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23.09.2022 | Wertpapiergeschäft | Gastbeitrag | Online-Artikel

Anleger mit russischen ADRs müssen zittern

verfasst von: Robert Peres

3 Min. Lesedauer
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Nicht nur globale Lieferströme versiegen in der aktuellen Krise, auch die weltweite Handelbarkeit von Aktien hakt. Anleger, die in sogenannte ADRs russischer Wertpapiere investiert sind, plagen seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs große Sorgen. Vielen bleibt nur die Hoffnung auf den Zwangsverkauf.

Durch die Sanktionen gegen Russland aufgrund des Überfalls auf das Nachbarland, haben russische Unternehmen wie Gazprom ihre ADRs kündigen müssen. Denn bereits am 16. April 2022 verabschiedete die Russische Föderation ein Gesetz, das es russischen Unternehmen verbietet, ihre Aktien über dieses Vehikel oder auch Global Depository Receipts (GDRs) handelbar zu machen. 

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Der Begriff American Depositary Receipt (ADR) bezieht sich auf ein handelbares Zertifikat, das von einer US-Depotbank ausgestellt wird und eine bestimmte Anzahl von Aktien - in der Regel aber meist ein Wertpapier - eines ausländischen Unternehmens repräsentiert. Dieses wird an den US-Börsen wie jede inländische Aktie gehandelt. ADRs bieten Anlegern so die Möglichkeit, Aktien ausländischer Unternehmen zu erwerben, die sonst nicht erhältlich wären. Ausländische Konzerne profitieren ebenfalls davon, da diese Hinterlegungsscheine es ihnen ermöglichen, amerikanische und andere Investoren und Kapital anzuziehen – ohne den Aufwand und die Kosten einer Notierung an US-Börsen.

Russland-Anleger müssen auf Zwangsverkauf hoffen

Leider lösen sich diese eins als äußerst lukrativ geschätzten russischen Wertpapiere wertmäßig auf. Am 3. August hat die Bank of New York Mellon, die Emittentin von Gazprom-ADRs, diese Zertifikate gekündigt. Laut einem Bericht von "Börse Online", will das Bankhaus nun die in einem russischen Depot verwahrten Originalaktien verkaufen und den Erlös an die Besitzer der Zertifikate auszahlen. Allerdings ist im ADR-Vertrag mit Gazprom vorgesehen, dass der Verkauf erst ein Jahr nach Kündigung der ADRs beginnen darf. Diese Option ist mit einem garantierten hohen Wertabschlag verbunden.  

Gibt es für Anleger einen Ausweg? Die Antwort lautet zunächst: Ja. Es gibt allerdings ein Aber. Denn man hatte zwar bis zum 3. August 2023 einen Umtausch der ADRs in Gazprom-Aktien beantragen können. Leider machten aber russische Gesetze und EU-Sanktionen einen solchen Umtausch praktisch unmöglich. Anleger hätten zum Beispiel persönlich nach Russland reisen müssen, um dort ein Depot zu eröffnen. Abgesehen von der geringen Praktikabilität etwa im Hinblick auf die Verlässlichkeit der jeweiligen Bank oder möglicher neuer russischer Gesetze wäre dies auch ein teures Vergnügen. Das gilt beispielsweise auch für die Beauftragung eines Rechtsanwalts vor Ort. So bleibt nur der Zwangsverkauf nach Jahresfrist. 

Risiko bei chinesischen ADRs hat sich verringert

Auch ADRs von Unternehmen aus China sind durch eine Krise gegangen. Über 150 solcher Werte sind in den USA derzeit gelistet. Dazu gehören bekannte Unternehmen wie Tencent, die Sinopharm Group oder der Elektrofahrzeughersteller NIO. In der jüngeren Vergangenheit haben diese Werte massive Ausverkäufe erlitten, da ein lang andauernder Rechnungsprüfungsstreit zwischen den USA und China Dutzende von ihnen mit einem möglichen Delisting (Aufhebung der Börsenzulassung) bedrohte. Dieses Zusammenspiel von regulatorischem Gegenwind, makroökonomischen Bedenken und geopolitischen Risiken heizte die Verkaufstätigkeit an, obwohl zugrundeliegende Unternehmensdaten positiv waren. 

Das Risiko, dass chinesische Aktien von den US-Börsen genommen werden, hat sich jedoch stark verringert, nachdem die amerikanischen und chinesischen Aufsichtsbehörden eine Vereinbarung über die Prüfung getroffen haben, wie die Analysten von Goldman Sachs Ende August 2022 berichteten. 

Die China Securities Regulatory Commission und das U.S. Public Company Accounting Oversight Board gaben bekannt, dass beide Seiten eine Übereinkunft über die Zusammenarbeit bei der Inspektion der Prüfungsunterlagen von in den USA notierten chinesischen Unternehmen unterzeichnet haben. Auch das chinesische Finanzministerium unterzeichnete die Vereinbarung. Dieser regulatorische Durchbruch wird Anleger in chinesische ADRs zumindest vorerst etwas ruhiger schlafen lassen.

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