Skip to main content
main-content

06.07.2022 | Jahresabschluss | Im Fokus | Online-Artikel

Verschärfte Bilanzkontrolle trifft Firmen unvorbereitet

verfasst von: Sylvia Meier

4:30 Min. Lesedauer
share
TEILEN
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Die Reform der Bilanzkontrolle wird zu verschärften Prüfungen durch die Aufsichtsbehörde Bafin führen. Dennoch sind viele Unternehmen unvorbereitet. Und einem Großteil fehlen zudem ausreichend Fachexperten für Bilanzierungsfragen.

Die externe Berichterstattung ist eine wichtige Informationsquelle für Investoren, Kreditgeber, Gesellschafter, aber auch das Finanzamt und viele weitere Stellen. Eine ordnungsgemäße Rechnungslegung hat als Basis hierfür eine zentrale Bedeutung. Dass es manche Unternehmen mit ihrer Bilanz aber nicht ganz so genau nehmen, hat zuletzt der Fall um den Paymentdienstleister Wirecard gezeigt. Er führte schließlich zur Insolvenz des Aschheimer Unternehmens.

Empfehlung der Redaktion

2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

Wesentliche Grundlagen kaufmännischer Rechnungslegung (I): Buchführung und Jahresabschluss

Gewerbliche Unternehmen sind zu permanenter Buchführung und periodischer Konsolidierung der Buchungen in Form von Jahresabschlüssen am Ende jedes Geschäftsjahrs verpflichtet. Es sind zwei Zahlenwerke, nämlich die Bilanz und die Gewinn- und Verlustrechnung, die als wesentliche Bestandteile jedes Jahresabschlusses das Ergebnis dieser Konsolidierung abbilden.

Verschärfte Bilanzkontrollen erwartet

Nach dem Wirecard-Skandal wurde die Bilanzkontrolle, auch Enforcement genannt, komplett reformiert. Seit 1. Januar 2022 ist nicht mehr die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) zuständig, sondern allein die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Sie prüft, ob Jahres- oder Konzernabschlüsse und zugehörige Lageberichte rechtmäßig erstellt wurden und kann dabei auf viele, zum Teil schärfere Instrumente nutzen. Deshalb sollten Unternehmen vor allem passende Compliance-Maßnahmen ergreifen. 

Die Bafin hat bereits bekannt gegeben, welche Themen schwerpunktmäßig bei den Abschlüssen 2021 geprüft werden:

  • Wie werden Reverse-Factoring-Transaktionen in den Bilanzen und der Kapitalflussrechnungen dargestellt? Und welche Angaben enthalten Anhang und Lagebericht hierzu?
  • In Einzelfällen soll geprüft werden, ob angegebene Zahlungsmittel und Vermögenswerte tatsächlich vorhanden sind.
  • Sind die Buchführungsunterlagen nachvollziehbar und nachprüfbar?

Unternehmen ergreifen bisher kaum Maßnahmen 

Ob die Accounting Compliance betroffener Unternehmen gut auf diese Themen vorbereitet ist oder ob es noch Nachbesserungsbedarf in der Rechnungslegung gibt, hat die Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (Pwc) untersucht. Für ihre Studie "Accounting Compliance 2022 – Wie gut sind Unternehmen aufgestellt und auf die Bilanzkontrolle der BaFin vorbereitet?" wurden insgesamt 100 Unternehmen in Deutschland befragt. Von denen rechnen zwar drei Viertel mit Verschärfungen bei der Bilanzkontrolle, jedoch hat der Großteil der Befragten noch keine Maßnahmen zur Vorbereitung ergriffen haben. 70 Prozent glauben sogar, bereits gut für die anstehende Prüfung gerüstet zu sein. Und die Hälfte plant gegenwärtig keine Vorbereitungsmaßnahmen. Gerade einmal 22 Prozent der Befragten haben bereits Maßnahmen eingeleitet. 

"Es ist riskant, sich nicht vorzubereiten. Denn auch wir rechnen mit schärferen und schnelleren Enforcement-Verfahren. Unternehmen sollten jetzt zumindest die eigene Accounting Compliance diesbezüglich nochmals genau prüfen. In einem laufenden Verfahren ist es dafür zu spät", meint Bernd Kliem, Partner für Enforcement Services bei Pwc Deutschland. 


Interessant ist, dass gerade der Prüfungsschwerpunkt Dokumentation, an den die Bafin spezielle Anforderungen stellt, im Fokus der Unternehmen steht (94 Prozent). Veränderungen bei Prozessen gehen allerdings nur bei 56 Prozent der Unternehmen, die bereits aktiv wurden, an. Und Anpassungen in ihrer Organisation lediglich 44 Prozent. Dabei haben gerade bei der Definition von Zuständigkeiten zwischen Konzernrechnungswesen und Tochtergesellschaften erst 52 Prozent klare Kriterien festgelegt. 

"Eingespielte, aber nicht definierte Prozesse sind ein vermeidbares Compliance-Risiko. Unternehmen sollten mit den gestiegenen Anforderungen auch organisatorisch-prozessual Schritt halten. Standardisierte oder sogar automatisierte Schnittstellen helfen dabei ebenso wie Centers of Excellence und klar definierte Zuständigkeiten", mahnt Robert Linder, Director für Enforcement Services bei Pwc, an.  

Fachkräftemangel erhöht Risiken fehlerhafter Rechnungslegung

Ein wesentlicher Faktor bei der Qualität der Rechnungslegung spielt die Fachkompetenz innerhalb des Unternehmens. Nicolai Schädel stellt in seinem Buchkapitel "Rechnungslegung und Compliance" (Seite 265) klar, dass Inhaber, persönlich haftender Gesellschafter und Mitglieder der Leitungsorgane für die Erfüllung der Rechnungslegungs- und steuerlichen Deklarationspflichten des Unternehmens verantwortlich sind.

Die Erfüllung von Rechnungslegungspfichten kann von den gesetzlich verantwortlichen Personen zumindest in gewissem Umfang an andere Personen delegiert werden. In Betracht kommt zum einen die Beauftragung von Arbeitnehmern oder externen Dienstleistern mit der Durchführung von Buchungsvorgängen, dem technischen Zusammenfassen von Bestands- und Erfolgskonten im Jahresabschluss oder dem Ausfüllen von Erklärungsformularen. Zum anderen ist innerhalb des Gesellschafterkreises oder zwischen mehreren Organmitgliedern eine Arbeitsteilung im Sinn einer Ressortzuordnung möglich. Danach kann vorgesehen werden, dass einer von mehreren persönlich haftenden Gesellschaftern oder eines von mehreren Organmitgliedern federführend für die Erfüllung sämtlicher oder bestimmter Rechnungslegungspfichten zuständig ist ("CFO")", schreibt der Springer-Autor auf Seite 268.

Fehlendes Fachwissen für komplexe Bilanzfragen

Die Studienergebnisse zeigen jedoch, dass sich Unternehmen gerade bei der Fachkompetenz trotz geänderter Bedingungen nicht merklich verstärkt haben. Bei einer Pwc-Studie aus dem Jahr 2017 verfügten immerhin 67 Prozent der Unternehmen über "Centers of Excellence" (CoEs) beziehungsweise Bilanzierungsexperten für komplexe Bilanzierungsfragen. Nun sind es nur noch 58 Prozent. Dennoch sucht die Mehrheit der Studienteilnehmer (81 Prozent) bei der Unsicherheit über die Bilanzierung eines Sachverhalts Antworten durch interne Fachkräfte. Wenn jedoch die Komplexität in der Rechnungslegung zunimmt, die Bilanzen schärfer kontrolliert werden und gleichzeitig nicht mehr ausgewiesene Experten beschäftigt werden, dann steigen die Risiken für Unternehmen. 

In diesen Fällen vertrauen viele Unternehmen die Expertise externer Dienstleister. 38 Prozent der Befragten nutzen bereits Outsourcing im Rechnungswesen. Und auch bei den internen Fachkräften wollen viele Unternehmen nachsteuern und beispielsweise Schulungen durchführen. Der Handlungsbedarf scheint hier auch dringend zu sein. Doch viele Unternehmen agieren hier noch sehr zurückhaltend und sollten umdenken. Kommt eine Bilanzkontrolle zu einem negativen Ergebnis, ist das weder finanziell noch im Hinblick auf die Reputation wünschenswert.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Open Access 01.07.2021 | Zeitgespräch

Krise und Reformbedarf der BaFin

2021 | OriginalPaper | Buchkapitel

Jahresabschluss

Quelle:
Grundlagen der Buchführung

01.02.2021 | Unternehmenssteuerung

Risikokultur etablieren

Open Access 01.08.2020 | Leitartikel

Wirecard — ein Menetekel für die Wirtschaftsprüfung

Das könnte Sie auch interessieren

Premium Partner