Skip to main content
main-content

04.08.2022 | Batterie | Im Fokus | Online-Artikel

Regeln für Batterieexporte erforderlich

verfasst von: Christiane Köllner

5:30 Min. Lesedauer
share
TEILEN
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Weil das Recycling von Lithium-Ionen-Akkus in Europa sehr teuer ist und Kapazitäten fehlen, werden Batterien oftmals als Spende an Drittländer exportiert. Eine Praxis, die bislang kaum reguliert wurde. Umweltschützer fordern klare Regeln. 

Die Zahl gebrauchter Batterien aus Elektrofahrzeugen, Bussen und E-Scootern wächst rasant. Daher wird nach sinnvollen "Second-Life"-Anwendungen von Akkus aus Gebraucht- und Erprobungsfahrzeugen gesucht, was die Gesamtlebensdauer der Batterien verlängern und sich wiederum positiv auf den ökologischen Fußabdruck auswirken soll. In der Europäischen Union (EU) werden zwar Recyclingkapazitäten aufgebaut, die Logistik- und Recyclingprozesse sind jedoch in der Regel mit erheblichen Kosten verbunden. Eine wachsende Anzahl an Unternehmen ist deshalb dazu übergegangen, Batterien an Drittländer zu spenden. Doch für den Batterieexport gibt es bisher keinerlei Richtlinien. Das muss sich ändern, fordern Umweltschützer und NGOs. 

Empfehlung der Redaktion

2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

End-of-Life-Strategien für Traktionsbatterien

Traktionsbatterien kommen in Elektrofahrzeugen in unterschiedlichen Formen und Größen vor und unterscheiden sich etwa entsprechend ihres Einsatzes in vollelektrischen Fahrzeugen, Plugin‐Hybrid‐Fahrzeugen und Hybrid‐Fahrzeugen.

Zweites Leben von Li-Ion-Akkus in Afrika oder Europa?

"Derzeit sehen wir einen Trend, gebrauchte Batterien an andere Länder zu 'spenden'", sagt Batterieforscher Dr. Johannes Betz vom Öko-Institut. Viele Hersteller argumentierten, dass gebrauchte Batterien noch eingesetzt werden könnten – zum Beispiel bei Solarprojekten in Afrika. So hat Audi zum Beispiel gemeinsam mit dem Sozialunternehmen Africa GreenTec kooperiert und gezeigt, wie Batterien aus dem Audi E-tron weiterverwendet werden können, um ländliche Regionen in Afrika in der Nacht mit Strom aus erneuerbaren Energien zu versorgen.

Immer mehr Projekte würden laut Öko-Institut diesen sogenannten Repurposing-Ansatz als Lösung loben. Repurposing meint dabei Umwidmung, also die "begrenzte Zerlegung und erneute Zusammensetzung des Produktes mit dem Ziel der Weiterverwendung", wie die Springer-Autoren Bräuer und Stieger im Kapitel End-of-Life-Strategien für Traktionsbatterien des Buchs Umwidmung und Weiterverwendung von Traktionsbatterien erläutern. Im Prinzip ist das auch keine schlechte Idee. Doch bislang gibt es keine Garantie dafür und kaum Kontrollen, dass exportierte Batterien noch funktionsfähig sind, am Zielort gebraucht werden oder dort Recyclingkapazitäten vorhanden sind. 

Kein unkontrollierter Elektroschrotthandel

Dass der Export von gebrauchten Lithium-Ionen-Batterien für Second-Life-Anwendungen aus Europa nach Afrika klaren Regeln folgen und besser kontrolliert werden muss, fordern jetzt daher Forschende und Umweltschützende des Öko-Instituts (Deutschland), von PAN-Ethiopia (Äthiopien), dem Centre for Sustainable Cycles (Ghana), dem Center for Justice Governance and Environmental Action (Kenia) und von SRADev (Nigeria).

"Wir müssen klare Regeln für den Versand gebrauchter Batterien in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen festlegen", sagt Phyllis Omido vom Center für Justice Governance and Environmental Action in Kenia. "Die Fehler, die beim Export alter Computer gemacht wurden, dürfen sich nicht wiederholen", ergänzt Dr. Sampson Atiemo von der ghanaischen NGO Scycles. Noch vor 20 Jahren habe es geheißen, dass alte IT-Geräte zur Entwicklung in Afrika beitragen würden. Doch die ökologischen und sozialen Folgen des unkontrollierten Elektroschrotthandels seien enorm gewesen. Und genau wie IT-Geräte enthielten Batterien zahlreiche gefährliche Stoffe, die am Ende des Produktlebenszyklus zum Problem werden könnten.

Auf vier Säulen basierender Mindeststandard

Die Umweltschützer und NGOs fordern daher Mindeststandards für den Altbatterieexport in Drittländer. Vor allem geht es darum, hochwertige Batterien für Solarprojekte in Afrika zur Verfügung zu stellen. "Wir haben hier in Äthiopien einen sehr hohen Bedarf an Stromspeichern – vor allem in den kommenden Jahren", sagt der Gründer und Geschäftsführer der äthiopischen NGO PAN-Ethiopia, Dr. Tadesse Amera. "Kleine und mittlere Solarlösungen mit Batteriespeichern spielen in vielen ländlichen Gemeinden eine entscheidende Rolle für saubere Energie. Wir benötigen jedoch keine minderwertigen Batterien mit begrenzter Restlebensdauer".

Um das zu erreichen, haben die Organisationen folgende Mindeststandards definiert, die auf vier Säulen basieren:

  • Altbatterien sollten qualitativ gleichwertig mit den Batterien sein, die in den Zielländern üblich seien. Generell sollten nur hochwertige Batterien, die noch mindestens 80 % ihrer ursprünglichen Energiespeicherkapazität aufweisen, exportiert oder gespendet werden können – nachgewiesen durch Tests unter realen Bedingungen.
  • Wenn die Altbatterien zweitens von gleicher Qualität seien wie neue Batterien, die üblicherweise in den Zielländern verwendet werden, sollten sie zudem einen Preisvorteil für die Akteure im Empfängerland aufweisen.
  • Drittens sollten die Batterien den internationalen Verfahren für den Handel mit gebrauchten Waren entsprechen. So müsse beispielsweise vor dem Versand gebrauchter Batterien deren volle Funktionsfähigkeit nachgewiesen werden.
  • Als vierte Säule sollten alle Akteure, die Batterien – neu oder gebraucht – in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auf den Markt bringen, verpflichtet werden, entsprechende Mengen im selben Land zu sammeln und fachgerecht zu recyclen. Angelehnt an die Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung in EU-Ländern.

Aufbau einer Recyclingstruktur in Europa und Afrika

"Die Wiederverwendung gebrauchter Lithium-Ionen-Batterien kann sicherlich viele Vorteile für die Umwelt bringen", sagt Betz. "Aber angesichts des großen Bedarfs an Stromspeichern in Deutschland und der EU ist schwer zu verstehen, warum der Fokus auf dem Transport alter Batterien in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen liegt." Anstatt alte Batterien nach Afrika zu schicken, müssen umweltgerechte Recyclingkapazitäten für Lithium-Ionen-Batterien neben ordnungsgemäßen Second-Life-Anwendungen aufgebaut werden, sowohl in Europa als auch in Afrika.

"Die Nachfrage nach Batterien wird sich vervielfachen, aber die Rücknahmelogistik, die Wiederverwendung und das Recycling vor Ort sind noch nicht geklärt", sagt Dr. Leslie Adogame von SRADev Nigeria. Es bedürfe weiterer konzertierter Anstrengungen, um die Qualität importierter Batterien zu überwachen, inländische Rücknahmesysteme einzurichten und spezielle Wiederverwendungs- und umweltverträgliche Recyclingzentren für Batterien aus dem heimischen Gebrauch zu schaffen. 

Komplexe Recyclingverfahren 

Da Fahrzeugbatterien wesentlich größer, schwerer und leistungsfähiger sind als kleine Speichereinheiten – beispielsweise aus Mobiltelefonen – gestaltet sich die Industrialisierung der Recyclingverfahren komplexer. Zahlreiche Vertreter aus Industrie und Forschung arbeiten jedoch an robusten, flexiblen und möglichst abfallfreien Prozessen zum Batterierecycling, wie Richard Backhaus in seinem Fokus Batterierohstoffe – Woher und wohin? aus der ATZ 9-2021 skizziert.

In Europa sollen Batterien künftig nachhaltiger hergestellt und länger genutzt werden als bisher. Eine neue EU-Batterieverordnung, die bereits Anfang nächsten Jahres in Kraft treten könnte, nimmt den gesamten Produktlebenszyklus in die Pflicht, vom Design über den Verbrauch bis hin zum Recycling zu neuen Produkten. In der Verordnung sollen Mindestanforderungen an die Haltbarkeit und Leistung von Industriebatterien sowie Allzweck-Gerätebatterien gestellt werden. Die neue Verordnung soll die bisherige Batterie-Richtlinie der EU von 2006 ersetzen.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren

Premium Partner