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2021 | Buch

Organisierte Moral

Zur Ambivalenz von Gut und Böse in Organisationen

herausgegeben von: André Armbruster, Prof. Dr. Cristina Besio

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

Buchreihe: Organisationssoziologie

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Über dieses Buch

Der Band untersucht, inwieweit moralisch gutes oder schlechtes Handeln organisiert werden kann. Die Diskussion soziologischer Erklärungen des normativ Guten und Bösen in und von Organisationen beleuchtet den ambivalenten Zusammenhang von Moral und Organisation, da Organisationen sowohl für moralische Anliegen eintreten als auch moralisch-ethische Normen (teilweise sogar absichtlich) verletzen. Diese Ambivalenz adressiert der Band durch theoretisch-konzeptionelle Beiträge sowie durch empirische Studien. Der Band zeigt damit die große Varietät in der empirischen Beobachtbarkeit und der sozialwissenschaftlichen Analyse der Moralität von Organisationen – ohne selbst für oder gegen Moral zu argumentieren.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Organisation und Moral
Einleitung zu einem ambivalenten Verhältnis
Zusammenfassung
Das Verhältnis von Organisation und Moral ist komplex und ambivalent: In diesem Beitrag skizzieren wir einerseits zentrale allgemeinsoziologische und organisationstheoretische Perspektiven, die Organisationen eine hohe Moralfähigkeit zuschreiben. Organisationen können aus dieser Sicht durchaus moralisch handeln und Moral kann in organisationalen Strukturen verankert werden. Andererseits stellen wir die Grundzüge von ebenso einschlägigen, aber gegenläufigen soziologischen Positionen dar, die skeptisch hinsichtlich der Moralität von Organisationen sind. Organisationen werden dann als moralisch indifferent beschreiben, da sie vielmehr technisch-manageriell und jenseits der Moral operieren. Ausgehend von dieser Ambivalenz entwickeln wir Leitfragen für eine ergebnisoffene organisationssoziologische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der moralischen Kommunikation in und von Organisationen im Kontext der modernen, pluralen Gesellschaft.
André Armbruster, Cristina Besio

Können Organisationen moralische Akteure sein?

Frontmatter
Mein Freund Harvey
Warum Organisationen keine moralischen Akteure sind, mit Organisationen aber moralisch gehandelt wird
Zusammenfassung
Organisationen sind keine moralischen Akteure, die auf einer Realitätsebene sui generis existieren, denn moralisches Handeln setzt eine originäre, nicht eine bloß attribuierte, Intentionalität voraus, deren Grundlage bewusstseinsfähige Gehirne sind. Organisationen sind Fiktionen, d. h. von Sprechhandlungen abhängige, imaginierte institutionelle Tatsachen, die von natürlichen Personen in Interaktionsprozessen konstituiert werden. Die Organisation als Fiktion wird dabei so behandelt als ob sie real wäre: Auf diese Weise werden mit der imaginierten Fiktion „Organisation“ partikulare Moralordnungen (re-)produziert.
Thomas Klatetzki
Das Gespenst des korporativen Akteurs
Antwort auf Thomas Klatetzki
Zusammenfassung
Gibt es korporative Akteure, und wenn ja, in welchem Sinne? Wie ist ihr enactment zu denken? Können sie Intentionen haben, und gar eine organisationale Moral? Der Beitrag erörtert diese Fragen in Auseinandersetzung mit Thomas Klatetzkis Beitrag „Mein Freund Harvey“.
Günther Ortmann
Erwiderung auf Günther Ortmanns kritische Einwände
Zusammenfassung
Günther Ortmann irrt sich in seiner Kritik, wenn er meint, dass meiner Ansicht nach Organisationen als kooperative Akteure bloße Einbildung seien und daher nicht existieren würden. Organisation sind institutionelle Tatsachen in Form von Fiktionen, die auf interaktiven Sprechhandlungen beruhen. Diese Fiktionen haben den Charakter von „believed-in-imaginings“, d. h. sie gelten als real. Um die Existenz von Organisationen als moralischen Akteuren zu erklären, braucht man daher nicht das Konstrukt einer auf Emergenz beruhenden Realität sui generis.
Thomas Klatetzki

Theoretische Perspektiven auf die Organisation von Moral

Frontmatter
Moral als integraler Bestandteil organisierter Handlungssysteme
Eine Parsons’sche Perspektive
Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht unter Rückgriff auf die prominente Parsons’sche Heuristik die Integration von Systemen des organisierten sozialen Handelns bzw. von Organisationen als sozialen Handlungssystemen in zweierlei Hinsicht: Einerseits mit Blick nach innen auf die Binnenstruktur, andererseits mit Blick nach außen auf die Umwelt. Er zeigt, dass moralische Werte nicht nur nach innen ein integraler Bestandteil organisierter Handlungssysteme sind, denn entlang der kybernetischem Steuerungshierarchie setzt sich die externe Einbettung fort. So kommt das von Parsons identifizierte Wertmuster moderner westlicher Gesellschaften (instrumental activism und institutionalized individualism) nicht nur in organisationalen Steuerungsphilosophien des „Management“ zum Ausdruck, sondern es erscheinen Organisationen ihrerseits als fiktionale Gebilde zur Durchsetzung des gesellschaftlichen Wertmusters instrumenteller und individueller Rationalität. Den damit verbundenen Vorteilen (adaptive upgrading) stehen jedoch auch Nachteile (integrative strains) gegenüber da konsumatorische und kollektive Wertmuster dabei unter Druck geraten.
Paul Reinbacher
Heuchelei statt Konflikt
Eine systemtheoretische Analyse organisierter Moral
Zusammenfassung
In der systemtheoretischen Forschung wird davon ausgegangen, dass Moralkommunikation zu heftigen Konflikten führt, weil bei dieser immer persönliche Achtung oder Missachtung zum Ausdruck gebracht wird. In diesem Artikel wird im Gegensatz zu dieser Annahme argumentiert, dass von der Organisationsspitze eingeführte Moralkampagnen in der Regel zu Heuchelei führen. Die über Hierarchie formalisierte Machtasymmetrie in den meisten Organisationen verhindert, so das Argument, moralisch geführte Konflikte und führt stattdessen zu einer oberflächlichen Anpassung der Organisationsmitglieder an die von oben vorgegebenen moralischen Richtlinien.
Stefan Kühl
Nicht ganz passend? Moral und Organisation im Neo-Institutionalismus
Zusammenfassung
In einem Dreischritt erkundet dieser Beitrag die Eignung des Neo-Institutionalismus zur Untersuchung des Zusammenhangs von Moral und Organisation. Erstens wird auf klassische Fragen loser Kopplung sowie auf Diffusionsaspekte und die Transformation von Organisationen hin zu verantwortlichen Kollektivakteuren eingegangen. Zweitens werden ausgewählte Weiterentwicklungen beleuchtet; die Wiederentdeckung von Werten als Bezugspunkte organisationalen Entscheidens, die Rationalisierung moralischer Anliegen und die Rolle von Professionen dabei. Drittens wird mit einem Fokus auf Corporate Social Responsibility (CSR) und Sozialunternehmen die Moralisierung von Unternehmen thematisiert. Der Beitrag endet mit einer Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen einer Anwendung des Neo-Institutionalismus auf das Thema Organisation und Moral. Das Ergebnis ist ambivalent: Zwar eignet sich der Ansatz, um bestimmte Fragen der Moral und Moralisierung auf sozialwissenschaftlich anspruchsvolle Art zu bearbeiten, doch scheint das Themenfeld nur teilweise zu einem Forschungsprogramm zu passen, das vornehmlich Fragen der Rationalisierung in den Vordergrund rückt.
Roman Gibel, Nadine Arnold, Raimund Hasse, Hannah Mormann
Organisationen als Instanzen der Moralisierung sozialer Praxis
Zur Verflechtung reflexiv-moderner Wertkomplexe in Transformationsfeldern
Zusammenfassung
Der Beitrag entwickelt ein Konzept der Organisation als Instanz aktiver Moralisierung, das sich an der Praxistheorie von Anthony Giddens orientiert. Fokussiert werden die Bemühungen von Organisationen, bestimmte Wertkomplexe in Transformationsfeldern, hier diskutiert an den Beispielen des Klimawandels und der Integration von Geflüchteten, relevant zu machen. Bei diesen Wertkomplexen handelt es sich um eine Verflechtung von Innovationen und alternativen Koordinationsformen in der multiparadigmatischen Bearbeitung umfassender gesellschaftlicher Herausforderungen. Diese Wertkomplexe werden zunächst gesellschaftstheoretisch eingebettet und auf die Ordnungsbildung in Transformationsfeldern bezogen. Sodann erfolgt die Darstellung einer Heuristik zur Analyse von Organisationen als aktiven Triebkräften der Verflechtung und moralischen Aufladung dieser Wertkomplexe in Feldern. Organisationen werden hierbei als spezifische Sozialsysteme definiert, die bestrebt sind interne wie externe Prozesse zu regulieren und die mitunter zu kollektivem Handeln fähig sind. Abschließend wird ein vergleichendes Forschungsprogramm als Konsequenz dieser theoretischen Überlegungen skizziert.
Robert Jungmann
Moral in organisierten Feldern
Grundzüge zu einer feldtheoretischen Organisationssoziologie
Zusammenfassung
Der Beitrag konzipiert Organisationen als soziale Felder und fragt nach der Hervorbringung von moralischen Praktiken durch organisierte Felder. Grundlegend ist dafür die Feldtheorie nach Pierre Bourdieu und ein an Richard Rorty angelehnter Moralbegriff. Da eine feldtheoretische Organisationssoziologie im Ganzen bisher aussteht, entwirft der Beitrag zuerst anhand dreier heuristischer Metaphern Grundzüge einer feldtheoretischen Konzeption von Organisationen. Besonders wird dabei die strukturelle Positionalität durch Kapital sowie die Umkämpftheit sozialer Praxis im Organisationsfeld hervorgehoben. Die Analyse moralischer Praktiken erfolgt im zweiten Schritt anhand der Positionen im Feld, die feldinduzierte und subjektiv erfahrbare Motivationen für Moralpraktiken vorgeben, sowie durch Positionierungen zur Durchsetzung und Veränderung von Moral im Feld.
André Armbruster

Unternehmen und ihre Moral

Frontmatter
Compliance und Integrität
Windows-Dressing oder rationale Unternehmensstrategie?
Zusammenfassung
Wirtschaftsethik und Integrität gewinnen im Feld von Compliance zunehmend an Bedeutung. Der Artikel geht der Frage nach, wie diese Einführung moralischer Kategorien organisationssoziologisch zu verstehen und zu erklären ist. Anhand von 26 Interviews mit Compliance Officers multinationaler Unternehmen werden feldspezifische Deutungs- und Handlungsregeln rekonstruiert. An ihnen wird geprüft, ob im Sinne des Neo-Institutionalismus von einer Entkopplung von formaler Fassade und Aktivitätsstruktur gesprochen werden kann oder ob Compliance eine rationale Unternehmensstrategie darstellt. Es zeigt sich, das Compliance-Abteilungen die Rolle des Prinzipals einnehmen und dabei Direktiven des regulativen Umfelds übernehmen. Transformation, Neutralisation oder Ignoranz gegenüber diesen Imperativen lassen sich nicht in der kognitiven Ordnung identifizieren. Windows dressing ist damit kein Bestandteil des kollektiven mindsets. Vielmehr folgt die kognitive Ordnung einem kalkulierten behavioristischen Modell der zielgerichteten Beeinflussung der Agenten entlang der Prinzipal- und Justizinteressen. Die kausale Wirksamkeit der Maßnahmen durch Anreize, Erziehung und Strafen wird prinzipiell nicht infrage gestellt. In diesem Zusammenhang stellt Moral in Form von „Integrity“ zentrale Ursache-Wirkungszusammenhänge zur Zuschreibung individueller Verantwortung für kriminelle Handlungen an die Mitarbeiter bereit.
Markus Pohlmann, Sebastian Starystach
Dynamiken der Meta-Formalisierung von Moral
Entdifferenzierung und Personalisierung im Kontext organisationalen Compliance Managements
Zusammenfassung
Der Beitrag rekonstruiert organisationale Strukturen des Compliance Managements als Meta-Formalisierungen, die darauf abzielen, moralisch aufgeladene Regeln mit einem gesonderten Erwartungsschutz auszustatten. Damit mögen einerseits die faktische Regeleinhaltung sowie entsprechende Moralorientierungen befördert werden. Andererseits zeigt eine genauere Betrachtung der Funktionslogik von Meta-Formalisierungen aber auch, dass diese mit dysfunktionalen Konsequenzen für Organisationen einhergehen: Die Risiken für informales und regelverletzendes Verhalten werden umverteilt. Darauf bezogene Absicherungsstrategien der Mitglieder zeigen sich sodann im Gebrauch von Schriftlichkeit, die entweder verknappt oder inflationär in Anspruch genommen werden kann. Beides ist für Organisationen folgenreich, da es zentrale Grundlagen der organisationalen Leistungsfähigkeit untergräbt: eine arbeitsteilige Binnendifferenzierung und eine versachlichte Rollenstruktur.
Sven Kette
The Translation of Organizational Morals in Discourses
Abstract
This chapter asks how morals are translated from societal discourses into codes of conduct inside organizations. To answer this question, we build on the distinction between local, organizational discourses (lower case “d”) and broader societal Discourses (upper case “D”). We relate to the findings of an in-depth case study in a Brazilian conglomerate. First, we outline the Brazilian public Discourses around the changing morals underpinning the ethanol industry. Second, we show how actors in the conglomerate translated the morals underpinning Discourses into local discourses shaping organizational conduct. Challenging the over-emphasis of either macro-level institutional influences or micro-level situated influences on the empirical investigation and theorization of morals in organizations, we show how Discourses drifted in and out of the picture. Based on this analysis, we argue that studying the translation of morals from a varieties-of-discourse perspective offers an alternative approach to situated and institutional studies of morals in organizations.
Vitor Hugo Klein, Christian Huber, Tobias Scheytt

Organisation von Moral in Politik und Militär

Frontmatter
Organisierte Vernunft
Zur Soziologie deliberativer Verfahren
Zusammenfassung
Die Theorie deliberativer Demokratie postuliert, dass die Qualität einer Demokratie entscheidend von der Qualität der Meinungsbildung in ihren formellen und informellen Öffentlichkeiten abhängt. Viele Anhänger und Aktivistinnen deliberativer Politik beschreiben allerdings politische Systeme nicht nur unter diesem Aspekt, sondern versuchen in sogenannten deliberativen Verfahren gezielt günstige Möglichkeiten für deliberative Kommunikation zu schaffen. Dabei werden fast ausnahmslos unreflektierte Annahmen zur Wirkung formaler Verfahrensstrukturen vorausgesetzt, die einer organisations- und handlungstheoretisch informierten Plausibilitätsprüfung nicht standhalten. Der Beitrag schlägt demgegenüber eine soziologische Sicht auf deliberative Verfahren vor, die nach den empirisch wahrscheinlichen Effekten von Verfahrensstrukturen auf situative Rahmenbedingungen und Kommunikationsmodi fragt. Empirisch wird die Leistungsfähigkeit dieser Perspektive an einem speziellen Verfahrenstypus, dem sogenannten Deliberative Poll, nachgewiesen.
Fabian Anicker
Moralische Entscheidungsdilemmata im Militär
Die Marine zwischen Seenotrettung und Grenzschutzauftrag
Zusammenfassung
Militär und Moral sind scheinbar zwei sich gegenseitig ausschließende Begriffe. Kriegerische Konflikte und die Tötung von Menschen kommen uns gänzlich unmoralisch vor. Wenn überhaupt, ist die Kampfmoral (Biehl, Heiko. 2012. Einsatzmotivation und Kampfmoral. In Militärsoziologie – Eine Einführung. 2., aktualisierte und ergänzte Aufl., Hrsg. Nina Leonhard und Ines-Jacqueline Werkner, 447–474. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.) ein gängiges Konzept. Nichtsdestotrotz wird im vorliegenden Beitrag angenommen, dass das Militär moralisch handeln kann. Es wird argumentiert, dass das Militär mit widersprüchlichen moralischen und rechtlichen Erwartungshaltungen konfrontiert wird und diese Erwartungen in Entscheidungen übersetzt. Dadurch gerät das Militär jedoch stetig in moralische Entscheidungsdilemmata. Am Beispiel der Seenotrettung im Mittelmeer zwischen 2015 und 2018 soll exemplarisch gezeigt werden, dass das Militär sowohl eine Situationsmoral und moralische Routinen entwickelt als auch Vermeidungsstrategien verfolgt, die jegliche Moralerwartungen von der Organisation fernhalten. Der Beitrag arbeitet hierbei mit einem Moralbegriff philosophischer Provenienz und zeigt verschiedene analytische Dimensionen auf, die zur Analyse von Moral von Organisationen beitragen können.
Max Oliver Schmidt

Besonders moralische Organisationen: Non-Profit-Organisationen und religiöse Organisationen

Frontmatter
Moral total?
Wohnungslosenzeitungen als prekäre Hybridprojekte
Zusammenfassung
Vorliegender Beitrag untersucht am Beispiel von Wohnungslosenzeitungen, wie und inwiefern heute verbreitet als soziale Unternehmen beschriebene Hybridprojekte „praktisches Moralisieren” betreiben und dabei das bewerkstelligen, was sich viele von ihnen versprechen: nämlich die Durchsetzung eines „Meta-Werts“ der Menschenwürde auf dem Wege der Überschreitung institutioneller Grenzen sowie der Neukombination institutioneller Archetypen. Im Rekurs auf eine organisationssoziologische Einordnung der Projekte sowie mithilfe vorliegender Evidenzen zu ihrer Entwicklung wird dargelegt, wie hier Moralbezüge bzw. Wertigkeitsordnungen verschiedener institutioneller Sphären kombiniert werden und diese Grenzüberschreitung zur Ausbildung eines speziellen Organisationsfelds führen konnte. Gezeigt wird aber auch, dass das Organisationsmodell der Projekte mehrfach ambiguitätsträchtig ist und sich deshalb als notorisch prekär erweist. Weil den „angezapften“ Wertigkeitsordnungen inhärente Nebenimplikationen mit aktiviert werden, stoßen die Träger im Prozess der Grenzüberschreitung an ganz eigene Grenzen. Erfolgreiches Scheitern ist wahrscheinlich, zudem drohen Reibungsverluste und Krisen. Aus theoretischer Perspektive impliziert dies: Kreativ-kombinatorische Praxis modifiziert die Organisationsgesellschaft, aber man sollte ihre Kraft nicht über- und die etablierter Institutionen nicht unterschätzen.
Ingo Bode
Foodbanks: Moralisierte Organisation zwischen Vermittlung und Verteilung
Zusammenfassung
Foodbanks sind Organisationen, die gespendete Lebensmittel an Bedürftige vermitteln. Mit den Wertbezügen ihrer Aktivitäten wenden sie sich vor allem gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Im Kontext eines wohlfahrtstaatlichen Inklusionsuniversalismus bringt ihnen das einerseits ein hohes Maß an Unterstützung ein, setzt sie andererseits aber auch einer massiven moralisierenden Kritik aus. Der Beitrag behandelt die Frage, wie und inwiefern Moralisierungen im Rahmen der täglichen Arbeit und der Strukturen von Foodbanks relevant werden. Ausgehend von James D. Thompsons technologiebezogener Theorie der Organisation (1967) schlägt er einen entsprechenden Analyserahmen vor. Mit ihm lässt sich die Relevanz von Moral in der Organisation identifizieren, ohne Gefahr zu laufen, selbst eine moralisierende Position einzunehmen. Im Ergebnis wird sichtbar, dass sowohl externe technische Rationalitätsvorstellungen als auch moralisch aufgeladene institutionelle Erwartungen in der Umwelt bis in den technischen Kern von Foodbanks vordringen und Rationalisierungschancen weitgehend begrenzen. Um den Erwartungen an eine „gerechte“ Verteilung nachzukommen, bilden Foodbanks unterschiedliche strukturelle Lösungen für die Lebensmittelausgabe aus, die mit einer Variation ihrer Organisationsformen verbunden sind.
Kristina Willjes
Olympische Spiele: Das IOC in der Falle
Diskussion eines Lösungsansatzes
Zusammenfassung
Die „Olympischen Spiele“ sind das wichtigste Sportereignis der Welt und zugleich eine Marke. Das angebotene Kuppelprodukt verspricht sportliche Leistung von herausragender Qualität, die durch die Olympische Idee und die darin formulierten Werte Exzellenz, Respekt und Freundschaft zum Aufbau einer besseren Welt getragen wird. Im Gegensatz zu dieser Olympischen Idee steht jedoch der Betrieb von Olympia, bei dem in den letzten Jahren vermehrt abweichendes Verhalten in Form von Korruption oder Doping sowie negativer Einflüsse auf die Gesellschaft und Umwelt aufgetreten ist.
Unter der Annahme, dass die Konsumenten der Olympischen Spiele bei der Frage nach der Veranstaltung der Olympischen Spiele in ihrer Stadt wertrational handeln, ist damit zu rechnen, dass sie sich dagegen aussprechen werden, wenn Idee und Betrieb zu stark auseinanderklaffen. Eine Möglichkeit zur Herstellung von Vertrauen und zur Kompensation negativer Externalitäten wie Baulärm, Verkehrsbeeinträchtigungen oder Sicherheitsproblematiken während der Olympischen Spiele wäre die Einrichtung einer Stiftung, finanziert über die Einnahmen der Olympischen Spiele. Ziel der Stiftung könnte die Förderung regionaler Projekte in verschiedenen Gesellschaftsbereichen aber ohne direkten Sportbezug sein, um die allgemeine Zustimmung zu Olympischen Spielen potenziell zu erhöhen.
Eike Emrich, Freya Gassmann, Michael Koch
Entschieden achtungswürdig
Die organisierte Feststellung des „heroischen Tugendgrades“
Zusammenfassung
Mit der Heiligsprechung artikuliert die römisch-katholische Kirche ein positives moralisches Urteil über eine verstorbene Person, die den Gläubigen als Modell eines nachahmenswerten Lebens präsentiert wird. Der Beitrag untersucht, wie die Kirche über die Achtungswürdigkeit der Kandidatin in Prozessen der Selig- und Heiligsprechung entscheidet. Im Fall so genannter „Bekenner“ steht dabei die Prüfung und ggf. Feststellung des „heroischen Tugendgrades“ im Zentrum, die der Beitrag zum einen anhand der allgemeinen Bewertungsregeln, zum anderen am konkreten Beispiel des Verfahrens der Therese von Lisieux analysiert. Es zeigt sich, wie die Kirche ihr Bewertungsproblem, das darin besteht, zu einem sicheren und ganzheitlichen Urteil über die Lebensführung einer Person zu gelangen, bürokratisch-verfahrensförmig kleinarbeitet.
Frank Meier, Thorsten Peetz
Metadaten
Titel
Organisierte Moral
herausgegeben von
André Armbruster
Prof. Dr. Cristina Besio
Copyright-Jahr
2021
Electronic ISBN
978-3-658-31555-9
Print ISBN
978-3-658-31554-2
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-31555-9

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