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21.04.2016 | Wasserbau | Interview | Onlineartikel

"Talsperren und Nachhaltigkeit gehören zusammen"

Autor:
Romy Held
4 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Dr.-Ing. Hans-Ulrich Sieber

Der Präsident des Deutschen Talsperrenkomitees engagiert sich  für das deutsche Talsperrenwesen und die Bekanntmachung von internationalen Entwicklungen auf nationaler Ebene.

Dr. Hans-Ulrich Sieber, Präsident des Deutschen Talsperrenkomitees, erklärt den Einfluss des Klimawandels auf den Talsperrenbau und die größten Herausforderungen für deren nachhaltige Sicherung.

Romy Held: Herr Dr. Sieber, Sie haben das 17. Deutsche Talsperrensymposium vom 15. bis 17. Juni 2016 in Freiburg unter das Motto Nachhaltigkeit gestellt. Welchen Hintergrund gibt es dafür?

Hans-Ulrich Sieber: Der Nachhaltigkeitsbegriff ist im deutschen Sprachraum seit ungefähr 300 Jahren definiert und steht, vereinfacht gesagt, für eine stabile, auf lange Dauer angelegte Ressourcennutzung. Erste Talsperren wurden bereits vor weit mehr als 3000 Jahren vor allem im Nahen Osten gebaut und über Hunderte von Jahren genutzt. Etwa ab Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden im Harz und im Erzgebirge im Zuge des Erzbergbaus Kunstteiche, welche sich zum großen Teil noch heute für die Wasserbereitstellung in Gebrauch befinden. Sie sind untrennbarer Bestandteil der Kulturlandschaft geworden. Das Oberharzer Teichregal steht unter UNESCO-Welterbeschutz, für Anlagen der Revierwasserlaufanstalt Freiberg läuft das Antragsverfahren. Bedarf es da noch eines Beweises, dass Talsperren und Nachhaltigkeit zusammen gehören? Wohl nicht!

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2013 | OriginalPaper | Buchkapitel

Die grossen Stauanlagen Deutschlands im Portrait

Das vorliegende, vom Deutschen TalsperrenKomitee e. V. (DTK) herausgegebene Buch stellt eine Fortführung des Werkes „Talsperren in der Bundesrepublik Deutschland“ aus dem Jahr 1987 sowie der zwischenzeitlich in den Bundesländern erschienenen Publikationen dar.


Was sind die größten Herausforderungen dieser nachhaltigen Sicherung?

Um die vielfältigen Nutzungen unserer Stauanlagen für die Wasserversorgung, den Hochwasserschutz oder die CO2-freie Energieerzeugung nachhaltig zu sichern, bedarf es zum einen der kontinuierlichen Unterhaltung und Überwachung der Bauwerke und Betriebseinrichtungen durch fachkompetentes und verantwortungsbewusstes Personal. Zum anderen sind der Anlagenbetrieb und die Speicherbewirtschaftung ständig nach zu justieren und zu vervollkommnen und dabei zum Beispiel an sich verändernde hydrologische oder bedarfsseitige Bedingungen anzupassen.

Thema Klimawandel: Welches sind die wichtigsten Auswirkungen auf Ihr Fachgebiet im Zusammenhang mit den sich verändernden klimatischen Bedingungen weltweit?

Wir spüren die Veränderungen des Klimas inzwischen tatsächlich. Extreme wie Hochwasser und Trockenperioden scheinen zuzunehmen. Die Erwärmung der Wasserkörper beeinflusst die Verfügbarkeit des kühlen Tiefenwassers für die Trinkwasserversorgung. Die früher zuflussreichen Nachwintermonate werden immer trockener, es fehlt die Schneeschmelze. Das heißt, das Zuflussregime zu den Talsperren verändert sich und beeinflusst deren Leistungsfähigkeit. Andererseits ist es aber die grundsätzliche Aufgabe von Talsperren oder Hochwasserrückhaltebecken, Wasser in zuflussreichen Zeiten zu speichern und in zuflussarmen Zeiten abzugeben. Talsperren werden also zur Beherrschung der Klimawandelfolgen für den Wasserhaushalt unbedingt benötigt.

Werden heute neue Stauanlagen anders geplant als noch vor einigen Jahren? Wenn ja, welche Unterschiede gibt es?

An der technischen Planung hat sich dem Grunde nach sicherlich nicht so viel verändert. Dafür haben sich die umweltrelevanten Planungen sowohl qualitativ als auch dem Umfang nach gravierend gewandelt. Die Bewertung der Eingriffe in Natur und Landschaft und die Planung von dementsprechenden Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen nehmen breiten Raum ein. Europäische Vorschriften fordern dabei ihren Tribut. Auch die Transparenz der Planung und die Beteiligung der Öffentlichkeit sind viel stärker ausgeprägt als früher. Es existieren für die Vorhabenplanung und -genehmigung umfangreiche Verfahrensvorschriften, die für die Bauherren wirklich hohe Hürden darstellen und langen Atem erfordern.

Welche Ansätze gibt es bei der Anpassung der Talsperrennutzung und -bewirtschaftung?

Aufgrund der extremen Hochwasser in mehreren Gebieten Deutschlands in den letzten Jahren - insbesondere in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern - stand in jüngster Zeit vor allem die Anpassung an derartige Ereignisse im Vordergrund. Zur Gewährleistung der Anlagensicherheit mussten Hochwasserentlastungsanlagen an Staudämmen und -mauern erweitert werden. Für einen besseren Hochwasserrückhalt wurden Nutzungsanteile in den Stauräumen zugunsten des Hochwasserschutzes umgewidmet. Zurück gehender Wasserbedarf vor allem in den ostdeutschen Ländern (seit 1990 zum Teil um bis zu 50 %) sowie die Strompreisentwicklung stellen die Stauanlagenbetreiber und die Wasserversorger sowie die Wasserkraftunternehmen vor erhebliche wirtschaftliche Probleme. Tourismus und Naturschutz an Talsperren sind zwar schön und begehrt, aber niemand will dafür bezahlen.

Wie steht es um die öffentliche Akzeptanz von Stauanlagen bzw. wie ist das Bild ihres Fachgebietes öffentlich anerkannt?

Generell ist ja hierzulande zu verzeichnen, dass jegliche Großprojekte auf erheblichen Widerstand vor allem von Vertretern des Naturschutzes und privaten Betroffenen, insbesondere Landeigentümern, stoßen. Leider erschwert das z.B. auch die Errichtung von für die Allgemeinheit so wichtigen Hochwasserrückhaltebecken oder Flutpoldern. Diese Widerstände oftmals Einzelner kosten unheimlich viel Zeit und Geld (und Nerven). Betrachten wir dagegen bestehende Stauanlagen, will sie keiner mehr missen. Viele Talsperren haben Landschafts- oder Naturschutzgebiete hervorgebracht, sind landschaftsprägend und bedeutsam für die Naherholung. Viele Betreiber und auch wir vom DTK versuchen, diesen Grundwiderspruch durch Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit zu überwinden.

Finden sich alle angesprochenen Themen auch im Programm des 17. Deutschen Talsperrensymposiums in Freiburg wieder?

Ja, das Programm unseres Symposiums bietet einen Mix, in dem all die genannten Themen vorkommen. Das Programm ist in sieben thematische Blöcke eingeteilt. 35 Fachvorträge werden präsentiert und diskutiert. 

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