eine große Bedeutung zukam (vgl. Esser 1999: 415–461), besser als je zuvor empirisch untersucht werden. Eines der Forschungsgebiete, in deren theoretischen Diskussionen Kontexteffekte eine wichtige Rolle spielen, ist die empirische Wahlforschung. Erste Kontexthypothesen wurden hier bereits im Jahr 1937 formuliert (Tingsten 1937), und auch das für die meisten modernen Kontextanalysen grundlegende Interaktionsmodell wurde schon 1954 in der klassischen Studie „Voting“ der amerikanischen Columbia-School entwickelt (Berelson u.a. 1954). Für den anglo-amerikanischen Raum wurden seitdem eine ganze Reihe von empirischen Kontextanalysen des Wählerverhaltens durchgeführt, die allerdings zunächst auf subnationale Räume begrenzt waren und erst später im nationalen Maßstab durchgeführt wurden (vgl. u.a. Miller 1956; Ennis 1962; Putnam 1966; Foladare 1968; Butler/Stokes 1969; Cox 1969; Segal/Meyer 1969; Segal/Wildstrom 1970; Jones u.a. 1992; Heath u.a. 1996).
Markus Klein, Manuela Pötschke

Lebensstile, soziale Milieus und Wahlverhalten in Westdeutschland

Zusammenfassung
In diesem Beitrag soll untersucht werden, ob in der westdeutschen Wählerschaft noch soziale Milieus im Sinne von Lepsius (1993) existieren. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist oft von einem Individualisierungsprozeß (u.a. Beck 1986; Zapf 1987)1 gesprochen worden, einem damit verbundenen Bedeutungsverlust der sozialstrukturellen Determinanten des Wählerverhaltens sowie den darauf bezogenen gesellschaftlichen ‘Cleavages’ (vgl. Lipset/Rokkan 1967). Diese Entwicklung soll zu einer Abnahme der Bedeutung traditioneller Milieus und zur Auflösung der Stammwählerschaften, insbesondere derer der großen Volksparteien, geführt haben (u.a. Gluchowski 1989, 1991; Bürklin/ Klein 1998). In Westdeutschland sind die ‘Cleavages’ ‘Kapital/Arbeit’, wie auch ‘religiös/nicht religiös’ heute noch von Bedeutung für das Wahlverhalten, aber die sozialen Gruppen, in denen die Bindungen zu den spezifischen Milieus verankert sind, sind deutlich kleiner geworden (s. Roth 1998: 31).
Ingvill C. Oedegaard

Dreißig Jahre danach: Zur Validierung des Konzepts ‘Parteiidentifikation’ in der Bundesrepublik

Zusammenfassung
Wohl kaum ein Befund ist in der wahlsoziologischen Literatur der letzten beiden Jahrzehnte so häufig anzutreffen wie die Diagnose, die Bundesrepublik durchlaufe — wie zahlreiche andere westliche Demokratien auch (vgl. etwa Dalton u.a. 1984; Schmitt/Holmberg 1995) — eine Phase des Dealignment (vgl. etwa Dalton/Rohrschneider 1990; Klingemann/Wattenberg 1990, 1992; Zelle 1998). Demnach lösen sich die psychologischen Bindungen der Bürger an die Parteien auf oder schwächen sich zumindest merklich ab. Überdies verlieren die verbleibenden Bindungen einen Teil ihrer politischen Prägekraft an der Wahlurne. Die Folgen dieser Entwicklung sind vielgestaltig. Erstens erhalten Eindrücke vom aktuellen politischen Geschehen stärkeren Einfluß auf die individuellen Parteipräferenzen, weshalb die Unterstützung der einzelnen Parteien zwischen zwei Wahlen nun größeren Schwankungen unterliegt, ja geradezu Achterbahnfahrten vollführen kann. Zweitens wächst das Potential für Verschiebungen des parteipolitischen Kräfteverhältnisses bei aufeinanderfolgenden Wahlen. Folglich laufen etablierte Parteien Gefahr, vernichtende Niederlagen einzustecken, wie umgekehrt neue Parteien gleichsam wie Phönix aus der Asche die politische Bühne betreten können. Als Spiegelbild der größeren Variabilität der Wählerpräferenzen ist auf Seiten der Parteieliten eine stärkere Hinwendung zu kurzfristig erfolgversprechenden Maßnahmen zu erwarten, da Bürger ohne starke psychologische Bindung an eine Partei bereits auf kleine Enttäuschungen mit Vertrauensentzug reagieren dürften. Scheint die Diagnose einer gewachsenen Unberechenbarkeit in der Politik auch weithin geteilt zu werden, so entzieht sie sich doch bisher einer eindeutigen Bewertung: Optimistische Beobachter sehen eine größere Anpassungsfähigkeit des Parteiensystems an reale Probleme, eine ausgeprägtere Sensibilität der politischen Elite für die Wünsche der Bürger sowie ein rationaleres politisches Verhalten des Wahlvolkes.
Jürgen W. Falter, Harald Schoen, Claudio Caballero

Wird das Wählerverhalten zunehmend personalisierter, oder: Ist jede Wahl anders? Kandidatenorientierungen und Wahlentscheidung in Deutschland von 1961 bis 1998

Zusammenfassung
Noch in den siebziger Jahren erschien es für die Bundesrepublik als evident, daß ein Buch mit dem Titel „The making of the Chancellor“ kein Bestseller werden könne (Norpoth 1977: 551). Im Lichte besonders der jüngsten Bundestagswahl vom September 1998 dürften viele Beobachter geneigt sein, eher das Gegenteil anzunehmen. Bereits der Wahlkampf zur Bundestagswahl 1994 mochte als ein erster Vorgeschmack auf Methoden des politischen Marketing erscheinen, die weit stärker als bisher den Kanzlerkandidaten ins Rampenlicht rückten. Man denke etwa daran, daß Helmut Kohl als Kanzlerkandidat der Union auf Wahlplakaten ganz ohne Parteilogo abgebildet wurde: der Kandidat, die Person als Programm. Auch die Präsentation der sogenannten SPD-Troika Scharping, Lafontaine und Schröder weist in diese Richtung. Noch stärker als im Jahre 1994 scheint die Hervorhebung der Kanzlerkandidaten im Vorfeld der Bundestagswahl 1998 gewesen zu sein: „Im Wahlkampf 1998 haben die beiden Volksparteien ihre Kandidaten für das Bundeskanzleramt besonders stark in den Mittelpunkt gerückt. Es gab auch bei früheren Wahlen den Versuch, insbesondere von seiten der Amtsinhaber, den Wahlkampf stark zu personalisieren …; neu ist jedoch, daß der Herausforderer bzw. die große Oppositionspartei die Personenkomponente derart ins Zentrum der politischen Diskussion stellt und die Medien so willig darauf eingehen“ (Jung/Roth 1998:10).
Dieter Ohr

Konjunkturentwicklung, Wahrnehmungen der Wirtschaftslage und Parteipräferenzen in Deutschland, 1977–1998

Zusammenfassung
Ein zentraler Bestandteil der empirischen politischen —konomie ist die Untersuchung der Auswirkungen von wirtschaftlichen Faktoren auf die Politik, also u.a. auf Demokratiezufriedenheit, auf Regierungspopularität, auf die Wahlbeteiligung und auf das Abschneiden der Parteien in Wahlen. Dabei steht der Forscher immer wieder vor einer Reihe von einfachen Fragen, deren Beantwortung jedoch alles andere als einfach ist: Sind objektive ökonomische Gegebenheiten oder ihre subjektiven Wahrnehmungen wichtiger für die politischen Resultate? Damit eng zusammenhängend: Wie entstehen diese subjektiven Wahrnehmungen (Rattinger 1985)? Ebenfalls damit eng zusammenhängend: Eignen sich Individualdaten (meist Querschnitte) besser zur Analyse dieser Auswirkungen, oder sind Aggregatdaten (meist Zeitreihen) geeigneter (Kramer 1983)? Und wenn subjektive Verarbeitungen ökonomischer Zustände oder Entwicklungen relevant sind: Sind es dann eher diejenigen der persönlichen Situation (’pocketbook voting’) oder der allgemeinen Wirtschaftslage (’sociotropic voting’)? Und welcher Art sind diese Auswirkungen, welche Richtung nehmen sie? Folgen sie der einfachen Logik von Downs (1957), wonach die Wahrnehmung guter (schlechter) Leistungen der jeweiligen Regierung nützt (schadet), wofür „bad times hurt the ins“ eine griffige Kurzformel ist? Oder hängen die politischen Auswirkungen von —konomie davon ab, welche Bevölkerungsgruppen von welchen ökonomischen Problemen besonders betroffen sind und bei welchen Parteien diese Gruppen typischerweise ihre Interessenvertretung am besten aufgehoben sehen, so daß die Kombination aus Verteilung der Regierungsmacht und vorherrschender wirtschaftlicher Problemlage darüber entscheiden wird, welche politischen Folgen zu erwarten sind? Alle diese theoretisch höchst bedeutungsvollen Fragen (und weitere) sind in bisher nicht übertroffener Form in der Monographie von Kiewiet (1983) zusammengestellt worden.
Hans Rattinger

Instrumentelles oder expressives Wählen? Zur Bedeutung des Rational-Choice-Ansatzes in der Empirischen Wahlforschung

Zusammenfassung
Verhalten sich die Wahlberechtigten bei politischen Wahlen rational? Wenn diese Frage nicht positiv beantwortet werden kann, scheint es kaum sinnvoll, den Rational-Choice-Ansatz in der Empirischen Wahlforschung anzuwenden.1
Steffen Kühnel, Dieter Fuchs

Stimmensplitting bei Bundestagswahlen — ein Spiegelbild des Verhältnisses zwischen Bürgern und Parteien?

Zusammenfassung
Das bei Bundestagswahlen gültige Zweistimmen-System belegt eindrucksvoll, daß anfangs ungeliebte Kompromißlösungen im Laufe ihres Bestehens ungeahnte Attraktivität entfalten können. 1953 unter zähem Ringen eingeführt (vgl. von der Vring 1968: 61–70; Lange 1975: 411–586), war die personalisierte Verhältniswahl dank der Möglichkeit, bei der Wahl eines Gremiums zwei Voten parteipolitisch unterschiedlich abzugeben, und des Stimmverrechnungsmodus ein weltweites Unikat. Bald wurde sie jedoch international, beispielsweise in Großbritannien (siehe etwa Norris 1995: 71–75; Dum- mett 1997: 29), als Modell für Novellierungen von Wahlsystemen diskutiert. In den neunziger Jahren schließlich inspirierte das bundesdeutsche Wahlsystem Wahlrechtsreformer in etablierten wie in sich entwickelnden Demokratien und diente im Falle Neuseelands sogar als beinahe detailgetreu übernommenes Vorbild (siehe etwa Vowles 1995; Massicotte/Blais 1999; Sakamoto 1999).
Harald Schoen

Soll und Haben: Die deutsche Wählerschaft rechnet mit den Parteien ab

Zusammenfassung
50 Jahre Erfahrung mit empirischer Wahlforschung in Deutschland lehrt, daß ein Modell der individuellen Wahlentscheidung in einem Mehrparteiensystem ungleich komplizierter zu erstellen ist als in einem Zweiparteiensystem. Eines der größten Probleme ist die Natur der abhängigen Variable. Ein potentieller Wähler muß sich nicht nur zwischen zwei Parteien entscheiden, sondern hat gleich mehrere zur Auswahl. Das erschwert jeglichen Versuch enorm, die Entscheiduneen individueller Wähler zu erklären.
Thomas Gschwend, Helmut Norpoth

Parteien, Wähler und Wahlforschung in der Mediendemokratie

Frontmatter

Wählerverhalten in der Mediendemokratie

Zusammenfassung
In Wahlanalysen, die den Aspekt der politischen Kommunikation nicht von vornherein ausklammern, hat seit den siebziger Jahren die Medialisierungsthese an Boden gewonnen. Sie besagt, daß Wechselwirkungen zwischen Massenmedien und Politik das Wählerverhalten veränderten und, mehr noch, den Wahlkampf insgesamt, also auch das Verhalten der Kandidaten, der Parteien und deren Kampagnenorganisation. Zugleich, so die Annahme, wandelte sich die Rolle der Massenmedien im Wahlkampf und damit auch die Beziehungen unter den verschiedenen Akteuren, also Parteien bzw. Kandidaten, Medien und Wählern, insbesondere die politische Kommunikation zwischen den Akteuren (vgl. etwa Bürklin/Klein 1998: 177–183; Holtz-Bacha 1999; Jarren 1998; Kaase 1998).
Winfried Schulz, Reimar Zeh, Oliver Quiring

Der Zwei-Stufen-Fluß der Massenkommunikation: Anmerkungen zu einer nie bewiesenen und längst überholten These der Wahlforschung

Zusammenfassung
Als Paul F. Lazarsfeld das Forschungsdesign für seine noch immer wegweisende Analyse des Wahlverhaltens entwickelte, war die Mehrzahl der Fachwissenschaftler davon überzeugt, daß die Massenmedien eine geradezu überwältigende Wirkung ausüben. Die Grundlage dieser Überzeugung bildete eine Reihe von Medienereignissen, die offensichtlich sehr starke Wirkungen besaßen — vor allem Orson Welles’ Hörspiel „War of the Worlds“ und Kate Smith’ Radio-Kampagne für die Zeichnung von Kriegsanleihen. Die Wirkung des Hörspiels hatte Hadley Cantril (1940) in einer für damalige Verhältnisse aufwendigen Fallstudie nachgezeichnet, die Wirkung der Radio-Kampagne dokumentierte Robert K. Merton (1946), damals bereits Kollege von Lazarsfeld an der Columbia University. Vorangegangen waren ex- perimentelle Studien, deren Befunde zwar weniger spektakulär waren, jedoch in die gleiche Richtung wiesen (u.a. Annis und Meier 1934; vgl. hierzu auch Donsbach 1991: l8ff.).
Hans Mathias Kepplinger

Wahlkampf in der Mediendemokratie: Die Kampagne der SPD 1997/98

Zusammenfassung
Die SPD hatte die Bundestagswahl 1994 trotz einer schwächelnden Konkurrenz knapp verloren. Ihr Wahlkampf wurde anschließend in den Medien, von Meinungsforschern, Kommunikations- und Sozialwissenschaftlern einer harschen Kritik unterzogen. Auch im ersten Jahr nach der Wahl konnte die SPD nicht überzeugen, im Gegenteil: Die demoskopischen Werte verschlechterten sich bis zum Herbst 1995 drastisch.
Malte Ristau

Demoskopie im Wahlkampf — Leitstern oder Irrlicht?

Zusammenfassung
Fast ist es schon ein Ritual: das Kritisieren von Meinungsumfragen vor Bundestagswahlen. Da werden Demoskopen pauschal als „moderne Orakel“, „Auguren der Neuzeit“ oder als „Datenhexer“ bezeichnet. Einzelne trifft es manchmal auch härter. So mußte sich die Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Elisabeth Noelle-Neumann, 1994 vom SPD-Generalsekre- tär Verheugen als „Giftmischerin vom Bodensee“ beschimpfen lassen (Vorwärts 1994: 23). Gelegentlich werden der Umfrageforschung gar „dämonische“ Kräfte zugeschrieben (FR 25.7.1980). Nur selten beziehen sich die de- moskopie-kritischen Aussagen von Politikern fast aller Parteien auf das methodische Instrumentarium der Empirischen Sozialforschung. Stattdessen beinhalten sie fast immer den Vorwurf der Manipulation des Wählerverhaltens. Vor der Bundestagswahl 1980 wurde den Meinungsforschern generell „Unseriosität“ vorgeworfen (FR 26.7.1980). Nicht nur der CDU-Politiker Weirich vertrat die Auffassung, daß mit der Veröffentlichung von Antworten auf die Sonntagsfrage „in zunehmendem Ausmaße ’manipuliert’“ werde (FAZ 22.7.1980). Dem FDP-Politiker Möllemann zufolge versuchten die Meinungsforschungsinstitute, die FDP-Wähler „‚einzulullen“, indem suggeriert werde, die FDP werde sieben Prozent der Stimmen“ erhalten (Welt 6.8.1980). 1983 sprach dann der CSU-Generalsekretär Stoiber von „nach Manipulation riechenden demoskopischen Ergebnissen“ (SZ 7.2.1983).
Frank Brettschneider

Postmoderne Wahlkampftechnologien: Direct Mailing als neue Form direkter Kommunikation zwischen Parteien und Wählern

Zusammenfassung
In alien westlichen Demokratien zeichnet sich eine Professionalisierung politischer Wahlkämpfe ab. Der sich verstärkende Individualisierungs- und Modernisierungsprozeß rückt mit der steigenden Zahl der Wechselwähler und sinkender Parteiidentifikation politische Wahlkämpfe zunehmend ins Rampenlicht. Postmoderne Wahlkämpfe zeichnen sich neben einem intensiven und professionellen Kommunikationsmanagement durch neue Mög- lichkeiten der Wahlkampfkommunikation aus: Die Ausdifferenzierung des massenmedialen Angebotes und die neuen Möglichkeiten der direkten Kommunikation über Internet, Direct Mailing und Telemarketing verändern den Dialog zwischen Parteien und Bürgern nachhaltig. Neue Formen direkter Kommunikation bieten den politischen Parteien die Möglichkeit, unter- schiedliche Zielgruppen direkt mit zielgruppenspezifischen Inhalten anzusprechen.
Andrea Römmele

Zukunftsperspektiven der Empirschen Wahlforschung in Deutschland

Frontmatter

Die Deutsche Nationale Wahlstudie — eher kollektive Aufgabe als aktuelle Realität

Zusammenfassung
Seit 1949 werden in der Bundesrepublik Deutschland Wahlstudien auf der Basis von repräsentativen Massenumfragen durchgeführt. Seit diesem Zeitpunkt ist jede Wahl Gegenstand einer oder mehrerer Studien gewesen. Eine fortlaufende gemeinsame Studie existiert jedoch nicht. Dies hat damit zu tun, daß die Wahlforschung in Deutschland nicht nur ein Zuhause hat, sondern mehrere. Traditionelle Zentren der deutschen Wahlforschung sind die Universitäten Köln, Mannheim, Kiel und Freiburg; später hinzugekommen sind Berlin (WZB), Mainz, Bamberg und Stuttgart. Da die Wahlforschung nicht nur an den Universitäten stattfindet, müssen hier auch die Institute Allensbach (E. Noelle-Neumann), Infas (K. Liepelt) und die Forschungsgruppe Wahlen (D. Roth u.a.) genannt werden; zu diesen alten renommierten Wahlforschungsinstituten sind neuerdings FORSA und Infratest hinzugekommen. Schließlich gab die parteigebundene Konrad-Adenauer-Stiftung ebenfalls regelmäßig Wahlstudien in Auftrag. Es versteht sich, daß diese drei Sektoren der Wahlforschung — Wissenschaft, Institute und Parteien — eng miteinander verflochten sind.
Hermann Schmitt

Politische Einstellungen, politische Partizipation und Wählerverhalten im vereinigten Deutschland: Die Deutsche Nationale Wahlstudie 1998

Zusammenfassung
In anderen westlichen Demokratien, z.B. in den USA und Großbritannien, existieren bereits seit langer Zeit nationale Wahlstudien. Zwar wurden seit 1961 aus Anlaß der Bundestagswahlen regelmäßig Umfragen durchgeführt (vgl. Kaase und Schmitt in diesem Band), diese wiesen jedoch gegenüber den Nationalen Wahlstudien anderer Lander einige Besonderheiten auf. Erstens wurden sie auf Initiative einzelner Forscher oder Forschungseinrich- tungen — und nicht als Projekte der gesamten Profession — durchgeführt, zweitens war ihre Finanzierung nicht langfristig gesichert, und schließlich wiesen nur einige dieser Studien regelmäßig ein ähnliches Design auf. Vor diesem Hintergrund konstituierte sich 1996 auf informeller Basis eine Vorbereitungsgruppe „Deutsche Nationale Wahlstudie“ (DNW; vgl. Schmitt in diesem Band). Ihr Ziel besteht darin, auf Dauer die Durchführung einer der Profession der Wahlforscher rasch zugänglichen Repräsentativumfrage aus Anlaß von Bundestagswahlen sicherzustellen. Diese Studie soll in der Kontinuität der bisherigen Köln-Mannheimer Wahlstudien stehen und noch starker als bisher die deutschen Wahlstudien in den internationalen Forschungskontext einbinden.1 Auf ihren Sitzungen am 7. August und am 7. November 1997 beschloß die DNW-Vorbereitungsgruppe, die wahlsoziologischen Teile der Studie „Politische Einstellungen, politische Partizipation und Wählerverhalten im vereinigten Deutschland“ in die DNW zu integrieren und die für die Wahlforschung relevanten Daten unmittelbar nach ihrer Erhebung und Aufbereitung den Mitgliedern der Arbeitsgruppe und der wissenschaftlichen Community zur Verfügung zu stellen.
Katja Neller, Oscar W. Gabriel

Methodische Entwicklungen in der Empirischen Wahlforschung

Zusammenfassung
Ginge es nach Elisabeth Noelle-Neumann, dann dürfte ein Beitrag wie dieser gar nicht geschrieben werden. In der Wahlforschung kann es nämlich nach ihrer Meinung gar keine weiteren methodischen Entwicklungen geben, da es — wie sie jüngst wieder in der FAZ vom 19. Juli 2000 verkündete — nur „eine sichere Methode“ gibt, nämlich das von ihr in ihrer Dissertation von 1940 („Amerikanische Massenbefragung über Politik und Presse“) beschriebene, dann seit 1947 mit der Gründung ihres Institutes für Demoskopie in Allensbach praktizierte Verfahren des mündlich-persönlichen Interviews. Dabei wählen die Interviewer die Befragten selbst nach Quotenvorgaben aus, zücken einen auf Papier gedruckten Fragebogen und einen Bleistift und stellen ihre Fragen im Wohnzimmer, am Küchentisch oder im Hausflur. Der warm und wie auch immer ausgefüllte Fragebogen wird dann nach Allensbach geschickt und dort erfaßt, aufbereitet und ausgewertet.
Manfred Güllner

Die Deutschen Nationalen Wahlstudien und der Continuity Guide der Deutschen Wahlforschung

Frontmatter

Nationale Wahlstudien als Datenschwerpunkt im Zentralarchiv für empirische Sozialforschung

Zusammenfassung
Ein Forschungs- und Serviceschwerpunkt des Zentralarchivs für Empirische Sozialforschung (ZA) seit seiner Gründung im Jahr 1960 liegt im Bereich der empirischen Wahlforschung. Archivierung und aktive Forschung wurden immer als komplementär verstanden. Eingebettet in internationale Forschungskooperationen hat sich im ZA ein Datenschwerpunkt entwickelt, der in seiner Geschlossenheit — trotz signifikanter Lücken — weltweit einmalig sein dürfte: die Kollektion repräsentativer Wahlstudien zu den Nationalparlamenten in Europa (Mochmann u.a. 1998). Den Kern dieses Datenschwer- punktes bilden die Wahlstudien zu den Bundestagswahlen in Deutschland, die erweitert wurden um nationale Wahlstudien aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Ungarn, den Niederlanden, Norwegen und Schweden (Klingemann 2000). Ergänzt wurden die Bestände um die originär vergleichend angelegten Europawahlstudien von 1989 und 1994 (Schmitt/Mannheimer 1991). Damit wurden die Voraussetzungen für die komparative Wahlforschung in und über Europa wesentlich verbessert.
Ekkehard Mochmann, Wolfgang Zenk-Möltgen

Der Continuity Guide der Deutschen Wahlforschung und der ZA CodebookExplorer

Zusammenfassung
Im Rahmen des „German Election Data Project“ (GED) wurden in den Jahren zwischen 1973 und 1978 die ‘Wahlstudien’ von 1953 bis 1976 im Zentralarchiv — in Kooperation mit ZUMA (Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen, Mannheim) und dem ICPSR (Inter-university Consortium for Political and Social Research, Ann Arbor, USA) — aufbereitet und mit englischen und deutschen maschinenlesbaren Codebüchern versehen. Parallel zu diesen Arbeiten entstand die Variablenübersicht „Variables Over Time: Continuity Guide to the German Election Data Project 1953-1976“ (Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung 1978). Zu diesem Zeitpunkt gehörten 10 Studien zur Datenbasis mit insgesamt 18.220 befragten Personen und 3500 Variablen. Das Zentralarchiv hat diese Arbeiten kontinuierlich weitergeführt. 1990 erschien der Bericht „Übersicht über die Variablen aus fünfzehn ‘Wahlstudien’ zu den Bundestagswahlen zwischen 1953 und 1987“ von Rolf Uher(Uher 1990).
Wolfgang Zenk-Möltgen, Ekkehard Mochmann

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